|
| |
Rückblick eines Psychoanaylytikers auf
Wesen und Struktur der Seele in der westlichen Geistesgeschichte
Symposium “Die Entwicklung des
Seelenbegriffs, ” Akademie C. Pirckheimer Haus, Nürnberg, 10. Juli, 2004;
Schwarzenberger Herbstgesprache, “Ich erinnere also bin ich. Bilder der Seele im
Wandel der Kulturen.” 12. – 14. Nov. 2004
Ich habe mir für heute die Aufgabe gestellt,
einige Kernideen des psychoanalytischen Seelenverständnisses durch die
Geistesgeschichte hindurch zurück zu verfolgen, nämlich zur jüdischen Mystik,
zum Seelenbegriff bei Platon und Aristoteles, und zur griechischen Tragödie. Ich
versuche, dabei der psychologischen wie der historischen und philosophischen
Vielschichtigkeit Rechnung zu tragen, des schönen Gleichnisses von Thomas Mann
gedenk: “… ihm [Jaakob] war, als wandelte er auf durchsichtigem Grunde, der aus
unendlich vielen, ins Unergründliche hinabführenden Kristallschichten bestand,
durchhellt von Lampen, die zwischen ihnen brannten” (“Joseph und seine Brüder,”
S. 188).
“Des Ich’s Widerspruch und Wirrsal”
–– Konflikt als fundierendes Konzept des psychoanalytischen
Seelenverständnisses
“Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen
Tier und Übermensch –– ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber,
ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches
Schaudern und Stehenbleiben,” heißt es in Nietzsches “Zarathustra” (S. 11). Ein
ähnlicher Sinn liegt im Wort des chassidischen Meisters vom Anfang des 19.
Jahrhunderts, R. Nachman von Bratzlav, das sowohl die existentielle Bedrohung
des Menschen, äußerlich wie innerlich, als auch die Aufforderung zum Mut,
dennoch weiterzumachen, ausdrückt: “Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke.
Die Hauptsache ist es, gar keine Angst zu haben”[2].
Über die Karamazovs sagt der Ankläger, es seien breit angelegte Naturen, “die
fähig sind, alle möglichen Gegensätze in sich zu vereinen und gleichzeitig beide
Abgründe zu schauen: den Abgrund über uns, den Abgrund höchster Ideale, und den
Abgrund unter uns, den Abgrund der niedrigsten und schändlichsten
Verkommenheit.”
Diese Zitate berufen sich auf die Vielfalt
des Selbst und dessen Einheit, auf die Dialektik zwischen mehreren
Selbstgestalten und dem Suchen nach dem authentischen Kern des Selbst. Das alles
bezieht sich aber auf inneren Konflikt, m.E. der Zentralidee der Freudschen
Psychoanalyse. Die Psychoanalyse als Behandlungsmethode, als Theorie und als
Philosophie beruht nämlich auf der a-priori-Prämisse, daß das Seelische am
besten durch die systematische Untersuchung von innerem Konflikt zu verstehen
sei, in der Formulierung von Ernst Kris vor über 60 Jahren: “Psychoanalyse ist
die Naturwissenschaft der Seele, … die Psychologie der innersten
geistig-seelischen Vorgänge, des Menschen im Konflikt” (1975, S. 348 f.). Wir
können Psychoanalyse als die Methode definieren, welche die Subjektivität
systematisch zu untersuchen und zu objektivieren strebt, und zwar spezifisch
unter dem Gesichtspunkt einer konsequenten Konfliktanalyse. Alles, was den Blick
von dieser Zentralität von Konflikt ablenkt, rückt an die Peripherie der
Psychoanalyse. Es gibt andere, ebenso wertvolle, ja für andere Zwecke vielleicht
wertvollere Verstehensformen des Seelischen, die nicht dieses Zentrum haben; sie
ergänzen und erweitern unser Verständnis bedeutend, aber sie sind nicht
Psychoanalyse.
Einerseits ist die Psychoanalyse die
Behandlung des inneren Konflikts als einer lebendigen Gegenwart, in Übertragung
und Widerstand; andererseits ist sie die sich ständig weiter entwickelnde und
stärker differenzierende Theorie, die den immensen Komplexitäten, der
Vielschichtigkeit solcher Konflikthaftigkeit, eben jenen durchhellten
Kristallschichten, Rechnung trägt.
Der Vorgang des Deutens ist der Zugang zum
Konflikt des Augenblicks –– nicht zu einem Konflikt allein, sondern oft zu
mehreren in einem gegebenen Moment, auf mehreren Ebenen, Konflikten in
zahllosen Varianten bei einem Individuum. Alle diese Konflikte bezeugen sich
durch Gefühle. Manche dieser Affekte sind von schwacher, ankündigender Eigenart,
andere erscheinen in massiv bedrohlicher und überwältigender Form, wiederholen
sich in stereotyper Gestalt, dringen störend ins ganze Leben ein und lassen sich
nicht abwehren. Auf diese Affekte als Hauptmanifestationen des Konflikts an dem
"Punkt der Dringlichkeit" muß ich mich konzentrieren: Was sagen mir die
verschiedenen Formen der Angst und der Depression, der Wut und des
Ressentiments, der Scham und der Schuld jetzt über jene innere Polarität, also
über das Warum? Was sind die Formen des Selbstschutzes gegen die negativen
Affekte, die Abwehrstrategien und ‑sequenzen, das Wie? Wo ist der innere Zwist
am spürbarsten: in der Übertragung, oder in den gegenwärtigen Außenbeziehungen,
oder in der Erinnerung –– letztlich doch in allen dreien? Und wie kann ich dies
auf eine so spezifische Weise formulieren, daß der Patient erkennen
kann: "Dies stimmt jetzt, es ist wahr für mich," –– spezifisch, nicht im
allgemeinen?
Alles andere wird Mittel zu diesem
unmittelbaren Zweck: dem sich ständig wandelnden inneren Konflikt zu folgen und
ihn dem inneren Beobachter vorzuweisen, damit die möglichen Lösungen erwägbar
werden. Der innere Konflikt des Augenblicks dient so als Vertreter des
ungelösten Lebensproblems.
Dieses Denken in Begriffen vom Konflikt
sich im Innern bekämpfender Kräfte ist tief in der literarischen Tradition im
allgemeinen, der griechischen und jüdischen Denktradition eines dialektischen
Zugangs zur Wahrheit im besondern verwurzelt. Innerer Konflikt wurde schon in
altägyptischen Dokumenten beschrieben, z.B. im “Dialog zwischen dem Selbst und
seinem Ba” im Mittleren Reich, um 2000 v. unserer Zeitrechnung (Assmann, 2002).
Wir treffen ihn bei Homer und in den griechischen Tragödien, in der Bibel, im
Talmud und im Midrasch als Konflikt an zwischen gegensätzlichen Strebungen,
“Trieben” (auf Griechisch “epithymíai”, auf Hebräisch “jetzarím”).
Den Begriff “Konflikt” finden wir als
Verbalform bei Augustinus: “So stritten in mir zwei Willen miteinander, ein
alter und ein neuer, der eine fleischlich, der andere geistig, und ihr Hader
zerriß meine Seele –– ita duae voluntates meae, una vetus, alia nova, illa
carnalis, illa spiritalis, confligebant inter se, atque discordando dissipabant
animam meam” (Confessiones, 8.5). “Darum stritt ich mit mir selbst und war
in mir selbst zerspalten –– Ideo mecum contendebam et dissipar a me ipso.”
Zugleich sei dies ein innerer Zwang, der eigenen freien Entscheidung
entgegengesetzt: “Diesen Zwiespalt erlitt ich wider Willen –– et ipsa
dissipatio me invito quidem fiebat.” Dabei handle es sich um eine Vielfalt
von inneren Konflikten, die den Willen und damit das Selbstbewußtsein zerreißen
(8.10).
Goethe spricht davon, wie Shakespeare vor
allen anderen den inneren Konflikt hervortreten lasse. Sei es in der Dichtung
der Antike das Unverhältnis zwischen Sollen und Vollbringen gewesen, das
vorherrsche, so sei es in der modernen das zwischen Wollen und Vollbringen. Das
Wollen sei der Geist der neuen Zeit. Shakespeare habe aber, als Brücke zwischen
der Antike und der Moderne, vor allem den Konflikt zwischen dem Sollen und dem
Wollen, zwischen einer sittlichen Notwendigkeit und der Willensfreiheit
dargestellt (dtv Bd. 32, S. 186 - 188).
Konflikt ist aber wiederum nur ein
Zugang, wie man sich gegensätzliche Kräfte auf jeder Ebene des Geisteslebens
vorzustellen hat. Ihre Komplementarität ist ihr notwendiges Gegenstück.
Zumeist handelt es sich nicht um ein schroffes Entweder-Oder, sondern um ein
Mehr-oder-Weniger, ein Ausbalancieren, das sich allmählich im Laufe der
Behandlung einpendelt –– die Idee der Dialektik, die Idee, contraria
sunt complementa, Bohrs Motto: Gegensätze ergänzen einander (Holton 1973).
Durch die Geschichte der Philosophie
erstand nämlich immer wieder die große Erkenntnis, daß Gegensätze sich nicht
immer ausschließen müssen, daß es sich nicht immer um ein Entweder-Oder von
scheinbar Unversöhnlichem handelt. Zwar gilt die aristotelische Einsicht in
weiten Bereichen, daß Widersprüche logischer Art aufzulösen sind –– daß nicht
beide einander widersprechenden Aussagen zugleich wahr sein können; dieser
Grundsatz der Logik gilt in der Tat weitgehend in den Naturwissenschaften. Doch
gerade wenn es sich um tiefste Wahrheiten in Natur, Seele und Ethik geht,
bedingen und bestimmen sich die Gegensätze gegenseitig; sie ergänzen sich und
ergeben erst zusammen den vollen Sinn. Das von Niels Bohr als Wahr-und
Wahlspruch geschätzte Wort Schillers: “Nur die Fülle gibt die Klarheit, und im
Abgrund wohnt die Wahrheit,” –– ein Wort übrigens, das auf die Antike (Diogenes
Laertius) zurückgeht –– bestimmt gerade auch uns Analytiker in unserem Denken.
So machen Konflikt und
Komplementarität unseren Stoff, das menschliche Seelenleben, erst verständlich.
Die Werte, Kräfte und Instanzen, die sich in unserem Inneren gegenüberstehen und
miteinander unabläßig ringen, lassen sich nicht zu ausschließlichem Sieg
bringen. So können wir den vorherigen Satz von Kris modifizieren und sagen, die
Psychoanalyse beruhe auf dem umgreifenden Prinzip einer Dialektik zwischen dem
Verstehen aus dem inneren Konflikt gegensätzlicher Kräfte und Werte und dem
Verstehen aus der Komplementarität dieser Gegensätze.
Doch wenn immer wir
von Innerseelischem sprechen, denken wir an Seiten der Seele, an zeitlich
überdauernde Konstellationen, Strukturen, beharrliche Funktionsgruppen, oft
metaphorisch oder doch wenigstens mythisch als getrennte Persönlichkeiten
verstanden. Auch dies geht zurück bis auf das alte Ägypten. Ich greife nun den
Überichbegriff, diesen “Eckstein psychoanalytischen Denkens” (Grubrich-Simitis,
zit. von Eickhoff, 2004) heraus, als besonders wichtigen Aspekt des Seelischen,
in einer Metapher, die mir besonders wertvoll erscheint: den inneren Richter.
Der innere Richter
Alle
wissenschaftlichen Konstruktionen sind auf Metaphern aufgebaut. Namentlich das
systematische Studium der Seele stützt sich auf die Metaphern, die der
vorliegenden Aufgabe am besten gerecht zu werden vermögen. Ich brauche in meiner
klinischen Arbeit Umschreibungen, Metaphern, für das Überich, Begriffe wie
“inneren Richter”, oder “inneren Dämon” oder “Inquisitor”, und manche andere.
Die erstere Metapher geht tatsächlich auf Kant zurück. Wir lesen nämlich in der
“Metaphysik der Sitten”: “Das Bewußtsein eines inneren Gerichtshofes im
Menschen (‘vor welchem sich seine Gedanken einander verklagen oder
entschuldigen’) ist das Gewissen. Jeder Mensch hat Gewissen, und findet
sich durch einen inneren Richter beobachtet, bedroht und überhaupt im Respekt
(mit Furcht verbundener Achtung) gehalten, und diese über die Gesetze in ihm
wachende Gewalt ist nicht etwas, was er sich selbst (willkürlich) macht,
sondern es ist seinem Wesen einverleibt. Es folgt ihm wie sein Schatten, wenn er
zu entfliehen gedenkt. Er kann sich zwar durch Lüste und Zerstreuungen betäuben,
oder in Schlaf bringen, aber nicht vermeiden, dann und wann zu sich selbst zu
kommen, oder zu erwachen, wo er alsbald die furchtbare Stimme desselben
vernimmt. Er kann es, in seiner äußersten Verworfenheit, allenfalls dahin zu
bringen, sich daran gar nicht mehr zu kehren, aber sie zu hören kann er
doch nicht vermeiden” (2. Teil, § 13, A 100). Kant spricht deshalb von der
“zwiefachen Persönlichkeit”, vom “doppelten Selbst, einerseits vor den Schranken
eines Gerichtshofes, der doch ihm selbst anvertraut ist, zitternd stehen zu
müssen, anderseits aber das Richteramt aus angeborener Autorität selbst in
Händen zu haben” (A 101)(Bd. 7, S. 573/4). Dieser innere Richter müsse sowohl
ein “Herzenskündiger” wie auch “allverpflichtend”, nämlich als Repräsentant
Gottes gelten.
Doch fast seit Beginn
schriftlicher Urkunden finden wir Hinweise darauf, was wir mit dem
psychoanalytischen Überich zu erfassen versuchen. In der altägyptischen
Literatur ist das Prinzip der Ma’at, “der Gerechtigkeit, Wahrheit und
Ordnung,” “das Ideal der gerechten Ordnung” (Assmann, “Herrschaft und Heil”,
2000, S. 104, 182), die im Inneren des Herrschers inkarniert ist, Platons
nomos empsychos (S. 182), umgreifend. Es ist sowohl immanent wie
transzendent als Prinzip der “iustitia connectiva,” des “inneren
Zusammenhang[s] einer funktionierenden Weltordnung” (S. 186): Ma’at steht über
den Göttern und bestimmt sie von innen her, und zugleich wirkt sie als soziales
und intrapsychisches Prinzip der ausgleichenden und ordnenden Gerechtigkeit,
innerlich symbolisiert durch die Vorstellung des “Ka”, des “Gewissens
oder sozialen Selbst”. Überdies finden wir schon die Nebeneinander- und
Gegenüberstellung von zwei gegensätzlichen Aspekten des Überich in diesem
ägyptischen “Strukturmodell” –– diesen Ausdruck zu gebrauchen ist freilich
etwas verwegen, denn wir hören von den verschiedenen Teilen der Persönlichkeit,
so wie sie sich während des langen Prozesses von Sterben, Tod und Wiedergeburt
von einander trennen. Ich zitiere aus Assmanns “Tod und Jenseits im alten
Ägypten” (2001) eine Passage, in der die beiden Entitäten “Herz” und “Ka”
miteinander verglichen werden: “Wie das Herz gehört… auch der Ka zum moralischen
und damit sozialen Aspekt der Person… .. der Ka [bezeichnet] nicht die physische
Lebenskraft, sondern die moralische Personalität, den ‘normativen’ Doppelgänger,
fast eine Art Überich, mit dem sich die sozialen Kategorien von Ehre, Würde und
Status verbinden, genau wie mit dem Herzen die Kategorien der Tugend und
Gerechtigkeit” (S. 137). Wir können in dieser Doppelheit der moralischen Aspekte
der Persönlichkeit klar den Schamteil des Überich und seinen Schuldteil
unterscheiden.
Hinweisen darauf, was
wir mit dem Überich bezeichnen würden, begegnen wir bei Sokrates in der stillen
inneren Stimme des “daimónion”, also des “kleinen Gottes”, und in
vergleichbaren Begriffen in der rabbinischen Tradition (die “bat qol”,
“die Tochter einer Stimme”, gemeint als “ein Stimmchen”, und “demút de’iqón”,
das “Gleichnis eines Bildes”, eine veräußerlichte Repräsentation des warnenden
Gewissens, nämlich als eine flüchtige Erscheinung).
Überdies gibt es eine
andere, sehr wichtige Weise, sich die historischen Überichvorläufer
vorzustellen: der Begriff des Gottes oder der Götter. Was wir unter den
Überichfunktionen subsumieren, kann alles in den verschiedenen Formen, die die
Gottheit annimmt, gefunden werden. In der jüdisch-christlichen Fassung des
Gottesbegriffs, liegt die Betonung sehr stark auf der Gewissensseite des
Überichs: auf Gerechtigkeit, auf Sünde, Verurteilung, Verzeihung und Erlösung.
In der griechisch-römischen Welt ist die Aufmerksamkeit hingegen viel mehr auf
den Ichideal-Teil des Überichs gerichtet, in Form von verschiedenen Tugenden und
Fähigkeiten (aretái): Schönheit, Stolz, Adel, Kunstfertigkeit,
Pfiffigkeit und Macht, und damit die wichtige Rolle, die Sichtbarkeit,
Verhülltheit und Scham spielen. Bestrafung erfolgt durch Verwandlung. Die Ehre
muß zentral und vor allem anderen aufrechterhalten und verteidigt werden. Diese
Dualität und Dialektik des Schamanteils und des Schuldanteils des Überichs,
ihre Gegensätzlichkeit und ihre Komplementarität, ihr Hin und Her, wurden in der
psychoanalytischen Überichanalyse lange sehr vernachläßigt, ja, fast ganz
übersehen und immer wieder verschüttet. Erst etwa in den letzten 20 Jahren hat
sich das, zumindest in der amerikanischen Psychoanalyse, etwas zu ändern
begonnen.
Doch zurück zum
Gedanken des Überichs als moderner Fortsetzung der Gottesvorstellung:
Tatsächlich können wir feststellen, daß das Überich die Säkularisierung der
Gottesidee ist, etwa in Voltaires Sinn: “Si Dieu n’existait pas, il
faudrait l’inventer”. Es ist ein bewußter und unbewußter innerer Gott, wie
wir auch im Kantzitat erkennen. Ethik und Werthierarchien, z.B. in Form einer
Wertepyramide, wie sie der deutsche Philosoph Max Scheler vor etwa 80 Jahren
ausgearbeitet hat, stellen in der Tat einen sehr wichtigen Teil eines solchen
Gottsystems dar, erfassen aber bei weitem noch nicht das gesamte
Überichkonstrukt.
Verfolgen wir nun
diese Vorstellungen von der Innenwelt als Ort des Kampfes und Widerstreitens
verschiedener Seelengestalten und damit des Vorherrschens von Konflikt als
konstituierend für die menschliche Existenz zurück in der Geistesgeschichte des
Westens.
Doch folgen wir nun dem Leitfaden des
Seelenbegriffs in der jüdischen Mystik weiter zurück, nämlich zum Zohar, dem
Hauptwerk der Kabbala, vom Ende des 13. Jahrhunderts, und zwar greife ich auf
die Erzählung zurück, über die ich hier vor einem Jahr eingehender berichtet
habe, und wo es wiederum um eine Dreifachheit der Seele geht. Ich zitiere: “Komm
und sieh: ‘Wenn er sich eine andere nimmt [heiratet]’(Exod. 21.10): Bei diesem
Vers handelt es sich darum, wie vielfältig und erhaben die Wanderungen, die alle
Seelen unternehmen, sind. Alle begeben sich zur Wanderung (gilgula, wörtl.
‘Rollen’), und die Menschenkinder kennen die Gotteswege nicht; sie wissen nicht,
wie die Waage aufgestellt wird, noch wie sie jeden Tag und zu allen Zeiten
beurteilt werden, noch wie die Seelen vor Gericht kommen, bevor sie in diese
Welt eintreten, und wie sie vor Gericht kommen, nachdem sie diese Welt verlassen
haben. [Sie wissen nicht,] wieviele Wanderungen und wieviele geheime Werke der
Heilige, gepriesen sei er, mit vielen nackten Seelen [nischmatin artila’in,
den höheren Seelen] bewirkt, und wieviele Geister [ruchin artila’in,
Vernunftseelen] in jener Welt herumirren und nicht zum Schleier des Königs
gelangen können, und wieviele Welten es sind, durch die sie wandern, und wie
geheimnisvoll wundersam jede Welt ist, die durchwandert wird. Die Menschenkinder
wissen es nicht und erschauen es nicht, noch wie die Seele rollt wie der Stein
in der Schleuder, wie es heißt: ‘Die Seele deiner Feinde wird er wegschleudern
in der Hand der Schleuder’ (1. Sam., 25.29). Da es Zeit ist, die Geheimnisse zu
enthüllen, ist es die Stunde zu offenbaren, daß alle oberen Seelen (nischmatin)
von einem gewaltigen und mächtigen Baum
ausgehen, so wie der Fluß aus dem Garten Eden strömt, und alle Vernunftseelen (ruchin)
gehen von einem anderen, kleineren Baume aus
–– die höhere Seele (neschamá) von oben und die Vernunftseele (rúach)
von unten, und sie vereinigen sich miteinander, wie Mann und Frau. Und wenn sie
sich vereinigen, leuchten sie mit einem überirdischen Glanz (nehirin nehiru
ila’a). Und von der Vereinigung der zwei heißt es, sie sei eine Leuchte (ner),
so wie es steht: ‘Die Seele [neschamá] des Menschen ist die Leuchte
Gottes, die das Innerste enthüllt’ (Sprüche, 20.27).”
In diesem Ausschnitt
wird etwas für die Kabbala außerordentlich Wichtiges vorausgesetzt: die
dreifache Natur der Seele, eine Art von Dreiteilung des Seelischen (natürlich
wie in aller Mystik basiert auf der nicht hinterfragten Annahme der
Unsterblichkeit der Seele und ihrer Präexistenz): Die unterste Form ist “néphesch”
(naphscha), die Lebensseele, das Vitale, den Körper Beseelende, auch Wille
und Wunsch (desire). Blut ist nephesch. Die mittlere Form ist “ruach”
(rucha) genannt, der Geist, die Vernunftseele. Rúach ist Atem und
Wind. Die höchste Seele, die transzendente, sinngebende, dem Göttlichen nahe
Seele ist “neschamá” (nischmeta); sie ist die reine, mystische Seele, die
unfähig ist zu sündigen (Scholem, 1991, S. 219).
Diese
grundlegende dreiteilige Struktur erinnert uns an Freuds Strukturmodell von Es,
Ich und Überich. Sicher sind die Parallelen nicht vollständig und doch sind sie
frappant. Mit einem solchen Strukturmodell geht aber die Zentralität des
Konfliktverstehens einher.
Diese Ansicht
der Seele ist, wie wir gleich erkennen werden, deutlich eine Weiterführung des
platonischen Psychologie. Das bedeutet aber, daß besonders die spanische
Kabbalah des ausgehenden 13. Jahrhunderts eine dramatische Antwort auf die
rationalistische und empirisch gerichtete Philosophie von Maimonides war. Diese
stützte sich aber entscheidend auf Aristoteles. Wir sehen damit in diesen beiden
Hauptrichtungen des mitttelalterlichen Judentums ein Neuaufbrechen der
Dialektik zwischen dem platonischen und dem aristotelischen Welt- und Seelenbild.
In allen drei Versionen ist es ein radikal dynamisches Modell. Wie wir gleichen
sehen werden, spricht Platon denn auch vom “agón éschatos,” dem äußersten
Konflikt.
“Der äußerste Konflikt” in Platons Bild der
Seele und Aristoteles’ Begriff der Entelechie
Die im Zohar dargestellte Dreifachheit der
Seele geht letztlich auf die Dreiteilung der Seele, so wie sie Platon im “Phaidros”
und im “Staat” vorgenommen hat, zurück: Die Seele gleiche der
zusammengewachsenen Kraft eines geflügelten Gespanns und seines Wagenlenkers,
erzählt uns der platonische Sokrates im berühmten Gleichnis des Dialogs
Phaidros. "Und zwar was uns betrifft, so lenkt der Führer ein
Doppelgespann; sodann ist ihm das eine der Rosse sowohl selbst edel und gut als
von solcher [edler] Abkunft, das andere aber sowohl von gegenteiliger Abkunft
als selbst das Gegenteil. Schwierig ist da notwendig die Wagenlenkung bei
uns... Denn das mit Schlechtigkeit behaftete Roß, wenn es von einem der
Wagenlenker nicht gut genährt worden ist, beugt sich und drückt schwerfällig zur
Erde hinab. Da ist nun wahrlich einer Seele Leiden und äußerster Konflikt
auferlegt –– entha de ponos te kai agon eschatos psyche prokeitai" (Phaidros,
247b). Kosmischer Gegensatz und Kampf wird so zum innerseelischen Widerstreit
ewiger Kräfte; das menschliche Dasein zerfällt in heftige Gegensätze; denn das
Sein als ganzes erscheint gespalten. Der eine Teil, das nach unten reißende
Pferd, sind die “epithymíai”, die Begierden, der zweite, das edle, nach
oben strebende Ross, die moralisch-ethischen Aspirationen, Werte und Ideale, “thymós”,
und der dritte Teil, der mühsam die Zügeln haltende Wagenlenker, ist das “logistikón”,
der “noûs,” der Geist der Vernunft.
In der “Politeia,” dem “Staat”, zeichnet
Platon ein Bild der Seele als ein zusammengesetztes Ungeheuer: “So schaffe dir
denn einmal erstlich eine Gestalt eines mannigfach zusammengesetzten und
vielköpfigen Ungeheuers, das rundum Köpfe von teils zahmen, teils wilden Tieren
hat, dabei imstande ist, sich in alle diese Tiere zu verwandeln und auch alle
diese Tiere aus sich zu erzeugen… Dann schaffe dir zweitens eine Gestalt eines
Löwens, drittens in Menschengestalt einen Engel; denke dir dabei die erste
Gestalt bei weitem als die größte, die zweite auch der Größe nach als die
zweite… Diese drei Geschöpfe verbinde nun zu einem, so daß sie irgendwie
mit einander verwachsen sind” (588, übers. Wiegand, leicht modif.). Der
ungerechte Mensch stärke nun durch Schwelgerei die Chimaera, das vielgestaltige
Ungeheuer, und den Löwen und schwäche den Engel so, daß dieser sich dorthin
schleppen lasse, wohin ihn jene beiden Tiere reißen. Wenn er nicht eines an den
anderen gewöhne und versöhne, zerbeißen, bekämpfen und fressen sie einander auf.
Der gerechte Mensch hingegen stärke den Engelteil so, daß er jenes vielköpfige
Ungeheuer zu zähmen vermöge, “indem er dem Ackerbauer gleich die guten Triebe
nährt und pflegt, die wilden am Emporwuchern hindert, an dem Mut des Löwen sich
einen Gehilfen erzieht, für die Bildung aller Seelenbestandteile zusammen Sorge
trägt, sie untereinander sowohl wie sich selbst befreundet und in diesem Zustand
erhält.” Zugleich ist diese Dreiheit eine komplexe Einheit, zusammengewachsen,
“sýmphyton” (Oates, S. 35/36).
Wenden wir uns nun Aristoteles zu, so wird
die Seele durch vier Fähigkeiten oder Funktionen, also nicht Strukturen
definiert (hóristai): der Funktion der Ernährung, threptikón, und damit
auch der der Fortpflanzung, der Funktion der Wahrnehmung, aisthetikón,
und damit auch der Begierde, der des Denkens, dianoetikón, und der der
Bewegung, kínesis (De Anima, 413). Diese letztere aber wird durch das
Streben und das Denken bewirkt, ist also abgeleitet (De Anima, 433). Der
Seelenbegriff befaßt sich also nicht mit Konflikt, sondern richtet sich auf das
Erreichen von Vollkommenheit, auf die Harmonie der verschiedenen Teile des
Seelischen: die Entelechie, die vollständige Verwirklichung des eigenen,
besonderen Wesens, das “Haben der Vollkommenheit,” “das Ziel, to télos,
in sich selbst zu haben” (Oates, S. 82). Es ist die Vervollkommnung der je
eigenen Natur.
Das Gegenteil von Entelecheia ist
Stéresis, der Mangel dessen, was ein Ding haben könnte, also in unserer
Psychologie Defekt, Defizit. Für den Menschen “ist der Akt des Beobachtens das
angenehmste und beste –– º
hgTk\"
JÎ
»*4FJ@<
6"Â
–D4FJ@<“
(Metaphysik, 1072). Eine Psychologie der Selbstverwirklichung, Harmonie und
Überwindung von Entwicklungsdefekten steht also in der aristotelischen
Tradition, während eine Konfliktpsychologie die platonische wieder aufnimmt. Die
erstere erkennen wir bei Jung, bei Kohut und in der gegenwärtigen Forschung der
frühen Kindheit, die letztere in der Freudschen Tradition.
Doch nehmen wir den Leitfaden des
Konfliktes, der uns vom psychoanalytischen Menschenverständnis rückwärts führt,
von neuem auf, so sehen wir hinter Platon das tragische Begreifen des Menschen.
Auch dieses ist nicht einfach ein Ding der Vergangenheit. Es lebt und webt im
Freudschen Verstehen der Seele und damit in der ganzen Praxis der Psychoanalyse
weiter.
Das Wesen des Tragischen
Das allgemein menschliche Problem, das
sich die Tragödie stellt, ist der Konflikt zwischen hohen Werten, zwischen
großen Idealen und Pflichten. Dieser Konflikt, den wir alltäglich, ja jeden
Augenblick in feiner Form in uns selbst wahrnehmen, wird dann unlösbar, wenn
diese Werte als ausschließliche erlebt werden, also wenn sie absolut gesetzt
werden. Absolutsetzung der Gerechtigkeit oder der Ordnung, der Liebe oder der
Selbstbehauptung, der Ehre oder der Verpflichtung anderen gegenüber,
Maßlosigkeit im Dienste dieser Werte und Pflichten, die zwanghafte Herbeiführung
gerade dessen, was man am meisten versucht zu vermeiden, und v.a. massive
Konflikte zwischen gegensätzlichen Idealen, Verpflichtungen und Loyalitäten
erscheinen als zentrale tragische Konflikte.
Das mythische wie das neurotische Denken
durchwirkt die Trias von Absolutsetzung, Polarisierung (Gespaltenheit) des
Selbst‑ und Welterlebens und Zwanghaftigkeit. Das Besondere des Tragischen
ist, daß der Dichter, die Zuschauer und am allermeisten der Chor, im Gegensatz
zu den Protagonisten, einen Standpunkt außerhalb dieser Trias einnehmen,
nicht in ihr verhaftet bleiben. Die Verbindung zwischen Held und Publikum ist
doppelt: sie besteht einerseits sehr wohl in der Identifizierung mit der
mythischen Absolutsetzung eines Ideals, mit jener mythischen Spaltung in
absolut Gutes und absolut Böses, und mit jener völligen Aufhebung innerer
Freiheit, die durch die Verkettung von innerer und äußerer Kausalität erzwungen
wird. Damit meine ich, daß all dies Teil von uns und Problem für uns ist.
Anderseits wird das Verbundensein geschaffen durch den Verlauf der
tragischen Handlung zum Schmerz hin, zur Verschuldung und Erniedrigung
und schließlich zur Belehrung, zur Einsicht, dem "Lernen durch
Leiden" –– der “tragischen Verwandlung,” wie sie George Eliot genannt
hat. Es ist gerade die Doppelheit der Schau –– die Maßlosigkeit des Helden
gegenüber der Mäßigung des Chores –– die das Mythische relativiert und
befreiende Erkenntnis bedeutet. Kurz gesagt soll die Distanz von Dichter, Chor
und Zuschauer jenen dreien gegenüber –– Absolutsetzung, mythischer
Polarisierung und Zwang –– erzielt werden, eine Distanz, die jener
Identifizierung entgegenwirken soll. Diese Identifizierung und Verbundenheit mit
dem Protagonisten gründet in der Bewunderung für seine Größe und Vornehmheit, in
dem Mitleid für sein Leiden und seinen Schmerz, in der stellvertretenden,
exemplarischen Natur seines Schicksals. Stellvertretend und beispielhaft
wofür? Für die gewaltigen Anteile unseres Innenlebens, die sich in unlösbaren
Konflikten aufreiben, wie es bei Hiob heißt: “Ist nicht ein Kriegsdienst des
Menschen Los auf Erden?” (7.1) –– der äußere, doch noch weit stärker der innere
Kampf (haló tzavá le’enósch alei-áretz?). Somit stehen die tragischen
Helden und die Hauptgestalten der Tragödie schlechthin für die hauptsächlichen
Gestalten inneren Konfliktes, für die Hauptkonfigurationen menschlicher
Konflikthaftigkeit überhaupt, mit ihren charakteristischen Merkmalen der
Spaltung, der Übersteigerung, der Unwiderstehlichkeit, der Abwehrfunktionen wie
Verleugnung, Projektion, Wendung gegen sich selbst, und ganz besonders der
überwältigenden Gewissensspannungen und Selbstverurteilungen. Andererseits
tritt der Chor für das Prinzip der Mäßigung, der stellungnehmenden,
entscheidenden, Proportionen wahrenden und das Ferne wie das Nahe zu versöhnen
suchenden Vernunft ein. In Worten des Strukturmodelles –– offenbar
einer Sonderform des Begreifens des Innenlebens als eines inneren, unlösbaren,
unbewußten Konfliktes –– handelt es sich bei den Protagonisten um alle die in
Konflikten einbezogenen, archaischen, weitgehend unbewußten Anteile, v. a. von
Es und Über‑Ich, aber in gewissem Maße auch des Ich selbst, nämlich seiner
Abwehrfunktionen, während der Rahmen des Chores sich auf den beobachtenden, auf
sich selbst reflektierenden, entscheidenden und vernunftbestimmten Ich‑Anteil,
den Sitz von Autonomie, Wahl und Willensentscheidung bezieht. Diese tiefe
Gegensätzlichkeit, dieser Konflikt zwischen dem Selbstteil, der von tiefen
inneren Konflikten überwältigt wird, und dem Teil, der dieser Konflikte Herr zu
werden sich bemüht, weist indes hinaus auf einen gewaltigen, die menschliche
Geschichte immer wieder bestimmenden Kampf:
Das Tragische entwächst dem Mythischen, das
Tragische ist der Übergang vom Mythischen ins Philosophische. Der Glaube an
die absolute Wahrheit wird durch das Sehen der unauflöslichen
Gegensätzlichkeiten und ihrer Relativität ersetzt. Und doch sagt uns die
Tragödie, das Tragische überhaupt: Nostra res agitur –– diese Spannung,
dieser Grundkonflikt, die Neigung zum Mythischen, Absoluten, Zwanghaften und
zur gespaltenen Wirklichkeit, die gehen uns doch alle an, die hausen ja
in uns selbst, die bedrohen uns alle jederzeit. Keiner von uns vermag ihnen
allezeit zu entgehen. Es ist das menschliche Schicksal überhaupt, das von ihnen
geprägt wird, weil es eben aus dem Wurzelreich des Tragischen emporwächst.
Das Mythische ist vorwiegend der Spiegel
des archaischen Gewissens. Der Wiederholungszwang verbindet das Mythische
mit dem Neurotischen, und bei beiden sind es Konflikte innerhalb des
Gewissens –– Kämpfe zwischen Göttlichem und Göttlichem ––, die die dynamische
Notwendigkeit der Wiederholung erzwingen.
Das tragische Denken bricht mit dieser
Befangenheit: es konstatiert den Konflikt, es führt ihn zum bitteren Ende, indem
es ihn verabsolutiert; aber es weist über den Konflikt hinaus: zum Nachdenken
über Maß und Maßlosigkeit, zur Wortwerdung der Affekte und Begierden, zur
Hierarchie von lebensbestimmenden Werten. Was Nietzsche als den Tod des
Tragischen beklagt (z. B. bei Euripides), ist in Wirklichkeit seine Größe ––
daß es jenseits von Grenzenlosigkeit und Überschwang tritt, daß es also tapfer
dem Tod begegnet und ihn nicht zu überwinden wähnt.
Kurzum, das Tragische erscheint zunächst
als eine Sonderform des Mythischen, bei der gewisse Aspekte ins Absolute
übersteigert werden, wobei es aber zur Aufhebung des Mythischen kommt, zum
Übergang ins Philosophische, Nichtmythische, ja Antitragische.
Warum ist aber das mythische Denken so
wirksam und so verführerisch? Es befriedigt diese Phantasie: Wenn ich gut bin
und mich mit den Mächten des Guten und der Reinheit verbinde, werde ich endlich
Heilung finden, denn es besteht, trotz allem und wirklich, eine absolute
Gerechtigkeit. In der Tragödie schwingt diese Urhoffnung des Menschen, daß es
bei allem Leiden und bei aller empörenden Ungerechtigkeit doch eine
ausgleichende kosmische Gerechtigkeit gebe. Dem für das Tragische so
unerläßlichen Wert‑, Loyalitäts‑ und Gewissenskonflikt ist die Beschäftigung
mit dem Thema der Gerechtigkeit, implizit oder explizit, eigentümlich. "Gilt es
das Recht –– wer will ihn vorladen?" (9.19) heißt es in einer der manchen
tragischen Dichtungen und Mythen der Bibel, dem Buch Hiob. Das Zentralthema der
griechischen Tragödie sei die Gerechtigkeit, behauptet Sewall.
Das Tragische führt in der Suche nach
Gerechtigkeit und der Absolutsetzung der Gerechtigkeit zum schließlichen
Scheitern dieser Erwartung. Das spezifisch Tragische ist dieses Suchen nach
einer unbedingten Gerechtigkeit, dieser Schrei nach der Vermenschlichung des
Göttlichen und dem Anrufen eines Du, das, aller Evidenz zum Trotz, gerecht
wäre. Diese Suche ist vergebens, sie führt zur Verzweiflung darüber, daß es eine
solche transzendente Gerechtigkeit und Rechtssprechung im menschlichen Sinne
nicht gibt, sondern daß "der Weg der Welt" unmenschlich, also ungerecht ist ––
und sie führt zu dem Ausblick aus dieser Verzweiflung auf einen fernen, dem
tragischen Menschen unerreichbaren Gipfel.
Die Infragestellung der jenseits des
Menschlichen gültigen Gerechtigkeit und aller anderen, im mythischen Bewußtsein
als unbedingt gesetzten Werte, sowie das Suchen nach der tiefen, wirklichen,
doch der "fairness" entgegengesetzten "Gesetzlichkeit" –– das wird zum
eigentlichen Beginn der philosophischen Ergründung. Und auf diesen Neubeginn
zielt das Tragische ab. Es wächst aus dem Glaubenwollen an das Göttliche, es
führt zum Zerbrechen dieses Glaubens, es zeigt darüber hinaus.
So können wir das Tragische als Kampf
zwischen Gerechtigkeit und Weisheit verstehen –– genauer: zwischen der
verzweifelten Suche nach absoluter Gerechtigkeit und dem Annehmenkönnen der
Grenzen. So wird es zur philosophischen Einsicht, daß zwar der Staat gerecht
sein kann, doch das Schicksal niemals! Des Einzelnen Entscheidungen und
seine Haltung bestimmen sein Geschick mit, doch weiß er nicht, ob zum Guten oder
zum Übel, oft auch nicht, ob zur Schuld oder zum Recht, zur Vernichtung oder zum
Aufbauen. Je mehr er aber einem Absoluten folgt, je mehr er sich über das Maß
hinauszugehen entschließt und all dem, was dem Wollen entgegensteht, den
Zutritt zu wehren versucht, desto größer das Leiden. Damit rückt aber der
Konflikt zwischen dem Streben, alle Grenzen in Erkenntnis, Macht, Ehre und
Geliebtwerden zu überschreiten, und der Pflicht, das Erleben und Handeln nach
rationalen Regeln zu ordnen, also dem Verlangen nach Ordnung und Maß, ganz ins
Zentrum, mithin der Konflikt zwischen Maßlosigkeit und Maßhalten.
Dasselbe gilt für das Therapeutische: Auch
da schwingt die Erwartung mit, daß der Analytiker als Garant einer tieferen
Gerechtigkeit wirke und das Unheil der Vergangenheit, die Schwere des erlittenen
Traumas, auszugleichen vermöge. Die Therapie wird zur Arena des tragischen
Protests und des Unterliegens. Erst allmählich dämmert die Einsicht auf,
daß der Therapeut der Vertreter einer neuen, anderen Gesetzlichkeit ist, die
zwar jenseits der äußeren Gerechtigkeit steht, aber sehr viel damit zu
tun hat, sich selbst gegenüber gerecht, also im tieferen Sinne des
Auf‑sich‑selbst‑hören‑Lernens, ehrlich zu werden. Diese Art der Gerechtigkeit
ist durchaus individuell, zeitbedingt und damit relativ. Der gute Analytiker
geht über die Absoluta und das Zwingend‑Zwanghafte (die "Ananke"), die allem
Absoluten im Seelischen eigen ist, hinaus; er erkennt die ihnen unweigerlich
innewohnende Tragik.
Eine kalte Objektivität ist bei diesem "Agon"
unmöglich. Konflikt, Entscheidung und Leiden bleiben im Rahmen intensiver
Affekte; sie können nicht objektiviert und intellektualisiert werden. Das
Philosophische bleibt ebensosehr wie das Mythische leidenschaftlich, vom
Pathos erfüllt. Das Paradox des Leidens, der Schuld, des Bösen läßt sich
nicht überwinden. Wir alle leiden daran.
So wäre dann die "Botschaft" des
Tragischen: Man kann beladen sein mit Schuld und Scham und doch der Sympathie
und Identifizierung anderer teilhaftig werden. Trotz der Ungerechtigkeit, trotz
dem Bösen gibt es eine Solidarität, die Zuschauer und Helden verbinden. Man ist
nie nur draußen, und auch nie ganz nur drinnen. Es ist eine doppelte Sicht, ein
Übergang des tragischen Konflikts in die Komplementarität. Die Überwindung des
Konflikts ist vorläufig und paradox. Es gibt weder Rechtfertigung noch
Entrinnen, weder endgültige Versöhnung noch Ausflucht: Das Tragische gehört
zum Wesen des Menschen.
“Ja, dies Ich und des Ich’s
Widerspruch und Wirrsal redet noch am redlichsten von seinem Sein, dieses
schaffende, wollende, wertende Ich, welches das Maß und der Wert der Dinge
ist” (“Zarathustra”, S. 33/34).
“Kol ha’olám kulló, géscher tzar me’ód. Weha’iqár lo lefachéd klal.” Ich
zitiere aus dem Buch von J. Abrams, “The Beginner’s Guide to the Steinsaltz
Talmud”, S. 111
Der “Baum des Lebens” bezieht sich sowohl auf die
sechste Sfira, Tif’eret, “Schönheit”, wie auf die neunte Sfira: Tzaddik, der
Gerechte = Yessod Olam, die Grundlage der Welt = das männliche, zeugende
Prinzip, Phallus, der Fluß des Lebens
Der kleinere Baum, “der Baum der Erkenntnis von
Gut und Böse,” bezieht sich auf die zehnte Sfira, die Shechina, die
göttliche Gegenwart = die Königin oder das Königreich, das empfangende,
weibliche Prinzip
“Ner JHWH nischmát adám/ chofés kol-chadré-váten.”In
der Zwinglibibel: “Der Odem des Menschen ist eine Leuchte des Herrn; sie
durchspäht alle Kammern des Leibes.”
|