Ist makellos machbar?
Irritierendes zum medizinischen Reparaturobjekt „Körper“
Veranstaltung mit Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank
Erbguth
Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.
Mittwoch, den
08. November 2006
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank Erbguth
Leitender Arzt der Klinik für Neurologie
Klinikum Nürnberg
Breslauer Str. 201
D-90471 Nürnberg
Tel: 0911-392-2491; Fax: 0911-398-3164
E-Mail: erbguth@klinikum-nuernberg.de
Zunächst möchte ich Ihnen etwas zu meinem
biographisch-beruflichen Hintergrund sagen: ich habe in Erlangen
Humanmedizin und Psychologie studiert und abgeschlossen. Danach war ich
war an der Universität Erlangen-Nürnberg in den Fächern Psychiatrie,
Neurologie und Neuroradiologie als Assistenzarzt tätig und habe den
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie erworben – ganz klar aber mit dem
Schwerpunkt Neurologie. Nach meiner Habilitation im Fach Neurologie 1996
wurde ich auf eine Neurologieprofessur an der Neurologischen
Universitätsklinik Erlangen berufen; seit Mai 2001 bin ich Leitenden Arzt
der Klinik für Neurologie am Klinikum Nürnberg, mit 80-Betten eine der
größten akutneurologischen Abteilungen in Bayern.
Meine fachlichen Schwerpunkte – und vor
diesem Hintergrund spreche ich ja zu Ihnen – sind und waren:
(1) Zum einen die neurologische
Intensivmedizin inklusive der Schlaganfall-Erkrankungen, hier geht es oft um
Machbarkeit und ihre Grenzen, um schwierige Entscheidungen am Ende des Lebens.
Aus dieser intensivmedizinischen Tätigkeit ist ein weiterer Schwerpunkt
entstanden, nämlich
(2) die Ethik in der Medizin. Ich habe mich
in Untersuchungen und Vorträgen mit einigen medizinethischen Themen
beschäftigt, wie z.B. Sterbehilfe, Hirntod, Organspende, Gentherapie oder
Stammzelltherapie, Präimplantationsdiagnostik oder „Wahrheit und
Wahrhaftigkeit am Krankenbett“. Hier bin ich als Arzt auch im Hinblick auf die
Debatte um Patientenverfügungen mit einem neuen Machbarkeitsanspruch
konfrontiert: Angehörige von lebensbedrohlich Kranken fühlen sich
verpflichtet, einer therapiebegrenzenden Patientenverfügung Geltung zu
verschaffen; wenn man dann die lebensverlängernden Maßnahmen unterlässt – auch
weil sie vielleicht selbst medizinisch gar nicht mehr sinnvoll sind - und der
Patient sich wider Erwarten stabilisiert, wird irritiert beklagt, dass der
Betroffene noch lebe. Es scheint der Anspruch zu bestehen: entweder Heilen
oder wenn das nicht klappt – ein schneller Tod. Zwischentöne sind scheinbar
schwer zu ertragen; auf der Strecke bleibt die Bereitschaft zum Abwarten und
zur Geduld.
(3) Ein dritter Schwerpunkt ist die
Beschäftigung mit dem neurologischen Krankheitsbild der Dystonien; hier ist am
verbreitetsten und wohl auch am bekanntesten die sogenannte „zervikale
Dystonie“, auch „Schiefhals“ oder „Torticollis“ genannt. War diese Krankheit
bis in die Mitte der 70er Jahre Gegenstand der Spekulation, ob nicht im
psychoanalytischen Sinne eine Konversion vorläge, werden die
Dystonieerkrankungen mittlerweile als Bewegungsstörungen verstanden, bei denen
eine Art Software-Störung in den Bewegungszentren des Gehirns besteht. Diese
pragmatische Auffassung hat dazu geführt, dass die Dystonieerkrankungen heute
mit Injektionen des Giftes Botulinumtoxin behandelt werden, an dessen
Enzwicklung als Therapeutikum ich seit Ende der 80er Jahre einen gewissen
Anteil hatte. Dieses Gift wird inzwischen in der Schönheitsmedizin zur
Glättung von Falten angewendet, auch ein Aspekt, der gut zum Thema
„Makellosigkeit“ passt.
In den genannten Bereich fühlte ich mich des öfteren im klinischen Alltag
unwohl und irritiert und fühlte mich bemüßigt, diese scheinbar
widersprüchlichen Phänomene zum Thema „Machbarkeit“ einmal näher unter die
Lupe zu nehmen. Die Jahrestagung des Deutschen Arbeitskreises Konzentrative
Bewegungstherapie zum Thema „Alles machbar – oder nicht“ hatte mich dann zu
einem medizinischen Vortrag eingeladen, womit die Plattform geschaffen war,
meine Gedanken einmal zusammenzufassen. Und ich freue mich, Ihnen diese
Gedanken heute noch einmal in etwas modifizierter Form nahe bringen zu dürfen.
Nun
zum Thema: „Ist makellos machbar ?“
Die Frage wirkt rhetorisch und wenn Sie sich
als aufgeklärte Zuhörer alle die Frage so stellen, und wenn ich sie mir auch
so stelle, so lautete ihre und meine sichere Antwort „Natürlich ist
Makellosigkeit nicht machbar !“ – ein Utopist, ein Narr wer dies wirklich
glauben würde. Auch die Mehrheit der Bundesbürger würde das wahrscheinlich
ähnlich sehen. Wo liegt also das Problem ? Nun – die Antwort „Makellosigkeit
sei nicht machbar“ mag intellektuell stimmig und redlich sein - aber sie
spiegelt nicht das wieder, was sich gesellschaftlich im Moment abspielt und
wie wir selbst uns verhalten.
Die Medien sind bestimmt von den Themen:
Gesünder, jünger und schöner: „For ever young“ betitelt der Jogger-Papst aus
unserer Region Dr. Ulrich Strunz seine Bücher. Gesundheit und Krankheit sind
inzwischen zu dem „zentralen Punkt“ in unserer Wertewelt
geworden. Es geht um die Bekämpfung von bereits manifesten Krankheiten, um die
Prävention von möglichen zukünftigen Krankheiten und schließlich nicht nur um
den Erhalt der Gesundheit sondern auch der Jugendlichkeit. Das Thema macht
auch Widersprüche offenbar: Da wird z.B. Behinderung in Sonntagsreden als
wichtiges Objekt unserer Sozialfürsorge apostrophiert - gleichzeitig aber
werden ethisch problematische Forschungsanstrengungen im Bereich Gentechnik,
Stammzellen oder Präimplantationstechnik damit gerechtfertigt, dass genau
solche Behinderungen in Zukunft ausgemerzt werden könnten und müssten.
Mit dem Thema „Makellosigkeit und
Machbarkeit“ sind Sie und ich auf zwei Ebenen angesprochen:
(1) als Anbieter von Gesundheitsleistungen
oder zumindest als Interessierte daran
(2) als Menschen die selbst altern, krank
werden können oder vielleicht schon sind und somit selbst
Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen
Wie halten wir´s denn hier zum einen mit
unseren Therapie- und vielleicht auch Heilsangeboten und Heilsbotschaften an
andere, die wiederum ihrerseits uns mit ihren gestiegenen Erwartungen
konfrontieren und was zum anderen erwarten wir selber von Ärzten,
Physiotherapeuten, Heilpraktikern, Psychotherapeuten, Pfarrern und wem sonst
noch alles, wenn uns selbst Krankheit, Schmerz und Leid betreffen?.
Um Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu bekommen, möchte ich meinen
Vortrag in 5 Teile untergliedern.
(1) Zunächst möchte ich in der Geschichte
zurückblicken und nachsehen, in welchen historischen Kontexten sich unsere
Problemstellung entwickelt hat
(2) in einem zweiten Schritt will ich die
Makellosigkeitsanstrengungen zu Beginn des Lebens schildern: Stichwort „Präimplantationsdiagnostik“
(3) drittens möchte ich die
Reparaturanstrengungen zum Erhalt von Vitalität und Schönheit in der
Lebensmitte thematisieren – Stichwort „For ever young“ und
„Schönheitschirurgie
(4) der vierte Punkt soll betrachten
unseren Umgang mit dem Altern und den Problemen am Ende des Lebens –
Stichwort: „Anti-Aging“ und „Sterbehilfe“.
(5) Zum Schluss werde ich versuchen, das
Gemeinsame und Verbindende dieser unterschiedlichen Szenarien zu benennen
und Lösungen zu skizzieren. Meine Analyse wird ergeben, dass eine enorme „Medikalisierung
und Psychologisierung unseres Alltags und unseres „Befindens“ stattfindet
und meine These wird heißen: Das verbreitete Streben nach Gesundheit,
Schönheit und Makellosigkeit weist alle Merkmale eines Religionsersatzes auf.
Zum Geschichtlichen
Wenn wir uns die Gesundheitsdefinition der
WHO von 1946 hernehmen, so formuliert sie einen sehr ambitionierten Begriff
von menschlicher Gesundheit: es heißt dort:
Gesundheit ist der Zustand völligen (!) körperlichen, seelischen und
sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Freisein von Krankheit und
Behinderung“.
Wer ist danach schon gesund auf Erden. Es ist
ein Anspruch auf „Makellosigkeit par excellence“, geradezu auf ein Paradies.
Was die WHO so definiert muss, sie eigentlich für machbar halten, da ihre
Gesundheitsdefinition ja nicht auf ein Jenseits vertröstet. Man kann diese
Gesundheitsdefinition als säkulare Paradiesutopie auffassen.
Um die Frage der Herstellbarkeit eines
solchen Paradieses geht es seit Jahrhunderten. Wie soll man als Mensch fertig
werden mit der alltäglich erlebten Fragilität, und Vergänglichkeit
menschlicher körperlicher Existenz; was soll man sich erhoffen dürfen, wie
lässt sich die alltäglich erlebte Begrenztheit überwinden.
In der christlich-religiös geprägten
Denkweise des Mittelalters wurde dem Menschen immer eine „paradiesische“ Natur
zugesprochen: seine „constitutio“ – seine innere Natur, Veranlagung und
Bestimmung galt als „paradiesisch“. Dabei wurde allerdings das irdische Leben
als „destitutio“ – als Verlassenheit - aufgefasst. Mit dem Tod - in der
Auferstehung - manifestierte sich dann die „restitutio“, die Rückkehr in die
paradiesische Unversehrtheit und Ganzheit. Heilung im Sinne von begrenzter
Reparatur war zwar ansatzweise auch irdisch möglich, das letztendliche Heil
allerdings konnte nur im Jenseits erfolgen.
Der mittelalterliche Mensch wird in seiner
Zeit stets gemahnt und darauf hingewiesen, dass das Diesseits mit
Vergänglichkeit und Makel behaftet ist.
Einige von Ihnen haben wahrscheinlich unten
in der Sebalduskirche den „Fürst der Welt“ schon einmal betrachtet. Ein von
vorne sehr schmucker makelloser Jüngling, aber auf der Rückseite sichtbar die
innere Fäulnis– Würmer, Schlangen und Verwesung als Mahnung und Erinnerung an
die Vergänglichkeit des Jungen, Schönen und Makellosen. Dies ist eines der
zentralen Themen der Kunst des Mittelalters. Memento mori – Bedenke dass Du
vergänglich bist ! – lautet die Botschaft in den Darstellungen der Totentänze,
in denen auch der Papst nicht von der tödlichen Bedrohung gefeit ist – oder im
Bild „Der Tod und das Mädchen“ des in Nürnberg bei Dürer in die Lehre
gegangenen Malers Hans Baldung Grien. Diese Mahnungen der Kunst waren
allerdings auch jedem mittelalterlichen Menschen als Alltagserfahrung stets
gegenwärtig. Bei einer Kindersterblichkeit von über 50% hatte bereits jeder 20
Jährige durchschnittlich 3-4 Todesfälle in seiner Familie hautnah erlebt. Im
Mittelalter findet „Makellosigkeit“ salopp gesprochen in der Vertikalen –
himmelwärts gerichtet - im Jenseits statt, im Rahmen der Aufwärtsbewegung der
Auferstehung. Entsprechend dieser religiösen Haltung heißt es in der
Offenbarung des Johannes: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine
Klage, kein Mühsal“.
Aber spätestens in der Renaissance wollte man
es etwas irdischer haben mit dem Paradies, es sollte von der Vertikalen in die
Horizontale verlegt werden. Versinnbildlicht wird dies ganz eindrucksvoll in
der Darstellung des „Jungbrunnens“ von Lucas Cranach dem Älteren von 1546
Hier wird die erhoffte Makellosigkeit nämlich
nicht im Jenseits, sondern im Diesseits erreicht. Religiöse Symbolik fehlt auf
dem Bild – es ist ein irdisches Wunschszenario. Dieses Bild ist metaphorisch
heute immer noch gültig in der Wiedergabe des „Makellosigkeitsanspruchs“ der
Menschen: wir alle würden gerne von links – alt, gebrechlich und hässlich - in
das Wasser der Medizin und Psychologie eintauchen, um auf der rechten Seite
dieses Wasser jung, gesund, schön und glücklich zu verlassen. Ewige
Widergeburt und Verjüngung – durch den Jungbrunnen, heute ersetzt durch die
Möglichkeiten der Medizin und Psychotherapie, durch reproduktives Klonen oder
Schönheitschirurgie. Die modernen Konkretisierungen des Jungbrunnens bedeuten
Hoffnung für die einen, ethischen Horror für die anderen. In der Renaissance
wird die Erreichbarkeit des irdischen Paradieses eingeläutet. Renaissance
heißt nicht nur Wiedergeburt der Antike sondern auch und vor allem,
Wiedergeburt im Diesseits, Säkularisierung des Paradieses. Ewige Schönheit,
Gesundheit und Jugend wollen wir hier schon erleben und nicht erst in einer
fernen und ungewissen Zukunft nach dem Tod. Der wiedererwachenden
Naturwissenschaft und Medizin sind diese Ziele übergeben, man lässt sich nicht
mehr mit den Tabus des Mittelalters abspeisen. Tod muss zwar nach wie vor
hingenommen werden, man will aber verstehen wie er funktioniert und damit
hineinschauen in den menschlichen Körper, in seine Geheimnisse. Sehen Sie sich
den forschenden Blicks in den menschlichen Körper an, der hier von Künstlern
wie z.B. Rembrand festgehalten wurden.
Man schaut in den Körper hinein, will wissen
wie er funktioniert, will reparieren können. Alles scheint machbar. In einer
italienischen Rennaisance-Dichtung sagt Gott zu den Menschen: Du Mensch
bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt, sondern sollst nach
Deinem eigenen freien Willen, in dessen Hand ich Dein Geschick gelegt habe,
die Natur dir selbst vorherbestimmen können.
Ähnliche Utopien im Sinne verweltlichter
Paradiesvorstellungen finden sich bei Thomas Morus und Francis Bacon. Die
Metapher des „Jungbrunnens“ wird selbst in der Neuzeit aufgegriffen,
beispielsweise von Ernst Bloch im „Prinzip Hoffnung“; Bloch schreibt: „es
gibt den Brunnen, woraus die Alten wieder jung auftauchen, vorzüglich ist er
dazu geeignet, das flüchtige Gut der weiblichen Schönheit stetig zu machen.
Ein Schlaraffenland aus Gesunden breitet sich aus, ohne Schmerz mit
springenden Gliedern....“.
Die unaufhaltsame und grenzenlos erscheinende
Aufwärtsspirale der Medizin bewirkt realen medizinischen Fortschritt der
wiederum neue Ansprüche und Aufträge an die Medizin und Naturwissenschaft
generiert. Grenzen werden nicht mehr als vorgegeben akzeptiert, Neugier
beflügelt deren Überwindung. Dabei war es immer schon eine kritische
Diskussion, ob ein Überwinden von Grenzen auch ein unzulässiges Überschreiten
darstellt. Hier ist auch die Wortwahl interessant: „Überwinden“
einer Grenze signalisiert eine positive wünschenswerte Aktion, im Wort „Überschreiten“
klingen Skepsis und Zweifel an der Legitimität an .
Trotz dieser Machbarkeitsdynamik war aber
auch klar, dass Makel, Schmerz und Leid nicht völlig zu beseitigen waren. Man
tröstet sich. Der von schwerer Gicht geplagte Kant meinte, dass Schmerz zum
notwendigen Lebensgefühl gehöre.
Ähnliches vermittelt das bekannte
Goethe-Gedicht:
Alles geben die Götter,
Die unendlichen
Ihren Lieblingen ganz:
Alle Freuden, die unendlichen
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.
Ich möchte mit diesen Zitaten keineswegs
Krankheit und Schmerz idealisieren und ihnen geradezu zwanghaft einen Sinn
überstülpen – dies wäre zynisch- dazu später mehr.
Durch die enorme Fortschritte der Medizin im
Lauf der Jahrhunderte scheinen die Ideale der Renaissance im Sinne ewiger
Jugend und Gesundheit immer näher zu rücken - warum also nicht an das Ziel, an
die Machbarkeit, an die herstellbare körperliche Makellosigkeit glauben?
Es zeigt sich aber: der Fortschritt hat immer zwei Seiten.
Gehen wir also zum Anfang des Lebens und zur
Geburt.
Angesichts der hohen Kindersterblichkeit
früher war es unvermeidlich, dass bereits am Anfang des Lebens, Hoffnung und
Freude aber auch Leid und Enttäuschung eng beieinander lagen. Wollte man zwei
Kinder großzuziehen, musste man 4 oder 5 in die Welt setzen weil man zwei
sterbende Kinder einkalkulieren musste. Oben an der Burg im Dürer-Haus haben
Sie auch ein gutes Beispiel:
Albrecht Dürers Mutter hatte insgesamt 18
Kinder; es überlebten aber nur 4. Dennoch wurde damals mit einem gewissen
Euphemismus die Schwangerschaft als „Zustand guter Hoffnung“ bezeichnet; es
lag ein gewisses Vertrauen darauf, dass es schon gut werde. Heute wo die
statistischen Chancen weitaus besser stehen, spricht die Medizin bei 70-80%
der Schwangerschaften von „Risikoschwangerschaften“, die potentielle Mutter
bangt mittlerweile von einem Ultraschalltermin zum nächsten und der Zustand
guter Hoffnung ist einem Zustand schlimmer Vorahnungen gewichen.
Und die über 30-jährige Schwangere quält sich
heute mit der Frage, ob sie sich nicht Voruntersuchungen wie Amniozentese oder
Chorionzottenbiopsie unterziehen müsse, um auch sicher zu sein, dass das Kind
gesund sein wird. Allerdings ist diese Sicherheit durch eine
Pränataldiagnostik allzu trügerisch, da zahlenmäßig nur die wenigsten der
Defekte und Behinderungen wirklich genetisch bedingt und somit auch vorher
erkennbar sind. Zu 97% handelt es sich um später – z.B. bei der Geburt –
auftretende Schädigungen. Die Inanspruchnahme der Pränataldiagnostik nimmt
allerdings stark zu; auch der Ultraschall trägt bei zur gläsernen Gebärmutter.
Die leibliche Einheit von Mutter und Kind in der Schwangerschaft, das freudige
Spüren der Kindsbewegung ist einem kritisch-distanzierten Blick auf einen
Ultraschallbildschirm gewichen. Ängstlich besorgtes Schauen wird wichtiger als
das Spüren. Auch bei der Geburt selbst soll nichts mehr ungeplant ablaufen,
die Zahl der Kaiserschnittentbindungen wächst stetig. Die „optionale Geburt“
wird gewünscht. Interessanterweise folgt unsere Rechtsprechung den
gesellschaftlichen Ansprüchen unmittelbar und dynamisiert ihrerseits wieder
die medizinischen Vorgehensweisen. So werden Ärzte mittlerweile wegen
verpasster Abtreibungen verklagt, wenn ein behindertes Kind geboren wurde und
Entschädigungen in 7-stelliger Höhe zugesprochen. Rechtlicher Zwang zur
optimalen Machbarkeit. Aber mittlerweile wird nicht nur das behinderte Kind
als Schaden definiert, sondern auch ein völlig gesundes Kind – wenn es denn
nicht gewollt wurde. Gerichte sehen inzwischen die Geburt eines gesunden aber
ungewollten Kindes als schmerzensgeldpflichtigen Schaden an, wenn dieses z.B.
trotz Sterilisation auf die Welt kommt. Ein gesundes Kind als Makel – weil
sich die Machbarkeit als begrenzt erwiesen hat. Jeder soll einen Anspruch
haben, alles so zu bekommen, wie er es möchte – zuständig, verantwortlich und
haftbar sind Medizin und Naturwissenschaft.
Dass ein gesundes Kind einen Makel darstellt,
erscheint einem besonders irritierend, wenn man sich betrachtet, mit welchem
Aufwand das entgegengesetzte Problem – nämlich die Kinderlosigkeit – bekämpft
wird. Stichwort „in-vitro-Fertilisation“ IVF durch die immerhin in den letzten
25 Jahren ca. 1 Mio. Menschen geboren wurden. Mit der IVF findet eine
Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung statt und eine Medikalisierung
der Reproduktion – anders gesprochen: Keine Kinder zu bekommen - also
unfruchtbar zu sein - was schon etwas drastischer – klingt, ist kein
Schicksal, sondern eine therapierbare Krankheit. Interessant ist hier, dass
psychologische Faktoren der Kinderlosigkeit weitgehend ignoriert werden; so
gibt es eine aufschlussreiche Untersuchung, die herausgefunden hat, dass Beten
während der Prozeduren einer IVF die übliche 26%ige Erfolgsquote auf 50%
erhöht. Man könnte auch provokativ fragen: war hier Unfruchtbarkeit das
Problem oder Ungeduld.
Eine gewisse Paradoxie ist es, dass es durch
die IVF in 27% zu Mehrlingsschwangerschaften kommt und die Rate an
Frühgeburten, Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen deutlich erhöht ist. Was
geplant begonnen wird, verläuft dennoch anfällig: hier hilft auch die PID
nichts, denn – wie bereits gesagt - nur rund 1% aller zu erwartenden
Behinderungen lassen sich genetisch diagnostizieren. Wunschkind vs.
Horrorkind. Die Phantasien der Machbarkeit sind jedoch unbegrenzt: durch
Eingriffe in die Keimbahn kann man die Eizellen unfruchtbarer älterer Frauen
um die 60 mit Zellmaterial jüngerer Frauen „aufrischen“, damit auch die
natürliche Grenze der Fruchtbarkeit bei Frauen überwindbar wird.
Boticellis Venus stellt allegorisch das
Idealbild moderner Humangenetik dar: Zeugung und Geburt außerhalb des
weiblichen Körpers in der Muschel oder heutzutage in der Petrischale: dort
wird der ideale Mensch geboren, gesund schön ohne Makel. Ein im Internet
anonym kursierendes Gedicht eines Behinderten fasst die Problematik deutlich
zusammen: es hat den Titel
Lebenswert
Im Fernsehen wieder Diskussionen ob ich
es wert wäre zu leben
Eugenik – vorgeburtliche Diagnostik,
Euthanasie
Und ich denke mir:
Mit 15 Jahren wäre ich gestorben ohne den
medizinischen Fortschritt
Vor 60 Jahren wäre ich vergast aufgrund
des ideologischen Fortschritts
in ein paar Jahren würde ich wegen beidem
nicht geboren werden
wie soll ich leben mit dieser
Vergangenheit in Zukunft.
ZUR MITTE DES LEBENS
In dieser Phase altern wir zwar, doch das
Alter soll uns doch vom Leib bleiben. Jeder will alt werden, aber keiner will
alt sein. Hierauf zielen beispielsweise die Bücher des Arztkollegen Dr. Ulrich
Strunz aus Roth – dem Fitness- und Forever-Young-Papst. Ein Zitat aus einem
seiner Bücher: Sie können auch als 100-jähriger noch 30 sein – sobald Sie
sich um jede einzelne ihrer Körperzellen kümmern. Wir können nicht ewig leben,
weil im Schöpfungsplan nur 120 Jahre vorgesehen sind. Doch diese Zeit dürfen
wir voll genießen, ohne Schmerzen, ohne Krankheiten – vielmehr fröhlich,
weise, energiegeladen und kreativ. Denn das Altern ist keine Krankheit, nur
wenn es zu schnell vonstatten geht. Die Bremse, ja den Rückwärtsgang haben Sie
selbst in der Hand.
Wir haben richtig gehört, ohne Krankheiten
und ohne Schmerzen. Kann das jemand wirklich glauben: offensichtlich schon,
denn die Bücher von Ulrich Strunz gehören in Deutschland zu den
bestverkauftesten nach dem Kriege; überall hecheln Jogger durch die
Landschaft, die Seminare sind ausgebucht. Auch der Gynäkologe Alexander
Römmler, ein Anti-Aging-Papst bringt es auf die aufschlussreiche Kurzformel:
„Altern ist unnormal“. Dass das Thema Anti-Aging, ewige Jugend und Wellness
durchaus auch ökonomisch Relevanz besitzt, sehen Sie daran, dass in
Aktionärbriefen und Anlegermagazinen Investitionen in den Gesundheits- und
Wellnessmarkt als wachstumsversprechende Anlage gepriesen werden - kaufen Sie
Aktien von Lóreal, Procter & Gambel, Unilever und Henkel. Auf der anderen
Seite ist die gesetzliche Krankenversicherung gerade dabei, mangels
Finanzierbarkeit selbst des Notwendigen zu kollabieren.
Welches sind die 3 Kerninhalte der
Gesundheits- und Jugendkultur:
1. Beherrschung von Krankheiten
2. Verhütung von Krankheit, wer´s nicht
schafft ist selber schuld
3. Schönheit und Kosmetische Reparaturen:
denn selbst der ansonsten gesunde Körper macht scheinbar nicht jeden
glücklich.
Zu den Krankheiten:
Die heilende Medizin scheint im Rahmen ihrer zunehmenden Erfolge vergessen zu
haben, dass sie seit der Steinzeit - auch wenn sie Erfolge hat – nichts am
100-prozentigen Endpunkt „Sterben“ geändert hat. Trotzdem wird als
Erfolgskriterium bei wissenschaftlichen Medikamentenstudien immer wieder die
„Reduktion von Sterblichkeit“ analysiert. Vergessen wird, dass Reduktion von
Sterblichkeit unter einer bestimmten neuen Therapie immer nur heißen kann,
„Verschiebung von Sterblichkeit“ auf eine andere Krankheit, von der wir nicht
wissen, ob sie die akzeptablere, die bessere Todesursache für uns bereit hält.
Wer durch Therapie oder Prävention nicht am Herzinfarkt oder Brustkrebs
stirbt, stirbt eben später am Schlaganfall oder an der Alzheimer´schen
Erkrankung. Insofern spielt wider besseres Wissen auch die Medizin immer ein
bisschen mit einer „Ewiges-Leben-Illusion“.
Da die diagnostischen und therapeutischen
Möglichkeiten der Medizin exponentiell weiter steigen werden und mit ihnen die
entsprechenden Kosten, wird verzweifelt nach Kriterien gesucht, Leistungen zu
begrenzen. Da aber in unserer Gesellschaft Gesundheit als das „höchste Gut“
gilt, kann man – in diesem Dilemma stecken gerade die Politiker - schlecht mit
Abstrichen hantieren. Aber sind Abstriche vom Optimalen nicht unumgänglich.
Man kann beispielsweise mit neuen an den Tagesverlauf angepasst
programmierbaren Insulinpumpen einem Diabetiker ein längeres Leben
verschaffen, als durch die konventionellen Insulinspritzen. Doch es lässt sich
schnell ausrechnen, dass die Versorgung aller deutschen insulinpflichtigen
Diabetiker mit solchen Pumpen das Gesundheitsbudget sprengen würde. Verlegt
man sich – was viel besser klingt – auf die Vorbeugung, sieht die Sache auch
nicht besser aus: würden die Patienten mit den 3 großen Volkskrankheiten
Diabetes, Herzinsuffizienz und Bluthochdruck nach den Leitlinien der
evidenzbasierten Medizin mit den darin empfohlenen besten – und damit auch
nicht ganz billigen – Medikamenten versorgt, wäre auch bereits ein großer Teil
des Gesundheitsbudgets aufgebraucht. Dass die mit viel präventivem Aufwand
länger Lebenden wiederum für Probleme in der Rentenkasse sorgen, sei nur am
Rande erwähnt. Die Frage ist, ob wir die Machbarkeit von optimaler Gesundheit
für alle wirklich weiter wider besseres Wissen apostrophieren. Würde man die
„Nicht-Machbarkeit“ einräumen, könnte man sich wahrscheinlich vernünftig über
die möglichst solidarischste Form der Begrenzung und Verteilung unterhalten.
In anderen Bereichen haben wir dies ohne ideologische Skrupel längst
akzeptiert: so hat der Statistik-Professor Krämer ausgerechnet, dass von den
ca. 6000 jährlichen Toten im Straßenverkehr etwa 1000 noch leben könnten, wenn
sie anstelle ihres Kleinwagens zum Unfallzeitpunkt einen Mercedes, BMW oder
Audi gefahren hätten. Es geht um 1000 Tote pro Jahr ! Lautet hier unsere
gesellschaftspolitische Forderung in Analogie zum Gesundheitswesen: „Alle
Bundesbürger müssten mit einem Mercedes der S-Klasse ausgerüstet werden, damit
1000 Menschen mehr überleben“. Es ist klar, dass medizinische Machbarkeit in
Zukunft ökonomisch nur begrenzt finanzierbar sein wird, so dass es zwingend
ist, dass wir uns überlegen, was uns im Feld Gesundheit und Krankheit wichtig
ist und was nicht! Welchen Makel wollen wir als Krankheit akzeptieren, die auf
Kosten der Solidargemeinschaft reparierbar sein soll. Ein Bespiel: 600 Euro
kostet eine Spritze mit Botulinumtoxin in die Achselnhöhlen, die 6 Monate
dafür sorgt, dass ein massiv unter den Achseln Schwitzender diese sicher oft
störende Belastung loswird. Ca. 800.000 Deutsche haben dieses Leiden. Was ist
krank, was ist gesund? Was soll finanziert werden. Die Beispiele ließen sich
beliebig vermehren: denken Sie an die medikamentöse Stärkung männlicher
Erektionsfähigkeit mittels Viagra oder ähnlichen Präparaten. Auch hier wird
die ausbleibende Erektion über das therapierbare Malheur hinaus zum
reparaturbedürftigen Makel mit Krankheitswert. Auch im Bett soll die
Erfolgsquote 100% betragen. Was nicht makellos funktioniert bekommt
Krankheitswert. Diese Ausuferung des Krankheitsbegriffs wurde im Kern bereits
vor 30 Jahren von Ivan Illich aufgezeigt in seinem Buch: „Die Nemesis
der Medizin: die Medikalisierung des Alltags“.
Ganz aktuell wurde das Thema „Medikalisierung“
neulich vom Autor Jörg Blech in einem Buch und in einer Titelstory des Spiegel
aufgegriffen: Erfundene Krankheiten. Die Kernthese des Buches lautet, dass
sich eine Interessenkartell aus Ärzten, Therapeuten und der Pharmaindustrie
verschworen hat, den Menschen vermeintliche Krankheiten oder Gefährdungen
einzureden, um sie dann für viel Geld davon zu befreien. Salopp formuliert:
„Gesund ist, wer noch nicht ausreichend untersucht wurde“.
Damit kommen wir zum Thema Fitness und der
fast wahnhaften Idee, Krankheit ließe sich durch entsprechende Anstrengungen
vermeiden und somit Gesundheit erhalten und herstellen. Als Gegengewicht gegen
die Unterbeschäftigung des Körpers in unseren modernen Berufen, werden
kompensatorisch Extremklettern, Triathlon und Exerzitien in Fitness-Zentren
betrieben. Prävention von Erkrankungen wird von allen Beteiligten mit
moralisch erhobenem Zeigefinger abverlangt und gilt als besonders
fortschrittlich. Der Spruch „Vorbeugen statt heilen“ entspricht der
geforderten „Medical Correctness“. Besonders körperliche Fitness und alles was
damit verbunden ist, scheint ein Garant für ein besseres Leben zu sein. Dieses
Streben nach Jugendlichkeit und Schönheit weist in vielerlei Hinsicht
religiöse Attribute auf. Die Phänomene und Rituale der Religion sind ins
Gesundheitswesen abgewandert – so hat es der Mediziner und Theologe Lütz
neulich in seinem Buch: „Lebenslust“ analysiert. Es gibt den Fitness-Papst
– es gibt aber auch Gegenpäpste. Angeboten werden
Wallfahrten zum ultimativen Arzt, Psychotherapeuten oder
Heiler, gefordert werden Fasten, körperliche
Kasteiungen und andere verzichtsreiche Rituale, das Gebaren hat
teilweise Sektencharakter. Während unsere Vorfahren
Kathedralen bauten und ihre Seele retteten – bauen wir Kliniken und „Health
Centers“ und retten unsere Gesundheit und Figur. Im Jahr 2000 hatte die Zahl
der ständigen Fitnessstudiomitglieder in Deutschland mit 4,6 Millionen
erstmals die Zahl der Besucher des katholischen Sonntagsgottesdienstes
übertroffen. Es gibt auch Analogien zur Gotteslästerungen: Outen Sie sich mal
als genießender Raucher oder Bewegungshasser im Kreis ökologisch orientierter
Gesundheitsbewegter: Nach einer Schrecksekunde, in der das Ungeheuerliche der
Bemerkung erst richtig wirkt, können Sie alle Reaktionen erleben, die in
früheren Zeiten nur bei einer Gotteslästerung zu verzeichnen waren und Auftakt
zu einem Ketzerprozess. Alles Zeichen einer real exisitierenden
Gesundheitsreligion.
Noch wenn man gesund ist rackert man sich ab,
um sich gesund zu halten, alle Vorbeugevorschriften zu befolgen, man ernährt
sich mit Obst und Gemüsen, erlernt das Nordic Walking und stretcht sich, um
schließlich dann gesund zu sterben. Alles erhofft man sich von den
Hohenpriestern des Gesundheitskults und diese nähren natürlich die Illusion
zumal sich damit blendend Geld verdienen lässt.
Der Gesundheitskult der Körpermedizin wird
noch gesteigert und vertieft durch den Psychokult. Und dieser stößt geradezu
in die Lücke, die die Körpermedizin notgedrungen hinterlässt: was hat man
schon davon, wenn die Laborwerte stimmen, die Haut gebräunt, das Lifting nicht
mehr sichtbar ist – derjenige aber dennoch kreuzunglücklich am Leben ist. Noch
ist es bei uns nicht ganz so wie in den USA – wo die Filme von Woody Allen
Einblick in die hysterische Besetzung des Alltags durch Psychiater und
Psychotherapeuten geben. Sind die Organärzte eher die Halbgötter für´s Grobe,
für die Herstellung des ewigen Lebens quantitativ
verantwortlich, so geben die Psychotherapeuten dem Leben erst die
erforderliche Tiefe und Höhe, Weite und Größe. Verstehen Sie mich bitte
richtig: mit seriöser Psychotherapie hat das alles natürlich nicht das
Geringste zu tun, ich meine z.B. die ausufernden Psychosendungen in Radio und
Fernsehen, wo selbsternannte Psychoexperten bei Anrufen und Auftritten ihnen
völlig unbekannter Menschen ungehemmt psychomäßig drauflosschwadronieren. Die
Medien sind sich der zahllosen neugierigen Zuhörer und Zuschauer sicher, die
quasi durchs Schlüsselloch des Behandlungszimmers erstaunt Einblick in die
vermeintlichen Geheimnisse des Seelenlebens erhalten. Selten wird da mehr zum
Besten gegeben als Binsenweisheiten. Nichtpsychologen imitieren bereits die
Psycho-Zunft: fast alle Talkmaster und – innen fragen inzwischen nach ödipalen
Konflikten oder treten den Befragten mit Interpretations- und
Deutungsversuchen in distanzloser Weise nahe. Neben der vorhin zitierten
Medikalisierung des Alltags gibt es auch eine unangemessene Psychologisierung.
Psychologisierung auch als übertriebene Kausalisierung von Befindlichkeit, als
übertriebene Lust am Deuten, am Konstruieren oder Rekonstruieren. Nicht jedes
körperliche Zipperlein, für das man keine ausreichende körperliche Erklärung
findet muss zwangsläufig seine Wurzel im Seelischen haben – und es muss auch
mal erlaubt sein, sich abgelascht, depressiv, missmutig oder sonst wie
„seelisch unpässlich“ zu fühlen, ohne dass dafür gleich wieder eine passende
psychosozial einleuchtende Erklärung hermuss. Nicht nur auf den Körper –
sondern auch auf´s Seelische bezogen gilt: Makellosigkeit ist –
glücklicherweise - eine Illusion. Warum bitteschön: glücklicherweise?
Bereits in den Zitaten von Kant und Goethe
klang an, dass körperliche und seelische Makel – so schlimm sie sein mögen -
immer auch Chancen beinhalten. Mir fallen einige Patienten ein, z.B. mit
Multipler Sklerose die diese Chancen sehen und nutzen konnten. Ich meine nicht
eine zwanghafte Sinnsuche bei Krankheit und Leid als Ersatz für einen früh
aufgegebenen Kampf dagegen - aber eben auch kein sinnloses Verschleißen,
sondern fragendes Innehalten. So meint es wohl auch Victor von Weizsäcker´s
anthropologische Medizin mit der „Krankheit als Chance“. Aber auch hier gilt:
Chance und Anregung zum Nachdenken – nicht Zwang zum Grübeln und nicht
krampfhaft verbissene Sinnsuche in Krankheit und Leid.
Das Hauptproblem unserer
Zeit ist die Säkularisierung der Heilserwartungen: Medizin und Psychotherapie
sollen nicht nur Heilung von bestimmten Krankheiten gewährleisten, sondern das
Heil schlechthin. Für das ewige Leben ist quantitativ die Medizin zuständig,
für die ewige Glückseligkeit qualitativ die Psychotherapie. Das Paradies auf
Krankenschein. Bei Nichterfüllung wird´s dann juristisch: es wird geklagt.
Ein Letztes zur Schönheit.
Sie alle belächeln wahrscheinlich Schönheitschirurgie und werden vielleicht
sagen: „Die wahre Schönheit ist in gewisser Weise zeitlos, nicht nur vom
Äußeren abhängig, die wahre Charakteristik kommt von innen. Spuren des
Alters zeigen auch Lebenserfahrung und Weisheit und ein verknittertes Gesicht
ist auf altersgemäße Weise eben auch schön“. Wer besitzt von uns aber
schon die Souveränität, diese Überzeugung auf sich selbst anzuwenden, wenn
rundherum alle dem unerbittlichen Gott der Glattheit huldigen, der für das
Wichtigste steht: für Jugendlichkeit, Schnelligkeit, Fitness und Glück.
Schönheitschirurgie erlebt angesichts des Jugendwahns logischerweise einen
Boom. Kein Makel, den man nicht beseitigen kann: Fettabsaugung,
Faltenstraffung, Brustvergrößerung oder Verkleinerung, Nasenbegradigung –
alles wird angeboten. Durchschnittlich 2000 Euro kostet eine Behandlung. Die
Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie geht in Deutschland von
400.000 Schönheitsoperationen pro Jahr aus – weiteres Wachstum ist sicher.
Diese Entwicklung spiegelt klar die gesellschaftliche Bedeutung des körperlich
Äußeren wider. Fast jeder vierte Deutsche ist unzufrieden mit seinem Körper
und würde sich grundsätzlich einer Schönheitsoperation unterziehen. Betroffene
hoffen und Operateure versprechen, nach dem Eingriff sei man glücklicher. Die
FAZ nennt das „Psychotherapie mit dem Skalpell“. Aber das erhoffte Glück durch
Straffheit stellt sich oft nicht ein: selbst den Chirurgen fällt inzwischen
auf, dass die Operierten mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind und immer neue
Eingriffe fordern. Diese offensichtliche krankhafte Unzufriedenheit mit dem
eigenen Körper wird als „Dysmorphophobie“ bezeichnet. Ich will nicht
entscheiden, ob diese Störung ein gesellschaftliches oder individuelles
Phänomen ist; irritierend ist allemal, dass mit der Zunahme von Fettleibigkeit
in den Industrieländern das Schönheitsideal immer schlankere Körper
favorisiert. Noch ein persönliches Beispiel: Ich habe bei der von mir bei
Spastik und Dystonie eingesetzten sehr hilfreichen Substanz Botulinumtoxin
erlebt, wie sie Einzug in den Schönheitsmarkt gefunden hat.
Zur Bekämpfung der Falten wird die
Gesichtsmimik gelähmt. Heraus kommen zum Teil glatte aber starre Gesichter;
Mimik nicht mehr als Abbild der Emotion; keine Zornes- keine Lachfalten mehr.
In der New York Times wurde empfohlen, sich vor einem Bewerbungsgespräch das
Gesicht mit Botulinumtoxin glätten zu lassen, dann würde die Anspannung nicht
mehr sichtbar sein. Ich finde diesem Vorschlag und diese Gesichter eine
entlarvende Allegorie auf den Zeitgeist.
In dem Maß, in dem Gesundheit, Jugendlichkeit
und Schönheit zum überwertigen Lebensziel und –inhalt werden, stellt sich die
Frage, welche Bewertungen zwangsläufig diejenigen erfahren, die nicht gesund,
jung und schön sind und es auch nicht werden können weil sie z.B. unheilbar
oder chronisch krank oder alt oder behindert sind. Wer sich nicht als heilbar
erweist, stört auch das schöne Paradiesbild. Die innere Logik liegt damit auch
für den letzten Lebensabschnitt – Alter und Tod - auf der Hand: Möglichst
geräuschloser Abgang, wenn´s mit der Makellosigkeit im Alter nicht klappt. Das
heißt Einführung der Tötung auf Verlangen von Kranken. Das
christlich-abendländische Menschenbild von der gleichen Würde aller wird
pervertiert; die Gesundheitsreligion frisst ihre Kinder.
Damit sind wir bei Alter und Tod
Früher war klar: nur eine Gesellschaft, die
die Alten ehrt, ist eine glückliche Gesellschaft. Mittlerweile aber ist das
Alter in Verruf gekommen: früher versehen mit Attributen wie Weisheit,
Erfahrung und Abgeklärtheit, sind alte Menschen heute zum Gespött der Enkel
nicht mal in der Lage eine E-Mail oder SMS abzuschicken. Die Halbwertszeit des
Wissens ist so kurz, dass Lebenserfahrung den Mangel an vermeintlich
notwendigem technischem Know-how nicht mehr kompensieren kann. Zudem steigt
die Zahl der alten Menschen immer mehr – von Exklusivität keine Spur.
Wenn dann noch die Magazine titeln:
„Rentendilemma: die Alten fressen uns auf“ oder „wie die Alten die Jungen
ausplündern“, wird das Klima schon etwas schärfer – ein eisiger Wind weht
durch den Generationenvertrag.
Wenn dazu noch Gebrechlichkeit, Leid, Schmerz
und Tod das Bild des Gesundheitsparadieses stören, soll die letzte drohende
Ungewissheit unseres Lebens – nämlich dass Sterben auch nicht mehr dem Zufall
überlassen werden, sondern in die eigene Hand genommen werden.
Eine Todesspritze, weil man sich im Alter
überflüssig fühlt? Das steht nicht in einem Science-fiction-Roman, sondern ist
in Holland und Belgien inzwischen Routine. Angeblich um die Selbstbestimmung
und damit die Würde des Menschen zu stärken und zu schützen. Dort ist
inzwischen die Tötung nicht auf diejenigen beschränkt, die das selber wollen,
sondern findet auch bei Nicht-Zustimmungsfähigen statt, oder bei Menschen, die
in ein depressives Loch gefallen sind – letzteres nicht ganz legal - aber
toleriert. Auch in Deutschland soll die Zahl der Befürworter aktiver
Sterbehilfe inzwischen auf über 50% geklettert sein. Ich will diese
Forderungen nicht grundsätzlich diskreditieren; die Motive sind oft aus einem
ernsten Humanismus geboren. Aber glaubt man wirklich, dass von
Selbstbestimmung bei dem Wunsch nach einer Tötung noch die Rede sein kann,
wenn Altern und Kranksein in einer Welt der Perfektion und der Ästhetik
stattfindet. Man will verschwinden, wenn man stört. In diesem Zusammenhang hat
mich schon sehr irritiert, dass meine Eltern die Anfertigung einer
therapiebegrenzenden Patientenverfügung damit begründet haben, dass sie uns
Kindern bei schwerer Krankheit und Siechtum nicht zur Last fallen wollten.
Dem modernen Menschen erscheint es als Ideal,
plötzlich, unverhofft und schmerzlos nachts im Bett zu sterben oder einfach
tot umzufallen. Dies war die Horrorvorstellung des Menschen der Antike und des
Mittelalters. Der unverhoffte Tod, das unvorbereitete Sterben galt als der
„schlechte Tod – „mala mors“, der unbedingt vermieden werden musste. Auf den
Tod sollte man sich vorbereiten. Für einen solchen vorbereiteten Tod galt
übrigens auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Euthanasie“; der „Eu
Thanatos“ - der gute und schöne Tod - war die Vereinigung mit Gott im Tode.
Weit weg also von der Begrifflichkeit der Euthanasie, wie sie Anfang des 20.
Jahrhunderts geprägt wurde, von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde und
etwas schöner verbrämt in den Länder Holland und Belgien praktiziert wird. Wer
an die „Machbarkeit“ der Makellosigkeit des Menschen glaubt und
sie anstrebt, der wird auch die „Wegmachbarkeit“ mitdenken
müssen, wenn der Makel aufkommt und der Lack abblättert.
Mein letzter Punkt: WAS IST ZU TUN
Lebensglück ist wohl etwas anderes als das
Hinterherrennen hinter den vermeintlich herstellbaren Qualitäten wie
Gesundheit, Schönheit, Makellosigkeit und sexuelle Befriedigung. Ich hatte ja
am Anfang schon darauf hingewiesen, dass wir sowohl als Therapeuten als auch
als potentielle Patienten mit dem Anspruch auf Makellosigkeit konfrontiert
sind. Drehen wir als Therapeuten nicht manchmal selber mit am Hochschrauben
der Ansprüche unserer Patienten und Klienten. Wenn diese dann die von uns
geweckten Ansprüche einlösen wollen, finden wir dies oft zu maßlos und
übertrieben. Sind wir Getriebene oder sind wir nicht auch Treibende. Auch ich
gehe eher an die Medienöffentlichkeit, wenn ich etwas medizinisch Neues etwas
Vielversprechendes und Hoffnung-Erweckendes beim Schlaganfall, bei Multipler
Sklerose oder Epilepsie anzubieten habe. Aber als Therapeuten müssen wir
letztlich die Paradoxie akzeptieren und auch verkünden, heilen zu wollen, was
letztlich nicht zu heilen ist, aber es doch immer wieder von neuem versuchen
zu wollen. Es geht nicht um Laissez faire, was die Gesundheit angeht. Es wäre
ja auch unsinnig zu sagen, ich will keine gesunden Kinder, mir ist meine
Gesundheit egal, ich will dem Tod gar nicht aus dem Wege gehen. Wir müssten
nur akzeptieren können, dass unser eigenes Leben und die Leben unserer
Patienten und Klienten fragil sind. Gesundheit ist eine Illusion, der man sich
immer wieder annähern soll, die man natürlich wollen soll und darf – aber die
wir nicht verabsolutieren sollen, sie nicht zur einzigen Dimension erklären
dürfen. Das Streben nach Gesundheit und Makellosigkeit muss mit der Akzeptanz
von Krankheit und Makel verbunden werden. Wir müssen Gesundheit wollen und
dennoch Behinderung und Krankheit integrieren und auch das Scheitern unserer
Bemühungen akzeptieren.
Ich merke das jeden Tag auf der
Intensivstation: wir kämpfen mit allen Mitteln um Überleben, aber wir müssen
auch sehen wo die Grenze ist, wo unser Helfenwollen und das technische
Helfenkönnen umkippt in Verursachung von Leid- und Schaden. Da muss man
aufhören können und es nicht als Niederlage empfinden. Über das
Nicht-Mehr-Helfenkönnen und über die Grenzen der Medizin lernt man übrigens im
Medizinstudium zu wenig.
Wieviel kann man an Krankheit und Makel
akzeptieren. Vielleicht ist es etwas übertrieben, wie es Friedrich Nietzsche
ausgedrückt hat: Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir
noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen. Aber
Nietzsches Worte drücken doch eine gewisse Gelassenheit aus, die in fast
angenehmem Gegensatz zur WHO-Gesundheitsdefinition steht.
Bereits Platon hat gesagt: Die ständige Sorge
um die Gesundheit ist auch eine Krankheit“. Der engagierte Psychiater Prof.
Klaus Dörner hat das unlängst im Deutschen Ärzteblatt ähnlich formuliert:
Je mehr ich für meine Gesundheit tue, desto weniger gesund fühle ich mich.
In diesem Sinne ist Gesundheit eben nicht machbar, nicht herstellbar, stellt
sich vielmehr selbst her. Gesundheit gibt es nur als Zustand, in dem der
Mensch vergisst, dass er gesund ist.
Gefragt ist eine neue Variante einer
wahrscheinlich ganz alten Art der Lebenskunst, die in Grenzsituationen
menschlicher Existenz Quellen des Glücks und Lust am Leben finden kann, die
Leid, Makel, Krankheit und Behinderung nicht ausklammert. Betrachten wir diese
nicht nur als auszurottende Feinde – sondern auch potentiell – und das ist
nicht zynisch gemeint – als Chance zu anderen, zu neuen Sichtweisen. Wir alle
wissen doch eigentlich, dass aus zeitweiligen körperlichen wie seelischen
Einschränkungen und Krankheiten auch viel Anlass erwachsen kann, das Leben neu
zu genießen. In der Menschheitsgeschichte fanden die intensivsten und
lebenslustigsten Phasen in der Nachbarschaft von Sterben und Tod statt.
Schmerz und Leid sind nicht Anlass zu dumpfer
Resignation und Verzweiflung, sie sind auch nicht primär das Experimentierfeld
für Anästhesisten und Psychotherapeuten, sondern sind unvermeidbare
Grundcharakteristika menschlichen Seins.
Um dies so sehen zu können mag Religiosität,
Spiritualität – oder ein anderes Wertekonzept - eine Hilfe sein. Zumindest
gilt: wer an etwas anderes wirklich glaubt, als an die Gesundheit, kann bei
allem angemessenen Bemühen um das eigene körperliche und seelische Wohlergehen
wohl am ehesten in ungehetzter Muße und in einer unaufgeregten Gelassenheit
die kostbaren unwiederholbaren Momente seines Lebens genießen, auch wenn sie
den einen oder anderen Makel aufweisen. Eine solche Muße ist – über zwanzig
Jahre nach Orwells 1984 – gelebter Protest gegen den großen Bruder des alle
umfassenden totalitären Gesundheitswahns.
Ich bin kein guter Experte was die
Möglichkeiten der Psychoanalyse angeht, ich sehe aber in ihr - wenn sie sich
dem ganzen Menschen mit Geist, Seele und Körper widmet ein vielversprechendes
Verfahren, diese innere Gelassenheit dem eigenen Körper und der eigenen Seele
gegenüber zu gewinnen oder wiederzugewinnen und den Begriff Makellosigkeit
statt mit einer äußeren mit einer inneren Form des Lebensglücks auszufüllen.