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Konzentrat.Beweg.therapie
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Das Ich ist vor allem ein Körperliches

Konzentrative Bewegungstherapie auf den Spuren Freuds und in der Auseinandersetzung mit neueren Forschungsergebnissen

Eine Einführung in die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT)

Veranstaltung mit Ulrike Schmitz

Therapeutin für Konzentrative Bewegungstherapie in Nürnberg
Lehrbeauftragte des DAKBT

am Mittwoch, den 19. Januar 2005, von 19:30 Uhr bis ca. 21:00 Uhr


Einleitung

Die Suche nach der Verbindung von Körpererleben und psychischem Erleben gibt seit jeher Rätsel auf. Philosophie, Psychologie und seit einiger Zeit auch neurobiologische Forschungslabors nehmen sich dieser Frage an und sind dem, was Freud damals postulierte, auch wissenschaftlich ein Stückchen näher gekommen. Die Konzentrative Bewegungstherapie als körperorientierte, psychotherapeutische Methode arbeitet seit fast 50 Jahren in diesem Feld und verfolgt gespannt die neuesten Forschungsergebnisse. Anhand von Beispielen wird die Konzentrative Bewegungstherapie möglichst plastisch vorgestellt.


Vortrag

"Das Ich ist vor allem ein Körperliches", dieser Satz Freuds 1923

niedergeschrieben, wird in den letzten Jahren häufig zitiert. Viele der aktuellen Forschungsergebnisse zeigen, dass das, was Freud da ahnte und durch seine Beobachtungen bestätigt sah, nun auch der objektiv messbaren Forschung standhält. Und trotzdem: Das Verhältnis und der Zusammenhang von Körper und Psyche, obwohl viel bedacht und viel beforscht, bleibt schwierig. Die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung darüber, wie das Gehirn die Psyche „macht“, geben zwar Erklärungsbausteine, werfen aber mindestens ebenso viele Fragen auf, wie sie beantworten.

Die Suche nach der Verbindung von Körpererleben und psychischem Erleben prägte auch die Geschichte der Konzentrativen Bewegungstherapie und berührte und beschäftigte die Menschen, die zu ihrem Entstehen beitrugen in besonderer Weise.

In ihren Wurzeln geht die KBT auf die Gymnastikbewegung der 20er Jahre und da insbesondere auf Elsa Gindler, die in Berlin lehrte, zurück.

Ihr wurde es im Laufe ihrer Arbeit immer wichtiger, ihre Schülerinnen und Schüler dazu anzuregen, von rein mechanisch durchgeführten Bewegungen wegzukommen und sich selbst gegenüber bei allen Tätigkeiten so forschend und interessiert zu verhalten, dass Zustandsveränderungen, die bei der Bewegung im Organismus entstehen, erfahrbar werden.

Robert Jungk schreibt über seine Erfahrungen in ihren Kursen folgendes:

"Es ist schwer zu erklären, was in diesen Kursen eigentlich genau getan wurde. Körperliche Übungen, die sich nur in kraftvollen, anstrengenden, aber letztlich äußerlich bleibenden Bewegungen erschöpfen, gab es in diesen ungewöhnlichen Stunden nicht. Man legte sich auf den Boden, schob einen Besenstiel unter die Wirbelsäule, bemühte sich dieses störende Objekt ganz genau zu spüren, schob es wieder weg und versuchte nun, von der Störung befreit, sich ganz der tragenden Erde zu überlassen, zu fühlen, wie sie einen hielt, den ganzen Körper wahrzunehmen, von den Zehenspitzen bis in jede Fingerspitze hinein, vom Bauch in den Brustkorb, in die Schultern, hinauf bis zum Kopf.

"Während ich das niederschreibe, beginnt der vor Jahrzehnten "eingeübte" Mechanismus der erhöhten Wahrnehmung sofort wieder zu spielen. - Bis vor einer Minute achtete ich gar nicht darauf, wie ich sitze, gingen die Fingerkuppen über die Tasten der Schreibmaschine, ohne dass ich den Gegendruck spürte. Jetzt berührt mich der leichte Wind, der vom Fenster her kommt. Er war sicherlich die ganze Zeit da, aber ich hatte ihn "ausgesperrt". Ich spüre Nacken, Rücken, Füße. Und in den beiden großen Zehen hat es zu kribbeln begonnnen. Natürlich! Auf die "Erweckung", das "Lebendigmachen" der Füße hatte es Frau Gindler besonders abgesehen. Sie zeigte uns, wie man "diese toten Klumpen" ohne eine einzige Bewegung, nur durch genaues "Durchfühlen", in warme pulsierende Teile des physischen Selbst verwandeln kann."

 

Elsa Gindler, die ihrer Art der Körpererfahrung keinen Namen gab, hatte zahlreiche Schüler und Schülerinnen, die unter dem Druck des Nationalsozialismus in alle Welt zerstreut wurden und damit die Basis für viele Weiterentwicklungen legte. Sensory Awareness, Feldenkraisarbeit, aber auch die Bobathmethode, die Kleinkindförderung nach Emmi Pickler und die Hengstenbergarbeit gehen auf diese Wurzeln zurück.

Ruth Cohn, die bei einer Gindlerschülerin (Carola Speads) diese Form der Körperarbeit unter dem Namen "Körperliche Umerziehung zum seelischen Gleichgewicht" kennen gelernt hatte, schreibt in dem Artikel "Ein Ansatz zur psychosomatischen Analyse" über die Ähnlichkeit dieser Körpererfahrung mit der Analyse:

"Ein paar Jahre später, während meiner Lehranalyse, war ich von der Ähnlichkeit der beiden Methoden überrascht. “Sag mir, was du von deinem Körper spürst, von deiner Schulter, deinem Arm, deinem Bein, deinem Bauch, deiner Atmung. Versuche nicht etwas zu beeinflussen; lass einfach alles so ablaufen, wie es will. Erwarte nichts Besonderes, aber sei für alles offen, was kommen mag." Das war körperliche Umerziehung. "Sagen Sie mir, was ihnen durch den Kopf geht, was es auch sei, Höfliches, Wichtiges oder Unwichtiges, Zusammenhängendes oder Unzusammenhängendes; wählen sie nicht aus." Das war Psychoanalyse." 

Der Psychoanalytiker Helmuth Stolze, dessen Namen untrennbar mit den Lindauer Psychotherapietagen verbunden ist, stellte diese Verbindung nicht nur ebenso fest, sondern nutzte sie ab 1953 in seiner Psychotherapiepraxis.

Seine Arbeitsweise stellte er 1958 in einem Artikel „Psychotherapeutische Aspekte einer Konzentrativen Bewegungstherapie“ erstmals schriftlich dar:

„Vorläufig ist (...)die Bezeichnung des Verfahrens als „Konzentrative Bewegungstherapie“. Die Sache jedoch, von der ich ausgehen will, steht fest: es ist Bewegung, die für die Psychotherapie nutzbar gemacht werden soll. (....) Es ist unter anderem ein Anliegen dieser Darstellung, die Bewegungstherapie aus ihrer psychotherapeutischen Uneigentlichkeit zu erlösen.“

(„Vorläufig“ blieb die Bezeichnung der Methode 47 Jahre lang bestehen.)

Einige Seiten weiter im gleichen Artikel finden wir einen Absatz, der trotz dieser langen Zeitspanne in seiner Aktualität nichts eingebüsst hat und heute bei einem wesentlich erweiterten Forschungsstand genauso zutreffend ist, wie im Jahr 1958:

„ Die Ergebnisse aller dieser Forschungen vereinigen sich zu einer Anthropologie, die vom erlebenden Menschen handelt. Sie fordert von uns eine Revision und Erweiterung des Psychotherapiebegriffs: „Psychotherapie“, so müssen wir nun sagen, „ist Behandlung durch gestaltetes Um-Erleben.“ So vermitteln uns gerade die neuesten Forschungen Einsichten, die es erlauben, ein Verfahren wie das hier beschriebene als ein psychotherapeutisches zu bezeichnen.

 

Wie sieht diese bewegungsorientierte Psychotherapie nun aber konkret aus? Dies will ich Ihnen an einem Aspekt, nämlich dem der Körpererinnerungen veranschaulichen.

Vielleicht kennen Sie so etwas auch aus ihrem Alltag:

Beim Stadteinkauf werden es immer mehr Tüten unterschiedlichen Gewichts und unterschiedlicher Griffigkeit, die man in Händen hält und zum Bezahlen immer wieder abstellt. Beim Rückweg  zum Auto fällt einem plötzlich auf, dass linkerhands etwas anders ist. Schwer ist es da  zwar immer noch und die Arme werden eh immer länger, aber der raue Griff der einzigen Papiertüte ist nicht mehr zu spüren.

Zurück in den letzten Laden, da steht sie tatsächlich noch vor der Theke.

Zuvor hatte man gar nicht bewusst den andersartigen Griff der Papiertüte bemerkt: Aber unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle ist die Information angekommen und schaltet zum Glück noch rechtzeitig die Signale auf Gefahr. Trotz des vergleichsweise geringen Werts des Tüteninhalts wird die Stressachse angeworfen. Das Herz schlägt schneller, die Atmung beschleunigte sich, man bleibt ruckartig stehen einen halben Kopf aufrechter wie zuvor. Der innerlich mitgeschnittene Film der letzten halben Stunde spult sich blitzartig noch einmal ab und ortete zum Glück gleich das richtige Geschäft als möglichen Standort der Fehlleistung. Schnell umdrehen und zurück.

Ausgerechnet das Geschenk für die Schwiegermutter hatte man stehen gelassen.

So banal diese Situation auch ist, finden wir in ihr doch viele Elemente wieder, wie wir sie in der KBT immer wieder zu sehen bekommen. Die bewusste Hinwendung auf die eigene Wahrnehmung lässt häufig (und oft auch mit einem einhergehenden Erstaunen) Erinnerungsspuren an vorangegangene, oft nicht ins Bewusstsein gedrungene oder verdrängte Wahrnehmungen auftauchen, die aber unsere bisherigen Handlungen prägten. Mit einem gewissen Ahaeffekt ist dann eine Richtungsänderung und eine Korrektur der Erfahrungen möglich.

Aus Sicht der Hirnforschung liest sich das heute so:

„Emotionale Konditionierung findet in uns ständig statt und beginnt bereits im Mutterleib. Dadurch häuft sich im Laufe des Lebens ein ungeheurer Schatz von Erfahrungen an, deren Details uns bewusst gar nicht mehr gegenwärtig sind und sein können. Die meisten Dinge in unserem täglichen Leben tun wir intuitiv, d.h. abhängig von mehr oder weniger automatisierten Entscheidungen. Dabei wird das soeben Wahrgenommene(...)unbewusst identifiziert, und es wird das Vertrautheitsgedächtnis abgefragt, ob uns dies bereits bekannt ist, und das emotionale Gedächtnis wird nach eventuell vorliegenden emotionalen Bewertungen durchgesucht. Wenn uns das Wahrgenommene dann bewusst wird, ist auch gleich ein bestimmtes Gefühl vorhanden, sofern wir bereits über entsprechende Erfahrungen verfügten. Dasselbe gilt für Vorstellungen, die unbewusst in uns aufgerufen werden und dann von Gefühlen begleitet sind. Insbesondere letzteres ist bei unserer Handlungsplanung wichtig. Wir überlegen uns, ob wir dies oder jenes tun sollen, und Gefühle werden in uns spürbar, die uns zu- oder abraten (…) Wir erinnern uns daran, dass die limbischen Zentren (d.h. die Zentren, die für die emotionale Erfahrungsverarbeitung zuständig sind d. V.) zwar zu schnellen und nachhaltigen emotionalen Bewertungen von Dingen, Personen und Geschehnissen in der Lage sind, dass sie aber nicht komplexe Sachverhalte  verarbeiten und entsprechend auch nicht mittel- und langfristige Handlungsplanung betreiben können. Das limbische System ist hierin wie ein kleines Kind, das angesichts eines bestimmten Geschehens nur unmittelbare Vorstellungen über gut und schlecht, positiv und negativ, lustvoll und schmerzhaft entwickeln kann und nicht über die Stunde oder den Tag hinausdenkt. Anders aber als ein kleines Kind weiß das limbische System, dass es beim Vorliegen einer komplexen Situation gut daran tut, die Großhirnrinde und damit Verstand und Vernunft heranzuziehen (…) Der bewusstseinsfähige Cortex wird also immer dann eingeschaltet, wenn es darum geht, große Detailmengen zu beurteilen, verschiedenartige Gedächtnisinhalte zusammenzufügen und Handlungsplanung in neuartigen Situationen zu leisten. (…) Wenn nun (.) die Großhirnrinde so großartig ist und so verständige und vernünftige Vorschläge zu erteilen vermag, warum folgen wir diesen Ratschlägen nicht immer bereitwillig? (…) Dies liegt daran, dass das limbische System, aber nicht das rationale System der Großhirnrinde, einen direkten Zugriff auf diejenigen Systeme in unserem Gehirn hat, welche letztendlich unser Handeln bestimmen. Dies geschieht über die so genannten Basalganglien, die tief im Inneren unseres Gehirns lokalisiert sind und völlig unbewusst arbeiten. Sie bereiten jede Art von Handlungen vor, bei denen wir das Gefühl haben, wir hätten sie gewollt. Letzteres jedoch ist eine Täuschung, denn die Basalganglien stehen  weitgehend unter Kontrolle des limbischen Systems. (…) Der Grund hierfür ist, dass alles, was Vernunft und Verstand als Ratschläge erteilen, für den, der die eigentliche Handlungsentscheidung trifft, emotional akzeptabel sein muss. Es gibt also ein rationales Abwägen von Handlungen und Alternativen und ihren jeweiligen Konsequenzen, es gibt aber kein rein rationales Handeln. Am Ende eines noch so langen Prozesses des Abwägens steht immer ein emotionales Für und Wider. Die Chance der Vernunft ist es, mögliche Konsequenzen unserer Handlungen so aufzuzeigen, dass damit starke Gefühle verbunden sind, denn nur durch sie kann Verhalten verändert werden.“ (Gerhard Roth „Aus Sicht des Gehirns“ 2004 S.159ff)

In diesem Feld der teils unbewussten Handlungsplanung bewegt sich die Konzentrative Bewegungstherapie. Automatisierte Gefühlsgewohnheiten, Beziehungs- und Handlungsmuster werden in den so genannten Bewegungsangeboten oft auch entgegen dem bewussten Wollen szenisch umgesetzt und durch die erhöhte Wahrnehmungsbereitschaft deutlicher erfahrbar. So entsteht der oft verblüffende Ahaeffekt „Ach so mache ich das immer!“ Im konkreten Probehandeln mit ganz andersartigen Kontrasterfahrungen kann im besten Fall  eine Neuerfahrung gemacht werden, die emotional so hoch besetzt ist, dass sie Einfluss auf  die alten, automatisierten Gewohnheiten gewinnt.

Hierzu will ich Ihnen eine Vignette vorstellen:

Ein Mann, erfolgreich in einem sozialen Beruf tätig, engagierter Vater und geschätzter Partner, kommt mit dem Wunsch zu mir auch einmal etwas für sich zu tun. Immer wäre er parat gewesen, auf Wünsche von anderen einzugehen. Er könne zwar unterdessen besser für seine Abgrenzung sorgen und signalisieren, welche Wünsche er nicht erfüllen wolle. Es falle ihm aber immer noch sehr schwer umzuschalten, sich selber zu fragen, was er gerade brauche und schlicht habe er damit Mühe, nach einem aktiv und zum Teil hektisch gestalteten Tag zur Ruhe zu kommen. Die KBT hätte er auf einer Fortbildungsveranstaltung kennen gelernt und in ihm sei die Idee gewachsen, damit mehr Handwerkszeug zu erhalten, wie er seine eigenen Bedürfnisse deutlicher und manchmal vielleicht auch schneller herausfinden könne.

Wir sind uns schnell darüber einig, in einer begrenzten Anzahl Stunden zu erproben wieweit ihm die KBT bei diesem Problem hilfreich sein kann.

In den ersten zwei Stunden gestalte ich KBT-Angebote, die möglichst viele Kontrasterfahrungen zulassen,  zu Themen wie: aktiv sein - zur Ruhe kommen, sich hetzen lassen – bremsen – Widerstand leisten. So lernt Herr O. die Methode besser kennen und findet schon  einiges über sich und seine Umschaltmöglichkeiten  heraus.

In der dritten Stunde, nach einem kurzen Gespräch über die ihm nun besser bekannten und im Alltag deutlicher wahrgenommenen Umschaltschwieirgkeiten, lasse ich ihn mit Materialien zwei Plätze im Raum gestalten: einen auf dem er präsent und für andere aufmerksam sein könne und einen auf dem er ganz für sich da sei.

Beide gestaltet er sehr zielsicher: Der erste sieht sehr wohnlich und heimelig aus und ist mit vielen Gegenständen bestückt, die in den vorangegangenen Stunden für geglückte und beglückende Beziehungsgestaltungen standen. Ja, in mir ist auch der Eindruck entstanden, als habe Herr O. durchaus einige soziale Kompetenzen und sei nicht nur ein „Helferlein“.

Den zweiten Platz kann ich nicht einsehen, er ist durch ein wuchtiges Sitzelement von meinen Blicken abgeschirmt. Gesehen habe ich aber, dass Herr O. seine Lieblingsdecke, die ihm schon einmal beim zur Ruhe kommen half und einen Igelball, der ihn Hände und Füße besser spüren lässt, mit in „seine Ecke“ genommen hat. Manches hat er aber auch ganz im Geheimen vor meine Blicken verborgen gestaltet.

Ich lasse ihm die Wahl, auf welchem Platz er sich zuerst niederlassen will.

Ganz entgegen meinen Erwartungen  sucht er zuerst den Platz auf, auf dem er für sich sein kann. Ich stelle noch einige wahrnehmungslenkende Fragen zum sich darauf Einrichten und Niederlassen und verstumme dann zu meinem eigenen Erstaunen  gänzlich.

Nach kurzer Zeit entsteht  in mir ein Gefühl, als wäre Herr O. gar nicht mehr da. Ich, denke zwar: ja, er sollte ja das Alleinsein testen! aber irgendwie bleibe ich irritiert und finde eine ganze Weile keinen erneuten Beginn, um  mit meinen Fragen den Wechsel auf den anderen Platz einzuleiten. Wie ich noch mit mir ringe, wie lange ich diese Funkstille zwischen uns andauern lassen soll, ertönt Herr O.´s Stimme ziemlich gedämpft und kleinlaut.“Ich käme ja schon alleine da heraus, aber ich würde so gerne geholt.“

Die Stimmung in mir wechselt schlagartig. Da ist kein Zögern mehr, in mir entsteht großes Interesse. Mit den Worten „Dann will ich mal sehen, wie Sie sich eingerichtet haben.“ mache ich mich auf den Weg hinter das Sitzelement und neben seinem Platz niederkauernd tauschen wir uns darüber aus, wie sich dieses“ im Versteck sein“ anfühlt.

Nach einigen Minuten, die eine Art  komplizenhafter Stimmung zwischen uns entstehen ließen, fordere ich ihn auf, mit mir zu den Stühlen zurückzugehen und nun von einer anderen Ebene aus zu beleuchten, was da gerade geschehen ist.

Herr O. wirkt sehr nachdenklich und berichtet, dass sein Entschluss, zuerst auf den Platz zu gehen, auf dem er das Alleinsein testen sollte, relativ widerwillig gefallen wäre.  Mehr aus der Verpflichtung heraus, daran ja arbeiten zu wollen, habe er sich dafür entschlossen, da zu beginnen. Beim Einrichten darauf wäre dann aber plötzlich Spaß an der Sache aufgekommen. Er habe dieses Holzstück dazugeholt und sich daran erinnert, dass er als Kind gerne stundenlang alleine im Wald gespielt hätte. Wie er sich dann auf dem Platz niedergelassen hätte, wäre ein wohliges Schaudern aufgekommen. So hätte er sich ewig nicht gefühlt. Eine Mischung aus vertraut und abenteuerlich. Es wäre ihm recht gewesen, dass ich ihn nicht sah und er nichts von mir hörte. Erst als dieser Zustand länger andauerte wäre es ihm unheimlich geworden. Er habe sich gefragt: hat die mich vergessen? Und plötzlich wäre ihm eingefallen, wie er sich als Kind eine Erdhöhle gegraben habe. Als sie tief genug für ihn gewesen sei, habe er sich mit etwas gemopstem Proviant darin versteckt und sehnsüchtig darauf gewartet, dass seine Eltern oder Geschwister ihn suchen würden. Aber niemand sei gekommen. Schließlich sei er, weil er in der Dunkelheit Angst bekam, nach Hause zurückgelaufen. Dort sei er zwar freudig aufgenommen worden, aber niemand hatte ihn vermisst.

Als ihm dies heute so schmerzlich eingefallen war, hatte er sich zu seinem Erstaunen sagen hören:

„Ich käme ja schon alleine da heraus, aber ich würde so gerne geholt.“

Es wäre ihm peinlich gewesen, wie er als erwachsener Mann so einen Satz sagen könne, aber ich wäre so schnell und selbstverständlich gekommen und jetzt wäre er richtig froh, dass es diesmal anders gelaufen sei. Ich hätte ihn ja auch nicht geholt, aber mein Interesse daran, wie er sich in „seinem Versteck“ eingerichtet hätte und mein Einfühlen können in den Reiz und Schauder des Versteckens, hätten es ihm leicht gemacht jetzt wieder auf einer erwachsenen Ebene zu beleuchten, wie dieses Gefühl des „Nicht-vermisst-werdens“ sein Leben geprägt habe. Als Sohn einer sehr kinderreichen Familie habe er zwar immer das Gefühl gehabt, dazuzugehören und willkommen zu sein, aber als Einzelner nicht so wichtig, das etwas fehle, wenn er fehle.

Wir sprechen noch eine Weile über dieses Grundgefühl, das in ihm durch diese Szene so plastisch geworden ist. Zum Abschluss mache ich ihm den Vorschlag, wieder auf den Platz hinter dem Sitzelement zu gehen, um ihn noch einmal zu testen.

Ganz im Gegensatz zum letzten Mal rumort er kräftig darauf herum und sagt dann: „Eigentlich war es doch immer ganz schön so allein im Wald, vielleicht sollte ich das mal wieder probieren.“

Mit diesem nachdenklichen Satz beenden wir die Stunde. Der Platz, auf dem er präsent für andere sein wollte, bleibt diesmal ungenutzt.

Der weitere Verlauf ist schnell erzählt:

Herr O. identifiziert in seinem Alltagsleben immer mehr Situationen, in denen er nach dem Motto „Nur dazugehören, als einzelner zähle ich nichts“ handelt. Schon in der Woche nach dieser denkwürdigen Szene, bleibt er einmal bewusst einer Teamsitzung fern und schickt seinen Stellvertreter, was zwar Verwunderung hervorruft, ihm aber absolut nicht weniger Respekt einbringt.

In den KBT-Stunden, aber auch im Alltag experimentiert er damit, nicht nur durch das Gesehen- werden von anderen etwas zu sein.

In den Stunden schloss er jetzt häufig die Augen und spürte mehr von sich, als dass er sah, wie er wirkte. Meine Angebotsgestaltungen wurden immer offener, gaben weniger vor, forderten dadurch mehr seine eigene Impulswahrnehmung, seine eigenen Lösungswege.

Im Arbeitsleben wurde er markanter, zeigte mehr Profil. Dabei stellte er verwundert fest, dass ihm das mehr Sympathien einbrachte. Ihm wurden neue Projekte übertragen, trotzdem hatte er das Gefühl, mehr Zeit zu haben, da er nicht mehr bei Allem immer persönlich dabei sein musste.

 

In der Familie stieß  sein“ deutlicher Wissen, was er wollte“ und sich nicht nur über die Familie definieren, nicht gleich auf Gegenliebe. Einige Konflikte mussten ausgestanden werden, bis das Familiensystem sich darauf einstellte, dem Einzelnen mehr Freiraum zu geben. Belohnt wurde Herr O. damit, dass seine beiden Söhne selbstbewusster wurden und er das Gefühl bekam, mit seiner Veränderung auch Positives für die Familie geleistet zu haben.

 

Wenn ich zur Veranschaulichung eine Vignette wählte, die einen relativ gesunden Klienten und keinen Patienten zeigte, so deshalb, um deutlich zu machen, wie handlungsgebundene automatisierte Muster im Alltag jedes Menschen eine Rolle spielen, die oftmals dem Bewusstsein gar nicht zugänglich ist. Dieses Phänomen ist in der klinischen Praxis bei schwer- und frühgestörten Patienten lange bekannt und wird, da uns diese Patienten oft nicht sagen können worunter sie leiden, genutzt, um ihr Leiden in den Neuinszenierungen, die sie im konkreten Handeln darstellen zu entschlüsseln. In meinem Buch zur Traumabehandlung mit KBT schrieb ich:

„Die eigene Körperresonanz auf die Begegnung mit Patientin oder Patienten differenziert wahrzunehmen und als diagnostischen oder interventionsleitenden Impuls zu beachten, wird in der KBT-Weiterbildung gezielt geschult. Dabei gibt es aber sehr unterschiedliche Facetten, von denen ich für unseren Zusammenhang zwei kurz herausgreifen will.

Der Körper als Übermittler der Affekte ist (im Sinne Krauses) Sende- und Empfangsorgan für die zwischenmenschliche Affektabstimmung. Wie von der Säuglingsforschung immer detaillierter herausgearbeitet, ist das frühe „affect-attunement“ (Stern) Basis für das Einfühlenkönnen in andere. Dieses Aufnehmen der inneren Fühlwelten des Gegenübers durch direkte Affekteinstimmung im Körperdialog kann sehr hilfreich sein, um frühe und/oder wortlose Erfahrungen zu erahnen, ist aber in der Traumatherapie mit  großer Vorsicht zu handhaben, um nicht in traumatisierendes Übertragungsgeschehen hineinzugeraten.(…) Der Gegenpol hierzu wäre die (lebensgeschichtlich später erworbene)  sehr klare Abgrenzung in der Beziehung, das klare „Bei-sich-Bleiben“ in der Körperwahrnehmung, die klare Wahrnehmung der eigenen Grenzen, die Betonung der die Unterscheidung und Autonomie fördernden Eigenschaften und Fähigkeiten.

Gergely und Watson haben in ihren Forschungen genauer herausgearbeitet, wie durch die spielerische Markierung von Affektkommentaren der Bezugspersonen (im so genannten baby-talk) der Säugling schon früh unterscheiden lernt, ob sein eigener Affekt gespiegelt wird oder es sich um einen “echten“ Affekt der Bezugsperson handelt. Dies wird in späteren Lebensjahren im „Als-ob-Spiel“ fortgesetzt und fördert so die Unterscheidungsfähigkeit zwischen affektivem Mitschwingen einerseits und dem Wahrnehmen der anderen Person als Gegenüber mit eigenem und zum Teil unbeeinflussbarem Inneren. Beide Fähigkeiten bleiben im weiteren Leben für die Nähe-Distanz-Regulation im sozialen Feld gleichermaßen wichtig. Das KBT-Angebotsspektrum  bietet für die Differenzierung dieser Fähigkeiten eine Fülle von Möglichkeiten. Nun muss im konkreten Beziehungsdialog und natürlich auch abhängig vom Therapieprozess erfasst werden, welches Maß und welche Zwischentöne einerseits für das Verstehen der bisherigen Beziehungsgestaltung und andererseits für eine korrigierende Neuerfahrung wichtig und sinnvoll erscheinen.

In diesem Sinne erfordert der Beziehungsdialog in der KBT ein ständiges sich partiell hineinziehen lassen in averbal mitgeteilte Kommunikationsmuster, sich partiell davon frei halten, um eine reflektierende Instanz aufrechtzuerhalten  und danach ein gemeinsames Reflektieren, was da gerade miteinander geschehen ist.

 Man könnte fast sagen, dass in den Handlungsszenen des Angebotsteils ein „spielerisch markiertes Als-ob-Spiel“ mit erhöhter Aufmerksamkeit stattfindet, über das man dann als zwei klar voneinander abgegrenzte Erwachsene reflektiert.

Dieser stetige Wechsel der Ebenen schärft den Aufmerksamkeitsfokus für das, was sonst eher unbewusst an Beziehungsgestaltung abläuft.“ (S.27 f)

Auch wenn dies im Feld der  Behandlung von Menschen, die sehr Schweres über sich ergehen lassen mussten eine sehr eigene Ausprägung hat, kommen mir die Erfahrungen aus dieser langjährigen Klinischen Tätigkeit  mit schwer- oder frühgestörten Patienten zugute. Auch wir, seien es professionelle Helfer oder seien es Menschen, die mehr aus persönlichen  Neigungen an einer Innenschau Interesse entwickelt haben, können von dem bewussten Wahrnehmen der eigenen Handlungsmuster und der körperlich gespeicherten Erinnerungsspuren profitieren. Nun sind bei Personen, die sich für einen Vortrag im Rahmen des Laienforums für Psychoanalyse interessieren, die Reflektionsfähigkeit und die Bewusstheit den eigenen Handlungmustern gegenüber sicher wesendlich ausgeprägter. Aber die Bewusstheit dafür wächst auch (und da sind die Ergebnisse der Hirnforschung nicht ganz unbeteiligt), wie wenig man mit reinem Nachdenken über sich in Erfahrung bringen kann. Deshalb will ich Sie hier und jetzt zu einem kleinen Erfahrungsangebot verlocken und damit Elga Dilthey, Psychoanalytikerin und KBT-Therapeutin, ernst nehmen. Sie schrieb, nachdem sie sich um eine Darstellung der KBT mit Worten bemüht hatte:

"Diese Beschreibung ist nicht mehr als der Versuch einer Annäherung an das, was in der KBT geschehen und vom einzelnen erlebt werden kann. Letzten Endes kann eine wirklich zureichende Beschreibung mit Worten nicht gelingen. Die erspürte Bewegung ist einerseits etwas so Zartes und Flüchtiges, andererseits etwas so stark und bleibend Einprägendes, dass es sich im Nach- Denken kaum fassen lässt. Jedenfalls können Worte die Überzeugungskraft des Eigenerlebens nicht erreichen und ersetzen."

 

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Stand: 18.06.10