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Kinder der Täter:
Söhne und Töchter und ihre Nazi-Väter
Vortrag von Herrn Prof. Walter Pontzen
im Rahmen der Veranstaltung
Vergangenheit
erledigt?
Begegnung der Kinder von NS-Tätern und NS-Opfern
Prof. Dr. Walter Pontzen, Psychoanalytiker
Dirk Kuhl, Lehrer a. D. (Sohn des Gestapochefs von Braunschweig)
Vortrag und Filmvorführung mit anschließender Diskussion
am Mittwoch 06.07.2005 im Dokumentationszentrum
Reichsparteitagsgelände
siehe auch
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges fand die Auseinandersetzung mit
dem Nationalsozialismus und dessen Folgen in Deutschland nur sehr zögernd
statt. Eine Ausgrenzung der Täter und deren Familien war eher die
Ausnahme. Sippenhaftung im eigentlichen Sinne kam im Gegensatz z.B. bei
Kinder holländischer oder französischer Kollaborateure nicht oder nur sehr
selten vor, vielleicht auf dem Hintergrund des dunklen Gefühls der eigenen
Beteiligung. Eine Auseinandersetzung mit den Eltern war somit keine
Auseinandersetzung, die von außen aufgezwungen wurde. Das Leiden der
Kinder von Tätern war kein Leiden, das von der Gesellschaft aufgezwungen
war, sondern eher ein privates Leiden und fand im Familienkreis statt bzw.
fand eben nicht statt. Die Väter, meist handelte es sich ja um die Väter
und nicht um die Mütter, hatten Angst dass ihre Verbrechen öffentlich
würden und sie dafür bestraft würden. Sie hatten Angst vor der äußeren
Strafe aber keine Angst vor der inneren. Schuld- und Schamgefühle traten
wohl eher selten auf. Diese Last, die Last der Schuld- und Schamgefühle
wurde der zweiten Generation aufgebürdet. Während die erste Generation die
Verbrechen begangen hat, leidet die zweite, die Generation der Kinder,
paradoxerweise unter den zu den Verbrechen gehörenden Schamgefühlen. Von
diesen Scham- und Schuldgefühlen der zweiten Generation, der Generation
der Kinder, von den bewussten und unbewussten Bindungen der zweiten zur
ersten Generation wird heute die Rede sein. Nach einer Einführung von etwa
dreißig Minuten Dauer wird Dirk Kühl Teile eines Filmes präsentieren, der
diese Auseinandersetzung mit der Generation der Väter zeigt.
Es ist auffallend, dass es kaum Berichte von Psychotherapeuten über die
Kinder der Täter gibt und es liegt nahe, dass es viel leichter war und ist, sich
mit den Kindern der Opfer zu identifizieren als mit den Kindern der Täter, zu
denen man ja auch gehören konnte und kann. Mit dieser Identifikation mit den
Tätern, wobei es im Kern um die Frage geht, was von den so verbrecherischen
Anteilen der Eltern in einem selbst unerkannt und unbewusst stecken könnte, zu
welchen Taten, sei es in der Phantasie, sei es in der Realität, man selbst in
Extremsituationen in der Lage wäre. Mit diesen möglichen Identifikation mit den
Tätern, mit deren Ideologie, wollte man sich in vielen gesellschaftlichen
Bereichen Nachkriegsdeutschlands nicht auseinandersetzen oder, wenn dies schon
nicht möglich war, wollte man damit möglichst wenig zu tun haben.
Viele Deutsche waren nach dem Krieg zentral in ihrem Selbstwert getroffen und
wehrten mit aller Kraft, die ihnen noch zur Verfügung stand, Verzweiflung und
Depression ab. Um Hitler, den von der Mehrheit der Deutschen doch geliebten
Führer. wurde nicht getrauert. Der Führer und seine Bewegung verschwanden nach
Kriegsende ziemlich spurlos. Wo aber blieb die innere Haltung, die zu dieser
Identifikation mit dem Führer und seiner Bewegung geführt hatte? Diese Haltung
konnte ohne Trauer nicht überwunden und verlassen werden und blieb so, da um
Hitler nicht getrauert wurde, in der Verdrängung weiter wirksam. Zwischen den
Generationen wurde in den Familien die Illusion genährt, dass die eigenen
Familienangehörigen, vor allem der eigene Vater, nichts oder nicht mehr als
andere damit zu tun hatte und sich demnach nichts vorzuwerfen habe. Dies war ja
auch in der Regel die Meinung der Mütter, denen in Abwesenheit der Väter eine
wichtige Funktion zufiel. In der Regel standen sie ideologisch zu ihren Männern,
dies nicht selten unbeirrt über den Tod des Mannes und das Ende des NS-Regimes
hinaus. Schuld- und Schamgefühle und Wünsche nach Wiedergutmachung waren eher
die seelischen Reaktionen der Kinder, die damit auf eine Realität antworteten,
die es in der familiären Wirklichkeit nicht gab. Man kann sagen, dass die Kinder
die verloren gegangenen, geschädigten Über-lch-Anteile ihrer Eltern
repräsentierten. Die Generation der Eltern dagegen hatte sich oft wenig
vorzuwerfen und fand rasch eine neue idealisierte Identifikation, während die
alte, der Führer und seine Bewegung verworfen, abgewertet und verächtlich
gemacht wurde. Mit dieser verdrängten, aber ungebrochenen Grundeinstellung
wurden nun die Geschäfte der Bundesrepublik betrieben, wobei in die Rolle des
idealisierten Anteils die USA und das amerikanische Leben kamen, während der
Kommunismus in der Rolle des verhassten Anteils verblieb, der Judenhass wohl in
der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit ein neues Ventil fand. Wir richteten, so
Margarete Mitscherlich nach dem Krieg, unser arg lädiertes Selbstbewusstsein mit
diesen neuen Identifikationen auf, um uns ein Gefühl der Sicherheit zu
vermitteln, um uns nicht mit dem auseinander zu setzen, was angesichts der
eigenen Anteilnahme an den Geschehnissen des Nationalsozialismus erforderlich
gewesen wäre. Die Kinder der Menschen aber, die die Verbrechen des Hitlerreiches
mit zu verantworten haben, tragen ein Erbe, das ihr Leben und ihre Entwicklung
in vielerlei Hinsicht beeinflusst hat. Dabei spielt vor allem in den Familien
das Schweigen eine große Rolle. Gefühle von Schuld, Scham und Trauer, die von
der Elterngeneration verschwiegen werden mussten, werden jedoch zwangsläufig
unbewusst an die nächste Generation weitergegeben mit der Tendenz, dass viele
Details der Vergangenheit verborgen bleiben. So trifft man auf das Paradoxon,
dass die Vergangenheit des Dritten Reiches als weit entfernt erscheint, weil die
konkreten Erinnerungen daran nicht zugelassen werden, diese aber andererseits
sehr präsent sind in einem Klima von Entlastungsversuchen, Rechtfertigungen und
Mystifizierungen. Dabei haben die Kinder die Last zu tragen, wenn Eltern und
Großeltern die Verantwortung für ihre Lebensgeschichte nicht selbst übernehmen
und sich nicht selbst damit auseinandergesetzt haben. Daher war und ist in der
ersten Generation die Auseinandersetzung mit den abgewehrten Scham- und
Schuldgefühlen und deren Unerträglichkeit vernachlässigt, die, würden sie
zugelassen, Zustände von Hilflosigkeit, Verzweiflung und Trauer hervorrufen
würden. Trauer kann sich aber nur in der mitfühlenden und qualvollen Ambivalenz
der Zwiespältigkeit zwischen Liebe und Hass, in dem wechselvollen Prozess von
Idealisierung und Entwertung vollziehen, bis sie mit dem Verzicht auf
Vollkommenheitsansprüche überwunden wird und enden mag. Diese Auseinandersetzung
mit der qualvollen Ambivalenz von Liebe und Hass, von Zuwendung und Abneigung,
von Idealisierung und Entwertung, von Auflehnung und Unterwerfung gegenüber dem
nationalsozialistischen Regime fand nach dem Krieg in Deutschland aber nicht
statt. Sie wurde von der ersten Generation verschwiegen. Dabei ist nicht selten
zu beobachten, dass das, was von den Eltern verschwiegen wird, von den Kindern,
deren Neugierde nicht befriedigt worden ist, mit Phantasien über das
tatsächliche oder vermeintliche Fehlverhalten der Eltern. aber auch mit
Phantasien über ein Verhalten, auf das die Kinder stolz sein könnten,
ausgestaltet wird. So beschreibt Malte Ludin in seinem beeindruckenden Film
„Zwei, drei Dinge, die ich über ihn weiß", dass in der Enkelgeneration seines
Vaters, der nach dem Krieg in der Tschechoslowakei hingerichtet wurde,
Phantasien vorherrschend war, dass ihr Vater bzw. ihr Großvater ein
Widerstandkämpfer im Dritten Reich gewesen sei und kein überzeugter
Nationalsozialist, der in hoher Funktion Kriegsverbrechen begangen hat.
Die positive Identifikation mit den Eltern und damit verbunden das eigene
Selbstwertgefühl sind dann ziemlichen Irritationen ausgesetzt und nicht selten
weitgehend gestört. Die zweite Generation, die der Kinder, repräsentiert dabei
aber nicht nur das lebende schlechte Gewissen der Täter. Soweit sie ihre Väter
geliebt haben - und dies war ja sicherlich auch der Fall, da es ja auch dankbare
und liebenswerte Erinnerungen an die Väter gibt, die man dann oft nicht mehr
wahrhaben möchte j geriet diese Generation mir ihren eigenen Wünschen in
Konflikt sich diese liebenswerten und dankbaren Erinnerungen an den Vater zu
erhalten. Man wollte das Bild vom guten Vater wenigstens teilweise retten, z.B.
dass der Vater doch nicht so viel wusste, dass er nur Befehlsempfänger war dass
andere, denen der Prozess nicht gemacht wurde viel schlimmer waren, oder durch
die Phantasie, dass der Vater in letzter Minute (vor seiner Hinrichtung) doch
noch bereut habe und innerlich umgekehrt sei. Dies zeigt das große Bedürfnis,
das verständliche Bedürfnis, sich angesichts des Holocaust der Reste eines guten
Vaters zu versichern. Lutz Rosenkötter meint, dass nach seiner Erfahrung die
Unmöglichkeit, ein integres elterliches Ich-Ideal zu übernehmen, sich mit den
Eltern zu identifizieren, was den Kindern der Täter kaum möglich war, zu Mängeln
in der Persönlichkeitsentwicklung führe, die sich äußern in einer großen
Selbstunsicherheit, einer großen Schamanfälligkeit und einer mangelnden
Fähigkeit, innerlich zu den eigenen Wertvorstellungen zu stehen und sie
nachhaltig zu vertreten. Diese Konstellation entstehe besonders dann, wenn die
Eltern in vergeblicher Selbstrechtfertigung offen oder geheim an ihrem Ideal, an
ihrer nationalsozialistischen Ideologie festhalten und es den Heranwachsenden
nicht gelingt, sich innerlich von ihnen zu lösen.
Und nun ein Fallbeispiel:
Ein 50-jähriger Mann wuchs mit seiner Mutter und einem 1 J. jüngeren Bruder nach
der Flucht aus Polen in einem kleinen Dorf, wie er mir im Laufe des
psychotherapeutischen Prozesses sagte, in Angst und Schrecken auf. Es sei immer
eine Art Spießrutenlaufen gewesen. Man hätte sie ständig beschimpft. Seinen
Vater, einen Arzt aus einer Münchner Fabrikantenfamilie, habe er nicht gekannt.
Dieser sei in der SS gewesen, was er eher zufällig 18-jährig erfahren habe. Sein
Vater sei 1946 von den Amerikanern an die Polen aus ihm nicht bekannten Gründen
ausgeliefert worden und sei dort, wie die Mutter ihm berichtete, an einer
Lungenentzündung gestorben. Aufgewachsen sei er mit einem Bild des Vaters, das
ihm die Mutter vermittelte, eines Arztes, der sich für seine Patienten
aufopferte. Als Kind hatte er immer wieder einen Traum, der ihn sehr
erschreckte. Irgendetwas kommt auf mich zugeflogen und zerstört alles.
Als die Mutter die Nachricht vom Tod des Vaters erhalten habe, sei sie, daran
könne er sich genau erinnern, schreiend aus dem Haus gelaufen und er habe,
3-jährig, in größtem Entsetzen angenommen, sie komme nicht wieder zurück. In der
Folgezeit habe sich bei ihm ein Gefühl festgesetzt, er müsse seine Mutter immer
beschützen. Er habe an ihr und sie wohl auch an ihm in einer unglaublichen Art
und Weise gehangen. Er durchlief ohne Mühe Gymnasium und Universität, erwog
vorübergehend eine Hochschullaufbahn, nahm aber dann wegen seiner Frau, die er
in hohem Maße wie seine Mutter idealisierte, eine Stelle beim Staat an. Als
seine Frau ihn und die beiden Kinder nach 10-jähriger Ehe verließ, was für ihn
völlig überraschend kam, wohl auch, weil er das Fragen nie gelernt hatte, brach
er zusammen, entwickelte, um Angst und Trauer von seinem Bewusstsein
fernzuhalten, eine psychosomatische Erkrankung, mit der er über einige Jahre von
Arzt zu Arzt ging. In die Psychotherapie kam er aber nicht nur wegen dieser
therapieresistenten körperlichen Beschwerden, sondern auch, weil er in
zunehmendem Maße Auseinandersetzungen mit vor allem männlichen Vorgesetzten
hatte, die er immer wieder als autoritär und willkürlich erlebt hatte, bei denen
er nationalsozialistisches Gedankengut festmachte und sich mit ihnen heftigst
anlegte, was ansonsten überhaupt nicht seine Art war.
Als wohl wesentliches auslösendes Moment für seine körperliche Symptomatik
ist das Verlassenwerden von seiner Frau zu sehen, das seine entsetzliche Angst
wiederbelebte, als seine Mutter bei der Nachricht vom Tod des Vaters schreiend
aus dem Haus lief und er die Befürchtung hatte, sie komme nicht mehr zurück. Er
hatte Zeit seines Lebens alles getan, damit diese Angst sich nicht realisierte
und war so in einer kindlichen Abhängigkeit von seiner Mutter verblieben, in der
sie ihn auch hielt, wohl um mit ihm als narzißtisches Selbstobjekt, als Prothese
ihre narzißtische Wunde und Verletzung durch den Tod ihres Mannes zu
überbrücken. Er fühlte sich als der ältere Sohn in der Position des verstorbenen
Vaters. Seine bewusst erlebte Sorge und das Gefühl, seine Mutter und seine Frau
immer beschützen zu müssen, entstammte dem von der Mutter vermittelten Bild des
Vaters, das jedoch einen ersten Riss erhalten hatte, als er 18-jährig erfuhr,
dass sein Vater Mitglied der SS war, ohne dass dies jemals Gespräch war zwischen
ihm, seinem Bruder und seiner Mutter. Auffallend war lediglich, dass er zu
antithetischen Idealbildern neigte und sich statt mit seinem Vater mit seinen
Vorgesetzten auf einer rationalisierenden und intellektualisierenden Ebene
anlegte. Auf der Suche nach einer Vaterfigur, die er wieder wie früher seinen
Vater idealisieren konnte, traf er in seiner unbewussten antithetischen Haltung
zum Vater bei einem Auslandsaufenthalt auf einen emigrierten jüdischen
Wissenschaftler, den er seither verehrte mit der Intensität, mit der er früher
seinen Vater bewundert hat. Daneben, davon abgespalten, blieb aber weiterhin die
Identifikation mit dem väterlichen Ich-Ideal bestehen, so in seiner Einstellung
zu seiner Mutter, in seiner Einstellung zu seinen Kindern und auch in der
Besessenheit, mit der er bestimmte Ziele wie der Vaters verfolgte.
Es war ein merkwürdiger und auffallender Bruch in seiner Persönlichkeit und
in seinem Verhalten, so als ob er zwei Väter, den emigrierten jüdischen
Wissenschaftler und seinen leiblichen Vater verinnerlicht hätte und zu seinen
eigenen Wertvorstellungen nicht gekommen sei. In den ersten Therapiestunden
schon ergab sich dann die tiefe Verstrickung seines Vaters in den
Nationalsozialismus. Ihm fiel auf, dass seine Mutter ihm vor vielen Jahren, als
er 18 J. alt war, berichtete, sein Vater sei von den Amerikanern an die Polen
ausgeliefert worden - und dies zu Zeiten des Kalten Krieges 1946. Er meinte
dazu, er habe das eigentlich immer irgendwie gewusst, er habe nur nicht daran
gedacht. Er versuchte, von seiner Mutter mehr zu erfahren, die jedoch an der
Idealisierung des Vaters festhielt und nicht bereit war, mit ihm über die
Vergangenheit des Vaters in einer anderen Art und Weise als bisher zu
diskutieren. Sie hielt die Illusion aufrecht, dass der eigene Vater nicht, oder
nicht mehr als andere, mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte, und dass er
sich nichts vorzuwerfen habe. Was ausblieb und ausbleiben musste waren
Reaktionen von Scham, Schuld, Reue und Wünschen nach Wiedergutmachung. Dies traf
meinen Patienten in der zweiten Generation, die sich eigentlich nichts
vorzuwerfen hatte. Vielleicht ist es für die Mütter ja auch außerordentlich
schwierig, sich der Realität ihrer Männer, der Täter zu nähern, da sie diese ja
auch einmal geliebt haben oder noch immer lieben, und es ist für sie
erforderlich, diese Ambivalenz zwischen tiefer Abneigung und intensiver
Zuwendung aushalten zu können. Zudem ist es ja auch mit sehr viel Scham
verbunden, den Kindern nicht einen „guten" Vater präsentieren zu können, sondern
einen Vater präsentieren zu müssen, der im Nationalsozialismus schlimme
Verbrechen verübt hat. Eine gemeinsame Trauer hätte die zweite Generation aber
nicht nur von der unerträglichen Last der alleinigen Trauer, Schuld, Scham und
Reue ein Stück weit befreit, sie hätte auch die Wand zwischen den Generationen
niederreißen und dann wieder anknüpfen können an die eigenen guten Erfahrungen
mit den Vätern neben den schrecklichen Verbrechen, worauf Hardtmann hinweist.
Da seine Mutter dazu jedoch nicht in der Lage war und er von ihr keine
Antworten erhielt, begann er Nachforschungen anzustellen, fand die Korrespondenz
seines Vaters aus der Gefangenschaft mit seiner Mutter im Keller des Hauses und
entdeckte voller Schuldgefühle und voller Scham, dass sein Vater sich von 1942
bis 1945 als Arzt auch in Konzentrationslagern aufhielt und an Selektionen
teilnahm, nach dem Krieg von den Amerikanern inhaftiert wurde, nach Polen
ausgeliefert und dort zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war. Er fand
auch den Abschiedsbrief den der Vater kurz vor seiner Hinrichtung verfasste, ein
erschütterndes Dokument:
«12.30 Uhr. Liebes Weib. Um 15 Uhr darf ich für die Weltanschauung sterben,
für die ich gelebt habe. Das ist etwas Schönes und Grosses. Sei nicht traurig.
Ich bin es auch nicht. Ich weiß, dass Du an mich glaubst, und so brauche ich
über den Prozess nichts zu erzählen. Ich weiß, dass der Weg ins Licht für Euch
alle in naher Zukunft ist, so dass mein Opfer nicht umsonst ist. Dir will ich
nur sagen, dass ich Dich über alles geliebt habe und mein letzter Wunsch ist,
dass Du diesen Schlag überwindest und bald ein menschenwürdiges Dasein fuhren
kannst, wie Du, mein Sonnenkind, es verdienst. Das gleiche gilt für meine
Kinder. Die Kinder erziehe in meinem Sinne. Bedenke immer, worin sie gesunde
Wurzeln schlagen müssen. Nochmals sei nicht traurig. Alles in der Geschichte hat
seinen Sinn, kein Opfer ist vergebens, wenn es moralisch begründet ist. Ich bin
ruhig und denke an die tausende Opfer unserer Soldaten, von denen ich
hoffentlich eines der letzten bin, die für den Führer alles hergaben. Meine
große Liebe zu Dir und zu meinem Volk ist mein Vermächtnis. Ich grüsse Euch und
glaube als sauberer, aufrechter, gottgläubiger Mensch an Eure Zukunft. Treibt
keinen Kult mit meiner Asche. Ich lebe nicht in ihr, sondern in unseren Kindern.
Dein F. »
Voller Schuldgefühle und Schamgefühle setzte er sich mit dieser ihn
erschütternden Realität seines Vaters auseinander und es dauerte eine lange
Zeit, bis er die Idealisierung seiner Mutter und seines Vaters aufgeben und das
Gefühl des Verlustes über diese Idealisierung aushalten konnte. Es war ihm dann
möglich, von seiner Besessenheit, von dieser seiner eigenen Destruktivität zu
lassen und er wurde milder gegenüber seinen Kindern, seinen Freunden und nicht
zuletzt gegenüber sich selbst.
Sein Bruder nahm einen anderen Weg. Er blieb wie die Mutter bei der
Verleugnung der Verstrickung des Vaters in die NS-Verbrechen. Nach seinem
wirtschaftswissenschaftlichen Studium ging er nach Südamerika, wohin sein Vater
mit seiner Mutter und den Kindern nach dem Krieg fliehen wollte, machte dort
eine ansehnliche Karriere, verkehrte in deutschen Clubs und hat die Beziehung zu
seinem Bruder weitgehend abgebrochen. Auch die Briefe seines Vaters, die er
seinem Bruder nach Südamerika schickte, konnten diesen nicht überzeugen. Er
wollte sich nicht den Schuldgefühlen, den Schamgefühlen, der Depression und
Verzweiflung aussetzen. Vielleicht vermittelt er seinen Kindern nun die
Idealisierung des Vaterbildes, mit dem er selbst identifiziert ist und
vielleicht gelingt es diesen Kindern einmal, sich von diesen Idealisierungen zu
befreien, den Bruch der Generationen zu überwinden und eine neue Humanisierung
ihres Selbst zu erreichen.
Literatur:
Bar-On D: Die Last des Schweigens: Gespräch mit Kindern von Nazitätern.
Frankfurt am Main, Campus-Verlag, 1993.
Bar-On D: Den Abgrund überbrücken. Hamburg, Körber-Stiftung, 2000.
Becker H, Becker S: Die Legende von der Bewältigung des Unerträglichen.
Psychosozial 1989;36:44-54.
Hardtmann G: Begegnung mit dem Tod: Die Kinder der Täter. Psychosozial
1992;51:42-53.
Hardtmann G: Die Schatten der Vergangenheit; in Bergmann MS, Jucovy ME,
Kestenberg JS (Hrsg):
Kinder der Opfer, Kinder der Täter: Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt am
Main, S. Fischer,
1995, pp 239-264.
Mitscherlich-Nielsen M: Die Notwendigkeit zu Trauern. Psyche 1979;33:981-990.
Rosenkötter L: Die Idealbildung in der Generationenfolge; in Bergmann MS,
Jucovy ME, Kestenberg JS (Hrsg): Kinder der Opfer, Kinder der Täter:
Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt am Main,
Fischer, 1995, pp 209-216. |