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Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.  


 


Vergangenheit erledigt?

Begegnung der Kinder von NS-Tätern und NS-Opfern

Prof. Dr. Walter Pontzen, Psychoanalytiker
Dirk Kuhl, Lehrer a. D. (Sohn des Gestapochefs von Braunschweig)

Vortrag und Filmvorführung, anschließende Diskussion

am Mittwoch, 06.07.2005 19:30 Uhr

Ort der Veranstaltung: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

siehe auch


Herr Dirk Kuhl hat uns freundlicherweise die folgenden Informationen aus seinem Leben und zu seiner wichtigen Arbeit zur Verfügung gestellt, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen.

Vergangenheit erledigt?

Die Folgen der Zeit von 1933 bis 1945 sind bis heute spürbar, vor allem in unserer Kultur, Lebenshaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und ... Familiengeschichte.
 

Deshalb zuvor einige biografische Daten:

Mein Name:

Dirk Kühl geboren 1940 in Hamburg

 

 

Beruf:

Lehrer a. D.

 

 

Mutter:

Kauffrau, protestantisch pietistische Fabrikantenfamilie

 

 

Vater:

Jurist, alte Beamtenfamilie, machte Karriere in der SS-Hierarchie, zuletzt Chef der Gestapo in Braunschweig (u. a. zuständig für Zwangsarbeiter in Salzgitter). Wurde nach Kriegsende wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt, 1948 zum Tode verurteilt und durch die britischen Militärbehörden hingerichtet.

 

 

Ehefrau:

Meine Frau, 1994 verstorben, war eine Jüdin aus der Ukraine ,wo sie als Kind von 3 bis 4 Jahren die Ausrottungen u. a. mit Hilfe eines deutschen Offiziers im Versteck überlebte. Sie verbrachte die Nachkriegszeit in Polen und Israel und kam 1965 nach Deutschland.

 

 

In beiden Familien wurde in der verschiedensten Weise und unterschiedlicher Hartnäckigkeit geschwiegen. Das wollten wir in unserer Ehe nicht beibehalten.

Die Arbeit mit unseren Vergangenheiten versetzt mich heute in die Lage in der Öffentlichkeit über unser unseliges Erbe zu sprechen.

Ich möchte dies vor allem mit der sogen. 3. Generation tun. Es geht dabei nicht um Faktenvermittlung, sondern um die Begegnung mit Zeitzeugen. Es geht um die Durchbrechung des Schweigens und den Gewinn den man daraus zieht.

Ich bin grundsätzlich dazu bereit, jede Frage zu beantworten. Die Befähigung dazu erwarb ich in einer Gruppenarbeit mit Menschen gleichen Hintergrundes und, in Erweiterung dessen, mit Kindern niederländischer Kollaborateure. Betreut wurden wir von einem Professor aus Israel, der sich als erster überhaupt um Menschen meiner Generation und unserer Problematik gekümmert hat.

Es folgte die Arbeit in Schulen, hernach in internationalen Gremien und Medien.

Außerdem besteht eine Zusammenarbeit mit Kindern der Opfer in den USA, Israel und Großbritannien.

Neuerdings besteht ein Austausch mit Nordirland und Palästina. Es geht dabei auch um die Frage, wie und ob unser Modell der Konfliktbewältigung auf andere Konstellationen übertragbar ist.

 

Meine Schwerpunktthemen sind:

1) Der Einfluss von „solchen" Vätern (Müttern) auf die nachfolgenden Generationen.

2) Die Frage, was totalitäre Regime für viele attraktiv machte und macht und die Folgen für das jeweilige Land

3) Inwieweit ist Verdrängung schädlich oder auch notwendig, sowohl politisch wie persönlich.

4) Wie wirken sich falsche Scham, Instrumentalisierung der Opferrollen, und Transgenerationelle Übertragung aus?

5) Ist es möglich, ohne zu verurteilen, Stellung zu beziehen, ja sogar eventuell hinter den Tätern den Menschen (bzw. was davon noch übrig ist) zu sehen?

6) Kann man lernen, das Leid des anderen zu sehen und bedeutet Bearbeitung Befreiung?

 

Das neue Jahrtausend hat brutal gezeigt, wie aktuell das Thema ist, von dem ich einmal glaubte, es werde Vergangenheit bleiben.

 

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Stand: 18.06.10