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Zur Geschichte der Psychoanalyse
Veranstaltung mit Prof. Walter Pontzen
Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.
in Zusammenarbeit mit dem Bildungszentrum Nürnberg
am Mittwoch, den 13. Oktober 2004, von 19:30 Uhr bis ca.
21:00 Uhr
Einleitung
Im Jahre 1910 fand die zweite Tagung der internationalen
psychoanalytischen Gesellschaft im Grand Hotel in Nürnberg statt, nicht,
weil die Psychoanalyse in Nürnberg so besonders präsent gewesen wäre,
sondern weil sich die Psychoanalytiker aus Wien, Berlin und Zürich nicht
einigen konnten auf eine dieser drei Städte und Nürnberg so wohltuend in
der Mitte lag. So kamen Sigmund Freud und die Psychoanalyse nach Nürnberg.
Es dauerte dann mehr als 70 Jahre bis 1987 ein psychoanalytisches
Weiterbildungsinstitut in Nürnberg gegründet wurde. Zwischenzeitlich tat sich in
der psychoanalytischen Bewegung viel, von dem Prof. Walter Pontzen einiges
berichten wird: Ein Streifzug durch die Geschichte der Psychoanalyse, beginnend
mit Sigmund Freuds Leben und Lebenswerk, der Situation während des
Nationalsozialismus und dem mühsamen? Neubeginn in der Nachkriegszeit.
Vortrag
Sigismund Freud wurde am 6. Mai 1856 in der mährischen Stadt Freiburg
geboren, in einem kleinen Zimmer im 1. Stock des Hauses Schlossergasse 17, das
bis 1859 das einzige Heim der Familie sein sollte. In diesem einen Zimmer lebten
Kalamon Jakob Freud und seine Frau Amalie, ihr Sohn Sigismund, ein zweiter Sohn,
der wenige Monate nach der Geburt starb, und noch eine Tochter. Das einzige
andere Zimmer dieses Stockwerks gehörte der Familie des Johann Zajic, eines
Schlossers. Der Junge, der in so bescheidenen Verhältnissen zur Welt kam, sollte
die Vorstellung des Menschen von seinem Geist und von der Macht, die er über ihn
ausübt, revolutionieren. 1860 zog Jakob Freud mit seiner Familie nach Wien. An
die ersten Jahre in Wien bewahrte Freud nur wenige Erinnerungen.
Dies war jedoch anders, als er 9-jährig die Aufnahmeprüfung für das
Leopoldstädter Kommunal-, Real- und Obergymnasium bestand. Freud blieb stets der
Klassenbeste, bis er mit 17 Jahren seine Reifeprüfung ablegte. Zu Hause hatte er
die Rolle des Erstgeborenen. Er schulmeisterte seine Schwestern oft. Dass er der
Erstgeborene und der Lieblingssohn seiner Mutter war, verschaffte ihm eine
privilegierte Stellung im Haus, die auszunutzen er nie zögerte. Für seine Mutter
war er "mein goldiger Sigi", der Junge, von dem so viel erwartet wurde, und es
galt als selbstverständlich, dass der Haushalt weitgehend nach seiner
Bequemlichkeit geführt wurde, vor allem nachdem er das Gymnasium mit Summa cum
laude abgeschlossen hatte. Der Auserwählte der Mutter zu sein, hatte
beträchtliche Vorteile, und Freud sollte später bemerken: "Wenn man der
unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so behält man fürs Leben jenes
Eroberergefühl, jene Zuversicht des Erfolges, welche nicht selten den Erfolg
nach sich zieht".
Nach seinem Abitur 1873 hatte er im Wesentlichen im Sinn, erfolgreich zu sein.
Er wusste nur noch nicht genau, auf welchem Gebiet. Nach drei Jahren
abwechslungsreicher Studien konzentrierte er sich auf sein Medizinstudium und
später versuchte er es hinauszuzögern, da er an eine theoretische Laufbahn
dachte. Erst als er sah, dass die Aussichten auf diesem Gebiet zu schlecht
waren, genügend Geld zu verdienen, beschloss er, sich dem Arztberuf zuzuwenden.
Dazu bemerkt er trocken, "aus frühen Jahren ist mir nichts von einem Bedürfnis,
leidenden Menschen zu helfen, bekannt".
1880 schloss er sein Medizinstudium ab. 1881 promovierte er zum Dr. med. und
arbeitete weiter im physiologischen Labor von v. Brücke. Dieser ermahnte ihn
jedoch dringend, mit Rücksicht auf seine schlechte materielle Lage, die
theoretische Laufbahn aufzugeben, und so ging Freud in das Wiener allgemeine
Krankenhaus, arbeitete kurzfristig in der Inneren Medizin, später einige Monate
in der Psychiatrie.
In dieser Zeit verfasste er noch einige Arbeiten über Hirnanatomie und
habilitierte sich 28-jährig 1884.
Er hatte bisher nahezu nur gearbeitet, war habilitiert, was ihm wenig
einbrachte, und hatte sich kaum, wenn man einmal von einer Jugendverliebtheit,
absieht, um die Dinge gekümmert, (die ihn ein Leben lang theoretisch so
beschäftigen sollten.
Dies änderte sich an einem Aprilabend des Jahres 82, als Martha Bernays, die
21-jährige Tochter deutscher Juden, zu Besuch war. Es scheint so, als ob
zwischen ihr und Freud so etwas wie Liebe auf den ersten Blick entstanden wäre.
Er verlobte sich mit ihr innerhalb weniger Wochen und hatte die Absicht, sobald
es ihm die Mittel ermöglichten, sie zu heiraten. Dies war ihm jedoch erst 1886,
4 Jahre später, möglich.
Er hatte nun zwei Ziele. Auf der einen Seite wollte er berühmt werden, wobei
es scheint, dass ihm das Gebiet, auf dem ihm dies gelingen sollte, beinahe
gleichgültig war, auf der anderen Seite wollte er Martha Bernays so bald wie
möglich heiraten, wozu ihm jedoch das Geld fehlte.
Einen wesentlichen Fortschritt in diesen beiden Richtungen erhoffte er sich,
als er 1885 ein Stipendium der medizinischen Fakultät bekam, um sechs Monate
nach Paris zu gehen, um dort Charcot in der Salpetrière zu besuchen. Freud hatte
fundierte Kenntnisse in der Neurophysiologie und der Hirnanatomie und wollte in
der Salpetrière alles über die Anatomie des Nervensystems lernen, was es zu
lernen gab. Als er zurückkehrte, hatte sich sein Interesse an diesem Gegenstand
verflüchtigt. An seiner Stelle war unter dem Einfluss der theatralischen
Demonstrationen Charcot 's der Entschluss gereift, sich vielmehr auf die
Probleme des Geistes im allgemeinen und der Hysterie, die er bei Charcot in so
eindrucksvoller Weise kennen gelernt hatte , im besonderen zu konzentrieren.
Seine naturwissenschaftliche Besessenheit hatte er jedoch nicht verloren und bis
zum Ende seines Lebens blieb er im Grunde den Ideen von v. Brücke und Helmholtz
mit ihrer fundamentalen Annahme treu, dass, wenn man nur den Schlüssel fände,
psychische Vorgänge mit messbaren Einheiten wie denen der Chemie und Physik in
Verbindung gebracht werden könnten. An der Therapie war er, wie er später einmal
C.G. Jung schrieb, im Grunde nicht interessiert, sondern "ich stelle gewöhnlich
fest, dass ich mit den theoretischen Problemen beschäftigt bin, für die ich mich
jeweils gerade interessiere". Er ließ sich in seiner Praxis nieder und wandte
zunächst die Hypnose an, so wie er es bei Charcot gesehen hatte: Er versetzte
den Patienten in Trance und suggerierte ihm das Verschwinden eines Symptoms bei
der Rückkehr in den normalen Bewusstseinszustand. Er hatte mit der Hypnose nicht
die Erfolge, die er sich erhoffte, wobei vielleicht am meisten zählte, dass er
selbst kein besonders erfolgreicher Hypnotiseur war.
Er begann in seiner Praxis sich von der Hypnose zu entfernen und meinte, von
der Voraussetzung ausgehen zu können, wie er in den Studien über Hysterie
schrieb, "dass meine Patienten alles, was irgend von pathogener Bedeutung war,
auch wussten, und dass es sich nur darum handle, sie zum Mitteilen zu nötigen".
Dann machte ihm einmal eine seiner Patientinnen unerwartet Vorwürfe, weil er
ihren Gedankenstrom unterbrochen hatte. Er nahm den Wink auf, und einer, wie er
sagte, dunklen Intuition folgend, forderte er sie auf weiterzusprechen und,
darüber hinaus, über alles zu sprechen, was ihr gerade einfiel, so bedeutungslos
es auch erscheinen mochte. Die Methode, die auch bei anderen Patienten angewandt
wurde, löste einen Strom von scheinbar zusammenhanglosen Erinnerungen und
Gedanken aus, von denen Freud fand, dass er sie therapeutisch gut nutzen konnte.
Die Gefahren dieser "freien Assoziation" beschrieb später Joseph Wortis, der
von Freud analysiert wurde. Er fand nicht, dass der Grundsatz, den Patienten
seine eigenen Assoziationen finden zu lassen, immer befolgt wurde. "Ich gab oft
eine ganze Reihe von Assoziationen zu einem Traumsymbol, und er, Freud, wartete,
bis er eine Assoziation fand, die in sein Interpretationsschema passte, und
griff es auf wie ein Detektiv, der in einer Menschenansammlung auf seinen Mann
lauert." Außerdem hatte die Methode wohl einen Aspekt, der Freud zuwider gewesen
sein muss. Denn was würde aus dem freien Willen, wenn der Geist
deterministischen Gesetzen gehorchte. Freud löste dieses Problem zu seiner
eigenen Zufriedenheit, indem er darauf hinwies, dass ja selbst wenn das
Unbewusste bewusst geworden war und selbst wenn eine Therapie erfolgreich
betrachtet werden konnte, der Patient nicht automatisch geheilt war. "Nach einer
solchen Analyse wird der Patient in den Stand versetzt, gesund zu werden. Ob er
es aber auch wirklich wird, hängt davon ab, ob er die Genesung herbei wünscht,
ob er sie will". Als Vergleich führte er den Kauf einer Eisenbahnkarte an. Die
Fahrkarte macht die Reise möglich. Die Entscheidung, zu reisen oder nicht zu
reisen, bleibt jedoch dem Individuum überlassen.
Freud erkannte bald, dass die Analyse durch die freie Assoziation eine
komplizierte Aufgabe war. und dass sich gewisse Probleme nicht vermeiden ließen.
Zu diesen gehörte offenbar ein eingefleischter Widerstand gegen den Prozess der
Überführung von Material aus dem Unbewussten ins Bewusste Zuerst schien dieser
Widerstand die Aufgabe zu erschweren. Im Laufe der Zeit entdeckte Freud aber,
dass die Dinge, bei denen der Widerstand am stärksten war, oft gerade die von
größter Wichtigkeit darstellten. So konnte der Widerstand, sobald er erkannt
war, wesentliche Hinweise auf die Ereignisse in der Vergangenheit des Patienten
liefern, die Freud als die Ursache der Störungen ansah. Ferner kam der Prozess,
der Übertragung genannt wird, ans Licht. Freud bemerkte, dass viele seiner
Patienten, die ohne Hemmungen redeten, nicht mehr als Patient zum Arzt sprachen,
sondern als Patient zur Mutter oder zum Vater oder anderen Personen. Mit anderen
Worten, sie übertrugen auf den Analytiker Empfindungen und Gedanken, die ihre
früheren Beziehungen z.B. zu ihren Eltern widerspiegelten. War die Übertragung
zuerst nur ein weiterer komplizierender Faktor, so sah Freud schließlich, dass
auch die Übertragung wie der Widerstand, so oft hilfreiche Hinweise auf
nichterinnerte Vergangenheit geben konnte. Tatsächlich sollte er zuletzt
glauben, dass jeder Konflikt in der Sphäre der Übertragung ausgefochten werden
müsse, dass also die Übertragungsneurose sich konstellieren und bearbeitet
werden müsse.
Die Möglichkeiten der Gegenübertragung erkannte Freud nicht; er wollte sie
objektivieren, den störenden, eventuell subjektiven Eindrücken des Analytikers
entgegenwirken und meinte deshalb, dass der Analytiker selbst einer Analyse
bedürfe.
Der wesentliche Anlass zu seiner Selbstanalyse dürfte jedoch der Tod seines
80-jährigen Vaters 1896 gewesen sein. An seinen langjährigen Brieffreund Wilhelm
Fließ schrieb er, "auf irgendeinem dunklen Weg hinter dem offiziellen
Bewusstsein hat mich der Tod des Alten sehr ergriffen. Ich habe ihn sehr
geschätzt, sehr genau verstanden und er hat viel in meinem Leben gemacht mit der
ihm eigenen Mischung von tiefer Weisheit und phantastisch leichtem Sinn. Ich hab
nun ein recht entwurzeltes Gefühl und am 18.10.97 berichtete er Fließ, was sich
als das wichtigste Ergebnis seiner Selbstanalyse erweisen so11te: " Ich habe die
Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir
gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit."
Schon vorher hatte er die Verführungstheorie, wegen der er so sehr
angefeindet wurde, aufgegeben. In seinem 1895 gemeinsam mit Joseph Breuer
herausgegebenen Studien über die Hysterie war er dem auf die Spur gekommen, dass
verdrängte sexuelle Impulse als Ursache hysterischer Symptome betrachtet werden
können. Das Brisante an dieser Entdeckung war, dass Störungen aufgrund von
unvermuteten sexuellen Problemen viel weiterverbreitet sein könnten, als
allgemein zugegeben wurde und dass die Grenze zwischen dem Normalen und dem
Krankhaften verwischt wurde. Freud war jedoch der Meinung, dass es sich bei den
verdrängten sexuellen Impulsen und Ereignissen um reale Ereignisse handelte, um
reale sexuelle Begebenheiten zwischen den Kindern und ihren Eltern, Verwandten
oder Bekannten, dass es zu realen Verführungssituationen gekommen sei. Dies
löste nun große Empörung nicht nur unter den Kollegen aus. Es fiel Freud, als er
bemerkte, dass die Verführungstheorie nicht zu halten war, außerordentlich
schwer, sich von ihr zu distanzieren und er hatte ja auch recht damit, seit in
den letzten Jahren das Ausmaß realer Verführungen und das Ausmaß des Missbrauchs
deutlich wird. Gab er die Verführungstheorie aus Anpassung auf, hoffte er doch,
mit der Verführungstheorie den Schlüssel zu den Neurosen und zu der von ihm
sehnlich angestrebten Anerkennung gefunden zu haben. Wiederum Fließ schrieb er
1897: "Die Erwartung des ewigen Nachruhms war so schön und sicheren Reichtums,
die völlige Unabhängigkeit, das Reisen, die Hebung der Kinder über die schweren
Sorgen, die mich um meine Jugend gebracht haben". Die Folgetheorie der
Verführungstheorie wurde von seinen Gegnern als Taschenspielertrick angesehen.
Freud stellte nämlich die Verführungstheorie auf den Kopf. Er stellte sich, wie
er in seinem Aufsatz "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung"
darstellte, die Frage: War es möglich, dass wenn die Erwachsenen nicht die
Kinder, wie er es in der Verführungstheorie angenommen hatte, begehrten, dann
eben die Kinder die Erwachsenen.
Freud glaubte sich nun auf der richtigen Spur zu dem, was er später als
Ödipuskomplex bezeichnete. Nach Freuds 1900 und später immer wieder geäußerten
Meinung beeinflusst die Art, wie Kinder beider Geschlechter mit den Konflikten
der ödipalen Situation fertig werden, ihr Leben, da das Kind vor der Aufgabe
stehe, die verdrängten Komplexe zu überwinden und eine emotionale Loslösung von
beiden Elternteilen zu vollziehen. Wird diese Aufgabe nicht gelöst und bleibt
der Komplex in der Verdrängung, so kann diese Verdrängung Jahre später zu
Symptomen führen. Bei Neurotikern werde die Loslösung überhaupt nicht
bewerkstelligt. Der Ödipuskomplex gelte demnach mit Recht als der Kern der
Neurosen. Trotz vieler kritischer Einwände wich Freud, auch als er älter wurde,
von dieser Ansicht, die er 1900 erstmals in der Traumdeutung darlegte, nie ab.
Er war nun der Meinung, worin er ja auch sicherlich Recht hatte, eine
wesentliche Entdeckung gemacht zu haben, nämlich die Psychologie des
Unbewussten. Er äußerte, "eine Einsicht wie diese wird einem nur einmal im Leben
zuteil".
Freud hielt die Traumdeutung immer für sein wichtigstes Werk und hoffte, mit
ihr nun den großen Wurf getan zu haben, wenn er auch zweifelte, dass sein Werk
die Aufmerksamkeit erringen werde, die es verdient. Dies war denn auch so: In
den ersten sechs Jahren wurden lediglich 351 Exemplare der Traumdeutung
verkauft.
Trotz seines Pessimismus hatte Freud jedoch in den ersten Monaten des neuen
Jahrhunderts mit der Traumdeutung das Fundament vollendet, auf dem er das
Gebäude der Psychoanalyse errichten sollte.
Die Anfeindungen, denen er ausgesetzt war, beruhten vor allem darauf, dass er
dem Bild vom Menschen nach Darwin eine weitere Kränkung hinzugefügt hatte.
Darwin hatte eine Sprosse tiefer gesetzt, indem er darlegte, dass er, weit davon
entfernt, das Ergebnis eines besonderen Schöpfungsaktes zu sein, nur das letzte
Beispiel einer langen Linie sich entwickelnder Lebewesen ist und dass seine
Ahnenreihe zu den einfachsten lebenden Organismen zurückführt. Was aber immer
noch geblieben war, war der unsterbliche Geist des Menschen. Doch dann kam Freud
mit seiner Auffassung und seiner Überzeugung von der Macht des Unbewussten, das
den Menschen weitgehend beherrscht ("freier Wille, frommer Wunsch?"). Der
vorherrschende Glaube des abendländischen Menschen an die Priorität des
Verstandes wurde nachhaltig erschüttert. Dies war wohl auch der eigentliche
Grund für die Anfeindungen und nicht so sehr die Erkenntnis, dass das sexuelle
Bewusstsein der Kinder schon in frühen Jahren erwacht und seine Wirkung ausübt.
Durch diese Anfeindungen und Ablehnungen war der von seinen Ideen überzeugte und
besessene Freud jedoch offensichtlich nicht sonderlich besorgt. Ernest Jones
zitiert einen Ausspruch Freuds: "Sie mögen meine Lehren bei Tag beschimpfen,
aber ich bin sicher, Sie träumen von ihnen bei Nacht.
Sein Leben hatte sich jedoch wenig geändert. Er arbeitete neun Monate nahezu
ununterbrochen, machte drei Monate Urlaub, in denen er meist auch arbeitete und
las. Freud ging nun auf die 50 zu. Er war ein Familienvater, der eine -Frau und
sechs Kinder zu errafften hatte. Seine Stellung in der Universität war noch
immer die eines Dozenten. Die zusammen mit Breuer geschriebenen Studien über
Hysterie hatten wie seine eigenen Bücher, "Zur Auffassung der Aphasien" und "Die
Traumdeutung", nur einige kleine Wellen geschlagen, die sich rasch wieder
beruhigt hatten, während er in den medizinischen Kreisen Wiens weiterhin mit
Argwohn und Abscheu betrachtet wurde. Finanziell ging es ihm immer noch
schlecht.
Freud, von seinen Ideen überzeugt, sehnte sich nicht nur nach Ruhm und
Anerkennung und damit verbunden auch nach einem finanziell sorgenfreien Leben,
sondern er sehnte sich auch nach einem Kreis von Männern, die ihn
freundschaftlich aufnehmen sollten. Daneben strebte er eine
Universitätsprofessur an, die ihm nach seiner Ansicht zustand. Schließlich wurde
er auch 1902 zum außerordentlichen Professor ernannt, nachdem eine ehemalige
Patientin dem zuständigen Ministerium nach zweimaliger Ablehnung des Antrags ein
Gemälde für eine einzurichtende Galerie gestiftet hatte. Außenseiter, meist
belächelter, blieb er weiterhin und so konnte er im Dezember 1904 auch vor dem
Doktorenkollegium, wo er über Psychotherapie sprach, sagen: "Vielen Ärzten
erscheint noch heute die Psychotherapie als ein Produkt des modernen Mystizismus
und im Vergleich mit unseren physikalisch-chemischen Heilmitteln, deren
Anwendung auf physiologischen Einsichten gegründet ist, ist, als geradezu
unwissenschaftlich, des Interesses eines Naturforschers unwürdig", Sätze, die im
wesentlichen bis heute wenig an Gültigkeit verloren haben.
Aber Freud begann zu kämpfen "mit der Neugierde, der Kühnheit und der
Zähigkeit eines Eroberers", wie er Fließ schrieb. Im Herbst 1902 gründete er auf
Anraten von Wilhelm Stekel, seinem ersten Schüler, die Mittwochsgesellschaft,
zu der neben Stekel auch Alfred Adler, ein Augenarzt, kam. 1906 folgte dann die
Gründung der Wiener psychoanalytischen Vereinigung. Für Freud war die
Vereinigung in erster Linie ein Resonanzboden. Zwei Jahrzehnte früher hatte
Breuer diesem Zweck gedient. Nach dem Bruch mit Breuer, der den Ideen Freuds von
der frühkindlichen Sexualität nicht folgen wollte, um nicht seine gutgehende
Privatpraxis zu gefährden, hatte Fließ dessen Stelle eingenommen. Diese Männer,
Joseph Breuer und Wilhelm Fließ, waren Freuds Vertraute in den Anfängen der
Psychoanalyse gewesen. Nun, als sich Fließ und Freud auch zu entfremden
begannen, ergab sich für Freud die Notwendigkeit, andere zu finden. Da waren
neben Wilhelm Stekel und Alfred Adler der Musikkritiker David Bach, der Verleger
Hugo Heller, vor allem aber Otto Rank, ein ehemaliger Glasbläser, der im Alter
von 21 Jahren 1905 in den Kreis von Freud kam und bald Mädchen für alles wurde.
Hinzu kamen 1908 Hans Sachs und Sandor Ferenczi. Zu einigen Männern hatte Freud
eine sehr intensive Beziehung, wobei mehr als einer seiner engen Freundschaften
als Motivation zugrunde lag: die Hilfe, die sie seiner Sache leisteten. Fließ
war von beträchtlicher potentieller Brauchbarkeit gewesen, als Freud versuchte,
die Psychologie mit physiologischen Begriffen zu erklären. Carl Gustav Jung
sollte als ein nichtjüdisches Gegengewicht gesehen werden, als sich die
Psychoanalyse zu einer internationalen Bewegung ausweitete. Es hat jedoch den
Anschein, dass trotz der Intensität der Freundschaften für Freud die Sache der
Psychoanalyse im Vordergrund stand. Neben ihr gab es nur wenig von Bedeutung für
Freud.
Mit der, wenn auch nur sehr bescheidenen Ausdehnung der Bewegung stellten
sich die ersten zaghaften Erfolge ein. Freud's "Drei Abhandlungen zur
Sexualtheorie", Abhandlungen über die bisher uneingestandene Sexualität der
Kinder, 1905 veröffentlicht, wurden zwar von der konservativen Presse
vernichtend beurteilt, in Fachzeitschriften jedoch meist hervorragend
rezensiert. Einen Beweis für seine Theorien aus den Abhandlungen konnte er in
der "Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben", des kleinen Hans, eines
Sohnes seines Freundes Max Graf, liefern, der eine schlimme Phobie vor Pferden
entwickelte, die Freud mit Hilfe des Vaters auflöste, Der Vorwurf, Freud habe
dem Jungen seine harmlose Jugend genommen, erwies sich wohl als unrichtig, da
Hans, der eigentlich Herbert hieß, "sich prächtig entwickelte, die Wirren des
Lebens meisterte und ein erfolgreicher Opernregisseur wurde. Ein zweiter
Vorwurf, der Freud und auch der Psychoanalyse immer wieder gemacht wurde und
weiterhin wird, ist dagegen nicht so leicht von der Hand zu weisen, nämlich der,
Freud habe lediglich immer das gefunden, was er gesucht habe. Dieser Vorwurf
wurde auch bekräftigt durch seine eigene Erklärung in der "Analyse der Phobie
eines fünfjährigen Knaben": "Während der Analyse allerdings muss ihm vieles
gesagt werden, was er selbst nicht zu sagen weiß, müssen ihm Gedanken eingegeben
werden, von denen sich noch nichts bei ihm gezeigt hat, muss seine
Aufmerksamkeit die Einstellung nach jenen Richtungen erfahren, von denen her der
Vater das Kommende erwartet".
Um 1905 nahm Freud's Ruf jedoch, ebenso wie seine Anrüchigkeit, langsam, aber
stetig zu. In England bildete sich eine kleine Gruppe um den 26-jährigen Ernest
Jones, in Amerika um James Putnam, in Deutschland interessierte sich Karl
Abraham für die Psychoanalyse und in Zürich neben Max Eitington und Ludwig
Binswanger Carl Gustav Jung. Jung war jedoch nie der ergebene Schüler wie Jones
und Abraham. Schon 1907 monierte er Freud's Gewohnheit, die später viele Gegner
Freud's aufgriffen, dass er aufgrund vorliegenden Beweismaterials zu stark zu
verallgemeinern pflegte. Das erste Treffen zwischen Freud und Jung im Februar
1907 beschrieb Jung mit Enthusiasmus und Skepsis: "Freud" war der erste wirklich
bedeutende Mann, dem ich begegnete. Kein anderer Mensch in meiner damaligen
Erfahrung konnte sich mit ihm messen. In seiner Einstellung gab es nichts
Triviales. Ich fand ihn außerordentlich intelligent, scharfsinnig und in jeder
Beziehung bemerkenswert. Und doch blieben meine ersten Eindrücke von ihm unklar,
zum Teil auch unverstanden." Jung maß der Sexualität nie die Bedeutung zu, die
Freud ihr zumaß, und blickt man auf die Beziehung zurück, die sich zwischen den
beiden Männern entwickelte, so ist das Bemerkenswerte, dass Freud nicht von
Anfang an erkannte, wie grundsätzlich der Unterschied zwischen seinen und Jungs
Anschauungen war. Er hatte den fast 20 Jahre jüngeren Jung offensichtlich als
Nachfolger vorgesehen, als er ihm wenig später schrieb, "dass ich nun weiß, ich
sei entbehrlich wie jeder andere, und dass ich keinen anderen und besseren
Fortsetzer und Vollender meiner Arbeit wünsche als Sie, wie ich Sie
kennengelernt habe". Aber seine Zuwendung zu Jung hatte zumindest noch einen
anderen Grund, den Freud 1908 in einem Brief an Abraham erwähnt, wenn er
schreibt, dass sein, Jungs Auftreten die Psychoanalyse der Gefahr entzogen hat,
eine jüdische Angelegenheit zu werden. Auch hier wird deutlich, dass es Freud
nicht so sehr um die Zuneigung, sondern um die Sache ging. Er war sich dabei
sehr bewusst, dass sein Judentum der Psychoanalyse im Wege stand, so als er 1908
Abraham schrieb: "Ich meine nur, wir müssen als Juden, wenn wir irgendwo mittun
wollen, ein Stück Masochismus entwickeln, bereit sein, uns etwas Unrecht tun zu
lassen. Es geht sonst nicht zusammen. Seien Sie versichert, wenn ich Oberhuber
hieße, meine Neuerungen hätten trotz alledem weit geringeren Widerstand
gefunden."
Aber Freud, besessen von seiner Sache, war gewillt, sich allen äußeren
Widerständen entgegenzusetzen, um die Verbreitung seiner Ideen zu fördern.
1908 wurde der 1. Internationale Kongress in Salzburg von ihm initiiert und von
Jung organisiert. Insgesamt waren in Salzburg 42 Männer anwesend, eine Frau war
nicht dabei. Im folgenden Jahr, 1909, wurden Freud und auch Jung eingeladen zu
Vorlesungen an der Clark-University in die USA. In Folge der Vorlesungen,
die Freud hielt, wurde 1910 die amerikanische psychoanalytische Vereinigung
gegründet. Im gleichen Jahr, 1910, wurde in Berlin die psychoanalytische
Gesellschaft gegründet, aus der zehn Jahre später, 1920, das erste deutsche
psychoanalytische Institut hervorging. In der psychoanalytischen Gesellschaft in
Berlin wirkten Franz Alexander, Michael Balint, Karl Abraham, Siegfried
Bernfeld, Erich Fromm, Georg Groddeck, Wilhelm Reich und René
Spitz. Freud regte nun, durch die langsam steigende Anzahl seiner Anhänger
ermutigt, an, eine internationale psychoanalytische Vereinigung zu gründen,
wobei Freud's Motive dazu nicht ganz klar sind: Zum einen schrieb er in "Zur
Geschichte der psychoanalytischen Bewegung": "Die Form einer offiziellen
Vereinigung hielt ich für notwendig, weil ich den Missbrauch fürchtete, welcher
sich der Psychoanalyse bemächtigen würde, sobald, sie einmal in die Popularität
geriete. Es sollte dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände: Mit
all dem Unsinn hat die Analyse nichts zu tun, das ist nicht Psychoanalyse".
Damit hatte Freud zweifellos im Auge, sich ein Instrument zu schaffen,
Andersdenkende ausschließen zu können. Daneben hoffte er über diese Vereinigung,
Anschluss an die etablierte Lehre zu finden, damit die Psychoanalyse nicht in
ihrer bisherigen Abkapselung verbliebe.
Freud war entschlossen, die Internationale psychoanalytische Vereinigung zu
gründen, was denn auf dem 2. Internationalen psychoanalytischen Kongress
vollzogen wurde. In Nürnberg, dem Treffpunkt, gab es einigen Ärger, weil Freud
vorgesehen hatte, dass Jung ständiger Präsident der Vereinigung werden sollte
mit außerordentlichen Vollmachten, einschließlich der Ernennung und Absetzung
von Analytikern und der Genehmigung aller Schriften der Mitglieder über
Psychoanalyse vor der Veröffentlichung. Diese Vollmachten sind, wenn man sie mit
etwas Distanz betrachtet, nahezu absurd. Es gab aber nicht nur wegen dieser
außerordentlichen Vollmachten Ärger, sondern auch, weil Freud offensichtlich die
Züricher Gruppe und Jung favorisierte und nicht die Wiener Gruppe um Adler und
Stekel, die dann auch entsprechend verbittert waren. Ein wesentliches Moment der
Bevorzugung Jung's dürfte wohl gewesen sein, dass Jung Nicht-Jude war und Freud
zu den Wienern sagte, die meisten von ihnen seien Juden und daher nicht
imstande, der neuen Lehre Freunde zu gewinnen. Ihm ging auch hier die Sache über
die persönlichen Beziehungen. Als sei ihm dies aber nicht Kontrolle genug, griff
Freud im Sommer 1912 eine Idee von Jones auf, nämlich die Bildung eines Komitees
zur Weiterentwicklung und Verteidigung der Psychoanalyse, das dann auch
zusammentrat.
So markiert die Gründung des psychoanalytischen Vereins und des Komitees
bereits das Ende dessen, was bis dahin unter Psychoanalytikern lebendig war -
eine liberale wissenschaftliche Denkungsart.
Nach Beendigung des Weltkrieges setzte Freud seine ganze Kraft in den Ausbau
der psychoanalytischen Bewegung. In den großen Städten der Welt sollten
psychoanalytische "Ortsgruppen" entstehen, in denen Psychoanalytiker ausgebildet
werden sollten. Um dort verlässliche Leiter zu haben, Personen, die der
Psychoanalyse treu ergeben und gegen Häresie geschützt waren, entschloss er
sich, sie selber auszubildend Das bedeutete, dass er fast keine Patienten mehr
sah, weil die 7 Lehranalysanden, die er hatte, 42 Stunden seiner Wochenarbeit
verbrauchten. Dasselbe tat Sachs, den Freud als Lehranalytiker an das Berliner
Institut empfohlen hatte. In den ersten beiden Jahren analysierte Sachs dort 25
Personen, ganz oder teilweise zum Zwecke der Ausbildung. Hier liegen zwei
Wurzeln einer verhängnisvollen Entwicklung: Lehranalytiker als Beruf und
Lehranalyse als Indoktrination.
Über diese Entwicklung kann man wohl nicht glücklich sein, da sie die
Entwicklung der Psychoanalyse, vor allem deren institutionelle Entwicklung
entscheidend beeinflusste. In gewissen Phasen ihrer Entwicklung hat sich dann
die psychoanalytische Gemeinschaft wie eine Glaubensgemeinschaft verhalten. Sie
besaß ein dogmatisch verstandenes Lehrgebäude, dessen Grundpfeiler von Freud
festgelegt waren:
"Die Annahme unbewußter seelischer Vorgänge, die Anerkennung der Lehre vom
Widerstand und der Verdrängung, die Einschätzung der Sexualität und des
Ödipuskomplexes sind die Hauptinhalte der Psychoanalyse und die Grundlagen ihrer
Theorie, und wer sie nicht alle gutzuheißen vermag, sollte sich nicht zu den
Psychoanalytikern zählen", so Freud 1923 in "Das Ich und das Es".
Freud meinte das auch so und war mit einer schneidenden Härte bereit, diese
Meinung gegenüber abweichenden Meinungen zu vertreten. 1911 tat er dies
gegenüber Adler und wenig später gegenüber Stekel, denen er an einigen Abenden
der Mittwoch-Gesellschaft unmissverständlich mitteilte, dass ihre Vorstellungen
falsch und für die Entwicklung der Psychoanalyse gefährlich seien..1911 trat
Adler, der die Individualpsychologie entwickelte, der den Begriff des
Minderwertigkeitskomplexes in die psychoanalytische Literatur einführte und
dessen Popularität Freud wohl sehr verbi11erte, aus der Wiener Vereinigung aus,
und mit ihm fünf seiner Anhänger An C.G. Jung schrieb Freud damals, "etwas müde
vom Kampf und Sieg teile ich Ihnen mit, dass ich gestern die ganze Adler-Bande
(sechs Stück) zum Austritt aus dem Verein genötigt habe. Ich war scharf, aber
kaum ungerecht."
Nach der Auseinandersetzung mit Adler und seinen Anhängern nahte nun eine
wesentlich wichtigere, nämlich die mit seinem Kronprinzen Carl Gustav Jung, der
ja auch als Präsident der internationalen psychoanalytischen Vereinigung
sozusagen Stabschef der psychoanalytischen Bewegung war. Auch hier ging es
zumindest vordergründig um die Sache und für Freud im besonderen um die
Abwertung der Bedeutung der Sexualität durch Jung. Daneben spielten aber wohl
auch in zunehmendem Maße persönliche Differenzen zwischen Freud und Jung eine
wesentliche Rolle. So schrieb Jung 1912 an Freud, "Sie weisen rund um sich herum
allen Symptomhandlungen nach, damit setzen Sie die ganze Umgebung auf das Niveau
des Sohnes und der Tochter herunter, die mit Erröten die Existenz fehlerhafter
Tendenzen zugeben. Unterdessen bleiben Sie immer schön oben als Vater. Erkennbar
wird hier die ja nicht unübliche, wenn auch für die Kommunikation verheerende
Tendenz unter Psychoanalytikern und Psychotherapeuten, das jeweils andere
Verhalten im Gegensatz zum eigenen mit Deutungen zu belegen. Deutungen zu
belegen. Freud antwortete denn auch, "es ist unter uns Analytikern ausgemacht,
dass keiner sich seines Stückes Neurose zu schämen braucht." Dann fuhr er in dem
Brief an Jung fort, "wer aber bei abnormem Benehmen unaufhörlich schreit, er sei
normal, erweckt den Verdacht, dass ihm die Krankheitseinsicht fehlt. Ich schlage
Ihnen also vor, dass wir unsere privaten Beziehungen überhaupt aufgeben." Der
Bruch mit Jung war nun nicht mehr aufzuhalten. 1914 schrieb Freud die polemische
Abhandlung "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung", die, wie Jones
meint, Jung dann zum Austritt aus der Internationalen psychoanalytischen
Vereinigung veranlasst habe.
Man kann schon angesichts des Verhaltens von Freud der Meinung sein, dass
zumindest zum damaligen Zeitpunkt die Rolle des Verteidigers des Glaubens
anstatt des Wahrheitssuchers für ihn näher war. Dies hat sicherlich die
Entwicklung in den psychoanalytischen Instituten beeinflusst, dass sie mehr zu
autoritären Hütern des Bestehenden wurden als zu Orten, an denen die
psychoanalytische Theorie sich entfalten und weiterentwickeln konnte. Ihre
konservativ-defensive Haltung machte für mehr als zwei Jahrzehnte und sicherlich
in nicht wenigen Instituten bis in die jetzige Zeit hinein die Besinnung der
Psychoanalytiker auf ihre kritische, aufklärerische und emanzipatorische
Ausgangsposition schwer möglich.
1914 gab es nun drei miteinander konkurrierende psychoanalytische Schulen mit
Freud, Jung und Adler, als der 1. Weltkrieg ausbrach und erst einmal die
Ausbreitung der psychoanalytischen Bewegung an den Realitäten des Weltkrieges
zum Stillstand kam und erst einmal die Ausbreitung der psychoanalytischen
Bewegung an den Realitäten des Weltkrieges zum Stillstand kam.
Freud, der sich um die Dinge des Weltgeschehens in der Regel wenig kümmerte,
war anfangs patriotisch: "Ich fühle mich aber vielleicht zum ersten Mal seit 30
Jahren als Österreicher und möchte es noch einmal mit diesem hoffnungsvollen
Reich versuchen", so schrieb er 1914 an Abraham. Freud hatte sich auf einen
kurzen Krieg eingerichtet und rechnete mit einem schnellen deutschen Sieg. Als
ihm dann jedoch im Verlaufe des Krieges immer deutlicher wurde, mit welcher
Brutalität der Krieg geführt wurde, wandte er sich, so in seinem Artikel
"Zeitgemäßes über Krieg und Tod", vor allem gegen die Art der Kriegsführung,
gegen die Grausamkeiten und Rechtsverletzungen, nicht eigentlich gegen den
Krieg, den er auf dem Hintergrund seiner Theorie für unvermeidlich hielt.
Unmittelbar nach dem Krieg kam es zu einer ermutigenden Zunahme des
Interesses in vielen Teilen der Welt an seinen Theorien.
Trotz der Gefahren dieser zu großen Popularität, der Überspanntheiten der
allzu Begeisterten und des Treibens der Scharlatane festigte die Psychoanalyse
während der frühen zwanziger Jahre die Basis. Mit der wachsenden Anzahl der
Analytiker wuchsen jedoch auch die Erweiterungen und Modifikationen der
Psychoanalyse auch bei denen, die im Gegensatz zu Adler und Jung die
Grundprinzipien Freuds akzeptierten, sie aber abwandelten, indem sie Faktoren
hervorhoben, die Freud ignoriert oder als nebensächlich betrachtet hatte. Dies
war vor allem das vermehrte Einbeziehen von soziopsychologischen Faktoren durch
Analytiker wie Fromm, Horney und Sullivan, im Deutschland der Nachkriegszeit
Mitscher l ich und Richter, die sich daran machten, die soziopsychologische
Realität in einem adäquateren Maße für die Psychoanalyse zu entdecken. Als
weitere Modifikation entwickelte Melanie Klein eine Technik, Kinder zu
analysieren.
Diese und andere Erweiterungen oder Modifikationen des Werkes Freuds in den
Zwischenkriegsjahres verwandelten das, was für viele Freudianer vergleichsweise
einfache Gewissheiten gewesen waren, in ein Netzwerk verschiedener Theorien, die
manchmal ineinandergriffen, manchmal gegensätzlicher Natur waren und oft mit
einem dogmatischen Eifer vertreten wurden, der Freud in seinen
leidenschaf1ichsten Augenblicken Ehre gemacht hätte.
Das Komitee, das sich zur Aufgabe gestellt hatte, mit Freud regelmäßig die
Angelegenheiten der Internationalen Vereinigung zu besprechen und vor allem ein
wachsames Auge auf Neuerungen der psychoanalytischen Theorie oder Praxis zu
haben, war untereinander zu Beginn der zwanziger Jahre völlig zerstritten.
Otto Rank, der Leiter des Psychoanalytischen Verlags in Wien war,
veröffentlichte 1923 das Buch "Das Trauma der Geburt", in dem er darlegte, dass
der wesentliche Faktor, der die psychische Entwicklung eines Individuums
bestimme, die bei der Geburt erlebte Trennungsangst sei. Er behauptete damit
nicht weniger, als dass die bei der Geburt erlebte Trennungsangst für die
psychische Entwicklung des Individuums wichtiger sei als der Ödipuskomplex.
Während Freud sich mit Ranks Gedanken zumindest auseinandersetzte, war das
Komitee, allen voran Jones und Abraham, empört. Und dies vor allen deswegen,
weil Rank das Buch veröffentlicht hatte, ohne die anderen Mitglieder des
Komitees auch nur darüber zu informieren oder zu konsultieren, Als Rank dann
noch im gleichen Jahr mit Ferenczi die Schrift "Die Entfaltung der
Psychoanalyse" veröffentlichte, war der Krach im Komitee da. Jones unterstellte
Rank wie vorher auch Jung eine Psychose. Das Komitee löste sich 1924 auf. Rank
scherte aus der Bewegung aus und ließ sich in den USA nieder. Er brach mit der
Psychoanalyse: "Ich halte nichts von einer lang hinausgezogenen Psychoanalyse.
Ich halte nichts davon, sich lange damit abzugeben, die Vergangenheit zu
erforschen, sich in sie zu vertiefen. Ich bin dafür, den Kern der Krankheit
durch ihre gegenwärtigen Symptome anzugreifen, rasch und direkt.", so Rank -
eine erstaunliche Sicht der Dinge, die heute vielfach übernommen wird, die das
Hier und Jetzt der therapeutischen Situation als wesentlicher betrachte wird als
die Rekonstruktion der Lebensgeschichte.
In Wien gab es indes weiterhin Differenzen mit Ferenczi, die weniger
theoretischer Natur waren, mehr die Technik betrafen. Freud hatte immer erklärt,
die Rolle des Analytikers sei die eines objektiven Außenstehenden, der sich die
Erinnerungen des Patienten anhört, sie siebt, sortiert und deutet, aber nicht
persönlich Anteil nimmt. Während der zwanziger Jahre wandte Ferenczi jedoch eine
Methode an, die dazu im Widerspruch stand. Er glaubte, dass ein Mangel an
Elternliebe die Ursache vieler seelischer Störungen sei, die man beseitigen
könne, wenn der Analytiker eine persönliche Beziehung zu seinem Patienten
aufnehme, was Freud später "mit seinen Schülerinnen Mutter-und-Kind-Spielen"
nannte. Ferenczi jedenfalls verließ die objektive Distanz und wie weit er sie
verließ, darüber gibt es unterschiedliche Berichte. Ehe es aber zur ernsthaften
Auseinandersetzung mit Freud kam, starb Ferenczi 1932. Jones hatte es nicht
versäumt, auch ihm vor seinem Tod noch latente psychotische Tendenzen und
paranoide Vorstellungen zu unterstellen, was von Michael Balint, einem Schüler
Ferenczis, stets zurückgewiesen wurde. Der letzte der Dissidenten aus Freud's
engerem Schülerkreis war dann 1934 Wilhelm Reich, der mit seinem Versuch der
Verknüpfung der psychoanalytischen Theorie mit der marxistischen Theorie wenig
Freunde bei den orthodoxen Vertretern der psychoanalytischen Lehre gefunden
hatte. Für seinen Ausschluss aus der Psychoanalytischen Vereinigung ist aber
letztlich wohl seine politische Einstellung im Nationalsozialismus anzusehen,
als er sich auf dem Luzerner Kongress 1934 für eine kompromisslose Haltung
gegenüber dem Nationalsozialismus einsetzte und sich damit scharf gegen die
kompromissbereite Politik der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und
der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft gegenüber den Nationalsozialisten
stellte. Reichs Ausschluss 1934 war daher auch aus dieser Sicht konsequent. Um
die Reihe der Dissidenten fortzuführen, möchte ich hier noch zwei Ausschlüsse
der Nachkriegszeit erwähnen, nämlich den Ausschluss Lacan's, der 1953 aus der
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen wurde mit dem
Argument, seine Gruppe sei unfähig, Analytiker auszubilden, wobei dieses
Argument wohl einer kritischen Prüfung bedarf; daneben der Austritt Ammon's aus
dem Berliner Institut und der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung mit der
folgenden Gründung einer eigenen Schule in der Bundesrepublik Deutschland, die
wohl ebenso einer kritischen Prüfung bedarf.
Freud sah den Auseinandersetzungen und der Auflösung des "Komitees mehr aus
der Ferne zu, so sehr ihn auch das Ausscheren Otto Rank's, der ihm über 16 Jahre
ein überaus treuer Weggefährte und Freund gewesen war, bedrückte. Hinzu kam,
dass im April 1923 bei Freud ein Karzinom im Gaumenbereich diagnostiziert wurde
und er sich 1923 zwei Operationen unterziehen musste. Bis zu seinem Tod waren
mehr als 30 weitere Operationen nötig; dazu kam eine lange Reihe von Versuchen,
eine neue Prothese zu konstruieren, die es ermöglichen sollte, die normalen
Funktionen des Essens, Trinkens und Sprechens und auch des Rauchens, das
aufzugeben sich Freud immer noch weigerte, mit möglichst geringen
Schwierigkeiten auszuüben. Hinzu kam auch seine zunehmende Befürchtung, dass
sich die Katastrophe des Krieges von 1914 wiederholen könnte. Dies, seine
persönlichen Lebensumstände und seine Sicht der Dinge um ihn herum, scheinen
auch seine Schriften in den späten zwanziger und in den dreißiger Jahren
beeinflusst zu haben, die von einem zunehmenden Pessimismus durchzogen sind,
wenn sich auch der größere Teil seiner eher düsteren Prognosen bestätigen
sollte. So schrieb Freud 1937 über die Möglichkeiten der psychoanalytischen
Therapie in seiner Schrift "Die endliche und die unendliche Analyse": "Man hat
den Eindruck, dass man nicht überrascht sein dürfte, wenn sich am Ende
herausstellt, dass der Unterschied zwischen dem Nichtanalysierten und dem
späteren Verhalten des Analysierten doch nicht so durchgreifend ist, wie wir es
erstreben, erwarten und behaupten . In seiner Abhandlung "Das Unbehagen in der
Kultur" führte er 1930 aus, dass für die kulturelle Entwicklung ein hoher Preis
zu zählen sei, der einer wachsenden Triebeinschränkung, und dass die
Zivilisation in zunehmendem Maße ihre eigenen Neurosen schaffe. Und in seinem
Brief an Einstein "Warum Krieg?" im Jahre 1932 äußert er sich sehr skeptisch
über die Möglichkeiten der Verhinderungen des Kriegs und stellt als Möglichkeit
zur Bekämpfung des Krieges dar, dass "alles, was Gefühlsbindungen unter den
Menschen herstellt; dem Krieg entgegenwirken muss". Freud bekannte sich in
dieser Schrift zwar zum Pazifismus, drückte aber auch seine Skepsis aus, ob die
Aggressivität überhaupt zu kanalisieren oder zu bearbeiten sei und damit Kriege
verhindert werden könnten. Die Wirklichkeit übertraf dann wenig später selbst
seine düsteren Befürchtungen.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Freud 76 Jahre alt und entschlossen, so
lange in Wien auszuharren, wie es eben möglich war, während seine Söhne Oliver
und Ernst nach Frankreich und England zogen. Im Mai 1933 wurden die Schriften
Freud's öffentlich verbrannt mit den Worten: "Gegen die seelenzerstörende
Überschätzung des Sexuallebens und für den Adel der menschlichen Seele -
übergebe ich den Flammen die Schriften eines gewissen Sigmund Freud." Nach dem
Anschluss Österreichs 1938 konnte Jones Freud überreden, mit seiner Familie
Österreich zu verlassen, was dann mit Hilfe der amerikanischen Regierung
ermöglicht wurde und was Freud wohl vor allen Dingen tat, um seine bei ihm
lebende Tochter Anna zu retten. Vier seiner Schwestern, die keine
Ausreisegenehmigung erhielten, wurden von den Nazis in Konzentrationslagern
ermordet. Freud erlebte das nicht mehr. Er starb am 23. September 1939 83-jährig
in London.
Nach der Machtergreifung Hitlers verließen viele, jüdische Psychoanalytiker
Deutschland. Im Frühjahr 1933 kam ein Erlass der Nazis heraus, der besagte, dass
alle Juden aus den Vorständen wissenschaftlicher Vereinigungen auszuschließen
seien. Im Vorstand der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft befanden sich
drei Juden: Eitington, Fenichel und Simmel, Stellvertreter waren die Nicht-Juden
Boehm und Müller-Braunschweig. Man kam überein, und Freud scheint sich in einer
Aussprache mit Boehm in Wien auch nicht dagegen ausgesprochen zu haben, dem
Erlass der Nazis nachzukommen und Boehm und Müller-Braunschweig übernahmen den
Vorsitz der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Als die NSDAP dann 1935
forderte, dass sämtliche jüdischen Mitglieder aus der Deutschen
Psychoanalytischen Gesellschaft auszuscheiden hätten, wenn die Psychoanalyse in
Deutschland weiter bestehen solle, traten nach einem Bericht von Boehm, den er
1951 verfasste, "die wenigen in Deutschland verbliebenen jüdischen Analytiker
aus der DPG aus". Anzumerken ist, dass die "wenigen" jüdischen Analytiker etwa
die Hälfte aller Mitglieder ausmachten und anzumerken ist ebenfalls, dass
lediglich ein nichtjüdischer deutscher Analytiker, Kamm, auf dieser Sitzung
seine Mitgliedschaft unter Protest niederlegte und gemeinsam mit den jüdischen
Kollegen auswanderte.
Dass auch andere Handlungsmöglichkeiten gegeben waren, zeigte der Vorstand
der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft, der es ablehnte, die jüdischen
Mitglieder aufzufordern, die Gesellschaft zu verlassen und von dem die meisten
nichtjüdischen Mitglieder Österreich verließen. Ebenso löste sich die
Holländische Psychoanalytische Gesellschaft 1941, als die Juden austreten
mussten, freiwillig auf. In Deutschland war das nicht der Fall.
Unsere Vorväter waren keine Helden. Nur wenige erkannten oder, handelten
jedenfalls danach, "dass die Abgrenzung von der herrschenden Ideologie unter den
Bedingungen eines Terrorregimes bei ständigen Kompromissen mit diesem Regime
nicht möglich ist". - Rittmeister ging in den Widerstand und wurde hingerichtet.
Sterba, der eine Stelle als Leiter der Wiener Poliklinikangeboten erhielt,
lehnte ab und emigrierte. Gegenüber Anna Freud soll er zur Begründung gesagt
haben, er sei als Nichtjude der Gefahr der Anpassung noch viel stärker
ausgeliefert gewesen als die Juden. Beide sind einsame Vorbilder geblieben.
1938 verlor die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft ihren Status als
eingetragener Verein und wurde nunmehr als Arbeitsgruppe A des Deutschen
Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie weitergeführt, deren
Vorsitz Matthias Göring innehatte, ein Cousin des Reichsmarschalls Göring.
Dieses Institut wurde 1936 gegründet und während der NS-Zeit großzügig
finanziell unterstützt. Müller-Braunschweig und Boehm erhielten Lehr- und
Publikationsverbot. Offiziell hatte die Psychoanalyse in Deutschland aufgehört
zu existieren; unter dem Dach des Deutschen Instituts für psychologische
Forschung und Psychotherapie wurde sie in außerordentlich eingeschränktem und
fragwürdigem Maße weitergeführt.
Auch die 1926 gegründete Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie,
deren Vorsitz bis 1933 Kretschmer innehatte und der es dann ablehnte, unter dem
Nationalsozialismus Vorsitzender der Gesellschaft zu sein, wurde 1933
gleichgeschaltet, wobei ebenso wie bei den nichtjüdischen Mitgliedern der
Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft zumindest ein Teil der Mitglieder der
Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie mit der NS-Weltanschauung
sympathisierte. Hier ist die Rolle von Carl Gustav Jung zu erwähnen, der seit
1930 stellvertretender Vorsitzender der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft war,
1933 Vorsitzender der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für
Psychotherapie, die aber nur wenige und zahlenmäßig unbedeutende Sektionen
außerhalb Deutschlands hatte. Über Jungs Rolle ist in der Nachkriegszeit viel
gestritten worden: unbestritten ist wohl, dass er mit der NS-Weltanschauung
zeitweise zumindest sympathisierte. 1934 schrieb er in "Zur gegenwärtigen Lage
der Psychotherapie" im Zentralblatt für Psychotherapie, dem Organ der
Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, deren Herausgeber Jung
war: "Das arische Unbewußte enthält Spannkräfte und schöpferische Keime von noch
zu erfüllender Zukunft, die man nicht ohne seelische Gefährdung als
Kinderstubenromantik entwerten darf und "Das arische Unbewußte hat ein höheres
Potential als das jüdische; das ist der Vorteil und der Nachteil einer dem
Barbarischen noch nicht völlig entfremdeten Jugendlichkeit. Meines Erachtens ist
es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass
sie jüdische Kategorien, die nicht einmal für alle Juden verbindlich sind,
unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slaven verwandte. Damit hat sie
nämlich das kostbarste Geheimnis des germanischen Menschen, seinen schöpferisch
ahnungsvollen Seelengrund als kindisch-banalen Sumpf erklärt, während meine
warnende Stimme durch Jahrzehnte des Antisemitismus verdächtigt wurde. Diese
Verdächtigung ist von Freud ausgegangen. Er kannte die germanische Seele nicht,
so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten. Hat die gewaltige
Erscheinung des Nationalsozialismus, auf die eine ganze Welt mit erstaunten
Augen blickt, eines Besseren gelehrt? Wo war die unerhörte Spannung und Wucht,
als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der
germanischen Seele, in jenem tiefen Grunde, der alles andere ist als der
Kehrichtkübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter
Familienressentiments", so Jung 1934. Die Deutsche Sektion der Allgemeinen
Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie, der zahlenmäßig weitaus bedeutendste
Zweig, gab sich schon 1933 eine neue Satzung, in der im Absatz 2 dem Führer
bedingungslose Treue gelobt wurde und in der es in Absatz 7 hieß: "Der
Vorsitzende hat das Recht, alle Veröffentlichungen im Namen der Gesellschaft vor
der Drucklegung zu genehmigen". Absatz 9 verlangte bei der Wahl des amtierenden
Vorsitzenden eine Abstimmung mit der zuständigen Stelle des
Reichsinnenministeriums. Vorsitzender der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft
für Psychotherapie wurde 1933 Matthias Göring. Dies muss man wissen, um
beurteilen zu können, mit wem sich die damaligen "arischen" Psychoanalytiker auf
Kompromisse eingelassen haben.
Die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 in der Deutschen
Psychoanalytischen Gesellschaft wurden allerdings unterschiedlich dargestellt.
Zum einen ist die Frage schwer zu beantworten, was die heutige Generation in der
gleichen Lage getan hätte. Ein Hinweis mag sein, wenn dies auch ein Hinweis ist,
der in keiner Weise mit der damaligen bedrückenden Situation zu vergleichen ist,
wie sich die Generation der heutigen Psychotherapeuten stellt zu den politischen
Fragen der Zeit. Zum andern ist sicherlich die Frage schwer zu beantworten,
welcher der Beteiligten aus welchen Gründen Kompromisse geschlossen hat. Nur hat
sich die Illusion, wenn man im Kleinen Positionen preisgebe, werde man im Großen
und Ganzen heil davonkommen, also die Psychoanalyse retten können, als Illusion
und damit als Irrtum erwiesen. Bedrückend sind dagegen die Rechtfertigungs- und
Entlastungsversuche. Da gibt es im Nachkriegsdeutschland von Analytikern kaum
ein Wort der Trauer, der Scham und des Bedauerns; vielleicht war auch bei den
meisten die Kapazität für Trauer und Scham durch Trauer um Angehörige,
Gefallene, Vermisste, durch Trauer um zerstörte Häuser und Städte, um den
Verlust der Heimat erschöpft. Bedauert wird oft das eigene Leid oder der Verlust
an intellektuellen Kapazitäten, der durch das Weggehen eintrat, so wird die
Vertreibung und der Ausschluss der jüdischen Mitglieder aus der Deutschen
Psychoanalytischen Gesellschaft in den Nachkriegsbemerkungen der nichtjüdischen
Analytiker in der Regel bezeichnet. Von der Unfähigkeit zu trauern blieben die
Psychoanalytiker nicht verschont. Mit der dann 1950 erfolgten Trennung der
Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) von der Deutschen
Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), sollte er Eindruck entstehen, dass die
DPV mit den Ereignissen in der Nazizeit nichts zu tun gehabt habe. Die
Gründungsmitglieder der DPV waren freilich ebenso am Göring-Institut tätig wie
die Mitglieder der DPG. Die Verleugnung in manchen Darstellungen geht sogar so
weit, die Psychoanalyse in der Nazizeit für tot zu erklären, um nicht sehen zu
müssen, wie sehr sie sich in den Dienst der herrschenden Ideologie gestellt
hatte. Im Göring-Institut hing Freuds Bild gegenüber Hitlers Portrait und wurde
schließlich 1938 endgültig entfernt.
In den nachträglichen Rechtfertigungsversuchen ging es nicht um Klarstellung,
sondern darum, eigene Schuldgefühle und Schamgefühle zu vermeiden. Es ging auch
um den Wiederaufbau der psychoanalytischen Bewegung in der Bundesrepublik. Dabei
wäre das Wiederaufleben bzw. die Weiterführung der vorhandenen Reste der
psychoanalytischen Bewegung in Deutschland nach 1945 vielleicht anders
verlaufen, mit weniger Schuldgefühlen, wenn sich die nichtjüdischen Analytiker
nicht in den Dienst der Nationalsozialisten am Göring-Institut gestellt hätten,
wenn sie - wie in Österreich - mitausgetreten wären oder wenn sie zumindest nach
dem Kriege nicht versucht hätten, ihre Haltungen im wesentlichen zu
rechtfertigen und ihr Beteiligtsein zu verleugnen.
Diese Vermeidung von Schuld, Scham und Trauer der nichtjüdischen deutschen
Analytiker, und diese sind in den psychoanalytischen Vereinigungen heute bei
weitem in der Mehrzahl, wird auch einen Einfluss gehabt haben auf den Ablauf der
Lehranalyse, weil die Gegenübertragungsgefühle der Lehranalytiker es nicht
zuließen sich mit den Ängsten und Kränkungen, den Zweifeln des Selbstwertes auf
dem Hintergrund des Verhaltens während der nationalsozialistischen Zeit
auseinanderzusetzen, so etwas wie ein unbewusstes Frageverbot. Dadurch ist ein
wichtiger Zugang zur Realität, auch zur Realität der Lehranalytiker verschlossen
geblieben. Ich zumindest habe nicht meinen Lehranalytiker in der erforderlichen
Dringlichkeit nach seinen Ängsten und Anpassungen in der Nazizeit gefragt. und
ich bin mir weitgehend sicher, dass er eben auch nicht mit der erforderlichen
Intensität mit seinem Lehranalytiker die Auseinadersetzung über die Nazizeit
gesucht hat, die erforderlich ist, um das auszufüllen, was Psychoanalyse
ausmacht. Freud schloss seine "Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die
Psychoanalyse" mit den Worten: "Ich sagte Ihnen, die Psychoanalyse begann als
eine Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich Sie Ihrem Interesse empfehlen,
sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt
über das, was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen."
Die Entwicklung der Psychoanalyse in der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik
war übe einen langen Zeitraum nicht sonderlich geprägt von der Suche nach
Wahrheit. Die Psychoanalyse, die ja nicht nur individuelle Therapie, nicht nur
Seelenforschung sondern auch Gesellschaftsdiagnose war, nahm davon im
wesentlichen Abstand. Im Vordergrund stand nach dem Krieg - und es ging ja auch
um das Überleben - die Suche nach neuen Organisationsformen, die auch Erfolg
hatte. Die Intensität, mit der sich die Überlebenden an den Aufbau der neuen
Organisation heranmachten, kann durchaus gesehen werden auf dem Hintergrund der
Intensität des zu Verdrängenden. Bereits Ende Mai 1945 begann in Berlin die
poliklinische psychotherapeutische Arbeit, die 1946 in das Zentralinstitut für
psychogene Erkrankungen in Berlin verlagert wurde. 1949 wurde die Deutsche
Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPPT)
gegründet, deren erster Präsident Viktor von Weizsäcker, Ordinarius für innere
Medizin der Universität Heidelberg war.
Angesichts dieser Entwicklung der Psychoanalyse angesichts einer Anpassung an
medizinisch-akademische Normen, angesichts der Situation, dass die
Psychotherapie und auch die Psychoanalyse immer mehr als ausschließlich
therapeutisches Instrument gesehen wird, bleibt generell zu fragen, ob nicht die
Psychotherapie und vor allem die Psychoanalyse in Gefahr gerät, zu einer Art
Wartungsdienst mit kompensatorischen Funktionen zu verkommen. Wie jede Wahrheit,
die einmal gegen die Gesellschaft gedacht wurde, wie FREUD das ja in vielen
seiner Schriften getan hat, läuft die Psychoanalyse in Gefahr, in dem
Augenblick, da sie ihre soziale Anerkennung erreicht, "ihren philosophischen und
kulturkritischen Impetus einzubüßen und sich aus einem Instrument der Kritik in
eines von vielen Hilfsmitteln und Techniken der alltäglichen Berufsroutine zu
verwandeln", so HORKHEIMER, der dies schon 1948 bemerkte. FREUD hatte ja
versucht, seine neue Wissenschaft vor den Ärzten wie vor den Priestern zu
schützen und seine Furcht, die Psychoanalyse könne den Humantechnikern in die
Hände fallen, hat FREUD dazu bewogen, sie "einem Stand von weltlichen
Seelsorgern, die Ärzte nicht zu sein brauchen und Priester nicht sein dürfen",
anzuempfehlen, so FREUD 1928 in einem Brief an Pfister. Es ist aber so gekommen,
dass vor allem nach dem Krieg die organisierte Psychoanalyse den Weg der
Medizinalisierung, vor dem FREUD gewarnt hatte, eingeschlagen hat.
So repräsentierte im Nachkriegs-Westdeutschland die wiedererstandene
Psychoanalyse lange Zeit den Typus der eingeschüchterten Psychoanalyse. Trotz
MITSCHERLICH wurde die Psychoanalyse hier nur als halbierte tradiert, trotz
RICHTER blieben viele Analytiker politisch abstinent, trotz PARIN blickten über
den Horizont der Berufspraxis nur wenige hinaus. "Der Psychoanalytiker von heute
ist ein bundesrepublikanischer Bürger geworden, der sich in eine soziale Nische
zurückgezogen hat, um hier seine störanfällige psychoanalytische Praxis
ungestört und von politischen Ereignissen verschont ausüben zu können", schrieb
jüngst ein Frankfurter Psychoanalytiker. Und es gibt in der Tat eine Reihe von
Anzeichen, die dafür sprechen, dass die Psychoanalyse mit der ausschließlichen
und weitgehenden Anpassung an die Medizin, so sinnvoll diese als Integration
psychoanalytischer Praxis in der Medizin auch ist, dass die Psychoanalyse auf
dem Weg zur Entwicklung eines Berufsbildes ist, das sich an dem des Facharztes
und nicht an dem eines Suchers und Verbreiters unangenehmer Wahrheiten
orientiert und dass auf diesem Weg gerade das verloren zu gehen droht, was die
Psychoanalyse lange Zeit ausgezeichnet hat: Nämlich die Fähigkeit und
Bereitschaft zu Kritik des Bestehenden, zu theoretisch-wissenschaftlicher
Radikalität und zu politischer Parteinahme für die Sozial Schwachen,
Erniedrigten und Beleidigten.
Zum Abschluss meines Vortrags noch ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung vom
16.9.1994 aus dem Artikel "Der Psychoanalytiker" von Elke Schmitter: "...
aber hat der Analytiker durchaus selbst dafür gesorgt, aus dem Stand des Gurus
in den des kassenärztlichen Angestellten zu geraten: er hat die Gesellschaft
selten verstimmt und sich mit wachsender Professionalisierung einer allgemeinen
Mutlosigkeit anbequemt, die seine intellektuelle Zuständigkeit auf die
Intimsphäre des Versicherungsnehmers reduziert. ..." |