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Kinder der NS-Taeter
Kinder der NS-Taeter Für welche Welt ... ? Doering Narzissmus

 

 

 NZ/HA/LOKAL/LOKAL4 - Fr 08.07.2005  NÜRNBERG

Die Kinder der NS-Täter

Die auszogen, das Fragen zu lernen

Scham, Schuld, Reue und Wiedergutmachung - das waren keine Kategorien für die NS-Täter. Einige mussten zwar büßen, die meisten aber konnten mit einem Persilschein ein neues Leben beginnen. Über die Familien legte sich ein großes Schweigen. Die Kinder erfuhren manchmal gar nichts von der Vergangenheit ihrer Väter und wenn, dann oft nur nach leidvollen Erfahrungen.

So erging es dem 1940 geborenen Dirk Kuhl. Sein Vater, Günther Kuhl, war Gestapo-Chef von Braunschweig und als solcher für Hunderte von Todesurteilen an Zwangsarbeitern in den Hermann-Göring-Werken von Salzgitter verantwortlich. Todesurteile, die nach außen hin als Sterbefälle infolge von Herzversagen, Embolien, Lungenentzündungen hingestellt wurden.

Bis heute werden Folter und politischer Mord auf diese Weise verbrämt. Die Zeit der Staatsverbrechen sei eben noch nicht zu Ende, meinte der wissenschaftliche Mitarbeiter Eckart Dietzfelbinger im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, wohin das Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse geladen hatte.

Dabei versuchten der nun in Nürnberg lebende frühere Lehrer Dirk Schulz und der Psychoanalytiker Walter Pontzen klarzumachen, wie wichtig es für die nachfolgenden Generationen ist, sich mit dem Taten der Väter und Großväter auseinanderzusetzen. Dass aber gerade diese schmerzvolle Auseinandersetzung zu jedem Erwachsenwerden gehört.

Dirk Kuhl spürte zwar schon als Kind, dass etwas mit seinem Vater nicht stimmte. Seine Mutter dagegen sprach von dessen Unschuld und von Rehabilitation. Erst als der Sohn den Fall einem Anwalt übergeben hatte, erfuhr er die ganze Wahrheit. Sein Vater war für das Einfangen und Disziplinieren der Zwangsarbeiter sowie für etwa 400 Hinrichtungen verantwortlich. Die Engländer verurteilten ihn für »Verbrechen wider die Menschlichkeit« zum Tode.

Dirk Kuhl suchte vergeblich Hilfe bei einer Psychiaterin. Erst durch eine Selbsthilfegruppe, in der auch zwei niederländische Frauen, Töchter von Kollaborateuren, und ein Sohn des Hitlerstellvertreters Martin Bormann mitarbeiteten, lösten sich die inneren Verstrickungen. Dabei half ihm auch seine erste Frau, eine Jüdin aus der Ukraine, die vor wenigen Jahren gestorben ist. Beide stellten sich ihrer Vergangenheit, wobei sie mit dem israelischen Psychologen Dan Bar On zusammenarbeiteten, der in seinem Standardwerk »Die Last des Schweigens« als erster auf die moralischen und psychologischen Nachwirkungen des Holocaust auf die Kinder der Täter, aber auch die der Opfer, hinwies.

In seinen vergleichenden Analysen stieß Dan Bar On auf das Schweigen als ein auf Täter- wie Opferseite paralleles Muster. Psychische Wunden dieses Schweigens und der Verdrängung müssen und können nur im Dialog aufgearbeitet werden. Darauf verwies auch Professor Pontzen im Dokumentationszentrum.

»Vergangenheit erledigt?«, stand als provozierende Frage im Veranstaltungstitel. Den rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörern war klar, dass ein Schlussstrich noch lange nicht gezogen werden kann. Zu viel Verdrängtes schlummert noch in den Seelen. Und Verdrängtes sucht sich - wie auch immer - einen Weg nach draußen.

Raimund Kirch

 

siehe auch Vortrag von Herrn Prof. Walter Pontzen Kinder der Täter

 

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Stand: 18.06.10