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| | "Die rote Couch" von Irvin D. Yalom
Literaturkreis 15.01.2003
btb Taschenbuch im Goldmann
Verlag, 10 €
ISBN 3-442-72330-2
Hier finden Sie Notizen zur Vorbereitung des Literaturkreises über Irvin D. Yaloms Roman "Die
rote Couch". Sie können darin mit Schlüsselworten über Suche
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Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung
2
2
Zusammenfassung
3
3
Personen
3
3.1
Seymour Trotter (71) – Prolog, vor 6 Jahren.
4
3.2
Belle (32), Klientin von Seymour Trotter – Prolog, vor 6 Jahren.
6
3.3
Ernest Lash (38) und sein Freund Paul (Schulkamerad)
7
3.4
Marshal Streider (63), Supervisor von Ernest Lash, Moralist
9
3.5
Seth Pande, Supervisor von Marshal Streider
11
3.6
Carol(yn) Astrid
(36), alias Leftman, Klientin von
Ernest Lash.
11
3.7
Justin Astrid, Carols
Mann, Spieler, und
seine Freundin Laura.
12
3.8
Norma, Carols Freundin.
14
3.9
Shelley, Normas Mann.
14
3.10
Peter Macando und
Adriana, die Betrüger
14
4
Gedanken
15
4.1
Häufigkeit sexueller Beziehungen zwischen Therapeut und Patient
15
4.2
Ungefährdet sexuell verführerisch und begehrt sein zu können.
15
4.3
Verkennung.
16
5
Schluss
19
·
Yalom ist einer der angesehensten und
wortgewaltigsten Psychotherapeuten in Amerika. Er war Professor für
Psychiatrie an der Stanford University und blickt auf 45 Berufsjahre zurück.
Seine Fachbücher „The
Theory and Practice of Group Psychiatry“ und „Impatient
Group Therapy“ gelten als Klassiker.
·
Gelungene Grenzüberschreitung von der Psychiatrie
zur Belletristik. Seine literarischen Werke wurden zu Bestsellern und in
zahlreiche Sprachen übersetzt. Er ist die „Seltene Kombination eines
Wissenschaftlers, der über die Gabe der Phantasie und Fabulierfreude verfügt.“
San Francisco
Chronicle
·
Dabei ist stets die tiefe Auseinandersetzung mit
den Fundamenten des Lebens spürbar, die Gegenstand von Yaloms Frühwerk
„Existentielle Psychotherapie“ – Humanistische Psychologie sind. Die Erzählungen
in seinem Buch „Die Liebe und ihr Henker“ handeln davon. Seiner Meinung nach
sind das primäre Thema der Psychotherapie immer die folgenden Existenzängste
– und nicht, wie oft behauptet wird, unterdrückte Triebe oder unbewältigte
Tragödien im Leben des einzelnen.
- die
Unausweichlichkeit des Todes für jeden von uns und für die, die wir
lieben
- die Freiheit,
unser Leben nach unserem Willen zu gestalten
- unsere
letztendliche Isolation
- und schließlich
das Fehlen eines erkennbaren Lebenssinns.
·
Ironischer und kritischer Umgang mit der
Psychoanalyse und gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Psychoanalyse
·
Der Text enthält viele spezifische Lieblingssätze
und -interventionen von Yalom, die auch in seinem neuesten Buch „Der
Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht“ („The
Gift of Therapy“ - OT) zu finden sind.
·
Yalom lässt uns Einblick nehmen in die Praxis der
Psychotherapie, in Technik und Gegenübertragung, in Gesprächsführung,
Interventionen und Deutungen und lässt uns teilhaben an den fundamentalen
Einsichten seiner Patienten und ihres Therapeuten, nämlich Yalom selbst. Auf
mitreißende, spannende Art „erzählt“ er von seinen Fallbeispielen, aus
denen wir für uns selbst viel lernen können.
Mir persönlich gibt er auf diese Weise wertvolle Anstöße zum Überdenken
meiner aktuellen Situation und meines Werdegangs und zeigt mir Techniken für
die eigene Analyse, das kritische Hinterfragen meiner selbst auf.
·
Er vermittelt uns Lebenseinsichten wie „Werden
Sie ihr eigener Vater und ihre eigene Mutter“ (S. 136) oder praktiziert eine
Existenzschocktherapie wie „Was glauben Sie, wo Sie sich gerade auf Ihrer
Lebenslinie befinden“ oder „Was wollen Sie, dass auf Ihrem Grabstein stehen
wird“.
Ernest Lash, ein junger Psychoanalytiker
aus San Francisco, glaubt an die Wirksamkeit seines Tuns, ist aber andererseits
davon überzeugt, dass die klassischen Therapien dringend einer Erneuerung bedürfen.
Eines Tages beauftragt ihn die Ethikkommission seines Fachbereichs mit der
Untersuchung eines prekären Falls: Er soll die Arbeitsweise eines älteren,
sehr berühmten Kollegen namens Seymour Trotter überprüfen, der angeklagt ist,
ein Verhältnis mit einer vierzig Jahre jüngeren Patientin gehabt zu haben.
Trotter beharrt darauf, dass Sex das einzige Mittel gewesen sei, um die junge
Frau vor ihrem selbstzerstörerischen Verhalten zu retten. Zunächst ist Ernest
entrüstet. Doch je mehr er sich mit der Sache beschäftigt, desto mehr
fasziniert ihn die Idee, jedem Patienten bzw. jeder Patientin eine
fallspezifische Behandlung zuteil werden zu lassen. So beschließt er eines
Tages, sich in Zukunft mit absoluter Ehrlichkeit auf die
Therapeuten-Klienten-Beziehung einzulassen. Doch er hat die Rechnung ohne Carol,
die betrogene Ehefrau eines seiner Patienten, gemacht. Carol, eine erfolgreiche
Anwältin, ist wild entschlossen, sich an ihrem Mann zu rächen, indem sie
seinen Therapeuten verführt...
Eigentlich kann man von diesem Buch keine kurze
Zusammenfassung geben, denn es ist viel zu vielschichtig als dass man es in ein
paar Sätzen beschreiben könnte. Und es ist wirklich schade um die vielen
Details, die man weglassen müsste, wenn man eine nur kurze Inhaltsangabe machen
wollte.
Seymour
Trotter
|
71 J
|
Belle
|
32 J
|
|
|
Ernest
Lash
|
38 J
|
Paul
|
38 J
|
|
|
Marshal
Streider
|
63 J
|
Seth
Pande
|
73 J?
|
|
|
Carol(yn)
Astrid
|
36
J
|
Justin
Astrid
|
39 J?
|
Laura
|
20 J?
|
Norma
|
36 J?
|
Shelley
|
39 J?
|
|
|
Peter
Macando
|
|
Adriana
|
|
|
|
S. 9:
Trotzdem hatte das Alter diesen Mann nicht bezwungen – etwas Junges, ja
Jungenhaftes ging von ihm aus. ... respektloses Funkeln in den Augen
S.10:
Wissen Sie, welches die beiden Vorteile bei Alzheimer sind? Ihre alten Freunde
werden zu neuen Freunden, und Sie können Ihre eigenen Ostereier verstecken.
S. 16:
Meine Technik besteht darin, alle Technik fahrenzulassen. Und das ist keine
Klugscheißerei, Dr. Lash, das ist die erste Regel einer guten Therapie.
S. 17:
Belle war für mich nie eine Diagnose, kein Grenzfall, keine Essstörung,
keine zwanghafte oder asoziale Störung. ... Haben Sie jemals darüber
nachgedacht, dass es einfacher ist, eine Diagnose zu erstellen, wenn man den
Patienten zum erstenmal sieht, und dass es immer schwieriger wird, je besser man
einen Patienten kennenlernt?
S. 20:
Frage nach meiner Technik. Vielleicht ist meine beste Antwort auf diese Frage
sehr einfach: Ich habe die Wahrheit gesagt.
S.
21:
Ich wusste, dass meine Herangehensweise an das Problem riskant war. Ich wollte
zulassen, dass sich die positive Übertragung soweit aufbaut, dass ich sie dazu
benützen konnte, um gegen ihre selbstzerstörerischen Triebe anzugehen.
S.
22:
grundlegende Bedingung für jede Therapie: totale Ehrlichkeit.
S.
26;
Karen Horney: Wenn Sie stolz auf sich sein wollen, dann tun Sie Dinge, auf die
Sie stolz sein können.
S.
31:
Aber ich habe auch eingeräumt, dass ich mich zu ihr hingezogen fühlte. Ich
habe ihr erklärt, dass ich nicht so nah bei ihr sitzen wollte, weil der körperliche
Kontakt mich errege und mich in meiner Effektivität als Therapeut beeinträchtige.
S.
32 - 35:
Ich bitte Sie. Wenn ich ein Jahr clean bleibe – wirklich clean, Sie wissen,
was ich meine: keine Drogen, keine Abführmittel, keine Kneipenbekanntschaften,
kein Schneiden, kein gar nichts – dann belohnen Sie mich! Geben Sie mir einen
Anreiz! Versprechen Sie mir, für eine Woche mit mir nach Hawaii zu fahren. Und
fahren Sie als Mann und Frau mit mir hin ... Wenn diese impulsive, trieborientierte
Frau Kontrollmechanismen entwickeln und sich achtzehn Monate lang ich-gerechter
benehmen würde – ohne Drogen, ohne Schneiden, ohne jede Form der Selbstverstümmelung
-, wäre sie dann nicht von Grund auf eine andere Frau? ... Ich bestand auf zwei
Jahren.
S.
37:
Sie wusste, dass die Wette ein Geschenk an sie war: Im Gegensatz zu den
„Geschenken“, die sie von den anderen Psychiatern bekommen hatte – Worte,
Deutungen, Versprechungen, „therapeutische Fürsorge“ – war dieses
Geschenk echt und greifbar. Es war der körperliche Beweis, dass ich mich ganz
und gar dafür entschieden hatte, ihr zu helfen. Und es war der Beweis meiner
Liebe. Nie zuvor, sagte sie, sei sie so geliebt worden
S.
38 - 39:
Meine Bereitschaft, Risiken einzugehen, mein offener Zugang zu meinem eigenen
Schatten. ... respektloses Funkeln in den Augen ... Ernest, was ich Ihnen sagen
wollte, ist, dass ich dasselbe auch an Ihnen sehe. ... Ich verstehe mich darauf,
in Gesichtern zu lesen. ... ich meine, dass Sie vielleicht den Mut und die Größe
haben, ein bedeutender Therapeut zu werden.
S.
40:
Die beste Therapie, die ich je gemacht habe, und trotzdem konnte ich nichts darüber
veröffentlichen. Veröffentlichen? Ich konnte nicht einmal mit irgend jemanden
darüber reden. Bis jetzt! Sie sind mein erstes Publikum.
S.
46 - 48:
“Ich bin siebzig Jahre alt – Sie sind vierunddreißig“, sagte ich zu ihr.
„Es hätte etwas Unnatürliches, wenn wir miteinander schlafen würden.“
“Chaplin, Kissinger, Picasso, Humbert Humbert und Lolita“, antwortete
Belle. ... „Außerdem werde ich mit Ihnen bumsen, wie Sie es noch nie erlebt
haben!“ ... spürte ich, wie in meinem eingefrorenen Geschlechtsapparat wieder
Leben einkehrte. Aber eines möchte ich Ihnen sagen – Ihnen und dem Kassettenrecorder
-, und ich möchte es mit so viel Nachdruck wie nur möglich sagen: Das ist
nicht der Grund, warum ich es getan habe!
S.
49:
Sie war mein Jungbrunnen. Mit jeder Stunde wurde ich jünger und stärker. Ich
konnte besser laufen, zog den Bauch ein, wirkte größer. Ernest, ich sage
Ihnen, ich hätte am liebsten laut gejubelt. Und Belle bemerkte es. „Genau das
hast du gebraucht, Seymour. Und das ist alles, was ich jemals von dir wollte –
gehalten werden und halten. Liebe schenken. Ist dir klar, dass dies das erste
Mal in meinem Leben ist, dass ich Liebe geschenkt habe? Ist das so schrecklich?
Sie weinte viel. Neben allen anderen Röhren waren auch meine Tränenkanäle
durchgepustet worden, und ich weinte ebenfalls. Sie gab mir an diesem Wochenende
so viel. Ich hatte meine ganze berufliche Laufbahn damit verbracht, zu geben,
und das war das erste Mal, dass ich etwas zurückbekam, wirklich etwas zurückbekam.
Es ist so, als hätte sie mich für all die anderen Patienten, mit denen ich je
gearbeitet habe, beschenkt.
S.
52:
Trotzdem war ich auf die Wucht des Sturms, als er schließlich losbrach, nicht
vorbereitet. ... meine Frau war nicht da, und an der Haustür klebten vier Fotos
von mir und Belle (Privatdetektiv). ... Brief von Belles Mann, er hätte einen
ähnlichen Brief an das Staatliche Amt für Medizinische Ethik geschickt.
S.
57 - 58:
Kurz nach der Verhandlung verließ er still und leise die Stadt, und man hörte
nie wieder von ihm, abgesehen von einem Brief, den Ernest ein Jahr später
erhielt. ... „Mir geht’s gut. Verschollen und nicht geneigt, mich finden zu
lassen. Ich schulde Ihnen viel – gewiss diesen Brief und dieses Bild von Belle
und mir. Das ist übrigens ihr Haus im Hintergrund: Belle ist zu einer hübschen
Stange Geld gelangt.“ ... Ernest versuchte in das Bild hineinzukriechen,
versuchte irgendeinen Hinweis zu finden, eine definitive Antwort auf die Frage
nach dem wirklichen Schicksal von Seymour und Belle.
S. 14:
Gefährliche sexuelle Spiele – Autobahnnummer, HIV, Aids, Herpes, safer Sex,
Drogen, Prostitution – selbstzerstörerische Triebe
S.
24:
Offensichtlich nie ein definitives Gefühl für Objektkonstanz entwickelt,
deshalb habe ich ihr ein Taschentuch als Erinnerungsstück gegeben und darauf
ihre wichtigsten Handlungsmotive geschrieben
·
Ich fühle mich wie tot und füge mir Schmerzen
zu, um zu merken, dass ich noch
lebe.
·
Ich fühle mich taub und muss gefährliche Risiken
eingehen, um mich lebendig zu fühlen.
·
Ich fühle mich leer und versuche, mich mit
Drogen, Essen und Samen zu füllen.
· Aber das sind Scheinhilfen. Am Ende schäme ich
mich – und fühle mich noch abgestumpfter und leerer.
S. 26 - 27:
Körperlicher Kontakt war für Belle außergewöhnlich wichtig. ... Sie drängte
und drängte. Aber ich konnte es gut verstehen: Belle hatte es in ihrer Kindheit
stets an Berührung gemangelt. ... Onkelhafte Umarmung ... Sie verlangte mehr.
... Sie war wie ein Kind in einem Frauenkörper. ... Blusen ohne BH
S. 28:
Und ihr Refrain lautete stets: “Was ist wichtiger: dass Sie die Regeln
befolgen? Dass Sie in der Behaglichkeitszone Ihres Lehnstuhls sitzen bleiben?
Oder dass Sie das Beste für Ihre Patienten tun?“
S. 29:
... dass ein einmaliger Geschlechtsverkehr mit mir sie von ihrer Obsession
befreien würde. ... sie wäre dann frei, über andere Dinge im Leben
nachzudenken.
S. 37:
Bis sie vierzehn Jahre alt war, durfte sie nicht zur Schule gehen und wurde zu
Hause unterrichtet, weil ihr Vater Angst hatte, sie könne Bakterien ins Haus
einschleppen. ... Handschuhe, Hände waschen zwischen den einzelnen Gängen,
Untersuchung der Dienstboten-Hände auf Sauberkeit. ... Seine neue Frau war sehr
schön, aber eine ehemalige Prostituierte. ... und das war Belles erste eigene
Deutung in dieser Therapie – vielleicht fühlte er sich schmutzig, und
das war der Grund, warum er sich ständig wusch und nicht zulassen wollte, dass
seine Haut die ihre berührte.
Über das endgültige Schicksal von Belle lässt
uns Yalom im Unklaren. Er will uns keine Antwort geben, was gut ist oder
schlecht, weil er es selber nicht weiß.
Sachverständiger im Zivilprozess gegen
Seymour Trotter wegen Missbrauchs einer Patientin namens Belle
Dr. Ernest Lash ist auch der Name des
Protagonisten in einer Erzählung des Buches „Die Reise mit Paula“.
Dr. Ernest Lash steht wohl für viele
autobiographische Details von Dr. Irving D. Yalom selbst.
S. 67 - 68:
Schließlich begriff Ernest, dass er sich nicht auf Inhalte, sondern auf
den Prozess konzentrieren musste – das heißt auf die Beziehung
zwischen Patient und Therapeut.
Der Prozess ist das magische Amulett des Therapeuten und in Zeiten der
Teilnahmslosigkeit immer wirkungsvoll. Er ist das mächtigste Geschäftsgeheimnis
des Therapeuten, ist die Prozedur, die das Gespräch mit einem Therapeuten
grundlegend von dem Gespräch mit einem engen Freund unterscheidet und
effektiver macht als dieses. Dass er es gelernt hatte, sich auf den Prozess zu
konzentrieren – darauf, was zwischen Patient und Therapeut vorging -, war das
wertvollste Resultat seiner Supervision durch Marshal, und es war wiederum die
wertvollste Lektion, die er den jungen Ärzten unter seiner Supervision mit auf
den Weg gab. Im Laufe der Jahre hatte er ganz allmählich begriffen, dass der Prozess
nicht nur ein Amulett war, das man in schwierigen Zeiten benutzte; es war der
eigentliche Kern der Therapie. Eine der nützlichsten Trainingsübungen, die
Marshal ihm gestellt hatte, bestand darin, sich bei jeder Sitzung mindestens
dreimal auf den Prozess zu konzentrieren.
“Justin“, meinte Ernest nun, „wollen wir uns einmal anschauen, was heute
zwischen uns beiden vorgeht?“ ... „Ich meine, mit welchen Gefühlen sprechen
Sie heute mit mir? Etwas ist anders. Meinen Sie nicht auch?“
S.104:
Ernest dachte selten an Ruth, seine Frau, die vor sechs Jahren bei einem
Autounfall ums Leben gekommen war, aber er erinnerte sich mit Dankbarkeit an ein
Geschenk, das sie ihm gemacht hatte. Es war in ihrer ersten Zeit miteinander
gewesen, bevor sie aufgehört hatten, einander zu berühren und zu lieben, da
hatte Ruth ihm das elementare Geheimnis der Frau enthüllt: Wie man einen Mann
fing. „Das ist so einfach“, hatte sie gesagt. „Man braucht einem Mann
lediglich in die Augen zu schauen und seinen Blick ein paar Sekunden länger
festzuhalten als üblich. Das ist alles!“ Ruth Geheimnis hatte sich als
zutreffend erwiesen: Wieder und wieder hatte er festgestellt, dass Frauen auf
diese Weise mit ihm anzubändeln versuchten. Diese Frau bestand den Test. Er
blickte abermals auf. Sie sah immer noch zu ihm herüber. Es gab keinen Zweifel
– diese Frau hatte es auf ihn abgesehen.
S. 111:
Habe ich denn niemals dienstsfrei? Muss ich vierundzwanzig Stunden am Tag ein
Analytiker sein?
S. 114 – 115:
Weiterentwicklung der Persönlichkeit ist vielleicht der passendste
Ausdruck. Ich weiß nur nicht, wie ich es nennen soll – vielleicht wäre erhöhtes
existenzielles Bewusstsein besser. Ich weiß nur, dass ein bestimmter Anteil
von Witwen, und gelegentlich auch Witwern, lernt, das Leben auf eine ganz andere
Weise anzugehen. Sie entwickeln eine neue Wertschätzung für die Kostbarkeit
des Lebens. Und einen neuen Kanon an Prioritäten. Wie man das beschreiben könnte?
Man könnte sagen, sie lernen, das Nichtige als nichtig zu betrachten. Sie
lernen, nein zu sagen zu den Dingen, die sie nicht wollen, sich demjenigen
Aspekt des Lebens zu widmen, der für sie von Bedeutung ist: der Liebe zu engen
Freunden und Verwandten. Sie lernen auch, aus ihren eigenen kreativen Quellen zu
schöpfen, den Wandel der Jahreszeiten zu erleben und die natürliche Schönheit
um sie herum. Sie gewinnen ein deutliches Bewusstsein für ihre eigene
Endlichkeit und lernen infolgedessen, in der unmittelbaren Gegenwart zu leben,
statt das Leben auf irgendwelche Augenblicke in der Zukunft zu verschieben: das
Wochenende, die Sommerferien, den Ruhestand.
S. 143:
Die einfache Wahrheit: Ernest war ein Vielfrass. Er konsumierte bei weitem
zuviel an Essbaren und würde niemals abnehmen, indem er nur die
Nahrungsaufnahme zwischen den Tagesmahlzeiten anders verteilte. Nach Marshals
Theorie (die Ernstet insgeheim für analytischen Bockmist hielt) bemutterte er
seine Patienten in der Therapie zu sehr, ließ sich so aussaugen, dass er sich
nachher überfraß, nur um seine Leere zu füllen. In der Supervision hatte
Marshal ihn wiederholt gedrängt, weniger zu sagen und sich auf höchstens drei
oder vier Deutungen je Stunde zu beschränken.
S. 144:
Eine von Ernest wichtigsten Therapieregeln war die, jedem Patienten seine volle
Aufmerksamkeit zu schenken. ... „Der Buddha dienstfrei? Jesus Christus dienstfrei?
S.147 - 148:
LESEN!!!
S. 152:
LESEN!!!
S. 157:
LESEN!!!
S. 159:
Bevor der Abend zu Ende war, traf Ernest eine tollkühne Entscheidung: Er würde
ein Experiment durchführen, und zwar mit einer radikal egalitären Therapie. Er
würde sich ganz und gar offenbaren und dabei nur ein Ziel kennen: eine
authentische Beziehung mit diesem Patienten aufzubauen und voraussetzen, dass
die Beziehung, die Beziehung an sich, heilen würde. Kein historische
Rekonstruktion, keine Deutungen der Vergangenheit, kein Streifzüge in die
psychosexuelle Entwicklung. Er würde sich auf nichts anderes konzentrieren als
auf das, was sich zwischen ihm und dem Patienten abspielte. Und er würde das
Experiment augenblicklich beginnen. ...
“Nun, wer Sie auch sein mögen, Carolyn Leftman, Ihnen steht eine einzigartige
therapeutische Erfahrung ins Haus“, sagte er und knipste das Licht aus.
Zweimaliges Opfer des einfühlsamen, äußerst
raffinierten und risikofreudigen Betrügers
Peter Macando
S.
118:
Dann gönnte Marshal sich eine seiner großen Freuden: Er wandte sich den
Tabellen mit den Aktienkursen im Wall Street Journal zu und zog zwei
kreditkartengroße Gegenstände aus der Brieftasche, die es ihm erlaubten, seine
Profite zu errechen: ein Vergrößerungslineal, um das Kleingedruckte der
Marktpreise zu lesen, und einen solarbetriebenen Rechner. ... Ganz besonders
aber genoss er seine drei herrlichen Glasskulpturen von Musler. ... Nachdem er
die erdbebensicheren Sockel der Glasskulpturen überprüft hatte, ließ er
liebevoll die Finger über sein Lieblingswerk gleiten: den „Goldenen Rand der
Zeit“.
S. 119:
Drei Minuten nach elf. Ernest Lash kam wie gewöhnlich zu spät. Marshal hatte
Ernest während der vergangenen zwei Jahre als Supervisor betreut. ... Ernest
war eine erfrischende Abwechslung im Tagesablauf ... ein Schüler, wie er sein
sollte, ein Suchender, ... ein Schüler mit einer gewaltigen Neugier.
S. 126:
“Ernest“, sagte Marshal und schüttelte nachdrücklich den Kopf, „Sie
werden das nur ein einziges Mal von mir hören: Hier haben wir den einzigen
Fall, in dem unbewusste Motivationen irrelevant sind! Wenn es zu sexuellen
Begegnungen zwischen Patient und Therapeut kommt, sollten wir die Dynamik
vergessen und nur das Verhalten betrachten. Therapeuten, die sexuelle
Beziehungen mit ihren Patienten aufnehmen, sind ohne Ausnahme verantwortungslos
und zerstörerisch. Es gibt keine Entschuldigung für sie – sie sollten ihres
Berufes enthoben werden. ... dass ich im Staatlichen Komitee für Medizinische
Ethik sitze. ... Meine Amtszeit läuft nächsten Monat ab, und ich glaube, Sie würden
Ihre Sache außerordentlich gut machen.
S. 136:
“Wie Sie wissen, hat jemand mal gesagt, dass das Ziel der Therapie darin
besteht, zum eigenen Vater und zur eigenen Mutter zu werden. Ich denke, wir können
etwas Analoges über die Supervision sagen. Das Ziel ist, Ihr eigener Supervisor
zu werden.“
S. 137:
“.... Es ist ein gesundes Zeichen, wenn er auf seiner Privatsphäre beharrt,
selbst wenn er diese Frau dazu vor mir versteckt.“
“Nicht nur ein gesundes Zeichen“, sagte Marshal, „sondern ein Zeichen dafür,
dass Sie eine gute Therapie gemacht haben. Eine verdammt gute Therapie! Wenn Sie
mit einem abhängigen Patienten arbeiten, ist Ihr Lohn Rebellion, nicht
Dankbarkeit. Freuen Sie sich darüber.“
S. 140:
“Sehen Sie denn nicht, dass Sie sich da viel zu sehr engagieren? Wer hat denn
je gesagt, der Sinn der Therapie bestehe darin, in jeder Hinsicht aufrichtig zu
sein? Der Sinn der Therapie, ihr einziger Sinn, besteht darin, immer im
Interesse des Patienten zu handeln. ... Stellen Sie sich vor, einer schwer
zerrütteten Patientin zu sagen, dass ihr, ganz gleich, wie sehr sie sich bemüht,
noch weitere zwanzig Jahre Therapie bevorstehen, weitere fünfzehn Einweisungen,
ein weiteres Dutzend aufgeschnittener Handgelenke oder Überdosen. Stellen Sie
sich vor, Sie würden Ihren Patienten sagen, Sie seien müde, Sie hätten Blähungen
oder Hunger, keine Lust mehr zuzuhören oder könnten es nicht mehr erwarten,
endlich aufs Basketballfeld hinauszukommen.
Wird von Marshal Streider aus der
Psychoanalytischen Vereinigung hinausgeschmissen aus ethisch-moralischen Gründen,
denen Marshal später selbst erliegt.
Achtjährige Zwillinge
S. 76:
“Du Hurensohn. Du bist meine Zähne nicht wert” ... Die Tränen, die ihr über
die Wangen rollten und auf ihr Nachthemd tropften, erschreckten sie. Sie tupfte
sie ab und betrachtete ihre glänzenden Fingerspitzen. Carol war eine Frau von
außerordentlicher Energie und schnellen, entschlossenen Taten.
... Aber es gab nichts mehr zu tun. Sie hatte alles zerstört, was von Justin übriggeblieben
war, und jetzt fühlte sie sich so schwer, dass sie sich kaum noch bewegen
konnte.
S. 77 - 81:
Ein Bild schwebte heran – das Gesicht eines Mannes, den sie hasste, eines
Mannes dessen Verrat sie fürs Leben gezeichnet hatte: das des Dr. Ralph Cooke,
des Psychiaters, den sie während ihrer Coollegezeit aufgesucht hatte. Sie hatte
ihn wegen Rusty konsultiert, mit dem sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr ging.
... denn schließlich war Rusty ihr abtrünnig geworden und hatte sich einer schönen
französisch-vietnamesischen Studentin zugewandt. ... Später brach der Zorn aus
ihr heraus: Sie verwüstete Rustys Zimmer, schlitzte seine Fahrradreifen auf,
verfolgte und schikanierte seine neue Freundin. Einmal folgte sie den beiden in
eine Bar und übergoss ihn mit einem Krug Bier.
... Ihr Vater gehörte zu den „Woodstock-Vermissten“; als sie acht war, ging
er zum Woodstock-Konzert und kehrte nie mehr zurück. ... Dr. Cooke: nahm sie am
Ende der Sitzung fest in die Arme und versicherte ihr, dass eine so schöne Frau
wie sie keine Schwierigkeiten haben würde, andere Männer an sich zu binden.
... Körperlicher Trost ging schon bald in sexuellen Trost über.
Waren diese Sitzungen nützlich? Carol glaubte schon. Fünf Monate hatte sie
jede Woche Dr. Cookes Sprechzimmer mit dem Gefühle verlassen, dass jemand
Anteil an ihr nahm. Und genau wie Dr. Cooke es vorhergesehen hatte, verblassten
die Gedanken an Rusty tatsächlich. ... Carol war überzeugt, dass er (Dr.
Cookes) eine andere Patientin gefunden hatte, die er mit sexueller Bestätigung
behandeln konnte. Es war also alles eine Lüge gewesen: sein Sorge, seine
Anteilnahme an ihr, seine Behauptung, er fände sie attraktiv. Es war alles
Manipulation gewesen, hatte nur seiner Befriedigung gedient und nicht ihrem
Wohl.
... Ihr Professor in Politikwissenschaft fand sich bereit, ihr ein
1-A-Empfehlungsschreiben für die juristische Fakultät zu geben – machte
aber überaus deutlich, dass er dafür ihr sexuelles Entgegenkommen erwartete.
... suchte Hilfe bei Dr. Zweizung, einem Psychologen mit Privatpraxis ... nahm
eine deutliche Ähnlichkeit mit Dr. Cooke an. ... Diesmal wusste Carol, was sie
zu tun hatte; sie schrie aus Leibeskräften: „Du Dreckspimmel!“ und
stolzierte augenblicklich aus dem Sprechzimmer. Das war das letzte Mal, dass
Carol je um Hilfe bat.
S. 85:
Norma nahm eine großen Schluck Wein: „Carol, auf die Befreiung. Ich weiß,
dass du jetzt ziemlich aufgewühlt bist, aber vergiss nicht, dass es genau
das ist, was du wolltest. In all den Jahren, die dich jetzt kenne, kann ich
mich nicht daran erinnern, je ein positives Wort über Justin oder deine Ehe gehört
zu haben – nicht ein einziges.
S.
91:
“Ich will ihm (Justin) weh tun – und dem blonden Flittchen auch, wenn ich es
finde. Wollt ihr mir helfen? Sagt mir, wie ich ihm weh tun kann. Wirklich weh
tun.“ ... Der erste Gedanke war Geld – das altmodische Hilfsmittel: Lass ihn
zahlen.
S.
94:
... “Ob ich ihn gerne tot sehen möchte? Darauf könnt ihr wetten.“
S.
100:
“Justin ist von Tablettensucht auf Psychiatersucht umgestiegen. Lash ist sein
Schnuller. Er kann gar nicht genug von ihm kriegen. Trotz der drei Sitzungen wöchentlich
steht er die Woche nicht durch, ohne Lash anzurufen. Jemand kritisiert ihn bei
der Arbeit, und fünf Minuten später jammert er seinem Psychiater am Telefon
die Ohren voll. Widerlich.“
S.
101:
“Vielen Dank, meine Freunde. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Mal sehen,
wie Justin zurechtkommt, wenn sein Psycho nicht mehr im Geschäft ist. Konferenz
vertagt, meine Damen.“
S.
126:
Justin hat mir erzählt, sie (Carolyn) hasse Psychiater – hat in jüngeren
Jahren zwei oder drei konsultiert, und jeder hat sie am Ende gebumst oder
versucht, sie zu bumsen.
S.
129:
“War das nicht die Halbverrückte, die sich aus dem Auto geworfen hat, um
ihren Mann davon abzuhalten, Bagels und Lachs zu kaufen?“
Ernest nickte. „Carol, wie leibt und lebt! Das gemeinste und härteste Weib,
das mir je, wenn auch nur indirekt, begegnet ist, und ich hoffe, dass ich sie
nie von Angesicht zu Angesicht kennen lernen werde.“
Langjähriger, langweiliger Klient von
Ernest, Zwangsneurotiker mit vielen Eheproblemen mit seiner
impulsiv-unbeherrschten Frau Carolyn, der den Anschein erweckte, dass er in
seiner Therapie nicht mehr weiterkommen würde. In Wirklichkeit war es schon
lange keine richtige Therapie mehr, sondern eher eine Art der Stabilisierung
(dreimal die Woche!?).
S. 59 - 61:
Dreimal die Woche hatte Justin Astrid während der vergangenen fünf Jahre
seinen Tag mit einem Besuch bei Dr. Ernest Lash begonnen. Sein heutiger Besuch
war anfangs genauso verlaufen wie jede andere der vorangegangenen siebenhundert
Therapiesitzungen. ... „Ich habe meine Frau verlassen. Gestern abend. Bin
einfach ausgezogen. Ich habe die Nacht bei Laura, meiner jungen Freundin,
verbracht.“ ... Ernest behandelte Justin jetzt seit fünf Jahren – fünf
Jahre lang hatte er ihn immer wieder in den Hintern getreten, um ihm dabei zu
helfen, von seiner Frau loszukommen! Und heute informierte Justin ihn beiläufig
darüber, dass er es getan hatte. ... es war eine der schlimmsten Ehen, mit
denen es Ernest je zu tun gehabt hatte. ... wuchs nach und nach seine Überzeugung,
dass Justin seine Frau nie verlassen würde.
S. 89:
... er konnte sich nicht einmal seine Unterwäsche oder seine Socken alleine
kaufen. Ich habe ihn bemuttert, war ihm eine Ehefrau, habe mich für ihn
aufgeopfert. Und andere Männer für ihn fahren lassen. ... Und jetzt kommt so
eine Blondine daher, wackelt mit dem Hintern und er dackelt einfach hinterher
und ist auf und davon.
S. 98:
“Siebenhundert Stunden!“ rief Heather. „Worüber um Himmels willen
haben die sich bloß siebenhundert Stunden unterhalten?“
S. 133 - 134:
Ernest nickte: „Damals habe ich dann auf Stabilisierung umgeschaltet. Ich bin
davon ausgegangen, dass er für ewig in seiner Therapie, seiner Ehe, seinem
Leben festsitzen würde.“ ...
“Gestern kam er zu mir und erzählte mir beinahe lässig, dass er Carol
verlassen habe und zu einer viel jüngeren Frau (Laura) gezogen sei – einer
Frau, die er bisher mir gegenüber kaum erwähnt hatte. Dreimal die Woche kommt
er zu mir, und er vergisst, über sie zu reden. ... Gegenübertragung –
die emotionale Reaktion des Therapeuten auf den Patienten. ...
„Nun, es war, als bagatellisiere er unsere Jahre guter Zusammenarbeit, als
verhöhne er sie sogar. ... Stocksauer, dass er sich einfach aus dieser Ehe
davonmachte, ohne es mit mir zu diskutieren. ... dass irgendeine Frau einfach
mit dem Finger zu winken oder mit ihrer kleinen Möse zu zucken brauchte, und
schon war er in der Lage, zu tun, wozu ich ihn über vier Jahre hinweg nicht
bringen konnte.“
Aus Mathias Hirsch, Realer Inzest -
Psychodynamik des sexuellen Missbrauchs in der Familie:
In den USA gibt es durch Umfragen
ermittelte Zahlen über die Häufigkeit sexueller Beziehungen zwischen Therapeut
und Patient. Kardener et al. (1973) erhielten von 460 Ärzten, von denen 25 %
Psychiater (das sind 115!) waren, Fragebögen zurück, in denen nach sexuellen
Beziehung zu Patientinnen gefragt worden war. 10 % von den Psychiatern gaben an,
sexuelle Kontakte, die Hälfte von ihnen, also 5 % der Therapeuten, koitalen
Kontakt gehabt zu haben. Holroyd u. Brodsky (1977) wiederholten die Befragung
bei Psychologen: 10 % der männlichen und 1,9 % der weiblichen Therapeuten
hatten sexuellen, 5,5 % der männlichen und 0,6 % der weiblichen Therapeuten
hatten koitalen Kontakt mit Patienten. Dass es sich keineswegs um ein zu
vernachlässigendes Problem handelt, ist auch an der Tatsache abzulesen, dass
die American
Psychiatric Association 1976 ein Symposium und auf der
Jahrestagung 1984 ein Seminar zu diesem Thema veranstaltete. In Texas
existiert eine Association
of Psychological Abused Patients, in New York ein
National Committee for
Preventing Psychotherapy Abuse, in Washington ein Verein
“Stop Abuse by
Counselors”. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es
seit 1991 ein “Verbändetreffen” der Bundesverbände der meisten
Psychotherapierichtungen, in dem Strategien zum Umgang mit dem sexuellen
Missbrauch in Therapien entwickelt werden.
Aus Krutzenbichler/Essers, Muss denn Liebe Sünde sein? -
Über das Begehren des Analytikers. S. 172
Andere mögen auf diese Frage antworten: «Eine
gute Deutung und der Ständer ist weg.» Was meint das? Die «Deutung muss [...]
angelegt sein, die Gefahr exzessiver sexueller Stimulation beim Analytiker wie
beim Patienten zu reduzieren». (Klauber 1980, S.125)
Damit befänden wir uns aber wieder in den
psychoanalytischen Urzeiten auf der Suche nach defensiven Techniken. Es gehört
zu den Aufgaben des Analytikers, die Analysandin als erwachsene Frau in ihrer
sexuellen Identität anzuerkennen, indem er sich selbst zu erkennen gibt. Sonst
wiederholt sich eine sehr häufige, oft zu lebenslanger Fixierung führende
Konstellation zwischen Vater und Tochter: Ein Vater verleugnet «die liebevollen
sexuellen und erotischen Bedürfnisse und Impulse seiner Tochter» (Pfannschmidt
1987, S.209), um sein für ihn bedrohliches eigenes sexuelles Begehren nicht
wahrnehmen zu müssen, und verwehrt ihr damit die entwicklungsnotwendige
Erfahrung, ungefährdet sexuell verführerisch und begehrt sein zu können.
Aus Mathias Hirsch, Realer Inzest -
Psychodynamik des sexuellen Missbrauchs in der Familie. S.196-197
Wie beim Vater-Tochter-Inzest ist der Kern
der Aggression der Angriff auf die Identität der Patientin durch ein gezieltes
Missverstehen ihres kindlichen Bedürfnisses Anonyma (1988, S63 f.) beschreibt
das sehr eindrucksvoll:
“Dann
wuchs der Plan in mir: Ich müsste den Raum zwischen Couch und Sessel überwinden,
zu ihm gehen, … ihm ins Gesicht sehen … Ich lasse mich auf den Fußboden
gleiten … Ohne meinen Analytiker anzusehen, krieche ich auf seinen Sessel zu,
sehr langsam … Während ich auf ihn zukrieche, spreche ich zu ihm über meine
Schwierigkeiten, ihm näher zu kommen … Immer noch auf den Knien hebe ich den
Kopf und schaue ihn an …Ich bin sehr glücklich, in seiner Nähe zu sein …
Leicht und vorsichtig berühren meine Finger seine Schläfen und seine kalten Hände
… Er sieht mich nicht an. Sein Gesichtsausdruck ist streng … Und ich gehe
auf meinen Platz auf der Couch zurück … Die darauffolgende Sitzung beginnt
wie gewohnt … Er fragt mich plötzlich: ‘Glauben Sie nicht, dass ich dahin
kommen kann, wo Sie sind?’ ‘Nein’ ‘Sie glauben das nicht?’ ‘Nein.’
‘Aber natürlich!’… Mit zwei schnellen Schritten ist er neben mir auf der
Couch und nimmt mich in die Arme.”
Ich halte diese Szene für den Schlüssel für
das Verständnis der Psychodynamik, denn die Patientin kommt mit einer Geste
kindlichen Bedürfnisses auf den Analytiker zu, der mit seiner Geste, der der Sexualität des Erwachsenen, darauf antwortet,
sie der Patientin überstülpt und sie ihrer momentanen Identität als Kind
beraubt, sie gewaltsam umdefiniert in eine erwachsene Geliebte. Im Zusammenhang
mit meinem Thema hat Moser (1991) Khan (1975) referiert, der diesen Vorgang
“Verkennung” nennt.
Aus „Der Panama-Hut oder Was einen guten
Therapeuten ausmacht“, S. 31:
In einer Geschichte über Psychotherapie in
Die Reise mit Paula wird mein Protagonist Dr. Ernest Lash von einer außergewöhnlich
attraktiven Patientin in die Enge getrieben, die ihn mit bestimmten Fragen bedrängt:
„Wirke ich reizvoll auf Männer? Auf Sie? Wenn Sie nicht mein Therapeut wären,
würden Sie dann sexuell auf mich reagieren?“ Das sind Albtraumfragen
schlechthin, und Therapeuten fürchten sie vor allen andern. Die Angst vor
solchen Fragen veranlasst viele Therapeuten, zu wenig von sich selbst zu geben.
Ich glaube jedoch, diese Angst ist ungerechtfertigt. Wenn Sie denken, es könne
dem Patienten nützen, warum dann nicht einfach sagen, wie es mein fiktiver
Therapeut tut: „Wenn alles anders wäre, wir uns in einer anderen Welt
begegnet wären, wenn ich ledig und nicht Ihr Therapeut wäre, ja, dann fände
ich Sie sehr attraktiv und würde mich bemühen, Sie näher kennen zu lernen.“
Was riskieren Sie schon? Meiner Ansicht nach stärkt solche Offenheit das
Vertrauen der Patientin in Sie und in den Prozess der Therapie. Das schließt
natürlich sonstige Fragen nicht aus - zum Beispiel über die Motivation oder
das Timing der Patientin (die Standardfrage „Warum gerade jetzt?“) oder über
ihr übermäßiges Interesse an Körperlichkeit oder Verführung, hinter dem
sich möglicherweise bedeutsamere Fragen verstecken.
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