Müde, erschöpft, ausgepowert, schlapp und kaputt, „reif für die Insel“.
Wir alle kennen solche Momente in unserem Leben. Wir kennen den tiefen
Seufzer der Erschöpfung, den flehenden Gedanken, dass jetzt nichts mehr
kommen darf, weil nichts mehr geht. Häufig genügt jedoch bereits ein
freier Abend, ein Wochenende, ohne berufliche oder private
Verpflichtungen und der lang herbei gesehnte Urlaub, um neue Kräfte
aufzutanken. Nach einer kurzen Erholungspause machen wir uns wieder
gestärkt an die Arbeit.
Was geschieht aber, wenn wir dauerhaft und
über weite Strecken großen Belastungen und ständigem Leistungsdruck
ausgesetzt sind? Was passiert, wenn keine Pausen zur Verfügung stehen
und die alltäglichen Erholungszeiten nicht ausreichen, wenn wir keinen
Abstand finden oder uns keinen erlauben können?
Die Akkus werden leer, wir laufen Gefahr, auszubrennen. Wir befinden
uns auf dem besten Wege in ein Burn Out – wie es die Fachsprache nennt.
Sven Hannawald ist ein prominentes Beispiel dafür in unserer Zeit.
Als erfolgreiche und leistungsbereite Persönlichkeit galt er über Jahre
als Garant für sportliche Höchstleistungen im Skispringen – bis eine
längeranhaltende Ermüdung seiner Karriere ein Ende bereitete.
Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte und Krankenschwestern, Pfarrer, Mütter
und Erzieher, pflegende Angehörige, aber auch erfolgreiche Unternehmer
und leitende Angestellte, ja Angehörige aller Berufsgruppen können
ausbrennen. Bevorzugt werden Berufsgruppen betroffen, deren
Haupttätigkeit die Arbeit an, für und mit Menschen ist.
Aber auch ein enger institutioneller Arbeitsrahmen in Institutionen,
Ämtern und Behörden kann die Entwicklung des Ausbrennens fördern,
genauso wie dauerhaft überfordernder familiärer oder beruflicher Stress.
Durch das ständige „unter Strom stehen“ und durch den Druck, an den
vielfältigen Fronten gleichzeitig kämpfen und siegen zu sollen und zu
wollen, kommt es zu einem allmählichen Motivations- und Kräfteverlust.
Man fühlt sich körperlich und seelisch ausgelaugt, ausgezehrt und
verbraucht. Allmählich schleichend oder auch plötzlich und überraschend
tritt eine dauerhafte Ermüdung auf den Plan, die zu einem
unerklärlichen Leistungsabfall führen kann. Vom Burn Out betroffene
Menschen beginnen am Sinn ihres Tuns zu zweifeln. Sie empfinden ihrer
bisher geleisteten Tätigkeit gegenüber häufig nur noch eine verminderte
Wertschätzung. Gefühlsmäßig und körperlich können Missstimmungen,
Erschöpfungszustände, depressive Schwankungen, Kraftlosigkeit,
Schlaflosigkeit, innere Unruhe und nervöse Unkonzentriertheit in
Erscheinung treten. Die Anfälligkeit von körperlichen Erkrankungen nimmt
zu.
Welche Umstände und Zusammenhänge begünstigen den Weg ins Burn Out?
Wie können wir heute leben und arbeiten, ohne auszubrennen?
Der Psychologie als „Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen“
beobachtet und beschreibt menschliche Erfahrungen und Entwicklungen. Die
Tiefenpsychologie befasst sich auf dem Hintergrund von
lebensgeschichtlichen Erfahrungen mit inneren Konflikten und unbewussten
Themen, die das Erleben und Verhalten mitsteuern. Beide Ansätze,
verbunden mit der Berücksichtigung spiritueller Themen und deren
alltagsprägenden Auswirkung empfehlen sich für die Analyse des
Ausbrennens.
K. Lewin entwickelte
bereits 1936 die Formel, dass
jedes Verhalten eine Funktion des „Lebensraumes“ ist (V = f (L) ).
Lebensraum bedeutet dabei „die Gesamtheit aller für ein Individuum
relevanten Gegebenheiten zu einer bestimmten Zeit.“[1]
Zum Lebensraum gehören das Individuum selbst, als Person mit allen
Merkmalen, sowie die Umwelt in der Bedeutung, wie sie von diesem
Individuum erlebt wird. Deshalb findet man auch die Formel V = f (P/U),
wobei V das Verhalten, P die Person und U die Umwelt bzw.
Umfeldbedingungen ausdrückt.
Die Entwicklung des Ausbrennens zeigt sich nach Innen und Außen, auf
der Erlebens- und auf der Verhaltensebene. Sie wird von Innen und von
Außen gespeist. Fragen wir deshalb nach dem „Lebensraum“, in dem es zum
Burn out kommen kann,
nach den individuellen und persönlichen Gegebenheiten und
nach den Umfeld- und Rahmenbedingungen, den Rollenerwartungen und
Arbeitsbedingungen in unserer Zeit. Und fragen wir
nach Ansätzen und Haltungen, die das Ausbrennen verhindern bzw.
mindern können.
1. Lebensgeschichtliche und persönliche Aspekte
„Was der Mensch heute ist, ist er gestern
geworden“, besagt ein allgemein bekanntes Wort aus der
Entwicklungspsychologie. Bei der Aufarbeitung der lebensgeschichtlichen
Aspekte von Burn Out betroffenen Menschen zeigt sich in der
psychotherapeutischen Arbeit häufig derselbe Befund. Sie waren bereits
in der frühen Kindheit lang anhaltenden, manchmal dauerhaften
Überforderungen ausgesetzt. Die zum Teil unbewusste Langzeitwirkung des
„familiären Schicksals“ ist augenfällig. Von der Geschwisterposition her
scheinen die Ältesten, die Einzelkinder, aber auch die Kleinsten und
Jüngsten besonders gefährdet zu sein: die Ältesten, wenn von klein an
vornehmlich Vernunft, Besonnenheit und Verantwortlichkeit von ihnen
erwartet werden, die Einzelkinder, wenn sie die Gesamtheit aller
Zielsetzungen und Erwartungen der Eltern und der Familie verwirklichen
sollen, die sich sonst auf mehrer Geschwister verteilen, und die
Jüngsten, wenn sie sich bei der Überwindung des kränkenden Anteils der
Rolle des Nesthäkchens, nämlich des Minderwertigkeitsgefühls, permanent
überfordern. Menschen, die sehr bzw. zu früh lernen, Verantwortung von
und für Erwachsene zu übernehmen, scheinen ihr Leben lang betroffen.
Ihre Wahrnehmung ist auftragsorientiert, sie hören mit dem „Appellohr“[2].
Besonders die Generation der Erwachsenen, die während des zweiten
Weltkriegs oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit geboren wurde, ist
von der sogenannten „Parentifizierung“ betroffen. Der Not gehorchend
hat sie früh gelernt, die eigene Bedürftigkeit zurückstellen und ihre
Kindheit gleichsam zu überspringen. Viele lebensgeschichtliche
Verletzungen, traumatische Erfahrungen und Kränkungen vernarben zwar mit
der Zeit und werden vergessen. Die tiefenpsychologisch bekannten
Bewältigungsmechanismen der Verdrängung, der Identifikation und
Introjektion, der Rationalisierung und Idealisierung, sowie der
Affektverleugnung helfen dabei. Die früh abverlangten Leistungserfolge
können allerdings zusammen mit einem hungrigen Anerkennungsbedürfnis
eine kraftvolle Allianz bilden. Der Mensch bleibt bis ins Alter hinein
ein „ruheloser, umtriebiger Jäger und Sammler“, ist ständig auf der
Suche und auf der Flucht. Unter Missachtung der eigenen Leistungsgrenzen
hält er Ausschau nach „optimalen Erträgen und reiche Beute“ – z.B. nach
Sicherheit und Anerkennung.
Andererseits kann gerade im Dienst am
Menschen, d. h. beim beruflichen Umgang mit der Bedürftigkeit anderer,
die eigene ungestillte Sehnsucht wieder wach werden. Mit ein
wesentlicher Grund dafür, dass im sozialen Bereich tätige Menschen so
oft ausbrennen, ist die Tatsache, dass die unbewussten
Versorgungswünsche auf Dauer eben nicht altruistisch abgetreten werden
können, sondern in der Begegnung mit der Bedürftigkeit anderer wieder
aufbrechen. Beim Zuschauen, wie andere essen, wird man eben nicht satt,
wenn man selbst innerlich hungrig ist.
Wenn bereits kleine Veränderungen im
Arbeitsauftrag oder eine dienstlich erforderliche Versetzung in eine
andere Abteilung als unzumutbare Belastung empfunden werden und
unerwartete psychische und somatische Reaktionen mit Krankheitswert
hervorrufen, zeigt sich darin eben auch unsere verborgene
Primärbedürftigkeit. Reaktive Symptombildungen in Stresssituationen
werden erst verstehbar, wenn die aus der frühen Kindheit latent
vorhandene, ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit und die Angst vor
dem „Vertriebenwerden“ in den Blick kommt. Sie verwandelt sich, wenn die
gekränkte Seele sich artikulieren darf und eine neue Beheimatung in sich
findet.
Bei vielen Burn Out – Patienten sind von
Geburt an lebensnotwendige und entwicklungsgemäße Grundbedürfnisse nach
Sicherheit und Zugehörigkeit, nach Geborgenheit und Zuwendung, nach
Anerkennung und Geltung in einer einseitigen, zu starken Weise versagt
worden. Manche haben leidvoll erfahren, dass ihr Bedürfnis nach
körperlicher Unversehrtheit und Distanz nicht gewahrt wurde. Schutzlos
ausgeliefert, konnten sie nicht lernen, sich angemessen zu schützen,
rechtzeitig nein zu sagen und vertrauensvolle, unterstützende
zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen.
Durch die frühen Rollenfixierungen
entstehen psychologisch betrachtet bis ins späte Erwachsenenalter hinein
einseitige Bewertungen und Gewichtungen, vor allem aber Ängste:
Angst vor Autoritäten: Ein anspruchsvoller
Chef wird zum „inneren Antreiber“ bzw. der „verinnerlichte Antreiber“
wird auf den Vorgesetzten projiziert.
Angst vor Spannungen, vor Streit und
Konflikten, vor Konfrontation.
Die Haltung, sich selbst durch besondere
Anstrengung und Leistung die Erfahrung des Geliebtwerdens und die
Daseinsberechtigung erst verdienen zu müssen. Ein mangelndes
Selbstwertgefühl verstärkt die verinnerlichte „Liebe – Leistungsschiene.
Eine allgemeine depressive Stimmungslage:
Aggressivität wird eher versteckt und indirekt im Beklagen, Nörgeln und
Lästern über andere bzw. im Entwerten der eigenen Person geäußert. Burn
Out – Gefährdeten mangelt es häufig an „taktvoller Direktheit“. Sie
können sich nicht angemessen wehren.
Eine Anfälligkeit für psychosomatische
Reaktionen. Die Ungeübtheit, Gefühle wahrzunehmen und eine mangelnde
Fähigkeit, sie auszusprechen (Allexithymie) führen bei einem
entsprechenden somatischen Entgegenkommen (Disposition) zur
Chronifizierung.
Gerade dieser Punkt darf nicht unterschätzt
werden. Unsere menschliche Natur wurde in der Schöpfungsordnung mit
einer segensreichen Gabe ausgerüstet. Wir sind von Natur aus in der
Lage, uns mitzuteilen und uns selbst wahrzunehmen. Ob Hunger, Schmerz,
Müdigkeit, Erschrecken, Freude, Interesse, Lust, Aufmerksamkeit u. v. a.
m. – ein Kind zeigt seine Bedürftigkeit unmittelbar und spontan, und
meist sehr direkt indem es schreit, weint, lächelt, Kontakt aufnimmt,
unruhig oder ruhig wird und sich motorisch bewegt. Und hier greift
wieder das „familiäre Schicksal“ ein. Es macht eben einen Unterschied,
wie die familiäre Umwelt mit den Spontanreaktionen umgeht, ob sie
gehört, erhört und verstanden werden, oder unterbunden, unterdrückt und
missachtet. Im günstigen Fall führt die Signalsendung zu einer
angemessenen Reaktion der Eltern, die Bedürftigkeit wird gestillt. Im
ungünstigen Fall bleiben Notsignale dauerhaft ungehört bzw. sie werden
uminterpretiert. Burn Out – Patienten gehen mit ihren Körpersignalen
bzw. mit ihren Gefühlen nicht selten ähnlich um. Körperliche und
emotionale Erschöpfungs- und Ermüdungssignale werden missachtet. Der
Kontakt zum „inneren Erfahrungsraum“ bricht ab. Beunruhigende, ja
besorgniserregende Impulse werden nach dem Motto: „Wie es da drinnen
aussieht, gehört niemandem etwas an!“ kontrolliert und zurückgehalten.
Ungeübt in der Beziehungssprache fehlt es ihnen an angemessenen
Verbalisierungsmöglichkeiten. Der Körper aber ist ehrlich. Beruflich
bzw. familiär gestresste Menschen erkennt man nicht selten daran, dass
sie einen verkürzten Brustmuskel haben. Sie wirken belastet, beladen und
gebeugt. Aufrichtung, Unbeschwertheit, Durchlässigkeit der Energie und
ansteckende, freudige Lebendigkeit gehen selten von ihnen aus. Wieder
andere wirken nervös, unruhig und zerfahren, es ist anstrengend in ihrer
Nähe.
Wie aber kommen wir in Kontakt mit unserem
„inneren Erfahrungsraum“. Zugang zu uns selbst und zum inneren Erleben
ist möglich über die Wahrnehmung unserer Körperempfindungen, über die
achtsame Wahrnehmung unserer Stimmungen oder Gestimmtheiten, unserer
Affekte, Gefühle und Grundbefindlichkeit – also über den gesamten
emotionalen Bereich, hinzu kommen unsere Träume, die sich als Tag- oder
als Nachtträume einstellen können, die inneren Bilder und Imaginationen,
sowie über unsere persönlichen Gedanken. Viele – vor allem auch belesene
und studierte Menschen – können besser sagen, was bestimmte Autoren und
Fachleute, was irgendwelche Autoritäten oder einfach die Nachbarn
denken, als was sie selbst denken. Sie sind zuwenig mit dem in
Berührung, was ihnen durch den Kopf geht bzw. was sie gedanklich bewegt,
ganz zu schweigen vom emotionalen und körperlich, somatischen Bereich.
Sprachlich mangelt es Burn Out Betroffenen an der Fähigkeit, auf den
verschiedenen Ebenen der Selbsterfahrung von sich und über sich
zusprechen oder anders ausgedrückt: Sie senden zuwenig Ich-Botschaften,
in denen sie sich als Subjekt mitteilen und zeigen.
Die Unterbrechungslinien sollen schematisch
darstellen, dass der Zugang zur Selbstwahrnehmung und die expressiven
Möglichkeiten eingeschränkt bzw. ganz unterbrochen sein können.
Die individuelle Lerngeschichte, das
familiäre Schicksal und das Triebschicksal fördern die Ausfaltung
bestimmter Lebensbotschaften und Lebensthemen. Die verinnerlichten und
überwiegend unbewussten Lebensbotschaften waren und sind für einen
gewissen Lebensabschnitt lebensnotwendig und sinnvoll, ja sie sichern
das Durchkommen und Überleben. Der die eigene Natur überfordernde,
einseitige Anteil muss jedoch erkannt und weiterentwickelt werden. In
der modernen Computersprache heißt dies: „Das bisherige (Lebens-)Programm
braucht eine Aktualisierung. Ein Update ist notwendig.“ Das ist der
tiefere Sinn mancher Krankheit und einer Erschöpfungsreaktion.
Lebensbotschaften, die gefühlsmäßig
aufgeschlossen und fortgeschrieben werden müssen, sind zum Beispiel: „Du
darfst nur leben, wenn du dich anpasst und fügst. Du darfst nur leben,
wenn du Leistung bringst und Erfolg hast. Du darfst nur leben, wenn du
deine Gefühle unterdrückst, deine Wut, deine Angst, deinen Hass, dein
Misstrauen, deine Schuldgefühle.“[3]
Darüber hinaus können bestimmte
Lebensprinzipien, Lebensthemen und Schlüsselworte ermüden und in die
Krankheit führen:
Du wirst nur geliebt, wenn Du Dich anpasst und fügst!
Du bist nur akzeptiert, wenn Du Leistung bringst und Dich anstrengst!
Du bist ein guter Mensch, wenn Du Deine Gefühle beherrschst!
Leiste was, dann bist Du was!
Sei erfolgreich und tüchtig!
Arbeit ist das ganze Leben!
Sei nur für andere da!
Liebe Deinen Nächsten über alles, nur nicht Dich selbst!
Schaffe es um jeden Preis!
Halte Dich zurück und passe Dich an!
Gelobt sei was hart macht!
Beiß die Zähne zusammen!
Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!
Sich regen bringt Segen!
Erst die Arbeit, dann das Spiel!
Ohne Fleiß kein Preis!
Ein Junge darf nicht weinen, ein Indianer kennt keinen Schmerz!
Am Abend wird der Faule fleißig!
Vögel, die am Morgen singen, holt am Abend die Katze!
Wo ein Wille, da ein Weg!
[4]
Da diese Botschaften und Einstellungen auf
Dauer mut- und kraftlos machen, müssen sie erkannt, erspürt,
hinterfragt, verabschiedet oder ergänzt werden:
Fragen wir uns selbst einmal zwischendurch:
Wie lautet mein Lebensmotto? Welche Formulierung kommt mir bekannt vor?
Inwieweit kann mich mein Lebensmotto vor dem Burn Out schützen?
Inwieweit beinhaltet es ein Gefährdungspotential für die Entstehung
einer Ermüdung? Wie muss das Lebensmotto ggf. ergänzt werden?
Es geht darum, das unbewusste
Lebensprogramm zu entschlüsseln und zu erweitern. Häufig heißt dies
nichts anderes, als in einer guten „väterlichen und mütterlichen“ Weise
für sich selbst sorgen und in einer gesunden Weise mit sich umgehen zu
lernen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensmotto, mit der
persönlichen Lebensphilosophie, mit den „inneren Erlaubern und
Antreibern“ macht das persönliche Erfahrungswissen für den weiteren
Lebensweg fruchtbar.
Hierfür bedarf es – nicht nur bei
religiösen Menschen – auch der Auseinandersetzung mit spirituellen
Fragen.
Nicht selten nimmt das Leistungs- und
Besitzstreben einen dominanten Platz ein. Es tritt an die Stelle Gottes.
Alle verfügbaren Energien, die gesamte Zeit und alle Gedanken sind auf
die inneren und äußeren Leistungsansprüche bezogen bzw. dem Geltungs-
und dem Besitzstreben untergeordnet. Wenn der Platz Gottes leer bleibt,
und alles nur vom Menschen selbst abhängt, dann muss er auch den
Lebenskampf ganz in die eigenen Hände nehmen. Der Gegner, den es zu
besiegen gilt ist der Markt, der Geschäftskonkurrent, der fallende DAX,
schwindendes Sozialprestige, der gefährliche Rivale auf der privaten
Ebene u. v. a. m.
Aber auch gläubige Menschen stehen nicht
selten unter Druck. Eine primär auf Leistung ausgerichtete
Gottesbeziehung wirkt kräfteverzehrend, vor allem, wenn man im tief
sitzenden Glauben meint, vor Gott nicht genug getan zu haben. Die Bilder
von einem strafenden Richtergott, einem kleinlichen Buchhaltergott oder
einem fordernden Leistungsgott weisen oft die strengen Züge
biographischer Autoritätspersonen auf. Ihre negativen emotionale Spuren
und kognitive Botschaften sind ins persönliche Gottesbild eingegangen
und haben ein starkes und forderndes Über-Ich aufgerichtet. Das
einseitige Gottesbild fungiert als innerer Antreiber, es treibt den
Menschen direkt in die Erschöpfung. Derart geprägte, verinnerlichte
spirituelle Haltungen und die entsprechenden, unbewussten Gottesbilder
werden heute nicht zuletzt in fundamentale spirituellen Gruppierungen
und ihren Praktiken lebendig gehalten.
Die Zunahme von psychischen
Beeinträchtigungen und psychosomatischen Erkrankungen ist ein
allgemeines gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit ist. Während in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Infektionskrankheiten
gehäuft auftraten, haben seit den sechziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts bestimmte Krankheiten den ersten Platz eingenommen: Krebs,
Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und psychosomatische Beschwerden
Es scheint etwas dran zu sein an dem Wort: „Der Mensch, der sich
längerfristig kränkt, wird krank.“
An der Entstehung von Burn Out und den
damit häufig verbundenen psychosomatischen Erkrankungen sind – wie
bereits erwähnt – psychische, soziale und spirituelle Faktoren
beteiligt. Dies wird zwar von vielen Betroffenen – und auch von manchen
Ärzten – bis heute nicht so gesehen. In der medizinischen Forschung
kennt man jedoch seit circa dreißig Jahren die Nahtstellen von Körper,
Seele und Geist. Das Zusammenwirken des endokrinen Systems, des
hormonalen Systems und des zentralen Nervensystems ist erforscht, die
entsprechenden Abläufe im Körper sind inzwischen bekannt. Die
Alltagssprache kennt die Zusammenhänge schon viel länger und bringt sie
auf ihrer Weise zum Ausdruck. Wir sagen z.B.:
Angst macht dumm
Angst macht krumm
Es geht mir an die Nieren
Es schlägt sich auf den Magen
Es sitzt mir im Nacken
Ich zerbreche mir den Kopf
Es schnürt mir den Hals zu
Ich habe Angst, zusammenzubrechen
Allein der Gedanke lässt mich erzittern
Da wir die
körperlich-psychischen-spirituellen Zusammenhänge lange Zeit nicht
verstanden und uns nicht erklären konnten, wurde den Betroffenen
vielfach unterstellt, sie würden sich das einbilden bzw. es sei eine
persönliche Schwäche, so zu denken, zu fühlen und zu reden. Heute wissen
wir jedoch, dass der menschlichen Natur eine weitere sinnvolle
Unterstützung mitgegeben wurde. Es handelt sich um den so genannten
Flucht – Angriff – Mechanismus. Fühlen wir uns bedroht oder überfordert,
dann entsteht in uns eine Anspannung. Psychologisch betrachtet wird die
Spannung als Verstimmung, als innere Unruhe, als Ärger oder als Angst
erlebt. Physiologisch sprechen wir von einer Stressreaktion. Stress
gehört zum Menschsein. Wir sprechen vom gesunden Stress (Eu-Stress), der
anspornt und beflügelt, und vom schädlichen Stress (Dy-Stress), der
krankmachen kann. In Belastungs- und Bedrohungssituationen wird die
Nebenniere über das vegetative Nervensystem (Sympathikus) aktiviert, das
Stresshormon Noradrenalin/Adrenalin ausgeschüttet. Der Blutdruck steigt.
Der Körper wird auf eine Hochleistung eingestellt. Die Energie
konzentriert sich ungeteilt auf die Bewegung, um die Bedrohung bzw. die
Herausforderung durch Kampf oder Flucht zu beseitigen. Wir stehen heute
vor dem Problem, dass für viele die Wahrnehmung von Bedrohung und
Überforderung dauerhaft anhält. Der körperliche Stressmechanismus greift
aber nicht mehr, wenn Daueralarm gegeben wird. Gleichzeitig sind infolge
der einseitigen Arbeits- und Lebensgewohnheiten die körperlichen
Bewegungsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt. Die mobilisierte, auf
die Motorik ausgerichtete Energie wird nicht adäquat abgebaut.
Stattdessen entlasten wir uns durch Essen, Alkohol und Rauchen, was
vorübergehend ein angenehmes, entspannendes Körpergefühl ermöglicht,
mittelfristig aber die Gesundheit gefährdet. Viel besser wäre es, einen
expressiven Umgang mit der stressbedingt mobilisierten motorischen
Energie einzuüben, z.B. in Form eines regelmäßig praktizierten
Ausdauersports.
Die Gefahr eines Burn Outs begleitet den
gesamten Lebensweg. Dennoch gibt es Wegstrecken, die besonders anfällig
sind. So halten gerade die besten Jahre in der Lebensmitte einen
fruchtbaren Boden für die Entstehung und für den Ausbruch eines Burn
Outs mit den entsprechenden Lebensängsten, körperlichen Beschwerden und
spirituellen Krisen bereit.
Die Lebensmitte ist mit einer Fülle von
Verlusterfahrungen verknüpft. Verlust und Abschied aber verursachen
Trauer und Angst. Es handelt sich dabei um eine ganz natürliche Angst,
die bewältigt werden will. Typische Ängste sind beispielsweise:
Es körperlich und geistig nicht mehr zu
schaffen, nicht mehr so zu können: Die Arbeit braucht mehr Zeit, das
Sitzen am Schreibtisch fällt schwer, Kreuzschmerzen stellen sich ein;
man hat den Eindruck in ständiger Hast und Eile zu sein, obwohl und
gerade weil man zu allem etwas länger braucht.
Krank zu werden, Leiden und Schmerzen
ertragen zu müssen: Jeder Mensch hat seinen eigenen wunden Punkt, das
schwächste Organ. „Wenn du mit 45 Jahren morgens aufwachst und dir tut
nichts weh, dann bist du tot“, heißt es umgangssprachlich. Wir spüren
unsere körperlichen Leistungsgrenzen deutlicher, je älter wir werden.
Nicht mehr attraktiv zu sein, nicht mehr so
gebraucht zu werden: Jüngere Kollegen/innen sind ebenso erfolgreich und
möglicherweise beliebt(er). Die wachgerufene Konkurrenz kann einerseits
anspornen, andererseits aber zu einem übertriebenen und überfordernden
Leistungsanspruch an sich selbst führen
Die Angst vor dem Älterwerden, vor der
Zeitlichkeit und der Begrenztheit, vor dem eigenen Tod.
Wir weichen aus, reagieren offensiv und
„wollen es allen – noch einmal – zeigen.“ Das Geltungsstreben und das
Anerkennungsbedürfnis treten auf den Plan. Angespornt und begleitet von
der narzisstischen Selbstwertzufuhr des Mithalten – Könnens, lassen die
kleinen Leistungserfolge im Alltag alle körperlichen, seelischen und
zwischenmenschlichen Warnsignale außer Acht. Ein zwangsläufiger
Zusammenbruch ist häufig die einzige Chance, in einer ausbalancierten,
moderaten Weise weiterzuleben und die Möglichkeiten und Grenzen des
Daseins anzunehmen.
Jeder Mensch, besonders auch derjenige, der
für die Nöte und Sorgen anderer da sein soll und will, hat
Grundbedürfnisse, leibliche, seelische und geistige Grundbedürfnisse.
Fragen wir uns einmal zwischendurch:
Was tue ich im allgemeinen für mich, damit ich mich wohlfühle „in meiner
Haut“?
Was ist meine Lieblingsbeschäftigung, mein Hobby?
Wie spanne ich aus? Wie schalte ich ab?
Wo tanke ich auf? Wo atme ich aus?
Kann ich mit jemandem über meine Sorgen und über meine Freuden sprechen?
Suche ich mir häufig genug Aussprachemöglichkeiten?
Was gönne ich mir im beruflichen Alltag? Was kann ich so richtig
genießen?
Sage ich rechtzeitig „Nein“, wenn mir „das Ganze“ zuviel wird?
Verschaffe ich mir Erfolgserlebnisse?
Wie stehe ich selbst zu meiner Arbeit? Schätze und achte ich das, was
ich tue?
Wie sorge ich dafür, dass meine Arbeit auch von anderen gewürdigt und
anerkannt wird?
Wenn wir unsere eigene Bedürftigkeit sehen
und wahrnehmen lernen, wenn wir uns um eine gesunde Selbstliebe bemühen,
dann tanken wir Ruhe, Kraft und Lebensenergie auf, dann werden unsere
vitalen Kräftespeicher neu gefüllt.
Uns Mensch geht es nicht viel anders als
wie einem Baum. Er nimmt seine Nährstoffe mit Hilfe der Wurzeln aus dem
Erdreich auf und verwandelt sie im Austausch mit dem Licht und mit Hilfe
des Kohlenstoffs in der Luft in Energie, Wachstum und Fruchtbarkeit. Für
uns Menschen stellt sich ähnlich wie für einen Baum die Frage: Wie
nahrhaft ist das Erdreich, in dem ich verwurzelt bin? Welche Nährstoffe
habe und brauche ich, um zu wachsen, lebendig und fruchtbar zu werden?
Bin ich in einer natürlichen Weise verwurzelt oder wird mir zu viel
aufgepfropft? Kann ich mir das nehmen, was ich brauche oder betreibe ich
ein „intellectual , ökonomical oder spiritual bypassing“? Und wie ist
meine Aufrichtung, meine Ausrichtung nach oben?
Oder konkreter ausgedrückt: Kann ich mir
das vom Leben nehmen, was ich brauche bzw. wonach ich mich zutiefst
sehne? Oder überfordere ich mich durch ein überstarkes Entbehrungs- und
Leistungstraining? Bin ich so mit dem Daseinskampf beschäftigt, dass
erst alle Schulden beseitigt, „große Vorräte gesammelt“, alle Pflichten
erfüllt sein müssen, bis ich mir etwas gönnen kann? Brauche ich die
Dauerbelastung, um mich zu spüren, eine ständige Qual, um mich als
bedeutungsvoll wahrzunehmen? Aus dem Descart’schen „cogito, ergo sum“
ist heute vielfach ein „ich leide, also bin ich, also lebe ich“
geworden. Wie stehe ich in der Welt – gebeugt, bedrückt, belastet oder
aufgerichtet, ausgerichtet und offen nach oben? Und welchen Stürmen,
welchen Gegenwind und „harten Zeiten“ bin ich ausgesetzt?
Das sind Fragen, die uns über die
persönliche Struktur und Disposition hinaus zu den Umfeldbedingungen
unseres Berufs- und Privatlebens führen.
2. Umfeldfaktoren, die das Ausbrennen
beeinflussen
Wie lautet mein beruflicher Auftrag und
wer sind eigentlich unsere Auftraggeber? Welche Ansprüche werden heute
an einen fachlich und menschlich kompetenten Arzt gestellt? Welche
Erwartungen richten sich an den professionellen und erfolgreichen
Psychotherapeuten, an eine gute und tüchtige Krankenschwester? Was alles
hat eine liebevolle Ehefrau zu leisten, die gleichzeitig eine
vorbildliche Mutter, eine attraktive und lustvolle Geliebte und
Partnerin sein soll und im Beruf „ihre Frau zu stellen“ hat?
Was wird alles von einem erfolgreichen,
flexiblen, engagierten Mann im Beruf erwartet, der darüber hinaus ein
treusorgenden Vater, ein einfühlsamer und zärtlicher Liebhaber, eben ein
attraktiver Ehemann sein soll und will?
Ansprüche über Ansprüche, Erwartungen über
Erwartungen, Ideal- und Wunschvorstellungen über Ideal- und
Wunschvorstellungen, die gesellschaftlich transportiert und zum
impliziten oder expliziten Auftrag werden. Vieles vom hier Gesagten
trifft besonders auf helfende und leistungsorientierte Berufe zu.
Manches aber lässt sich auf alle Berufsgruppen, ja auf alle Menschen und
alle Lebensalter (das erfolgreiche Schulkind) übertragen. Und je höher
die „Latte“ gelegt wird, umso größer sind nicht nur die Enttäuschungen,
sondern auch die Symptombildungen.
Laut Definition umfasst und beschreibt eine
Rolle die Summe aller Erwartungen, die an eine Person gerichtet werden,
wenn sie eine bestimmte Position innehat.
Da sich mein Erfahrungsfeld zum Thema Burn
Out vor allem auf die psychotherapeutische Begleitung und Behandlung
von Priestern und Ordensleuten bezieht, möchte ich kurz der Frage
nachgehen: Was sind die feld- und aufgabenspezifischen Erwartungen, die
zu einer Überlastung führen können?
Sie würden mir sicher zustimmen, dass man
das folgende durchaus zurecht von einem Priester bzw. Seelsorger
erwarten darf:
Der Priester muss auf jede Situation, egal ob Freud oder Leid,
angemessen und entsprechend reagieren
Der Pfarrer soll in die Welt passen
Wir wollen einen schönen Gottesdienst
Wir wollen einen feierlichen Gottesdienst
Wir, die Vereine brauchen Sie
Wir wollen einen modernen Gottesdienst
Wir wollen unseren Sonntagsgottesdienst, so wie es immer war
Wir wollen einen modernen Pfarrer
Wir möchten einen Pfarrer, der immer für uns da ist
Der Pfarrer ist der Chef. Er muss sagen, wo es lang geht
Wir wollen einen aufgeschlossenen Pfarrer
Sie sind für die Spendung der Sakramente, und damit auch für die
Vorbereitung und Katechesen zuständig
Wenn die Behörde ruft, muss man spuren
Wir, deine Verwandten, Geschwister, möchten auch noch etwas von dir
haben
Herr Pfarrer, wo sind die Kinder, wo ist die Jugend im Gottesdienst?
Sie müssen für alle und für alles Verständnis aufbringen
Der Pfarrer hat es studiert, und er wird dafür bezahlt
In unserer Gemeinde soll etwas los sein
Machen Sie ordentlichen Religionsunterricht, dann gibt es keine
Disziplinschwierigkeiten
Bringen Sie Ihre Bücher und Matrikeleintragungen in Ordnung
Besuchen Sie doch öfters die Hauskranken
Die Senioren warten darauf, dass Sie sich um sie kümmern
Eine ansprechende Predigt ist doch das mindeste, was wir erwarten dürfen
Machen Sie endlich einmal Hausbesuche
Predigen Sie nicht so lang
Sie sollten mehr delegieren
Kümmern Sie sich um Ihre Mitarbeiter/innen
Wir Frauen möchten mehr Mitsprache und Beachtung
Seelsorger/innen stehen darüber hinaus wie
andere Personen und Berufsgruppen auch unter den allgemeinen
Belastungen, die das Menschsein und der Lebensalltag mit sich bringen.
Denken wir an die Organisation und Gestaltung des täglichen Lebens, an
das Älterwerden, an die vielfältigen existentiellen Fragen.
Wie andere helfende Berufsgruppen müssen
sie ferner die Gegebenheiten, die durch die Rahmenbedingungen oder
infolge des dauerhaften Umgangs mit leidenden und bedürftigen Personen
und Zielgruppen entstehen, kompensieren. Was individuell als Stress
erlebt wird, kann ganz unterschiedlich sein, da die individuelle
Belastbarkeit zum einen von persönlichen Faktoren, zum anderen von den
von außen kommenden situativen Faktoren abhängt.
Eine Hauptursache für die vielfach hörbare
Überforderung in der Seelsorge liegt nicht zuletzt in der Wahrnehmung
der „wegbrechenden Gemeinde“
[5].
Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an. Rollen und Einsatzgebiete
werden erweitert, der Aufgabenkatalog wird umfangreicher. Leitung,
Kooperation, Organisation, Verwaltung, Konfliktmanagement und
Repräsentation zehren am Energie- und Zeitbudget.
Noch vor wenigen Jahrzehnten brauchte man
sich nicht ständig zu fragen, was zu machen ist, und man brauchte sich
auch nicht unentwegt zu entscheiden. Die psychische Energie, die heute
permanent für Entscheidungen aufzubringen ist, konnte ganz in die Arbeit
eingehen. Stress beginnt in der Regel dort, wo permanente
Selbstgestaltung gefordert ist und differenzierte, anspruchsvolle
Leistungen erbracht werden müssen.
Wir kennen die Beobachtung und die
Erfahrung, dass wir dann, wenn wir im Aufwind stehen, viel wegstecken
können. Ganz anders ist es jedoch bei starkem Gegenwind, bzw. wenn wir
uns wie „auf einem absteigenden Ast“ erleben.
Ein beständiger Abbau von Arbeitskräften
und die Erweiterung der Arbeitsaufgaben und -feldern kennzeichnet den
gewaltigen Umbruch in Kirche, Staat und Gesellschaft heute.
Und die ökonomische Krise verschärft die
derzeitige Situation. So führen die ökonomischen und spirituellen
Umbrüche bei vielen Seelsorgern zu einem Identitätsverlust, bezogen auf
ihre Rolle, und zu einem Plausibilitätsverlust bezogen auf die
religiösen Inhalte.
Neben den sich in der Gesellschaft
vollziehenden Veränderungen tragen aber auch innerkirchliche
Entwicklungen dazu bei, dass das Stresspotential in der Seelsorge
zunimmt.
Seelsorge gehört – betriebswirtschaftlich
betrachtet – zum Bereich der Dienstleistungen, zum Non-Profit –
Bereich. Seelsorgliche Arbeit ist Begegnung mit und Arbeit am Menschen,
ist Beziehungsarbeit. Non-Profit – Dienstleistungen weisen in der Regel
keinen Output auf, an dem man den Erfolg messen kann, es sei denn am
Bestand der Mitgliedschaft beziehungsweise an der Resonanz, Nachfrage
und Beteiligung. Nicht wenige Seelsorger/innen fragen sich von daher
heute: „Was müssen wir (noch) anbieten, damit die Leute kommen?“
Neben den bewussten Zielen ist vor allem
die mehr unbewusste Unternehmensphilosophie im Blick zu behalten. Denn
diese kann ermüden und krank machen, wenn sie nicht reflektiert wird.
„Die Gnade setzt natürliche Bedingungen voraus und vollendet sie“, heißt
es bei Thomas von Aquin. Dort, wo die menschliche Natur auf Dauer in
einer belastenden und der Schöpfungsordnung unangemessenen Weise
überfordert bzw. vernachlässigt wird, ist der Nährboden zum Ausbrennen
und für die Entstehung andere Symptome mit Krankheitswert.
Gute Mitarbeiter/innen bzw. gute Vorgesetzte sind nicht nur in
kirchlichen Organisationen?
„immer im Dienst“. Sie bzw. sollen flexibel und jederzeit erreichbar
sein (Erreichbarkeit)
sie sollen sich ganz in den Betrieb einbringen („allen alles werden“ –
Selbstlosigkeit unter Zurückstellung ihrer Privatinteressen)
sie sollen glaubwürdige Vorbilder und Autoritäten sein (moralischer
Anspruch)
sie sollen entsprechend den Unternehmenszielen und -werten (Leitbild)
leben (Konformitätsdruck, Kleiderordnung, Verhaltenskodex).
Von den Mitarbeiter/innen wird Identifikation und Loyalität erwartet,
sie sind Mitglied einer „Dienstgemeinschaft“. Spannungen und Konflikte
haben da keinen Platz. Ein zerstrittenes Seelsorgeteam stört das Bild
von einer vertrauenswürdigen heilen und heilenden Institution
die ganze Kraft und Energie soll stattdessen dem Unternehmensauftrag zu
gute kommen (hoher Stellenwert der Arbeit, Leistung und
Pflichterfüllung)
Was begünstigt die Entstehung eines Burn
Outs? Wir stellen fest, dass verschiedene Einflüsse beteiligt sind:
Gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen, die
Organisationsziele, die bewusste und unbewusste Unternehmensphilosophie;
beteiligt sind die einzelnen Personen mit ihrer spezifischen
Lebensgeschichte, mit ihren eigenen Zielsetzungen und Beweggründen, mit
ihren biologischen, seelischen und spirituellen Grundbedürfnissen. Das
Spezifische der Rolle, d.h. die Summe der Erwartungen an eine Person,
die eine bestimmte Position innehat, kann dauerhaft überfordern. Bei
Rollenkonflikten und Auftragskollisionen bedarf es Entscheidungen durch
die Auftraggeber und von Seiten der Rollenträger. Bestimmte
Arbeitsfelder (z.B. Schule) und Aufgabenbereiche können zu
Dauerbelastungen werden. Das Zusammentreffen mit und die Begleitung von
bestimmten Adressaten und Zielgruppen kann Kräfte verzehren und
seelisch belasten.
Die individuellen und institutionellen
stressfördernden Aspekte beeinflussen und verstärken sich gegenseitig,
vor allem wenn sie unbewusst und unbemerkt zusammenspielen. Das
unbewusste Zusammenspiel zu erkennen und eine gesunde Lebens- und
Arbeitsstrategie zu entwickeln, ist uns aufgegeben – nicht nur in einer
Krise und nach einer Krankheit.
3. Was schützt uns vor dem Ausbrennen?
Die persönliche Begegnung mit Menschen und
die Arbeit am Menschen erfordern als Ausgleich und Ergänzung für die
andauernde personale Präsenz Zeiten partieller Präsenz, wie wir sie z.B.
im handwerklichen Bereich erfahren können.
In der Regel ermöglicht ein äußerer
räumlicher Abstand eine innere Distanzierung und setzt ein „Entrollen“ (social
disengagement) in Gang. Ein gesunder Abstand zur beruflichen Aufgabe,
entlastende Freizeiterfahrungen und freie Zeiten überhaupt gehören zum
Leben und beugen dem Burn Out vor. Rituale des Übergangs unterbrechen
anhaltende Stressreaktionen und bewirken die notwendende körperliche und
seelische Regeneration.
Wie können wir uns „Entrollen“ und uns
Distanz verschaffen? Wie steht es mit der Ausgleichsfunktion der Familie
und dem Privatleben gegenüber dem Berufsleben, wenn wir mit der ganzen
Kraft für andere da sein wollen und sollen?
W. SCHMIDBAUER[6]
hat in seinem Buch „Helfen als Beruf“ vier Lösungsarten der
Spannung zwischen dem Beruf und dem Privatleben beschrieben.
1. Das Opfer des Berufs:
Es ist der Mensch, der total in seinem
Beruf aufgeht und über kein Privatleben verfügt. Er ist „rund um die
Uhr“ im Dienst. Er beschäftigt sich ausschließlich bzw. überwiegend mit
Fachliteratur. Ständig spricht er von seiner Arbeit oder denkt über sie
nach. Er hat Schwierigkeiten beim Abschalten und läuft Gefahr, zu
ermüden und auszubrennen.[7]
2. Der Spalter:
Spalter trennen scharf nach dem Motto:
„Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“. Sie haben hohe Erwartungen
an ihre Angehörigen und Nahestehenden nach Verständnis und
Rücksichtnahme. Sie sehen ihr Privatleben als Auffangbecken. Sie sind
stolz darauf, gut abschalten zu können, und wie wenig man ihnen anmerkt,
Pfarrer oder Lehrer zu sein. Spalter reagieren allergisch, wenn sie in
ihrer Freizeit auf ihre berufliche Tätigkeit hin angesprochen werden.[8]
3. Der Perfektionist:
Sie möchten ihren Beruf und ihr Privatleben
perfekt gestalten. Berufliche Vollkommenheitsansprüche werden auf die
Freizeit und auf das Privatleben übertragen.
[9]
Häufig leiden sie jedoch darunter, dass sie ihre Ideale,
die sie auch an ihr Privatleben richten, nicht erreichen. Auch in der
eigenen Familie läuft nicht alles gut. Es herrscht nicht immer ein Klima
der Offenheit; es kommt Streit auf und Kränkungen werden nachgetragen.
4. Der Pirat:
Diese Menschen befriedigen ihre
Primärbedürftigkeit und ihre persönlichen Interessen im Beruf. Sie
pflegen z.B. allzu persönliche Freundschaften mit einzelnen Personen,
für die sie in ihrer Tätigkeit Verantwortung haben. Sie verbringen ihre
Freizeit ausschließlich mit den Anvertrauten. Sie nutzen ihre
beruflichen Möglichkeiten, um ihr Privatleben aufzufüllen. Sie holen
sich das zum Leben, was sie anderswo persönlich sonst nicht bekommen
könnten und stehen in der Gefahr, die Anempfohlenen auszubeuten und von
sich abhängig zu machen.
[10]
Jeder beschriebene Typ hat eine starke und
schwache Seite. Und in jedem liegt auch ein offensichtliches
Gefährdungspotential für das Burn Out. Das zu erkennen und sich selbst
richtig zuzuordnen, ist der erste Schritt. Möglicherweise muss der
bisherige Lösungsweg der Spannung zwischen Beruf- und Privatleben
ergänzt und erweitert werden, damit die Gefahr des Ausbrennens und auch
des Ausbeutens verringert wird.
Abstand, Freizeit, Erholung und ein
überlegt gestaltetes Privatleben mindern die Wahrscheinlichkeit,
auszubrennen.
An grundsätzlichen Empfehlungen und Übungen
zu einem ausbalancierten, gesunden Lebensstil, von der richtigen
Ernährung bis hin zu einer stressabbauenden moderaten körperlichen
Aktivierung im Bereich des Ausdauersports mangelt es nicht. Die
Printmedien bringen sie wöchentlich unter der Überschrift: „Wellness und
Fitness“ ins Haus. Wenn sich unsere innere Haltung nicht verändert,
nützt auch das beste Programmelement nicht viel. Denn alles, was wir für
den Erhalt der Gesundheit tun oder lassen, können wir in einer
leistungsorientierten, verbissenen Weise tun oder lassen. Auch ein
ärztlich empfohlenes Bewegungsprogramm kann in einer ehrgeizigen und
sich selbst beweisenden Einstellung benutzt werden, „um dem vermissten
Glanz in den Augen der Eltern hinterherzulaufen“. Der aus einem
ungestillten Anerkennungsbedürfnis resultierende Leistungsanspruch kann
sich als innerer Antreiber mit allem verbünden, was einem an guten
Ratschlägen und Rezepten begegnet. Es geht vielmehr um das rechte Maß,
um die Temperantia, um die Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, um die
Entwicklung der Genussfähigkeit, um eine Entschleunigung, um die
Beachtung der Gesetze der Schöpfung und Natur. Es geht um die Kunst des
Lebens in einer sich ändernden, leistungsorientierten Welt. Immer wieder
stehen wir vor der Aufgabe, unserem Dasein eine lebensbejahende Ordnung
zu geben: „Ora et labora“ empfiehlt der Hl. Benedikt, „den Nächsten
lieben wie dich selbst“ die Bibel, „lieben und arbeiten“ Sigmund Freud!
Und nun zum Schluss:
Denken Sie kurz nach, was Ihnen jetzt im
Augenblick gut tun könnte. Worauf hätten Sie Lust? Was würde Ihnen Spaß
und Freude bereiten? Die nächsten 10 Minuten gehören Ihnen. Tun Sie es
jetzt!
Dr.
Ruthard Ott
Jahnstraße 9
97447 Gerolzhofen
Ruthard.Ott@t-online.de
Angaben zur Person:
Ruthard Ott, geb. 1953, Dr. theol., Dipl.-Psych., Psychologischer
Psychotherapeut im Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach,
Supervisor (BDP), Dozent für Pastoralpsychologie im Priesterseminar
Würzburg, Diözesanverantwortlicher für Pastoralsupervision, Ehe-,
Familien- und Lebensberater, verheiratet, zwei erwachsene Töchter.
Verweisen möchte ich besonders auch auf meinen Artikel „Burn Out – Leben
und Arbeiten ohne Auszubrennen“ in der Festschrift zum 60. Geburtstag
von Dr. Bernd Deiniger, erschienen in:
Thomas Bretting und
Gunther Wenz (Hg): Psychotherapie und Seelenheil, München 2006, Herbert
Utz Verlag ISBN 3-8316-0568-8