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Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.  

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Ist Makellos Machbar?
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Ist makellos machbar?

Irritierendes zum medizinischen Reparaturobjekt „Körper“

Veranstaltung mit Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank Erbguth

Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.

Mittwoch, den 08. November 2006


Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank Erbguth
Leitender Arzt der Klinik für Neurologie
Klinikum Nürnberg
Breslauer Str. 201
D-90471 Nürnberg
Tel: 0911-392-2491; Fax: 0911-398-3164
E-Mail: erbguth@klinikum-nuernberg.de


Zunächst möchte ich Ihnen etwas zu meinem biographisch-beruflichen Hintergrund sagen: ich habe in Erlangen Humanmedizin und Psychologie studiert und abgeschlossen. Danach war ich war an der Universität Erlangen-Nürnberg in den Fächern Psychiatrie, Neurologie und Neuroradiologie als Assistenzarzt tätig und habe den Facharzt für Neurologie und Psychiatrie erworben – ganz klar aber mit dem Schwerpunkt Neurologie. Nach meiner Habilitation im Fach Neurologie 1996 wurde ich auf eine Neurologieprofessur an der Neurologischen Universitätsklinik Erlangen berufen; seit Mai 2001 bin ich Leitenden Arzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Nürnberg, mit 80-Betten eine der größten akutneurologischen Abteilungen in Bayern.

Meine fachlichen Schwerpunkte – und vor diesem Hintergrund spreche ich ja zu Ihnen – sind und waren:

(1) Zum einen die neurologische Intensivmedizin inklusive der Schlaganfall-Erkrankungen, hier geht es oft um Machbarkeit und ihre Grenzen, um schwierige Entscheidungen am Ende des Lebens. Aus dieser intensivmedizinischen Tätigkeit ist ein weiterer Schwerpunkt entstanden, nämlich

(2) die Ethik in der Medizin. Ich habe mich in Untersuchungen und Vorträgen mit einigen medizinethischen Themen beschäftigt, wie z.B. Sterbehilfe, Hirntod, Organspende, Gentherapie oder Stammzelltherapie, Präimplantationsdiagnostik oder „Wahrheit und Wahrhaftigkeit am Krankenbett“. Hier bin ich als Arzt auch im Hinblick auf die Debatte um Patientenverfügungen mit einem neuen Machbarkeitsanspruch konfrontiert: Angehörige von lebensbedrohlich Kranken fühlen sich verpflichtet, einer therapiebegrenzenden Patientenverfügung Geltung zu verschaffen; wenn man dann die lebensverlängernden Maßnahmen unterlässt – auch weil sie vielleicht selbst medizinisch gar nicht mehr sinnvoll sind - und der Patient sich wider Erwarten stabilisiert, wird irritiert beklagt, dass der Betroffene noch lebe. Es scheint der Anspruch zu bestehen: entweder Heilen oder wenn das nicht klappt – ein schneller Tod. Zwischentöne sind scheinbar schwer zu ertragen; auf der Strecke bleibt die Bereitschaft zum Abwarten und zur Geduld.

(3) Ein dritter Schwerpunkt ist die Beschäftigung mit dem neurologischen Krankheitsbild der Dystonien; hier ist am verbreitetsten und wohl auch am bekanntesten die sogenannte „zervikale Dystonie“, auch „Schiefhals“ oder „Torticollis“ genannt. War diese Krankheit bis in die Mitte der 70er Jahre Gegenstand der Spekulation, ob nicht im psychoanalytischen Sinne eine Konversion vorläge, werden die Dystonieerkrankungen mittlerweile als Bewegungsstörungen verstanden, bei denen eine Art Software-Störung in den Bewegungszentren des Gehirns besteht. Diese pragmatische Auffassung hat dazu geführt, dass die Dystonieerkrankungen heute mit Injektionen des Giftes Botulinumtoxin behandelt werden, an dessen Enzwicklung als Therapeutikum ich seit Ende der 80er Jahre einen gewissen Anteil hatte. Dieses Gift wird inzwischen in der  Schönheitsmedizin zur Glättung von Falten angewendet, auch ein Aspekt, der gut zum Thema „Makellosigkeit“ passt.

 

In den genannten Bereich fühlte ich mich des öfteren im klinischen Alltag unwohl und irritiert und fühlte mich bemüßigt, diese scheinbar widersprüchlichen Phänomene zum Thema „Machbarkeit“ einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Die Jahrestagung des Deutschen Arbeitskreises Konzentrative Bewegungstherapie zum Thema „Alles machbar – oder nicht“ hatte mich dann zu einem medizinischen Vortrag eingeladen, womit die Plattform geschaffen war, meine Gedanken einmal zusammenzufassen. Und ich freue mich, Ihnen diese Gedanken heute noch einmal in etwas modifizierter Form nahe bringen zu dürfen.

 

Nun zum Thema: „Ist makellos machbar ?“

Die Frage wirkt rhetorisch und wenn Sie sich als aufgeklärte Zuhörer alle die Frage so stellen, und wenn ich sie mir auch so stelle, so lautete ihre und meine sichere Antwort „Natürlich ist Makellosigkeit nicht machbar !“ – ein Utopist, ein Narr wer dies wirklich glauben würde. Auch die Mehrheit der Bundesbürger würde das wahrscheinlich ähnlich sehen. Wo liegt also das Problem ? Nun – die Antwort „Makellosigkeit sei nicht machbar“ mag intellektuell stimmig und redlich sein - aber sie spiegelt nicht das wieder, was sich gesellschaftlich im Moment abspielt und wie wir selbst uns verhalten.

Die Medien sind bestimmt von den Themen: Gesünder, jünger und schöner: „For ever young“ betitelt der Jogger-Papst aus unserer Region Dr. Ulrich Strunz seine Bücher. Gesundheit und Krankheit sind inzwischen zu dem „zentralen Punkt“ in unserer Wertewelt geworden. Es geht um die Bekämpfung von bereits manifesten Krankheiten, um die Prävention von möglichen zukünftigen Krankheiten und schließlich nicht nur um den Erhalt der Gesundheit sondern auch der Jugendlichkeit. Das Thema macht auch Widersprüche offenbar: Da wird z.B. Behinderung in Sonntagsreden als wichtiges Objekt unserer Sozialfürsorge apostrophiert - gleichzeitig aber werden ethisch problematische Forschungsanstrengungen im Bereich Gentechnik, Stammzellen oder Präimplantationstechnik damit gerechtfertigt, dass genau solche Behinderungen in Zukunft ausgemerzt werden könnten und müssten.

 

Mit dem Thema „Makellosigkeit und Machbarkeit“ sind Sie und ich auf zwei Ebenen angesprochen:

(1) als Anbieter von Gesundheitsleistungen oder zumindest als Interessierte daran

(2) als Menschen die selbst altern, krank werden können oder vielleicht schon sind und somit selbst Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen

 

Wie halten wir´s denn hier zum einen mit unseren Therapie- und vielleicht auch Heilsangeboten und Heilsbotschaften an andere, die wiederum ihrerseits uns mit ihren gestiegenen Erwartungen konfrontieren und was zum anderen erwarten wir selber von Ärzten, Physiotherapeuten, Heilpraktikern, Psychotherapeuten, Pfarrern und wem sonst noch alles, wenn uns selbst Krankheit, Schmerz und Leid betreffen?.
Um Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu bekommen, möchte ich meinen Vortrag in 5 Teile untergliedern.

(1) Zunächst möchte ich in der Geschichte zurückblicken und nachsehen, in welchen historischen Kontexten sich unsere Problemstellung entwickelt hat

(2) in einem zweiten Schritt will ich die Makellosigkeitsanstrengungen zu Beginn des Lebens schildern: Stichwort „Präimplantationsdiagnostik“

(3) drittens möchte ich die Reparaturanstrengungen zum Erhalt von Vitalität und Schönheit in der Lebensmitte thematisieren – Stichwort „For ever young“ und „Schönheitschirurgie

(4) der vierte Punkt soll betrachten unseren Umgang mit dem Altern und den Problemen am Ende des Lebens – Stichwort: „Anti-Aging“ und „Sterbehilfe“.

(5) Zum Schluss werde ich versuchen, das Gemeinsame und Verbindende dieser unterschiedlichen Szenarien zu benennen und Lösungen zu skizzieren. Meine Analyse wird ergeben, dass eine enorme „Medikalisierung und Psychologisierung unseres Alltags und unseres „Befindens“ stattfindet und meine These wird heißen: Das verbreitete Streben nach Gesundheit, Schönheit und Makellosigkeit weist alle Merkmale eines Religionsersatzes auf.

 

Zum Geschichtlichen

Wenn wir uns die Gesundheitsdefinition der WHO von 1946 hernehmen, so formuliert sie einen sehr ambitionierten Begriff von menschlicher Gesundheit: es heißt dort:
Gesundheit ist der Zustand völligen (!) körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Freisein von Krankheit und Behinderung“.

Wer ist danach schon gesund auf Erden. Es ist ein Anspruch auf „Makellosigkeit par excellence“, geradezu auf ein Paradies. Was die WHO so definiert muss, sie eigentlich für machbar halten, da ihre Gesundheitsdefinition ja nicht auf ein Jenseits vertröstet. Man kann diese Gesundheitsdefinition als säkulare Paradiesutopie auffassen.

Um die Frage der Herstellbarkeit eines solchen Paradieses geht es seit Jahrhunderten. Wie soll man als Mensch fertig werden mit der alltäglich erlebten Fragilität, und Vergänglichkeit menschlicher körperlicher Existenz; was soll man sich erhoffen dürfen, wie lässt sich die alltäglich erlebte Begrenztheit überwinden.

In der christlich-religiös geprägten Denkweise des Mittelalters wurde dem Menschen immer eine „paradiesische“ Natur zugesprochen: seine „constitutio“ – seine innere Natur, Veranlagung und Bestimmung galt als „paradiesisch“. Dabei wurde allerdings das irdische Leben als „destitutio“ – als Verlassenheit - aufgefasst. Mit dem Tod - in der Auferstehung - manifestierte sich dann die „restitutio“, die Rückkehr in die paradiesische Unversehrtheit und Ganzheit. Heilung im Sinne von begrenzter Reparatur war zwar ansatzweise auch irdisch möglich, das letztendliche Heil allerdings konnte nur im Jenseits erfolgen.

Der mittelalterliche Mensch wird in seiner Zeit stets gemahnt und darauf hingewiesen, dass das Diesseits mit Vergänglichkeit und Makel behaftet ist.

 

Einige von Ihnen haben wahrscheinlich unten in der Sebalduskirche den „Fürst der Welt“ schon einmal betrachtet. Ein von vorne sehr schmucker makelloser Jüngling, aber auf der Rückseite sichtbar die innere Fäulnis– Würmer, Schlangen und Verwesung als Mahnung und Erinnerung an die Vergänglichkeit des Jungen, Schönen und Makellosen. Dies ist eines der zentralen Themen der Kunst des Mittelalters. Memento mori – Bedenke dass Du vergänglich bist ! – lautet die Botschaft in den Darstellungen der Totentänze, in denen auch der Papst nicht von der tödlichen Bedrohung gefeit ist – oder im Bild „Der Tod und das Mädchen“ des in Nürnberg bei Dürer in die Lehre gegangenen Malers Hans Baldung Grien. Diese Mahnungen der Kunst waren allerdings auch jedem mittelalterlichen Menschen als Alltagserfahrung stets gegenwärtig. Bei einer Kindersterblichkeit von über 50% hatte bereits jeder 20 Jährige durchschnittlich 3-4 Todesfälle in seiner Familie hautnah erlebt. Im Mittelalter findet „Makellosigkeit“ salopp gesprochen in der Vertikalen – himmelwärts gerichtet - im Jenseits statt, im Rahmen der Aufwärtsbewegung der Auferstehung. Entsprechend dieser religiösen Haltung heißt es in der Offenbarung des Johannes: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, kein Mühsal“.

Aber spätestens in der Renaissance wollte man es etwas irdischer haben mit dem Paradies, es sollte von der Vertikalen in die Horizontale verlegt werden. Versinnbildlicht wird dies ganz eindrucksvoll in der Darstellung des „Jungbrunnens“ von Lucas Cranach dem Älteren von 1546

Hier wird die erhoffte Makellosigkeit nämlich nicht im Jenseits, sondern im Diesseits erreicht. Religiöse Symbolik fehlt auf dem Bild – es ist ein irdisches Wunschszenario. Dieses Bild ist metaphorisch heute immer noch gültig in der Wiedergabe des „Makellosigkeitsanspruchs“ der Menschen: wir alle würden gerne von links – alt, gebrechlich und hässlich - in das Wasser der Medizin und Psychologie eintauchen, um auf der rechten Seite dieses Wasser jung, gesund, schön und glücklich zu verlassen. Ewige Widergeburt und Verjüngung – durch den Jungbrunnen, heute ersetzt durch die Möglichkeiten der Medizin und Psychotherapie, durch reproduktives Klonen oder Schönheitschirurgie. Die modernen Konkretisierungen des Jungbrunnens bedeuten Hoffnung für die einen, ethischen Horror für die anderen. In der Renaissance wird die Erreichbarkeit des irdischen Paradieses eingeläutet. Renaissance heißt nicht nur Wiedergeburt der Antike sondern auch und vor allem, Wiedergeburt im Diesseits, Säkularisierung des Paradieses. Ewige Schönheit, Gesundheit und Jugend wollen wir hier schon erleben und nicht erst in einer fernen und ungewissen Zukunft nach dem Tod. Der wiedererwachenden Naturwissenschaft und Medizin sind diese Ziele übergeben, man lässt sich nicht mehr mit den Tabus des Mittelalters abspeisen. Tod muss zwar nach wie vor hingenommen werden, man will aber verstehen wie er funktioniert und damit hineinschauen in den menschlichen Körper, in seine Geheimnisse. Sehen Sie sich den forschenden Blicks in den menschlichen Körper an, der hier von Künstlern wie z.B. Rembrand festgehalten wurden.

Man schaut in den Körper hinein, will wissen wie er funktioniert, will reparieren können. Alles scheint machbar. In einer italienischen Rennaisance-Dichtung sagt Gott zu den Menschen: Du Mensch bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt, sondern sollst nach Deinem eigenen freien Willen, in dessen Hand ich Dein Geschick gelegt habe, die Natur dir selbst vorherbestimmen können.

 

Ähnliche Utopien im Sinne verweltlichter Paradiesvorstellungen finden sich bei Thomas Morus und Francis Bacon. Die Metapher des „Jungbrunnens“ wird selbst in der Neuzeit aufgegriffen, beispielsweise von Ernst Bloch im „Prinzip Hoffnung“; Bloch schreibt: „es gibt den Brunnen, woraus die Alten wieder jung auftauchen, vorzüglich ist er dazu geeignet, das flüchtige Gut der weiblichen Schönheit stetig zu machen. Ein Schlaraffenland aus Gesunden breitet sich aus, ohne Schmerz mit springenden Gliedern....“.

 

Die unaufhaltsame und grenzenlos erscheinende Aufwärtsspirale der Medizin bewirkt realen medizinischen Fortschritt der wiederum neue Ansprüche und Aufträge an die Medizin und Naturwissenschaft generiert. Grenzen werden nicht mehr als vorgegeben akzeptiert, Neugier beflügelt deren Überwindung. Dabei war es immer schon eine kritische Diskussion, ob ein Überwinden von Grenzen auch ein unzulässiges Überschreiten darstellt. Hier ist auch die Wortwahl interessant: „Überwinden“ einer Grenze signalisiert eine positive wünschenswerte Aktion, im Wort „Überschreiten“ klingen Skepsis und Zweifel an der Legitimität an .

 

Trotz dieser Machbarkeitsdynamik war aber auch klar, dass Makel, Schmerz und Leid nicht völlig zu beseitigen waren. Man tröstet sich. Der von schwerer Gicht geplagte Kant meinte, dass Schmerz zum notwendigen Lebensgefühl gehöre.

Ähnliches vermittelt das bekannte Goethe-Gedicht:

Alles geben die Götter,

Die unendlichen

Ihren Lieblingen ganz:

Alle Freuden, die unendlichen

Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

Ich möchte mit diesen Zitaten keineswegs Krankheit und Schmerz idealisieren und ihnen geradezu zwanghaft einen Sinn überstülpen – dies wäre zynisch- dazu später mehr.

 

Durch die enorme Fortschritte der Medizin im Lauf der Jahrhunderte scheinen die Ideale der Renaissance im Sinne ewiger Jugend und Gesundheit immer näher zu rücken - warum also nicht an das Ziel, an die Machbarkeit, an die herstellbare körperliche Makellosigkeit glauben?
Es zeigt sich aber: der Fortschritt hat immer zwei Seiten.

 

Gehen wir also zum Anfang des Lebens und zur Geburt.

Angesichts der hohen Kindersterblichkeit früher war es unvermeidlich, dass bereits am Anfang des Lebens, Hoffnung und Freude aber auch Leid und Enttäuschung eng beieinander lagen. Wollte man zwei Kinder großzuziehen, musste man 4 oder 5 in die Welt setzen weil man zwei sterbende Kinder einkalkulieren musste. Oben an der Burg im Dürer-Haus haben Sie auch ein gutes Beispiel:

Albrecht Dürers Mutter hatte insgesamt 18 Kinder; es überlebten aber nur 4. Dennoch wurde damals mit einem gewissen Euphemismus die Schwangerschaft als „Zustand guter Hoffnung“ bezeichnet; es lag ein gewisses Vertrauen darauf, dass es schon gut werde. Heute wo die statistischen Chancen weitaus besser stehen, spricht die Medizin bei 70-80% der Schwangerschaften von „Risikoschwangerschaften“, die potentielle Mutter bangt mittlerweile von einem Ultraschalltermin zum nächsten und der Zustand guter Hoffnung ist einem Zustand schlimmer Vorahnungen gewichen.

Und die über 30-jährige Schwangere quält sich heute mit der Frage, ob sie sich nicht Voruntersuchungen wie Amniozentese oder Chorionzottenbiopsie unterziehen müsse, um auch sicher zu sein, dass das Kind gesund sein wird. Allerdings ist diese Sicherheit durch eine Pränataldiagnostik allzu trügerisch, da zahlenmäßig nur die wenigsten der Defekte und Behinderungen wirklich genetisch bedingt und somit auch vorher erkennbar sind. Zu 97% handelt es sich um später – z.B. bei der Geburt – auftretende Schädigungen. Die Inanspruchnahme der Pränataldiagnostik nimmt allerdings stark zu; auch der Ultraschall trägt bei zur gläsernen Gebärmutter. Die leibliche Einheit von Mutter und Kind in der Schwangerschaft, das freudige Spüren der Kindsbewegung ist einem kritisch-distanzierten Blick auf einen Ultraschallbildschirm gewichen. Ängstlich besorgtes Schauen wird wichtiger als das Spüren. Auch bei der Geburt selbst soll nichts mehr ungeplant ablaufen, die Zahl der Kaiserschnittentbindungen wächst stetig. Die „optionale Geburt“ wird gewünscht. Interessanterweise folgt unsere Rechtsprechung den gesellschaftlichen Ansprüchen unmittelbar und dynamisiert ihrerseits wieder die medizinischen Vorgehensweisen. So werden Ärzte mittlerweile wegen verpasster Abtreibungen verklagt, wenn ein behindertes Kind geboren wurde und Entschädigungen in 7-stelliger Höhe zugesprochen. Rechtlicher Zwang zur optimalen Machbarkeit. Aber mittlerweile wird nicht nur das behinderte Kind als Schaden definiert, sondern auch ein völlig gesundes Kind – wenn es denn nicht gewollt wurde. Gerichte sehen inzwischen die Geburt eines gesunden aber ungewollten Kindes als schmerzensgeldpflichtigen Schaden an, wenn dieses z.B. trotz Sterilisation auf die Welt kommt. Ein gesundes Kind als Makel – weil sich die Machbarkeit als begrenzt erwiesen hat. Jeder soll einen Anspruch haben, alles so zu bekommen, wie er es möchte  – zuständig, verantwortlich und haftbar sind Medizin und Naturwissenschaft.

 

Dass ein gesundes Kind einen Makel darstellt, erscheint einem besonders irritierend, wenn man sich betrachtet, mit welchem Aufwand das entgegengesetzte Problem – nämlich die Kinderlosigkeit – bekämpft wird. Stichwort „in-vitro-Fertilisation“ IVF durch die immerhin in den letzten 25 Jahren ca. 1 Mio. Menschen geboren wurden. Mit der IVF findet eine Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung statt und eine Medikalisierung der Reproduktion – anders gesprochen: Keine Kinder zu bekommen - also unfruchtbar zu sein - was schon etwas drastischer – klingt, ist kein Schicksal, sondern eine therapierbare Krankheit. Interessant ist hier, dass psychologische Faktoren der Kinderlosigkeit weitgehend ignoriert werden; so gibt es eine aufschlussreiche Untersuchung, die herausgefunden hat, dass Beten während der Prozeduren einer IVF die übliche 26%ige Erfolgsquote auf 50% erhöht. Man könnte auch provokativ fragen: war hier Unfruchtbarkeit das Problem oder Ungeduld.

Eine gewisse Paradoxie ist es, dass es durch die IVF in 27% zu Mehrlingsschwangerschaften kommt und die Rate an Frühgeburten, Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen deutlich erhöht ist. Was geplant begonnen wird, verläuft dennoch anfällig: hier hilft auch die PID nichts, denn – wie bereits gesagt - nur rund 1% aller zu erwartenden Behinderungen lassen sich genetisch diagnostizieren. Wunschkind vs. Horrorkind. Die Phantasien der Machbarkeit sind jedoch unbegrenzt: durch Eingriffe in die Keimbahn kann man die Eizellen unfruchtbarer älterer Frauen um die 60 mit Zellmaterial jüngerer Frauen „aufrischen“, damit auch die natürliche Grenze der Fruchtbarkeit bei Frauen überwindbar wird.

Boticellis Venus stellt allegorisch das Idealbild moderner Humangenetik dar: Zeugung und Geburt außerhalb des weiblichen Körpers in der Muschel oder heutzutage in der Petrischale: dort wird der ideale Mensch geboren, gesund schön ohne Makel. Ein im Internet anonym kursierendes Gedicht eines Behinderten fasst die Problematik deutlich zusammen: es hat den Titel

Lebenswert

Im Fernsehen wieder Diskussionen ob ich es wert wäre zu leben

Eugenik – vorgeburtliche Diagnostik, Euthanasie

Und ich denke mir:

Mit 15 Jahren wäre ich gestorben ohne den medizinischen Fortschritt

Vor 60 Jahren wäre ich vergast aufgrund des ideologischen Fortschritts

in ein paar Jahren würde ich wegen beidem nicht geboren werden

wie soll ich leben mit dieser Vergangenheit in Zukunft.

 

ZUR MITTE DES LEBENS

In dieser Phase altern wir zwar, doch das Alter soll uns doch vom Leib bleiben. Jeder will alt werden, aber keiner will alt sein. Hierauf zielen beispielsweise die Bücher des Arztkollegen Dr. Ulrich Strunz aus Roth – dem Fitness- und Forever-Young-Papst. Ein Zitat aus einem seiner Bücher: Sie können auch als 100-jähriger noch 30 sein – sobald Sie sich um jede einzelne ihrer Körperzellen kümmern. Wir können nicht ewig leben, weil im Schöpfungsplan nur 120 Jahre vorgesehen sind. Doch diese Zeit dürfen wir voll genießen, ohne Schmerzen, ohne Krankheiten – vielmehr fröhlich, weise, energiegeladen und kreativ. Denn das Altern ist keine Krankheit, nur wenn es zu schnell vonstatten geht. Die Bremse, ja den Rückwärtsgang haben Sie selbst in der Hand.

Wir haben richtig gehört, ohne Krankheiten und ohne Schmerzen. Kann das jemand wirklich glauben: offensichtlich schon, denn die Bücher von Ulrich Strunz gehören in Deutschland zu den bestverkauftesten nach dem Kriege; überall hecheln Jogger durch die Landschaft, die Seminare sind ausgebucht. Auch der Gynäkologe Alexander Römmler, ein Anti-Aging-Papst bringt es auf die aufschlussreiche Kurzformel: „Altern ist unnormal“. Dass das Thema Anti-Aging, ewige Jugend und Wellness durchaus auch ökonomisch Relevanz besitzt, sehen Sie daran, dass in Aktionärbriefen und Anlegermagazinen Investitionen in den Gesundheits- und Wellnessmarkt als wachstumsversprechende Anlage gepriesen werden - kaufen Sie Aktien von Lóreal, Procter & Gambel, Unilever und Henkel. Auf der anderen Seite ist die gesetzliche Krankenversicherung gerade dabei, mangels Finanzierbarkeit selbst des Notwendigen zu kollabieren.

Welches sind die 3 Kerninhalte der Gesundheits- und Jugendkultur:

1. Beherrschung von Krankheiten

2. Verhütung von Krankheit, wer´s nicht schafft ist selber schuld

3. Schönheit und Kosmetische Reparaturen: denn selbst der ansonsten gesunde Körper macht scheinbar nicht jeden glücklich.

 

Zu den Krankheiten: Die heilende Medizin scheint im Rahmen ihrer zunehmenden Erfolge vergessen zu haben, dass sie seit der Steinzeit - auch wenn sie Erfolge hat – nichts am 100-prozentigen Endpunkt „Sterben“ geändert hat. Trotzdem wird als Erfolgskriterium bei wissenschaftlichen Medikamentenstudien immer wieder die „Reduktion von Sterblichkeit“ analysiert. Vergessen wird, dass Reduktion von Sterblichkeit unter einer bestimmten neuen Therapie immer nur heißen kann, „Verschiebung von Sterblichkeit“ auf eine andere Krankheit, von der wir nicht wissen, ob sie die akzeptablere, die bessere Todesursache für uns bereit hält. Wer durch Therapie oder Prävention nicht am Herzinfarkt oder Brustkrebs stirbt, stirbt eben später am Schlaganfall oder an der Alzheimer´schen Erkrankung. Insofern spielt wider besseres Wissen auch die Medizin immer ein bisschen mit einer „Ewiges-Leben-Illusion“.

Da die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Medizin exponentiell weiter steigen werden und mit ihnen die entsprechenden Kosten, wird verzweifelt nach Kriterien gesucht, Leistungen zu begrenzen. Da aber in unserer Gesellschaft Gesundheit als das „höchste Gut“ gilt, kann man – in diesem Dilemma stecken gerade die Politiker - schlecht mit Abstrichen hantieren. Aber sind Abstriche vom Optimalen nicht unumgänglich. Man kann beispielsweise mit neuen an den Tagesverlauf angepasst programmierbaren Insulinpumpen einem Diabetiker ein längeres Leben verschaffen, als durch die konventionellen Insulinspritzen. Doch es lässt sich schnell ausrechnen, dass die Versorgung aller deutschen insulinpflichtigen Diabetiker mit solchen Pumpen das Gesundheitsbudget sprengen würde. Verlegt man sich – was viel besser klingt – auf die Vorbeugung, sieht die Sache auch nicht besser aus: würden die Patienten mit den 3 großen Volkskrankheiten Diabetes, Herzinsuffizienz und Bluthochdruck nach den Leitlinien der evidenzbasierten Medizin mit den darin empfohlenen besten – und damit auch nicht ganz billigen – Medikamenten versorgt, wäre auch bereits ein großer Teil des Gesundheitsbudgets aufgebraucht. Dass die mit viel präventivem Aufwand länger Lebenden wiederum für Probleme in der Rentenkasse sorgen, sei nur am Rande erwähnt. Die Frage ist, ob wir die Machbarkeit von optimaler Gesundheit für alle wirklich weiter wider besseres Wissen apostrophieren. Würde man die „Nicht-Machbarkeit“ einräumen, könnte man sich wahrscheinlich vernünftig über die möglichst solidarischste Form der Begrenzung und Verteilung unterhalten. In anderen Bereichen haben wir dies ohne ideologische Skrupel längst akzeptiert: so hat der Statistik-Professor Krämer ausgerechnet, dass von den ca. 6000 jährlichen Toten im Straßenverkehr etwa 1000 noch leben könnten, wenn sie anstelle ihres Kleinwagens zum Unfallzeitpunkt einen Mercedes, BMW oder Audi gefahren hätten. Es geht um 1000 Tote pro Jahr ! Lautet hier unsere gesellschaftspolitische Forderung in Analogie zum Gesundheitswesen: „Alle Bundesbürger müssten mit einem Mercedes der S-Klasse ausgerüstet werden, damit 1000 Menschen mehr überleben“. Es ist klar, dass medizinische Machbarkeit in Zukunft ökonomisch nur begrenzt finanzierbar sein wird, so dass es zwingend ist, dass wir uns überlegen, was uns im Feld Gesundheit und Krankheit wichtig ist und was nicht! Welchen Makel wollen wir als Krankheit akzeptieren, die auf Kosten der Solidargemeinschaft reparierbar sein soll. Ein Bespiel: 600 Euro kostet eine Spritze mit Botulinumtoxin in die Achselnhöhlen, die 6 Monate dafür sorgt, dass ein massiv unter den Achseln Schwitzender diese sicher oft störende Belastung loswird. Ca. 800.000 Deutsche haben dieses Leiden. Was ist krank, was ist gesund? Was soll finanziert werden. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren: denken Sie an die medikamentöse Stärkung männlicher Erektionsfähigkeit mittels Viagra oder ähnlichen Präparaten. Auch hier wird die ausbleibende Erektion über das therapierbare Malheur hinaus zum reparaturbedürftigen Makel mit Krankheitswert. Auch im Bett soll die Erfolgsquote 100% betragen. Was nicht makellos funktioniert bekommt Krankheitswert. Diese Ausuferung des Krankheitsbegriffs wurde im Kern bereits vor 30 Jahren von Ivan Illich aufgezeigt in seinem Buch: „Die Nemesis der Medizin: die Medikalisierung des Alltags“.

Ganz aktuell wurde das Thema „Medikalisierung“ neulich vom Autor Jörg Blech in einem Buch und in einer Titelstory des Spiegel aufgegriffen: Erfundene Krankheiten. Die Kernthese des Buches lautet, dass sich eine Interessenkartell aus Ärzten, Therapeuten und der Pharmaindustrie verschworen hat, den Menschen vermeintliche Krankheiten oder Gefährdungen einzureden, um sie dann für viel Geld davon zu befreien. Salopp formuliert: „Gesund ist, wer noch nicht ausreichend untersucht wurde“.

Damit kommen wir zum Thema Fitness und der fast wahnhaften Idee, Krankheit ließe sich durch entsprechende Anstrengungen vermeiden und somit Gesundheit erhalten und herstellen. Als Gegengewicht gegen die Unterbeschäftigung des Körpers in unseren modernen Berufen, werden kompensatorisch Extremklettern, Triathlon und Exerzitien in Fitness-Zentren betrieben. Prävention von Erkrankungen wird von allen Beteiligten mit moralisch erhobenem Zeigefinger abverlangt und gilt als besonders fortschrittlich. Der Spruch „Vorbeugen statt heilen“ entspricht der geforderten „Medical Correctness“. Besonders körperliche Fitness und alles was damit verbunden ist, scheint ein Garant für ein besseres Leben zu sein. Dieses Streben nach Jugendlichkeit und Schönheit weist in vielerlei Hinsicht religiöse Attribute auf. Die Phänomene und Rituale der Religion sind ins Gesundheitswesen abgewandert – so hat es der Mediziner und Theologe Lütz neulich in seinem Buch: „Lebenslust“ analysiert. Es gibt den Fitness-Papst – es gibt aber auch Gegenpäpste. Angeboten werden Wallfahrten zum ultimativen Arzt, Psychotherapeuten oder Heiler, gefordert werden Fasten, körperliche Kasteiungen und andere verzichtsreiche Rituale, das Gebaren hat teilweise Sektencharakter. Während unsere Vorfahren Kathedralen bauten und ihre Seele retteten – bauen wir Kliniken und „Health Centers“ und retten unsere Gesundheit und Figur. Im Jahr 2000 hatte die Zahl der ständigen Fitnessstudiomitglieder in Deutschland mit 4,6 Millionen erstmals die Zahl der Besucher des katholischen Sonntagsgottesdienstes übertroffen. Es gibt auch Analogien zur Gotteslästerungen: Outen Sie sich mal als genießender Raucher oder Bewegungshasser im Kreis ökologisch orientierter Gesundheitsbewegter: Nach einer Schrecksekunde, in der das Ungeheuerliche der Bemerkung erst richtig wirkt, können Sie alle Reaktionen erleben, die in früheren Zeiten nur bei einer Gotteslästerung zu verzeichnen waren und Auftakt zu einem Ketzerprozess. Alles Zeichen einer real exisitierenden Gesundheitsreligion.

Noch wenn man gesund ist rackert man sich ab, um sich gesund zu halten, alle Vorbeugevorschriften zu befolgen, man ernährt sich mit Obst und Gemüsen, erlernt das Nordic Walking und stretcht sich, um schließlich dann gesund zu sterben. Alles erhofft man sich von den Hohenpriestern des Gesundheitskults und diese nähren natürlich die Illusion zumal sich damit blendend Geld verdienen lässt.

 

Der Gesundheitskult der Körpermedizin wird noch gesteigert und vertieft durch den Psychokult. Und dieser stößt geradezu in die Lücke, die die Körpermedizin notgedrungen hinterlässt: was hat man schon davon, wenn die Laborwerte stimmen, die Haut gebräunt, das Lifting nicht mehr sichtbar ist – derjenige aber dennoch kreuzunglücklich am Leben ist. Noch ist es bei uns nicht ganz so wie in den USA – wo die Filme von Woody Allen Einblick in die hysterische Besetzung des Alltags durch Psychiater und Psychotherapeuten geben. Sind die Organärzte eher die Halbgötter für´s Grobe, für die Herstellung des ewigen Lebens quantitativ verantwortlich, so geben die Psychotherapeuten dem Leben erst die erforderliche Tiefe und Höhe, Weite und Größe. Verstehen Sie mich bitte richtig: mit seriöser Psychotherapie hat das alles natürlich nicht das Geringste zu tun, ich meine z.B. die ausufernden Psychosendungen in Radio und Fernsehen, wo selbsternannte Psychoexperten bei Anrufen und Auftritten ihnen völlig unbekannter Menschen ungehemmt psychomäßig drauflosschwadronieren. Die Medien sind sich der zahllosen neugierigen Zuhörer und Zuschauer sicher, die quasi durchs Schlüsselloch des Behandlungszimmers erstaunt Einblick in die vermeintlichen Geheimnisse des Seelenlebens erhalten. Selten wird da mehr zum Besten gegeben als Binsenweisheiten. Nichtpsychologen imitieren bereits die Psycho-Zunft: fast alle Talkmaster und – innen fragen inzwischen nach ödipalen Konflikten oder treten den Befragten mit Interpretations- und Deutungsversuchen in distanzloser Weise nahe. Neben der vorhin zitierten Medikalisierung des Alltags gibt es auch eine unangemessene Psychologisierung. Psychologisierung auch als übertriebene Kausalisierung von Befindlichkeit, als übertriebene Lust am Deuten, am Konstruieren oder Rekonstruieren. Nicht jedes körperliche Zipperlein, für das man keine ausreichende körperliche Erklärung findet muss zwangsläufig seine Wurzel im Seelischen haben – und es muss auch mal erlaubt sein, sich abgelascht, depressiv, missmutig oder sonst wie „seelisch unpässlich“ zu fühlen, ohne dass dafür gleich wieder eine passende psychosozial einleuchtende Erklärung hermuss. Nicht nur auf den Körper – sondern auch auf´s Seelische bezogen gilt: Makellosigkeit ist – glücklicherweise - eine Illusion. Warum bitteschön: glücklicherweise?

Bereits in den Zitaten von Kant und Goethe klang an, dass körperliche und seelische Makel – so schlimm sie sein mögen - immer auch Chancen beinhalten. Mir fallen einige Patienten ein, z.B. mit Multipler Sklerose die diese Chancen sehen und nutzen konnten. Ich meine nicht eine zwanghafte Sinnsuche bei Krankheit und Leid als Ersatz für einen früh aufgegebenen Kampf dagegen - aber eben auch kein sinnloses Verschleißen, sondern fragendes Innehalten. So meint es wohl auch Victor von Weizsäcker´s anthropologische Medizin mit der „Krankheit als Chance“. Aber auch hier gilt: Chance und Anregung zum Nachdenken – nicht Zwang zum Grübeln und nicht krampfhaft verbissene Sinnsuche in Krankheit und Leid.

Das Hauptproblem unserer Zeit ist die Säkularisierung der Heilserwartungen: Medizin und Psychotherapie sollen nicht nur Heilung von bestimmten Krankheiten gewährleisten, sondern das Heil schlechthin. Für das ewige Leben ist quantitativ die Medizin zuständig, für die ewige Glückseligkeit qualitativ die Psychotherapie. Das Paradies auf Krankenschein. Bei Nichterfüllung wird´s dann juristisch: es wird geklagt.

 

Ein Letztes zur Schönheit. Sie alle belächeln wahrscheinlich Schönheitschirurgie und werden vielleicht sagen: „Die wahre Schönheit ist in gewisser Weise zeitlos, nicht nur vom Äußeren abhängig, die wahre Charakteristik kommt von innen. Spuren des Alters zeigen auch Lebenserfahrung und Weisheit und ein verknittertes Gesicht ist auf altersgemäße Weise eben auch schön“. Wer besitzt von uns aber schon die Souveränität, diese Überzeugung auf sich selbst anzuwenden, wenn rundherum alle dem unerbittlichen Gott der Glattheit huldigen, der für das Wichtigste steht: für Jugendlichkeit, Schnelligkeit, Fitness und Glück. Schönheitschirurgie erlebt angesichts des Jugendwahns logischerweise einen Boom. Kein Makel, den man nicht beseitigen kann: Fettabsaugung, Faltenstraffung, Brustvergrößerung oder Verkleinerung, Nasenbegradigung – alles wird angeboten. Durchschnittlich 2000 Euro kostet eine Behandlung. Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie geht in Deutschland von 400.000 Schönheitsoperationen pro Jahr aus – weiteres Wachstum ist sicher. Diese Entwicklung spiegelt klar die gesellschaftliche Bedeutung des körperlich Äußeren wider. Fast jeder vierte Deutsche ist unzufrieden mit seinem Körper und würde sich grundsätzlich einer Schönheitsoperation unterziehen. Betroffene hoffen und Operateure versprechen, nach dem Eingriff sei man glücklicher. Die FAZ nennt das „Psychotherapie mit dem Skalpell“. Aber das erhoffte Glück durch Straffheit stellt sich oft nicht ein: selbst den Chirurgen fällt inzwischen auf, dass die Operierten mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind und immer neue Eingriffe fordern. Diese offensichtliche krankhafte Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wird als „Dysmorphophobie“ bezeichnet. Ich will nicht entscheiden, ob diese Störung ein gesellschaftliches oder individuelles Phänomen ist; irritierend ist allemal, dass mit der Zunahme von Fettleibigkeit in den Industrieländern das Schönheitsideal immer schlankere Körper favorisiert. Noch ein persönliches Beispiel:  Ich habe bei der von mir bei Spastik und Dystonie eingesetzten sehr hilfreichen Substanz Botulinumtoxin erlebt, wie sie Einzug in den Schönheitsmarkt gefunden hat.

Zur Bekämpfung der Falten wird die Gesichtsmimik gelähmt. Heraus kommen zum Teil glatte aber starre Gesichter; Mimik nicht mehr als Abbild der Emotion; keine Zornes- keine Lachfalten mehr. In der New York Times wurde empfohlen, sich vor einem Bewerbungsgespräch das Gesicht mit Botulinumtoxin glätten zu lassen, dann würde die Anspannung nicht mehr sichtbar sein. Ich finde diesem Vorschlag und diese Gesichter eine entlarvende Allegorie auf den Zeitgeist.

 

In dem Maß, in dem Gesundheit, Jugendlichkeit und Schönheit zum überwertigen Lebensziel und –inhalt werden, stellt sich die Frage, welche Bewertungen zwangsläufig diejenigen erfahren, die nicht gesund, jung und schön sind und es auch nicht werden können weil sie z.B. unheilbar oder chronisch krank oder alt oder behindert sind. Wer sich nicht als heilbar erweist, stört auch das schöne Paradiesbild. Die innere Logik liegt damit auch für den letzten Lebensabschnitt – Alter und Tod - auf der Hand: Möglichst geräuschloser Abgang, wenn´s mit der Makellosigkeit im Alter nicht klappt. Das heißt Einführung der Tötung auf Verlangen von Kranken. Das christlich-abendländische Menschenbild von der gleichen Würde aller wird pervertiert; die Gesundheitsreligion frisst ihre Kinder.

 

Damit sind wir bei Alter und Tod

Früher war klar: nur eine Gesellschaft, die die Alten ehrt, ist eine glückliche Gesellschaft. Mittlerweile aber ist das Alter in Verruf gekommen: früher versehen mit Attributen wie Weisheit, Erfahrung und Abgeklärtheit, sind alte Menschen heute zum Gespött der Enkel nicht mal in der Lage eine E-Mail oder SMS abzuschicken. Die Halbwertszeit des Wissens ist so kurz, dass Lebenserfahrung den Mangel an vermeintlich notwendigem technischem Know-how nicht mehr kompensieren kann. Zudem steigt die Zahl der alten Menschen immer mehr – von Exklusivität keine Spur.

Wenn dann noch die Magazine titeln: „Rentendilemma: die Alten fressen uns auf“ oder „wie die Alten die Jungen ausplündern“, wird das Klima schon etwas schärfer – ein eisiger Wind weht durch den Generationenvertrag.

Wenn dazu noch Gebrechlichkeit, Leid, Schmerz und Tod das Bild des Gesundheitsparadieses stören, soll die letzte drohende Ungewissheit unseres Lebens – nämlich dass Sterben auch nicht mehr dem Zufall überlassen werden, sondern in die eigene Hand genommen werden.

Eine Todesspritze, weil man sich im Alter überflüssig fühlt? Das steht nicht in einem Science-fiction-Roman, sondern ist in Holland und Belgien inzwischen Routine. Angeblich um die Selbstbestimmung und damit die Würde des Menschen zu stärken und zu schützen. Dort ist inzwischen die Tötung nicht auf diejenigen beschränkt, die das selber wollen, sondern findet auch bei Nicht-Zustimmungsfähigen statt, oder bei Menschen, die in ein depressives Loch gefallen sind – letzteres nicht ganz legal - aber toleriert. Auch in Deutschland soll die Zahl der Befürworter aktiver Sterbehilfe inzwischen auf über 50% geklettert sein. Ich will diese Forderungen nicht grundsätzlich diskreditieren; die Motive sind oft aus einem ernsten Humanismus geboren. Aber glaubt man wirklich, dass von Selbstbestimmung bei dem Wunsch nach einer Tötung noch die Rede sein kann, wenn Altern und Kranksein in einer Welt der Perfektion und der Ästhetik stattfindet. Man will verschwinden, wenn man stört. In diesem Zusammenhang hat mich schon sehr irritiert, dass meine Eltern die Anfertigung einer therapiebegrenzenden Patientenverfügung damit begründet haben, dass sie uns Kindern bei schwerer Krankheit und Siechtum nicht zur Last fallen wollten.

Dem modernen Menschen erscheint es als Ideal, plötzlich, unverhofft und schmerzlos nachts im Bett zu sterben oder einfach tot umzufallen. Dies war die Horrorvorstellung des Menschen der Antike und des Mittelalters. Der unverhoffte Tod, das unvorbereitete Sterben galt als der „schlechte Tod – „mala mors“, der unbedingt vermieden werden musste. Auf den Tod sollte man sich vorbereiten. Für einen solchen vorbereiteten Tod galt übrigens auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Euthanasie“; der „Eu Thanatos“ - der gute und schöne Tod - war die Vereinigung mit Gott im Tode. Weit weg also von der Begrifflichkeit der Euthanasie, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt wurde, von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde und etwas schöner verbrämt in den Länder Holland und Belgien praktiziert wird. Wer an die „Machbarkeit“ der Makellosigkeit des Menschen glaubt und sie anstrebt, der wird auch die „Wegmachbarkeit“ mitdenken müssen, wenn der Makel aufkommt und der Lack abblättert.

Mein letzter Punkt: WAS IST ZU TUN

Lebensglück ist wohl etwas anderes als das Hinterherrennen hinter den vermeintlich herstellbaren Qualitäten wie Gesundheit, Schönheit, Makellosigkeit und sexuelle Befriedigung. Ich hatte ja am Anfang schon darauf hingewiesen, dass wir sowohl als Therapeuten als auch als potentielle Patienten mit dem Anspruch auf Makellosigkeit konfrontiert sind. Drehen wir als Therapeuten nicht manchmal selber mit am Hochschrauben der Ansprüche unserer Patienten und Klienten. Wenn diese dann die von uns geweckten Ansprüche einlösen wollen, finden wir dies oft zu maßlos und übertrieben. Sind wir Getriebene oder sind wir nicht auch Treibende. Auch ich gehe eher an die Medienöffentlichkeit, wenn ich etwas medizinisch Neues etwas Vielversprechendes und Hoffnung-Erweckendes beim Schlaganfall, bei Multipler Sklerose oder Epilepsie anzubieten habe. Aber als Therapeuten müssen wir letztlich die Paradoxie akzeptieren und auch verkünden, heilen zu wollen, was letztlich nicht zu heilen ist, aber es doch immer wieder von neuem versuchen zu wollen. Es geht nicht um Laissez faire, was die Gesundheit angeht. Es wäre ja auch unsinnig zu sagen, ich will keine gesunden Kinder, mir ist meine Gesundheit egal, ich will dem Tod gar nicht aus dem Wege gehen. Wir müssten nur akzeptieren können, dass unser eigenes Leben und die Leben unserer Patienten und Klienten fragil sind. Gesundheit ist eine Illusion, der man sich immer wieder annähern soll, die man natürlich wollen soll und darf – aber die wir nicht verabsolutieren sollen, sie nicht zur einzigen Dimension erklären dürfen. Das Streben nach Gesundheit und Makellosigkeit muss mit der Akzeptanz von Krankheit und Makel verbunden werden. Wir müssen Gesundheit wollen und dennoch Behinderung und Krankheit integrieren und auch das Scheitern unserer Bemühungen akzeptieren.

Ich merke das jeden Tag auf der Intensivstation: wir kämpfen mit allen Mitteln um Überleben, aber wir müssen auch sehen wo die Grenze ist, wo unser Helfenwollen und das technische Helfenkönnen umkippt in Verursachung von Leid- und Schaden. Da muss man aufhören können und es nicht als Niederlage empfinden. Über das Nicht-Mehr-Helfenkönnen und über die Grenzen der Medizin lernt man übrigens im Medizinstudium zu wenig.

 

Wieviel kann man an Krankheit und Makel akzeptieren. Vielleicht ist es etwas übertrieben, wie es Friedrich Nietzsche ausgedrückt hat: Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen. Aber Nietzsches Worte drücken doch eine gewisse Gelassenheit aus, die in fast angenehmem Gegensatz zur WHO-Gesundheitsdefinition steht.

Bereits Platon hat gesagt: Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit“. Der engagierte Psychiater Prof. Klaus Dörner hat das unlängst im Deutschen Ärzteblatt ähnlich formuliert: Je mehr ich für meine Gesundheit tue, desto weniger gesund fühle ich mich. In diesem Sinne ist Gesundheit eben nicht machbar, nicht herstellbar, stellt sich vielmehr selbst her. Gesundheit gibt es nur als Zustand, in dem der Mensch vergisst, dass er gesund ist.

Gefragt ist eine neue Variante einer wahrscheinlich ganz alten Art der Lebenskunst, die in Grenzsituationen menschlicher Existenz Quellen des Glücks und Lust am Leben finden kann, die Leid, Makel, Krankheit und Behinderung nicht ausklammert. Betrachten wir diese nicht nur als auszurottende Feinde – sondern auch potentiell – und das ist nicht zynisch gemeint – als Chance zu anderen, zu neuen Sichtweisen. Wir alle wissen doch eigentlich, dass aus zeitweiligen körperlichen wie seelischen Einschränkungen und Krankheiten auch viel Anlass erwachsen kann, das Leben neu zu genießen. In der Menschheitsgeschichte fanden die intensivsten und lebenslustigsten Phasen in der Nachbarschaft von Sterben und Tod statt.

Schmerz und Leid sind nicht Anlass zu dumpfer Resignation und Verzweiflung, sie sind auch nicht primär das Experimentierfeld für Anästhesisten und Psychotherapeuten, sondern sind unvermeidbare Grundcharakteristika menschlichen Seins.

 

Um dies so sehen zu können mag Religiosität, Spiritualität – oder ein anderes Wertekonzept - eine Hilfe sein. Zumindest gilt: wer an etwas anderes wirklich glaubt, als an die Gesundheit, kann bei allem angemessenen Bemühen um das eigene körperliche und seelische Wohlergehen wohl am ehesten in ungehetzter Muße und in einer unaufgeregten Gelassenheit die kostbaren unwiederholbaren Momente seines Lebens genießen, auch wenn sie den einen oder anderen Makel aufweisen. Eine solche Muße ist – über zwanzig Jahre nach Orwells 1984 – gelebter Protest gegen den großen Bruder des alle umfassenden totalitären Gesundheitswahns.

 

Ich bin kein guter Experte was die Möglichkeiten der Psychoanalyse angeht, ich sehe aber in ihr - wenn sie sich dem ganzen Menschen mit Geist, Seele und Körper widmet ein vielversprechendes Verfahren, diese innere Gelassenheit dem eigenen Körper und der eigenen Seele gegenüber zu gewinnen oder wiederzugewinnen und den Begriff Makellosigkeit statt mit einer äußeren mit einer inneren Form des Lebensglücks auszufüllen.

 

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Stand: 18.06.10