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Für welche Welt ... ?
Kinder der NS-Taeter Für welche Welt ... ? Doering Narzissmus

 

NN/HA/LOKAL/LOKAL3 - Di 05.07.2005 STADT NÜRNBERG

PORTRÄT

»Für welche Welt hat er mich erzogen?«

Die Last des Schweigens: Dirk Kuhl ist der Sohn des Gestapochefs von Braunschweig

VON UTE MÖLLER

Dirk Kuhl, 1940 geboren, ist der Sohn des Gestapochefs von Braunschweig, Günther Kuhl. Er ist der Sohn des Mannes, der Todesurteile unterzeichnete für Hunderte Zwangsarbeiter der Hermann-Göring-Werke in Salzgitter. Dirk Kuhl erfuhr erst mit 18 Jahren die Wahrheit über den Vater, das »Phantom«: »Andere Söhne wussten zumindest ein wenig Persönliches, welchen Beruf ihre Väter hatten oder welchen Dienstgrad, selbst wenn die Väter im Krieg gefallen waren.« Kuhl wusste weniger als wenig. Wie er lebt als Kind eines Nazi-Täters - darüber redet der Wahl-Nürnberger seit rund 20 Jahren auch öffentlich. Morgen spricht er ab 19.30 Uhr im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Auf die Erkenntnis folgte die jahrelange Erschütterung. Wie ein Erdrutsch ein Stück Land dauerhaft verändert, wandelte sich das Leben des Achtzehnjährigen radikal, als er nach vielen, allzu vielen Fragen endlich von seinem Onkel hörte: »Dein Vater hatte einen Sau-Posten.«

Es war vor allem die Mutter, die sagte: »Dein Vater hat nichts Unrechtes getan.« Die akkurate Frau mit dem geschärften Sinn für gesellschaftliche Hierarchien schwieg eisern. »Doch Kinder spüren, wenn etwas nicht stimmt. Als ich in der Pubertät war, habe ich angefangen, immer wieder nachzufragen.« Die Bücher von Heinrich Böll, Anti-Kriegsfilme wie »Die Brücke« entwarfen ein Gegenbild zu den Heldengeschichten der Elterngeneration. Kuhl wollte die Wahrheit über den toten Vater, an den er kaum Erinnerungen hat.

NSDAP für Karriere genutzt

Günther Kuhl, Jurist mit durchschnittlichen Noten, aber mit überdurchschnittlichem Ehrgeiz, nutzte die NSDAP, um Karriere zu machen. In den Stahl- und Rüstungsbetrieben in Salzgitter arbeiteten die Gefangenen »in Holzpantinen, ohne Schutzmaske und Handschuhe, an der Schlacke«. Wer vor Erschöpfung eine Pause machte, bekam von der Gestapo eine Verwarnung, kam ins Umerziehungslager. Oder wurde umgebracht. Die Urteile unterschrieb Kuhls Vater.

Für den preußischen Protestanten war zu tun, was Recht ist. Er fügte sich ohne Murren den Gesetzen der Nazis. »Für welche Welt hat er mich erzogen, was hat er sich gedacht?«, fragt sich der Sohn heute noch.

Günther Kuhl wurde 1945 von Engländern verhaftet und im Internierungslager Staumühle festgehalten. Der Sohn besuchte ihn ein Mal. Unpersönlich sei die Begegnung gewesen. »Er schenkte mir eine Schachtel Buntstifte mit Wilhelm Tell drauf.« Damit war Dirk Kuhl einen Tag lang der König in seiner Schulklasse. Die Mutter hielt am Vater fest, verteidigte ihn und ließ auch den Sohn in dem Glauben, dass »es da etwas zu rehabilitieren gibt«. Kuhl konnte ihr nie mehr vertrauen. Dass der Vater mit dem Tod bestraft wurde, »finde ich nicht zu hart, er hat für seine Taten bezahlt und das hat mich frei gemacht«, sagt er.

Kuhl wurde ein Achtundsechziger, studierte Lehramt in Wuppertal, Münster, Düsseldorf und war überzeugt: »Die Generation meiner Eltern ist im Eimer. Die Jungen müssen sich daran machen, eine bessere Gesellschaft einzurichten.« Hauptschullehrer wurde er, um die Jungen mit auf den Weg in eine andere Zukunft zu nehmen.

Kind eines Nazi-Täters zu sein, hat Kuhl misstrauisch gemacht. Starken Gefühlen und festen Überzeugungen traut er nicht. »Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich in der Situation meines Vaters, der daheim nie gelernt hat, frei zu denken, den Nazis anders als er widerstanden hätte.« Wesentlich sei es, faschistische Systeme zu verhindern, »damit niemand mehr solchen Verführungen ausgesetzt wird«.

Kuhls erste Frau war eine Jüdin aus der Ukraine, »wir haben gegenseitig unsere Therapie geheiratet«. Sie hatte unter dem Schutz eines italienischen und eines deutschen Soldaten überlebt, ging nach dem Krieg für einige Zeit nach Israel, kam nach Deutschland. Nicht nur mit Kuhls Schülern führte sie viele Gespräche - sie fing ihren Mann und andere Kinder von Nazi-Tätern auf, als diese begannen, sich mit Hilfe des israelischen Professors Dan Bar On ihrer Herkunft gemeinsam zu stellen.

Neue Gesprächskultur

Dan Bar On hatte zuvor mit den Kindern von Opfern der Faschisten gearbeitet. Er brachte Anfang der 80er Jahre beiderlei Nachkommen zusammen. Es entwickelte sich eine Gesprächskultur, in der die Geschichte eines anderen erst einmal auszuhalten ist, »ohne gleich Trittbrett zu fahren«. Also ohne sofort in Urteilen zu denken. Aus dem Kontakt von Opfer- und Täter-Kindern entstand die internationale Organisation »To reflect and trust« (TRT), der Kuhl heute noch angehört. Es seien nicht Schuldgefühle, die ihn belasten, sagt Kuhl. Eher sei es Zorn. Darüber, dass sein Vater zu dem Nazi-Apparat gehörte und an der atemberaubenden Verlogenheit mitwirkte.

Vor fünf Jahren verließ er Nordrhein-Westfalen und zog mit seiner zweiten Frau nach Nürnberg. Hier hat er bislang an zwei Gymnasien als Zeitzeuge berichtet, persönliche Kontakte haben das möglich gemacht. Eng verbunden ist er dem Caritas-Pirckheimer-Haus. »Es tut sich wenig in den Schulen in Nürnberg.« Wenn, dann würden Opfer-Zeitzeugen eingeladen. »Der Mantel des Schweigens, der über meiner Generation liegt, ist nicht gut gelüftet.«

Im Dokuzentrum wird er erneut fordern: »Wir müssen uns der Vergangenheit stellen.« Und zu der gehören auch die Täter-Kinder, die oft leiden unter den Vätern oder Müttern, die Verbrecher waren. »Die Täter waren lebendig und sie haben Kinder.«

Hermann Göring (links vorne) 1939 bei einer Besichtigung der Stahlwerke in Salzgitter. Der Vater von Dirk Kuhl war als Gestapochef von Braunschweig auch für Todesurteile gegen Hunderte Zwangsarbeiter verantwortlich. Foto: Ullstein

 

Veranstalter:
Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V. in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

 

siehe auch Vortrag von Herrn Prof. Walter Pontzen Kinder der Täter

 

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Stand: 18.06.10