|
Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.
|
|
|
NN/HA/FEUI/FEUI9 - Mi 03.03.2010 - NÜRNBERG EXTRA: KULTUR UND FREIZEIT IN NÜRNBERG
Narziss tummelt sich auch auf der LeinwandFilme als Studienfeld für die Psychoanalyse:Gespräch mit Stephan Doering vor seinem Vortrag in NürnbergGroße Gefühle im Spielfilm stehen nicht nur für spannende Unterhaltung, sondern auch für einen Ausflug in die menschliche Seele. Die Psychoanalyse hat das längst erkannt. Auf Einladung des Nürnberger Laienforums für Psychoanalyse spricht Stephan Doering (43), Psychosomatiker und -analytiker an der Uniklinik Münster, heute ab 19 Uhr im Filmhaus im Künstlerhaus über die „narzisstische Persönlichkeitsstörung im Film“. Herr Doering, worin besteht die Verbindung von Psychoanalyse und Film? Stephan Doering: Da gibt es eine lange Tradition in unserem Fach. Einmal, weil im Film, fast wie im Traum, oft auch unbewusste Inhalte, Antriebe, Motive oder Beziehungsgestaltung offenbar werden. Zum Zweiten: Es kommen in Person der Charaktere ganz häufig viele verborgene, unbewusste Sehnsüchte von uns allen zum Ausdruck — und das zieht uns wohl auch an am Film. Jeder von uns hat im tiefsten Inneren die Hoffnung, einmal auf eine „Pretty Woman“ beziehungsweise einen George Clooney zu treffen oder mal alle so richtig zu betrügen, zuzuhauen oder irgendwo Millionen zu stehlen, um dann ein ganz tolles Leben zu führen. Anders herum hat auch der Film oft Anleihen bei der Psychoanalyse gemacht. Welchen Ansatz haben Sie dabei? Doering: Ich gehe stark vom Krankheitsbild der Protagonisten aus. Wir suchen Filme aus und vergeben bestimmte Diagnosen. Diese versuchen wir dann in Vorlesungen anhand des Filmmaterials zu zeigen und nachzuweisen. Welchen Vorteil hat da eine Filmfigur gegenüber einem echten Menschen, mal abgesehen davon, dass man sich nicht um Datenschutz kümmern muss? Doering: Der Auslöser war schon vor vielen Jahren, dass ich es in der Vorlesung immer schwer fand, Patienten vor vielen, vielen Zuhörern nach ihrem Innersten zu befragen. Dann sah ich „Eine verhängnisvolle Affäre“ mit Glenn Glose und dachte, hey, das ist ja genau die Boarderline-Störung, die ich brauche, um die Sache meinen Studenten zu erklären. Da kann man natürlich die Hauptfigur hemmungslos analysieren, zerlegen und kritisieren, denn es tut ja keiner realen Persönlichkeit weh. Der ethische Punkt fällt also weg. Zudem sieht man im Film die Leute in ihrer „realen“ Umgebung. Den Patienten sieht man dagegen im Hörsaal, und niemals, wie er sich zu Hause verhält. Ein bisschen künstlich ist das schon, oder? Doering: Aber es hat einen hohen didaktischen Wert. Das heißt, man kann sagen: Menschen mit dieser oder jener Erkrankung sehen in etwa so aus wie die Spielfilmfigur, um die es gerade geht. In Nürnberg sprechen Sie über Narzissmus. Mal abseits vom Klischee der Selbstverliebtheit — was ist unter dieser Persönlichkeitsstörung zu verstehen? Doering: Eine Persönlichkeitsstörung ist immer die krankhafte Variante beziehungsweise Extrem-Ausprägung von etwas, was in uns allen steckt. Narzissmus ist Selbstliebe, die ins Krankhafte übersteigert und gebrochen ist. Gebrochen in dem Sinn, dass diese Menschen ein Selbstwertproblem haben und dies überkompensieren, indem sie sich dauernd vormachen müssen, sie seien besser als die anderen. Dazu brauchen sie ständig die Bestätigung der Außenwelt. In Führungspositionen sind immer wieder solche Menschen zu finden. Und Filmfiguren können da beispielhaft sein? Doering: Mein Favorit in dieser Beziehung ist die Verfilmung des Klaus-Mann-Romans „Mephisto“ mit Klaus Maria Brandauer. Da sieht man nicht nur ein Klischee, sondern sehr differenziert ausgearbeitet verschiedene Seiten des Narzissmus. „Wallstreet“, „Citizen Kane“ oder Woody Allens „Matchpoint“ eigenen sich ebenfalls. Gibt es auch für andere Störungen so treffende Filmbeispiele? Doering: An „Belle de Jour“ mit Catherine Deneuve kann man trefflich Sadomasochismus studieren, David Lynchs „Blue Velvet“ etwa ist ein gutes Beispiel für Voyeurismus. Lassen sich die gewonnenen Kenntnisse auch auf die Praxis übertragen? Doering: Der Film ist zu allererst ein didaktisches Mittel, um Laien und Profis Prototypen von Krankheiten zu zeigen, ein rein diagnostischer Wert also. Sehr viel schwerer ist es, im Film etwas über die Therapie zu finden. Man kann aber wohl analysieren, wie die Störung entstanden ist und noch mehr, wie sie die Beziehungsgestaltung beeinflusst. Denken Sie an Marlon Brando und Vivien Leigh in „Endstation Sehnsucht“. Wären Theater oder Oper ein alternatives Studienfeld? Doering: Schon, aber sie sind sehr viel wirklichkeitsferner. Und oft auch klischeemäßig reduziert. Der Film ist einfach lebensnäher und bietet mehr Identifikationsfläche. Interview: BIRGIT NÜCHTERLEIN Urheber- und Quellenvermerk "Verfasser/ Nürnberger Nachrichten"
Lesen Sie auch die zugehörige Ankündigung des Vortrags unter Miniplakat 2010-03-03.pdf. |
|
Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an:
psychoanalyse.laienforum@freenet.de.
|