Keine Aktualisierung der Website in der Zeit vom 14.07. bis 14.11.2010

Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.  

Home Nach oben Neuigkeiten Veranstaltungen Sonstiges Inhalt Suchen Feedback Gästebuch

Verstehen statt Verurteilen
Alleine stark und schön - vom verborgenen Beziehungshunger in der Magersucht Was ist Depression? Schizoide Struktur Forensische Psychiatrie heute Bis ins 3. und 4. Glied Ist Makellos Machbar? Burn Out Christl. Antisemitismus Borderlinestörung Kinder der Täter Konzentrat.Beweg.therapie Geschichte der PSA Verstehen statt Verurteilen Vernunft der Unvernunft Wesen Struktur Seele Psyche und Kultur Der Fremde in uns Innere Bilder ...

 


Verstehen statt Verurteilen – Gedanken zur Behandlung schwerer psychischer Störungen

Rede gehalten anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Humboldt Universität, Berlin, 7. Juli, 2004

Léon Wurmser, MD


 

Eine so große und bedeutende Würdigung, die meine Arbeit heute v.a. durch die Laudatio von Hrn. Prof. Ahrbeck erhalten hat, fordert mich zu einem Versuch auf, mich darauf zu besinnen und darüber Rechenschaft abzulegen, was mein Schaffen über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg wesentlich begleitet und bestimmt hat und wie die Beziehung zur Rehabilitationswissenschaft, bzw. -pädagogik aussieht. Erziehung ist nicht dasselbe wie Therapie, aber sehr vieles von dem, was ich hier sage, trifft auf beide zu. Die Grundlagen der Entwicklungsforschung sind beiden gemeinsam.

Sehr zu Recht hat Hr. Prof. Ahrbeck betont, daß es mir immer wieder und ganz von Anfang an vordringlich um die Behandlung psychosozial schwer beeinträchtigter Menschen ging, um Zugangsweisen, die den einzelnen Menschen zu verstehen und dadurch ihm zu helfen versuchen, auch, wenn nötig, über die konventionellen Verstehens-, Denk- und Behandlungskategorien hinaus. Von Anfang an war es die Psychoanalyse, von der ich mir entscheidende Hilfe in solchen Rehabilitationsbemühungen gerade schwer und schwerst Gestörter versprach. Warum? Nicht nur, weil sie mir in ihrer Theorie eine Hilfsstruktur anbot, die manches sonst so Rätselvolle sinnhaft machte und in bedeutungsvolle Zusammenhänge stellte, sondern weil die Philosophie, die ihr zugrunde lag, mir einen einzigartigen Zugang zu den schwergestörten Einzelmenschen zu versprechen schien. Da war es vor allem die überragende Wertigkeit des Innenlebens, die uneingeschränkte Würdigung des subjektiven Erlebens gerade des scheinbar Verrückten –– oft auch gegen mein eigenes Sträuben gegen eine solche Würdigung –– die mich am psychoanalytischen Denken anzog. Noch wichtiger aber wurde für mich im Laufe der Jahre ihre A-priori-Prämisse, daß das Seelische am besten durch die systematische Untersuchung von innerem Konflikt zu verstehen sei.

Einerseits ist die Psychoanalyse die Behandlung des inneren Konflikts als einer lebendigen Gegenwart, nämlich in Übertragung und Widerstand; andererseits ist sie die sich ständig weiter entwickelnde und stärker differenzierende Theorie, die den immensen Komplexitäten solcher Konflikthaftigkeit Rechnung trägt.

Gerade für eine Rehabilitationspädagogik, die sich massiv verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen widmet, hat sich die Bearbeitung innerer Konflikte als entscheidend wichtig erwiesen. Eine konfliktvermeidende Pädagogik wird deshalb zu Recht kritisch in Frage gestellt, mitsamt ihren theoretischen Legitimationen. Reife, ödipale Konflikte erweisen sich dabei als ebenso bedeutungsvoll wie frühere, präödipale. Differenzierung, Trennung und Konkurrenz sind zentrale Theme, um die es hier geht (Ahrbeck, 1997, S. 8/9).

Der innere Konflikt des Augenblicks dient als Vertreter der ungelösten Lebensprobleme. Klinische Erfahrung lehrt uns, daß eine solche Herausstellung von innerem Konflikt in Therapie und Pädagogik gerade bei psychisch schwerer Gestörten zumeist eine radikale Wirkung ausübt. Man kann fast alles sagen, wenn man es als inneren Konflikt formuliert, ohne daß es vom Patienten als kränkend und damit als empörend oder zerstörerisch erlebt würde. So viel von dem, was wir klinischen Takt und Empathie nennen, besteht gerade darin: den richtigen, gewöhnlich vorbewußten Konflikt anzusprechen, die gegensätzlichen Seiten im Inneren des Anderen, oder allgemeiner: in uns überhaupt. Gewöhnlich fühlt sich der Patient damit verstanden. Ausnahmen sind sehr stark paranoid reagierende Patienten, für die schon die Feststellung und Hinstellung von innerem Konflikt eine so überwältigende Kränkung bedeutet, daß sie davor mit Panik zurückweichen und dann in Zorn, Verachtung und Angriff übergehen.

Dieses Denken in Begriffen vom Konflikt sich im Innern bekämpfender Kräfte ist tief in der literarischen Tradition im allgemeinen, der griechischen und jüdischen Denktradition eines dialektischen Zugangs zur Wahrheit im besondern verwurzelt. Sie wurde zum Kernstück von Freuds Theorie und der Ichpsychologie und der Behandlungs- und Erziehungsweise, die in analytischem Verstehen basiert ist. Überdies ist Konflikt auch wieder nur ein Zugang, wie man sich gegensätzliche Kräfte auf jeder Ebene des Geisteslebens vorzustellen hat. Ihre Komplementarität ist ihr notwendiges Gegenstück. Zumeist handelt es sich nicht um ein schroffes Entweder-Oder, sondern um ein Mehr-oder-Weniger, ein Ausbalancieren, das sich allmählich im Laufe der Behandlung einpendelt –– die Idee der Dialektik: contraria sunt complementa, Gegensätze ergänzen einander.

Das bedeutet aber insbesonders die sehr detaillierte Betrachtung von Konflikten, die sich um Schuld und Scham drehen. Gerade die aufmerksame, taktvolle Bearbeitung dieser Probleme von Gewissen, Werten, Verpflichtungen und Idealen, die oft in scheinbar unlösbarem Zwist miteinander stehen, kann uns den Schlüssel zu ganz schwerer Pathologie geben und damit auch den Weg zu einer erfolgreichen Rehabilitation weisen.

 

“Ich will, daß du verbrennst”

Dafür nun ein knapp skizziertes Beispiel einer Patientin mit Problemen episodischen Trinkens, paranoiden Verkennungen und schweren Beziehungs- und psychosomatischen Störungen, die sie während Jahre arbeitsunfähig gemacht haben. Ich gebe nur ein paar Auszüge aus der Therapie .

Gwen war in ihrer Kindheit stark mißhandelt worden. Sie durfte nicht versagen, dafür mußte sie sich zutiefst schämen. Sie durfte aber auch nicht Erfolg haben, denn dafür war sie schuldig; so erregte sie den Neid von Mutter und jüngerer Schwester. Alles sei entweder Unwert oder aber Hybris. Zugleich war es ein double-bind Konflikt: “‘Du mußt die Beste sein und die besten Zeugnisse heimbringen’, doch wurde ich dann dafür von beiden Eltern fast verhöhnt Als ich mein Studium mit lauter Eins abschloß, beschwerte sich die Mutter darüber, daß ich nicht eine besondere Auszeichnung mit dabei hatte, eine 0.5.” Der weitgehend unbewußte Gewissenskonflikt besteht zwischen dem Ideal der Stärke, gegenüber Schwäche, und dem Ideal der Bravheit, gegenüber jeder Form von Aggression. Zwischen so massiver Scham und ebenso schwerer Schuld fühlt sie sich gelähmt, verwirrt und als ob sie nicht existierte, oder daß sie verrückt werde oder sterbe.

Ich vergleiche ihr Leben mit der Wanderung auf einem ganz kleinen und immer schmaler werdenden Gratpfad, mit Abgrund links und Abgrund rechts. “Ich bin überhaupt nicht berechtigt zu existieren.” Ihre Wut, ihr Haß und ihre Abscheu werden gleichsam von ihrem inneren Richter übernommen und gegen ihr eigenes Selbst gerichtet, so daß sie immer wieder äußerlich wie innerlich, in Vergangenheit wie Gegenwart als Opfer endet.

Die Absolutheit des Urteils erstickt gleichsam das Weiterleben. Dahinter lauert die Globalität ihrer Affekte, und wiederum dahinter die chronische Traumatisierung.

 Dazu kommt die Angst, daß die Realität verschwinde oder sie ermordet werde, der Handwerker ein Frauenmörder sei. Alles wird in Richtung von Verschwörung, die Bösen draußen, und sie selbst als das Opfer umgedeutet. Das hauptsächliche Problem während unserer Arbeit waren jedoch ihre oft schweren und bedrohlichen Trinkexzesse.

 Als sie in Behandlung kam, war sie in schrecklichem Zustand, völlig arbeits- und funktionsunfähig, immer wieder dem Alkohol verfallen, obwohl sie nie betrunken in die Stunden selbst kam, nur mit dem bitteren Nachgefühl, der Gereiztheit, den Selbstanklagen, Verdächtigungen und Verwünschungen gegen alle und alles. Sie war auch überzeugt, ihr Vater habe sie in ihrer frühen Kindheit sexuell mißbraucht, vermochte sich aber an keinen solchen Vorfall zu erinnern “Nach außen hin erschien die Mutter als eine ganz feine Person, begabt, künstlerisch, klug, redegewandt, hübsch. Das war nur ihre äußere Hülle. Darunter verbarg sich unheimlich viel Schmutz, sexueller Schmutz, auch Exhibition und perverse, mörderische Phantasien. Ich habe ein Muttermal am linken Bein. Sie fragte: ‘Wo kommt dieser Fleck her?’ Wie vor Gericht. ‘Es ist gut, daß du diesen Fleck hast. Es könnte ja sein, daß du entführt und verstümmelt wirst, und dann kann man die Leiche identifizieren.’ Ich finde das sehr pervers. Der Großvater war Nazianhänger, SS-Mann, ein abscheuliches Monster, brüllte ständig, eine ekel- und furchterregende Erscheinung. … Er war ein sehr brutaler Mann, der meinen Vater mißhandelt hat. Mein Vater hatte einmal einen Unfall und wurde dafür von ihm zusammengeschlagen … Im Grunde ist mein Vater genau so [wie der Großvater]: dieses Lügen und Vertuschen und Mißbrauchen.” Der Vater mißhandelte Gwen körperlich schwer, während die Mutter dies mehr durch Verachtung tat und dem Hohn, sie sei verrückt und gehöre in die Anstalt oder durch Schuldzuweisung, daß Gwen sie ins Grab bringe. Sie beschreibt: “Wie wir [sie und ihre Schwester] ihm den Rücken im Bade waschen mußten, hatte er eine Erektion und stöhnte dabei und legte einen Lappen darüber. Das ist ein Übergriff. Und dann mußten wir in seinem Wasser baden, um Wasser zu sparen. Und ich hatte die Phantasie, daß ich davon schwanger werde. Wie er eine Fliege ans heiße Bügeleisen hielt, holte er uns: Guckt, wie die Fliege brummt! Das hat mich wochenlang verfolgt.”

Sie äußert in immer größerer Eindringlichkeit die ständig stärker werdende, beinahe wahnhafte Überzeugung, daß ich sie für dumm halte, das Interesse an der Analyse verliere und mich von ihr abwende. Die Rachephantasien sind sehr stark und bedrohlich. Über die frühere Therapeutin und den Vater sagt sie: “Ich könnte sie alle beide umbringen… Ich war immer an allem schuld… Wenn ich die Allmacht der Gedanken hätte, würde ich ihn durch meine Gedanken in den Tod treiben… Ich sollte ihm das Messer in den Leib stechen… Wenn ich nicht dafür bestraft würde, brächte ich ihn eiskalt um, ohne Gefühl. Einmal habe ich ihn mit dem Messer bedroht.”

Nur ein kurzer Auszug aus einer Stunde:  Sie hat einen Traum, in dem sie hingerichtet werden soll. Es gelingt ihr, sich zu flüchten. Plötzlich beginne sie jedoch, sehr stark von innen her zu bluten. Sie spricht über ihre Angst, es nicht zu schaffen; der Kampf mit dem inneren Dämon sei so schwer. Ich frage: “Wer oder was ist dieser Dämon?” Sie antwortet: “Der Teil, der mich sabotiert. Er raunt mir zu: Alle anderen sind schlecht; du mußt dich mir unterwerfen…. Zum Fliehen: ich habe immer das Gefühl, ich müsse mich verstecken. Es ist das Gefühl, schuldig zu sein. Das begleitet mich ständig. Wenn ich mein Leben in die Hand nehme, dann passiert mir ein großes Unglück. Wenn ich erfolgreich bin, werde ich bestraft. Es hat mir eine unheimliche Kraft gekostet, wenn ich erfolgreich war: Man fände heraus, daß ich schlecht und schuldig bin. So suchte ich Stellen, die weit unter meiner Qualifikation lagen. Das war eine Form der Bestrafung. Als ob der Dämon meine Gedanken wäscht: daß ich absolut dumm bin, und dabei hatte ich überall eine Eins. Nach meinem Examen war ich ganz erschöpft: Gottseidank hat niemand es gemerkt, daß ich dumm bin.”

“Es ist, als ob Sie sich jeden Erfolg vergällen müßten: ‘Jeder Erfolg macht mich so schuldig, daß ich ihn zerstören muß.’”

“Das ist der Mechanismus, wenn ich den anderen bezichtige, da ich mich abgelehnt fühle.”

“Wenn der Ausgangspunkt die unbewußte Schuld ist, heißt es dann: Nicht ich bin schuldig, du bist schuld.”

“Und die Entwertung?”

“Nicht ich muß mich schämen; ich beschäme dich.”

“Jahrelang war es so: jedesmal, wenn ich zum Briefkasten ging, erwartete ich, einen Brief zu finden, der mich [eines Mordes in einem Trancezustand] überführte. Besonders eklatant: ermordet, hingerichtet zu werden. Das war deutlich in der Übertragung: ich war überzeugt, Sie wollten mich in den Selbstmord treiben. Mein Vater möchte das: all die Jahre, als ich nicht trank, versuchte er mir immer wieder Alkohol anzubieten, schenkte mir Weinflaschen, goß mir das Glas ein, gab mir ein Buch über Wein. ‘Wenn du schwach oder tot bist, gehörst du mir ganz allein.’ Als ich klein war, erzählte er mir eine Geschichte: ‘Ein Feuerwehrmann hatte einen von Kühen gezogenen Löschwagen. Man sagte ihm, er komme aber schön langsam. Er erwiderte: Lieber sollten die Häuser abbrennen.’ Dann näherte er sich mir –– es hatte etwas Sexuelles –– und streichelte mich: ‘Ja, so ist es, und lieber möchte ich, daß unsere Gwen verbrennt.’”

Hier kommt das Wesentliche zusammen: chronische schwere Traumatisierung, deren Sexualisierung, die Selbst- und Fremdaggression in Form der versteckten Schuldgefühle und der verborgenen Scham, die Camouflage durch die Suchtthematik und schließlich die schwere psychosoziale Behinderung.

Vor allem aber ist es die entwicklungspsychologisch zentrale Rolle des Beziehungstraumas (Fischer u Riedesser).

 

Die Zentralität der Traumatisierung.

Fast seit Beginn meiner Arbeit mit Raubmördern und Räubern und Süchtigen und später in den psychoanalytischen Behandlungen der schweren Neurosen beschäftigten mich die engen Verbindungen von Kindheitstrauma und Konflikt, nämlich ganz besonders wie diese Traumatisierungen sich spezifisch in ihrem Überich zu verewigen scheinen und in der Destruk­tivität gegen das Selbst und Andere fortsetzen. Wir beobachteten dies soeben bei Gwen. Dabei scheint das emotionale Trauma in Form von massiver Beschämung durch Seelenblindheit an Wichtigkeit keineswegs hinter körperlicher Mißhandlung und sexuellem Mißbrauch zurückzustehen. Damit meine ich, daß das Kind nicht in seiner Identität, seinen Bedürfnissen und Gefühlen gesehen und gehört wird (wie Frau Prof. Rohde-Dachser es vor Jahren beschrieben hat). Systematisch nicht gesehen zu werden verursacht tiefe Scham und damit Ressentiment und eine Anspruchsforderung, die gewaltige Auswirkungen haben.

Diese Erkenntnisse sind aber enorm wichtig für die Grundlagenforschung der Rehabilitationswissenschaften und überhaupt für die Sozialpsychologie. Was meine ich damit?

Ich schilderte eben die Massivität von Schuld- und Schamgefühlen, von Gefühlen erlittenen Unrechts und die schwere Tendenz, sich zu bestrafen, sich zu sabotieren, sich nichts Gutes zu gönnen. Über deren rehabilitationswissenschaftliche Bedeutung möchte ich nun im Zusammenhang mit schwerer Dissozialität und dem Terrorismus mannigfacher Provenienz sprechen –– einem Grundlagenbereich, in dem Rehabilitationswissenschaft, Psychoanalyse, Geschichte und Politik zusammentreffen.

Eine Kultur, die ihre Kinder mißbraucht und blinden Gehorsam gegenüber der Autorität einbläut, schafft Suizidbomber und Attentäter. Sie erzeugt stets von neuem Trauma, ist aber selbst in historischem Trauma verwurzelt, v.a. im Sinne der Demütigung. Sie versucht, die durch unabläßige persönliche Beschämung geschaffene und von historischen Kränkungen verstärkte Wut gegen einen äußeren Gegner abzulenken, gegen einen Feind, der eben jene Werte symbolisiert, die antithetisch all dem gegenüber stehen, was die Kultur an Ehre beansprucht und deren Defizienz sie tief als demütigend erlebt. Von einem psychoanalytischen Gesichtspunkt aus ist die Pathologie eines archaischen, schamorientierten Überichs, das aus schwerer körperlicher und emotioneller Traumatisierung stammt, ebenso wichtig wie geschichtliches Unrecht, ökonomische Versagung, religiöser Fanatismus oder die durch die Moderne gestellte Überforderung. Einerseits wird der Schamanteil des Selbst auf das Opfer projiziert; dieses soll nun als Symbol für das Selbstbild von Schwäche und Opfertum gequält und zerstört werden. Anderseits wird das Überich, dieser innere Richter, als strafende und vergebende absolute Autorität auf Führergestalten, auf Gruppen, die Terror inspirieren und organisieren, und besonders auf Gott projiziert. Terrorismus kann daher als eine bedeutende Form der Veräußerlichung des inneren Konflikts mit einem archaischen Überich, das von alldurchdringendem Ressentiment beseelt wird, verstanden werden. Die Geschichte des Terrorismus ist eine Erzählung von Scham und Ressentiment und ihrer Ausbeutung für Macht und Profit. Fanatismus ist ein Kampf gegen inneren Konflikt, ein Versuch, ihn gänzlich abzuschaffen. Konflikt wird “gelöst” durch Spaltung im Freudschen Sinn: dem Nebeneinander-bestehen von Verleugnung und Anerkennung. Die eigene Identität wird durch ein unterjochendes, unerbittliches Überich mit einem absolutistischen Ideal ersetzt.

Ein notwendiges Element darin ist die Abwehr durch Dehumanisierung des anderen, v.a. in der Form von “Kategorisierung”: Die Kategorie, der der Mensch zugehört, sei es Klasse, Nation, Religion, Rasse oder Geschlecht, wird als das Wesentliche hingestellt und der Person übergestülpt; ihr Eigenwert wird ausgeklammert. Die Kategorien von Freund und Feind, der Zugehörigkeit zur eigenen Identität und der des Fremden, werden den Personen aufgezwungen; man wird blind für ihren Eigenwert und ihr Dasein als Selbstzweck. Mit dem Sinn der erlittenen Seelenblindheit herrscht eine allgemeine Atmosphäre der Entmenschlichung aller Beziehungen, und besonders auch der Sexualität.

Wenn Ressentiment, das ätzende Gefühl erlittener Ungerechtigkeit, sich mit dieser Konkretisierung verbündet, kommt es zu den ideologischen Massenkatastrophen. Die Ursache solchen Ressentiments wird gewöhnlich verschoben von dem, der die Verletzung zugefügt hat, auf weite Kategorien von Gestalten, die aus dem eigenen Inneren stammen.

Der durch das kategoriale Denken gestempelte andere und fremde Mensch wird zum Träger all dessen, was als böse, schmutzig oder sonstwie als gefährlich im Selbst unterdrückt wird. Er wird zum Teufel. Als Inbegriff des Bösen erhebt sich diese traumatische Macht des Ressentiments mit seiner inhärenten Verdinglich­ung, Objektifizierung und Dehumanisierung des anderen, und damit dessen Verachtung und Beschämung. Es fand seine extreme Verwirklichung im Holocaust und den anderen Totalitarismen, und wir treffen ihn heute wieder im globalen Terrorismus an. Der Fremde wird zum Blutopfer zur Beschwichtigung des inneren Richters, indem die verurteilende Gottheit versöhnt wird.

Sozialpsychologisch und rehabilitationspädagogisch erkennen wir also einen überaus wichtigen psychodynamischen Zusammenhang, eine Art Entwicklungslinie, die von der Erwartung von Gerechtigkeit zur Loyalität, dann zum Gefühl des Verratenseins und damit zur Beschämung führt. Diesem folgt das ätzende Gefühl erlittenen Unrechts, also das Ressentiment. Dieses Ressentiment äußert sich als eine Form von Rach- und Machtsucht, die wegen ihres Ursprungs in einem verletzten Gerechtigkeits- und Ehrgefühl, als moralischer Anspruch auftritt, als eine Art perverser Gewissensforderung. So sehen wir dann die oft Gemeinschaften, Gesellschaften und Staaten umfassenden und beherrschenden Phänomena des ressentimentgeladenen Gewissens, d.h. einer Moralität, die v.a. von Neid, Eifersucht und Rachsucht geprägt ist. Dies kennen wir von Nietzsche und Scheler.

 

Verstehen statt Urteilen.

Nach dieser Grundlagenuntersuchung möchte ich mich nun etwas Therapeutischem zuwenden, gerade auf Grund der Erkenntnis, wie wichtig auch in der Genese der Neurose die Faktoren von Scham und Ressentiment sind. Vielleicht die größte Bedeutung für die Arbeit am neurotischen Prozeß kann mit diesem Motto “Verstehen statt Urteilen –– exploring instead of judging” bezeichnet werden, das ich von Paul Gray gelernt habe. Dieser Geist des Verstehens und Nicht-Verurteilens erst machte es möglich, mit den besonders schwierigen Menschen, den Süchtigen, den Delinquenten, den schwer masochistisch selbstzerstörerischen Persönlichkeitsstörungen zu arbeiten. “Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet –– M¬ 6D\<gJg, Ë<" 6D4h­Jg,” sagt Jesus (Matthäus 7.1) und fährt fort: “Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, des Balkens jedoch in deinem Auge wirst du nicht gewahr” (7.3). Den letzteren Satz kennen wir auch aus dem Talmud (Arakin 16b). So sehr jenes Motto ein Leitstern meines Lebens ist, erkenne ich doch die paradoxe, eben komplementäre Wirklichkeit: Natürlich kommen wir nicht ohne Richten und Verurteilen aus. Als Therapeuten und als Analytiker, aber auch als Eltern, als Lehrerin und Lehrer müssen wir verstehen, ohne zu urteilen, v.a. ohne zu verurteilen. Aber gilt das wirklich immer? Wenn jemand, sei es ein Patient, sei es ein Schüler, sei es einer ihrer Angehörigen, sei es eine öffentliche Persönlichkeit, Verbrechen begeht, besonders die Mißhandlung von Wehrlosen, dürfen wir stumm bleiben? Angesichts von gedrohtem oder ausgeführtem Genozid, können wir wortlos oder untätig sein? Kaum weniger schlimm sind die großen Lügen. Nein, ohne Urteilen kommen wir nicht aus. So kann ich für mich sehr wohl behaupten, daß beide Devisen mein Leben immer wieder entscheiden: “Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!” und “Wehret den Anfängen! Wer sich nicht dem Bösen entgegenstellt, wird zum Mitschuldigen.” Sie ergänzen sich gegenseitig; sie sind komplementär. Der Talmud drückt das Paradox schön aus: “Ein Richter soll immer ein Schwert über sich hangen und den Abgrund der Hölle unter sich gähnen sehen” (Yevamot 109b).

Ebenso wichtig ist es, in der Erziehung des Kindes nicht nur liebevoll annehmend und anerkennend zu sein, sondern auch grenzsetzend, manchmal auch ganz dezidiert, freilich ohne Rachsucht und Rigiditat. Es ist oft ein schwieriges Balancieren. Das Wichtigste ist dabei, den Anderen in seiner Besonderheit zu sehen und zu achten.

Sowohl die Einsamkeit wie die Zweisamkeit und die Dreisamkeit sind wichtig, jede zu ihrer Zeit. Eine besondere Form der Komplementarität gilt daher für den Gegensatz von dyadischem und triadischem Verstehen. Häufig wird dabei die ödipale, drei Personen umfassende Konstellation vernachläßigt (Ahrbeck und Körner, 2000). Ich sehe diese Einseitigkeit fast ständig in meinen Supervisionen. Probleme von Nähe und Distanz, von Verschmelzung und Trennung, also der Mutter-Kind-Beziehung frühester Zeit werden ganz einseitig dazu benutzt, die oft dynamisch entscheidenden Dreieckskonflikte mit ihrer Eifersuchtsthematik auszublenden oder unterzubewerten. Das eine ohne das andere reicht einfach nicht: es ist, um wieder ein talmudisches Bild zu wählen, als ob man mit einer Hand klatschte. Auch hier ist es eine bedeutsame Dialektik.

 

 “Sag, es tut dir leid”

Dies ist der Titel einer kleinen Arbeit von Lawrence Kubie (mit Hyman Israel, 1955, Psychoanal. Study Child, S. 289 - 299) über die kinderanalytische Intervention bei einem fünfjährigen, wegen Ess- und Sprechverweigerung und sonstiger schwerer Regression hospitalisierten Mädchen. Eine Krankenschwester hatte einmal bemerkt, daß das Mädchen in einem singenden Rhythmus sagte: “Say you’re sorry –– Sag, es tut dir leid.” Der untersuchende Kinderpsychiater neigte sich daraufhin über das Kind und sagte: “I am sorry, I am very, very sorry –– es tut mir leid, es tut mir sehr, sehr leid.” Worauf sich das Kind an den Assistenzarzt wandte und ihn bat: “Say you’re sorry.” Und so ging es mit allen anwesenden Ärzten, und alle antworteten individuell, es tue ihnen leid. Darauf fragte es nach den Namen eines jeden, gab zum ersten Mal seinen eigenen Namen und nahm etwas zu essen an. Nach einer Woche rannte es fröhlich auf den untersuchenden Psychiater zu, setzte sich ihm aufs Knie und begann frei zu sprechen. Die Regression war durch einen Wutausbruch des Vaters, in dem er sie geschlagen hatte, ausgelöst, aber sie war das unerwünschte Kind einer älteren, stark phobischen Mutter. Es hatte tiefe Angst vor seiner eigenen Schuld, und das ritualistische Sagen, es tue ihm leid, war ein Versuch, Verzeihung zu erlangen und sich wieder angenommen zu fühlen.

Melvin Lansky (JAPA 2001, 49: 1005 - 1033) faßt in einer tiefsinnigen Analyse von Shakespeares “The Tempest” die dynamische Bedeutung der Verzeihung (oder Versöhnlichkeit) zusammen als “den Verzicht auf eine Beziehung, die auf Ressentiment gebaut ist, und das Durcharbeiten des Gefühls narzißtischer Verwundung”. Genauer gesagt handle es sich dabei um die Einsicht in die versteckte und verdrängte Scham und damit in den Teufelskreis von Scham, Wut, Haß und Rache (S. 1008 f.). “Unversöhnlichkeit (unforgiveness) muß zuerst aufgegeben werden. Dieser Zustand der unforgiveness ist verwandt mit Ressentiment, Vorwurf, Rachsucht, Groll, narzißtischer Verwundung und narzißtischem Rückzug. In all diesen Zuständen findet sich eine zwanghafte und selbstgerecht zornige Beschäftigung mit der Schuld des Verräters, ein Geisteszustand, der die Wahrnehmung der Scham der verratenen Person verdecken und z.T. verdrängen soll.” Es sei die Unerträglichkeit der erinnerten, der wieder befürchteten oder in Phantasien erlebten Scham, die Verzeihung unmöglich mache, während umgekehrt die Identifizierung mit den liebenden Aspekten eines guten Objekts den Prozess der Verzeihung zuerst sich selbst und dann dem anderen gegenüber ermöglicht. Um also das Verzeihen möglich zu machen, “gibt die Betrachtung der Schamphantasien notwendige Details darüber, warum die Scham als so unerträglich erlebt wird.” Werde das Durcharbeiten dieser Scham in der Analyse übersehen und übergangen, zugunsten der besser sichtbaren Wut oder des Ressentiments über das Vergehen des Verräters und der diese Wut begleitenden Schuldgefühle, werde der Prozeß des Verzeihens übervereinfacht. Das Ergebnis sei eine ungenaue Deutung, mit einer Überbetonung von Wut, Kontrolle und Schuld, auf Kosten der Dynamik der Scham. Doch sei es diese letztere, die den Zustand der Unversöhnlichkeit, der unforgiveness, schüre, und müsse durchgearbeitet werden, damit Verzeihung überhaupt erst möglich werde.

 

Ich sehe mich in deinen Augen”

Eine Patientin, eine Erzieherin, mit schwerer masochistischer Störung und hoher Suizidalität, stark sexuell mißbraucht von ihrem älteren, behinderten Bruder und Vetter, und von ihren Nazi-Eltern mit kalter Verachtung behandelt, leidet unter seltsamen Trancezuständen der Erstarrtheit, die stark mit ihrer sonst warmen Affektivität und Lebendigkeit kontrastieren. Dann ist sie unfähig, sich zu bewegen, außerstande ihren Mann anzufassen oder ihn zu sich zu rufen. Ähnliche Zustande wiederholen sich in den Sitzungen mit der Analytikerin. Sie empfindet diese Zustände als äußerst quälend; sie befinde sich wie unter einer Stahlplatte. Ihre Sexualität wie ihre Aggressivität sind stark unterdrückt. Sie erlebt sich zuinnerst als eine Ratte, das Selbst als Ratte, und sie verbindet es mit der Naziideologie und deren Filme, in denen die Juden als Ratten dargestellt werden. Von ihrer alten Mutter sagt sie, sie sei ein Ausbund von Kälte, auch heute noch. Ihre Augen seien kalt und starr und sehen sie nicht, sahen sie auch als kleines Kind nicht, denkt sie –– “böse Augen”, “tote Augen”. Sie denkt an lebensunwertes Leben. Die Patientin hatte von früh an schwere Angstsymptome, besonders in der Schule und vermochte das Abitur nicht zu bestehen, da diese das Defizit ihres Bruders bezeugt hätte. Sie und ihr künstlerischer Vater bildeten ein Bündnis gegen Mutter und Bruder und wurden wie zwei Aussätzige behandelt.

Von Beruf ist sie Kindergartenlehrerin. Und es ist wegen einer schönen Beobachtung, daß ich sie hier erwähne: Sie schaut durch ihr Bürofenster auf den Hof und sieht einen ihrer Jungen, Adrian, mit einem Stein in der Hand. Der scheint zu erwägen, ob er diesen Stein auf einen anderen Jungen werfen solle, der mit einem Dreirad herumfährt. Sie sieht es, aber kann ihm nicht zurufen, da sie drinnen ist. Er hebt die Hand und wirft den Stein, aber über den anderen hinweg. Sie geht zu ihm und sagt ihm: “Ich habe Angst gehabt, daß du den anderen triffst.” Der Kleine antwortet: “Ich habe aber oben darüber geworfen.” Sie bemerkt, sie habe Angst gehabt, es könnte schnell doch etwas passieren. Der Kleine schaut ihr in die Augen und sagt ihr: “Jetzt sehe ich den Adrian in deinen Augen,” und sie erwidert: “Du siehst dich in meinen Augen, und ich sehe mich in deinen Augen.”

Die Analytikerin sagt dazu: “Er spürte die Aggression und die Angst erst, als sie gespiegelt wurden. Sie sagte nur: ‘Ich hatte Angst.’ Sie hatte ihm den Affekt angeboten. Sie sieht die Aggression in dem Kleinen.” Wir können ergänzen: “ –– den Konflikt über die Aggression, aus Neid.” Was hier geschieht, ist, daß aus dem neidischen Auge das spiegelnde Auge wird, aus dem bösen Auge das leuchtende Antlitz, aus der Erstarrung und Seelenblindheit die Einfühlung, die Fähigkeit, sich in den anderen hinein versetzen zu können.

 Mit dieser Einfühlung geht aber die Verzeihung einher –– die große Gegenkraft gegen das Ressentiment und damit das “böse Auge”. Im Talmud heißt es von Raba, wer anderen verzeihe, dem werde verziehen (Joma 23a).  Ganz wie es Jesus sagt, finden wir auch im rabbinischen Schrifttum, man solle Gott darum beten, dem Sünder zu verzeihen, ehe dieser um Verzeihung gebeten habe. So heißt es im Zohar von einem Mann, der Frieden macht mit jedem, der ihm geschadet hat, Böses mit Gutem entgelte und allen verzeihe, die es bedürfen. “Du bist größer als Joseph, sagt R. Abba. Er vergab seinen Brüdern, aber du vergibst auch den Fremden” (Zohar, I, 200/201, zit. von L. I. Newman in Talmudic Anthology, S. 131).

 Gerade bei Schwertraumatisierten und damit sehr oft unter der vollen Wucht des neurotischen Prozesses Leidenden ist der Therapeut und Analytiker oft der Mensch, der zum Träger der Hoffnung und der Verzeihung wird –– als Gegenmacht gegen die erbarmungslose innere Stimme des Verurteilens und gegen das innere “scheele Auge des Verachtens”. Das Ressentiment mindert sich allmählich, und an seine Stelle mag Dankbarkeit treten. Innen und außen mag sich dann das böse Auge allmählich zum leuchtenden Antlitz wandeln.

 

Home ] Nach oben ]

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: psychoanalyse.laienforum@freenet.de.
Copyright © 2009 Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e. V.
Stand: 18.06.10