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Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.
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Angst vor HingabeZur schizoiden PersönlichkeitsstrukturVeranstaltung mit Dipl.-Psych. Birgitta Deininger
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ERMANN, Michael: |
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Stuttgart 2004 |
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KÖNIG, Karl: |
Kleine psychoanalytische Charakterkunde, Göttingen 1992 |
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RIEMANN, Fritz: |
Grundformen der Angst, Basel 1978 |
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SCHMIDBAUER, Wolfgang: |
Die Angst vor der Nähe, Hamburg 1994 |
Bei diesen Menschen ist der Konflikt zwischen dem Wunsch, Individualität aufzugeben und dem Wunsch, als Individuum erhalten zu beleiben, zentral. Nach König erlebt der schizoide Mensch sein Selbst und die Objekte nicht als wirklich getrennt oder er strebt doch einen Zustand an, in dem diese Trennung aufgehoben ist. „Diese Sehnsucht nach verschmelzender Harmonie und die Angst davor, von einem anderen Objekt okkupiert und in ihrer getrennten Identität in Frage gestellt zu werden, bestimmen beide das Erleben schizoider Erwachsener.“ (König, S. 222 f.)
Das Streben dieser Menschen geht vor allem Dingen dahin, so unabhängig und autark wie möglich zu sein, auf niemanden angewiesen zu sein, niemandem verpflichtet zu sein. Distanz zu den Mitmenschen ist vorherrschend. Wird diese überschritten, so wird es als Bedrohung des Lebensraums und der Integrität erlebt, es erfolgen schroffe Gegenreaktionen. Auf die Umwelt wirken sie oft kühl, distanziert und unpersönlich, bisweilen auch absonderlich, seltsam, befremdend. Krasse Wechsel in der Nähe zu einem anderen Menschen sind auffallend und zwar häufig gerade dann, wenn ein scheinbar guter und eher intimer Kontakt geherrscht hat. Man kann sie lange kennen, ohne sie wirklich zu kennen.
Da wir als Menschen soziale Wesen sind, lässt sich Nähe nicht gänzlich vermeiden. Schizoide Menschen entwickeln bestimmte Schutzhaltungen, wie die Vermeidung persönlich-naher Kontakte. Sie versuchen, menschliche Beziehungen eher zu versachlichen, bevorzugen Gruppen, wo sie anonym bleiben können.
Das Vermeiden vertrauter Nähe verursacht eine zunehmende Kontaktlücke zwischen dem schizoiden Menschen und der Umwelt, bringt mehr und mehr Isolation und Einsamkeit mit sich. Dies hat nun seinerseits wiederum problematische Folgen: Er weiß zu wenig von den anderen, es entstehen Lücken in der Erfahrung über andere Menschen, daraus folgen Unsicherheiten im mitmenschlichen Umgang. „So weiß er nie recht, was im anderen vorgeht, denn das erfährt man, wenn überhaupt, ja nur in vertrauter Nähe und liebender Zuwendung. Daher ist er auf Vermuten und Wähnen angewiesen in seiner mitmenschlichen Orientierung und deshalb wieder zutiefst unsicher, ob seine Eindrücke und Vorstellungen von anderen, ja schließlich sogar, ob seine Wahrnehmungen nur seine Einbildung und Projektionen oder aber Wirklichkeit sind." (Riemann, S. 21) Diese Unsicherheit, ob das, was er fühlt, wahrnimmt sowie denkt und sich vorstellt, nur in ihm selbst oder auch draußen existiert, kann alle Schweregrade annehmen von immer wachem Misstrauen krankhafter Eigenbezüglichkeit bis hin zu wahnhaften Einbildungen und Wahrnehmungstäuschungen, bei denen innen und außen verwechselt wird, ohne dass diese Verwechslung erkannt werden kann.
Misstrauen und ein tiefes Gefühl von Ungeborgenheit sind einerseits Ursache, aber eben auch Folge der Kontaktlücke, die zum Mitmenschen klafft. Schizoide Menschen entwickeln auf diesem Hintergrund besonders starke Funktionen und Fähigkeiten, die ihnen zu einer besseren Orientierung in der Welt zu verhelfen versprechen: Wahrnehmung durch die Sinnesorgane, der Intellekt, das Bewusstsein. Emotionales und Gefühlshaftes verunsichert sie sehr und so streben sie eine „reine Erkenntnis an, die von Gefühlen abgelöst ist, die objektive Resultate liefert, auf die sie sich verlassen können." Es ist für schizoide Menschen charakteristisch, dass sie oft bei überdurchschnittlicher Intelligenz im Emotionalen zurückgeblieben wirken. „ ... Der ganzheitliche Erlebniszusammenhang seiner seelischen Eindrücke, Antriebe und Reaktionen (ist) in verschieden hohem Maße zerrissen; vor allem seine vitalen Impulse sind isoliert, vom Gefühlserleben abgespalten. ... Vor allem Zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Rationalität und Emotionalität besteht ein großer Unterschied des Reifegrades; Gefühlsabläufe und Verstandeserfahrungen laufen gleichsam getrennt, verschmelzen nicht zu einheitlichem Erleben." (Riemann, S. 47) Die frühe Orientierung an Verstand und Sinneswahrnehmungen, das mangelnde Erlernen ausreichender emotionaler Orientierung führt dazu, dass ihm keine Gefühlsnuancen zur Verfügung stehen. Der schizoide Mensch kennt sozusagen auf der Gefühlspalette nur die Extreme, die primitiven Formen des Gefühls, Mitteltöne fehlen.
Aus der Angst vor Nähe heraus folgt das Meiden von Nahkontakten, dies wiederum bringt eine zunehmende Egozentrizität, ein Kreisen um sich selbst sowie Isolierung mit sich. Solche Menschen erleben wohl die intensivsten Ängste überhaupt, denn Einsamkeit und Isolierung wirken eben Angst verstärkend. Das Mitteilen von Angst ist eine Erleichterung. Dies kann aber nur der spüren, der es wagt, dieses Gefühl in einem mitmenschlichen Kontakt anzusprechen. Wagt ein schizoider Mensch dies nie, weil er fürchtet, sich dadurch dem anderen auszuliefern oder für verrückt gehalten zu werden - über die Ubiquität von Ängsten weiß er wenig -, kann diese Angst durch Anhäufung über lange Zeit extreme Grade erreichen.
Das Zurücknehmen von der Welt und auf sich selbst Zurückziehen kann so allmählich zum Weltverlust führen, der mit großer Angst als ein Fallen ins Nichts erlebt wird.
Riemann überlegt von konstitutioneller Seite her Faktoren, wie eine zart-sensible Anlage, eine große seelische Empfindsamkeit, Labilität und Verwundbarkeit, wie auch intensive motorisch-expansive, aggressiv-triebhafte Anlagen und eine geringe Bindungsneigung oder -Fähigkeit. Letztere Anlagen würden es mit sich bringen, dass der Säugling rascher als lästig und störend empfunden wird.
Insgesamt ist allerdings allein auf die Konstitution Entwicklung einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur nicht zurückzuführen, sondern wohl eher auf eine Kombination eben jener mit der Reaktion der jeweiligen Umwelt darauf.
Als wesentlicher Umwelteinfluss im Hinblick auf die Entwicklung schizoider Persönlichkeitsstrukturen wird ein Mangel an altersgemäßer Geborgenheit in der frühesten Kindheit angesehen. Ist die erste Umwelt des Kindes nicht in der Lage, ihm neben ausreichender Säuglingspflege, Ernährung und Hygiene auch emotionale Wärme, Zuwendung, körpernahe Zärtlichkeit, ein angemessenes Maß an Reizen wie an Ruhe und eine Stabilität des Lebensumfelds zu bieten, so wird das Kind Mühe haben, „die Hingabe an das Leben zu riskieren, ohne die Angst vernichtet zu werden." (Riemann, S. 36) Auch ein Übermaß an Reizen und wechselnden Eindrücken, also Erziehungspersonen, die ihre Kinder nicht in Ruhe lassen können, sich in Bedürfnisse auch nach Alleinsein, Ruhe und einer Stabilität der äußeren Umgebung nicht einfühlen können, Kinder zu früh überfordern, behindern ein Vertraut werden mit der Umgebung (inklusive Person), was wiederum die Basis des Vertrauen-Könnens ist. König geht davon aus, dass es sich bei den Schizoiden um Menschen handelt, deren Vernachlässigung bzw. Reizüberflutung in früher Kindheit nicht durchgehend war, die also immer wieder auch Zeiten adäquater Bedürfnisbefriedigung erlebt haben. „Solche Kinder sehnen sich nach einem Zustand der Harmonie mit dem Mutterobjekt zurück, gleichzeitig flüchten sie aber das unempathische, sie bedrängende und in sie eindringende Mutterobjekt, das sie dann zwischendurch immer wieder erlebt haben." (König, S. 22)
Besonders die Entwicklungsschritte werden dem schizoiden Menschen zum Problem, die Auseinandersetzung mit mitmenschlichem Kontakt erfordern: Eintritt in den Kindergarten, in die Klassengemeinschaft, die Pubertät, Begegnung mit dem anderen Geschlecht, partnerschaftliche Beziehungen. Besonders letztere werden oft zu den Klippen, an denen sie sich ihrer Problematik schmerzlich bewusst werden. Wie sollen sie die wachsende Sehnsucht nach Nähe und Austausch, nach Zärtlichkeit und Liebe, vor allem auch das sexuelle Begehren, an einen anderen herantragen, wenn Kontaktlücken bestehen, Mitteltöne im mitmenschlichen Umgang fehlen. Die werbend-erobernde, die verführerisch-hingebende Seite des Sich-Verhaltens stehen ihnen nicht zur Verfügung. Zärtlichkeit, verbaler oder emotionaler Ausdruck von Gefühl sind ihnen fremd und auch die Einfühlung in den anderen bereitet erhebliche Probleme.
Die Lösungsversuche dieses Konflikts zwischen drängendem Begehren und der großen Angst vor mitmenschlicher Nähe fallen unterschiedlich aus: Häufig werden nur unverbindliche leicht zu lösende oder rein sexuelle Beziehungen eingegangen, in denen die Sexualität vom Gefühlsleben abgespalten wird. Der Partner ist dann nur „Sexualobjekt", darüber hinaus interessiert er nicht mehr. Womöglich erschöpft sich das Liebesleben in einem nur noch funktionellen Vorgang. Zärtliches Vorspiel und Erotik, sich Einfühlen in die Bedürfnisse des Partners fehlen völlig. Außerdem kann die Neigung bestehen, den Partner nach erreichter Befriedigung baldmöglichst wieder loszuwerden.
Aber auch die emotionale Unbeteiligtheit macht partnerschaftliche Beziehungen brüchig, leicht austauschbar. Schizoide wünschen sich einen Partner, mit dem sie sich wortlos verstehen, weil er ähnlich wie sie empfindet und denkt. Diese Ähnlichkeit bringt auch den Vorteil mit sich, das s sie nicht um den Verlust der eigenen Identität fürchten müssen, da die Grenzen gegenüber einem Menschen, der einem sehr ähnlich ist, nicht verteidigt zu werden brauchen. Die Angst vor dem Überwältigt werden durch das Fremde kann so reduziert werden. Oft ist diese Ähnlichkeit Seelenverwandtschaft, mehr phantasiert als wirklich, so dass s Dauerbeziehungen problematisch werden. „Viele schizoide Menschen bleiben deshalb allein; manche bewahren in sich die Erinnerung an eine als ideal-erlebte Beziehung, die beendet wurde, ehe die Realität sie zerstören konnte." (König, S. 55)
Nicht selten leben Schizoide ihre Ambivalenz zwischen Liebes- und Hassgefühlen, ihre eigenen tiefen Zweifel in das Geliebt werden können am Partner aus. Die Partner werden immer neuen Bewährungsproben ausgesetzt, sollen immer neue Beweise bringen, die die Zweifel beheben sollen. So wird im Partner nicht selten systematisch alle Liebesbereitschaft zerstört, es sei denn, er hat eine masochistische Seite. Beginnt der Partner sich hingegen aufgrund dieses beziehungsmäßigen Hin und Her zurückzuziehen, in seinen Liebesgefühlen nachzulassen, wird dies vom schizoiden Partnerteil häufig mit Triumphgefühl erlebt, er habe es ja schon immer gewusst, ohne wahrzunehmen, dass er mindestens mit verursachend tätig war. Die Sehnsucht nach Hingabe ist dem Schizoiden zumeist nicht oder nur in Teilen bewusst, sie staut sich sozusagen durch die ständige Unterdrückung auf und verstärkt somit die Angst vor der Hingabe, so dass diese nur noch als völliges Sich Ausliefern, als Ich-Aufgabe und Verschlungen werden vom Du phantasiert werden kann.
So kann sich die unterdrückte Liebes- und Hingabesehnsucht als extreme Eifersucht zeigen. Jene kann wiederum im Lauf der Zeit dazu führen, dass die Partnerschaft völlig zerstört wird, wobei es dem Schizoiden unmöglich ist, diese Lust am Zerstören, unter der er selbst leidet, zu beheben. „Die Motivierung kann dann so aussehen: Wenn es schon nicht möglich scheint, dass ich geliebt werden kann, zerstöre ich lieber selbst, was ich doch nicht halten kann - dann bin ich wenigstens der Handelnde und nicht der Erleidende." (Riemann, S. 29) Gerade in den Beziehungen, wo ein schizoider Mensch lieben und geliebt werden möchte, verhält er sich häufig besonders wenig liebenswert.
Insofern neigen schizoide Menschen eher zu kurzfristigen, aber wechselnden Beziehungen. Sie bleiben oft allein. Im Hinblick auf ihre sexuellen Impulse ist es so auch möglich, dass sie auf Ersatzobjekte ausweichen, wie es beispielsweise beim Fetischismus der Fall ist.
Bleibt ein schizoider Mensch bindungslos, erlebt er sich auch weiterhin als ungeborgen, ungeschützt, ausgesetzt sowie gefährdet, dann wird er wirkliche oder vermeintliche Angriffe und Bedrohungen, ähnlich wie ein Säugling, als seine gesamte Existenz gefährdend erleben. Nach Riemann lösen aber die Ursachen, die Unlust und Angst auslösend/ähnlich wie beim Kleinkind, gleichzeitig Aggression aus. Die Aggression ist im Sinne der Angstbewältigung und der Abfuhr von Unlust zu verstehen. Die Aggression des Schizoiden bleibt, ähnlich wie die Sexualität, vom Gesamterleben isoliert, abgespalten, eine rein triebhafte Abreaktion nicht eingeschmolzen in ein ganzheitliches emotionales Erleben. Aufgrund der mitmenschlichen Ungezogenheit fehlen auch Vorstellungen, was für eine Wirkung diese Affekte bei den anderen auslösen können. In extremer Form fehlen, ähnlich wie beim Säugling, auch Schuldgefühle.
Es ist auch möglich, dass, was ursprünglich als Angstabwehr diente, zu einer lustvollen Aggressivität wird, die um ihrer Selbstwillen ausgeübt wird. Weiterhin ist bei schizoiden Menschen, die sich aggressiv verhalten, aber auch daran zu denken, dass dies ihre Art ist, Kontakt aufzunehmen, also eine Extremvariante des Sprichworts „Was sich liebt, das neckt sich".
Der Schizoide ersehnt einerseits eine Kommunikation mit Menschen und zwar in dem Sinne des Verschmelzens mit einem Objekt, das er so erlebt wie sich selbst, andererseits fürchtet er das Verschmelzen, weil die eigene Identität dann verlorengehen würde. So zieht er den Kontakt mit Gruppen von Personen dem Kontakt mit Einzelpersonen vor. Gruppen, die sich einer gemeinsamen Idee verschrieben haben, einem hohen Ziel, schätzt er wegen ihrer prinzipiellen Unbegrenztheit. Es kann sich beispielsweise um Sekten handeln, die ein Paradies auf Erden anstreben, in denen alle ohne Neid und Streit in Harmonie leben oder die Gemeinschaft der Wissenschaftler, denen die Forschung zur Religion geworden ist. Eigene persönliche Interessen stellt der Schizoide hinten an, genauso wie die persönlichen Interessen anderer. Diese extrem hohen Anforderungen an sich können für ihn zur Belastung werden, der er dann mit Zynismus und Skepsis begegnet, wodurch er Kränkungen vermeiden kann, denen er ausgesetzt ist, wenn er seine Ideale nicht verwirklichen kann.
Da er sich lieber mit seinen Ideen von Realität oder mit Ideen ohne Bezug zur Realität als mit der Realität selber auseinandersetzt, eignet er sich zum Theoretiker (Mathematiker, Physiker, Ingenieur, Astronom, Philosoph). Befasst er sich wissenschaftlich mit dem Menschen, dann lieber indirekt über Röntgenapparate, in der Pathologie, über psychologische Testverfahren.
Gerade die helfenden Berufe haben mit der Nähe-Angst auf sehr verschiedene Weise zu tun:
a) Menschen mit Nähe-Ängsten suchen für diese seelische Störung einen geeigneten Therapeuten. Sie haben zumindest teilweise die Einsicht, dass immer wieder auftauchende Schwierigkeiten in Beziehungen auch durch sie selbst bedingt sind.
b) Menschen mit chronischen Beziehungsschwierigkeiten suchen einen geeigneten Therapeuten, der sie entweder darin bestätigen soll, dass es für sie keinen geeigneten Partner gibt oder der die Partner ändern soll, nachdem sie es jahrelang nicht geschafft haben.
c) Der helfende Beruf selbst drückt Nähe-Angst aus und sichert sie ab. Einerseits bezieht er die Gefühlswelt in seine Leistungsbereitschaft mit ein. Andererseits benutzt er die beruflichen Strukturen, um sich abzugrenzen und vor übermäßiger Hingabe oder unerfüllbaren Ansprüchen zu schützen. (Schmidbauer; Untersuchung der besten Persönlichkeitsstrukturen des Pflegepersonals auf einer Krankenstation in einem kleinen Krankenhaus im Nürnberger Land, 50 % Personen mit depressiven Persönlichkeitsstrukturen, 25 % mit schizoiden, danach erst zwanghafte und ein ganz geringer Teil hysterische Strukturen.)
Oft trennen Schizoide nicht zwischen Arbeit und Freizeit und empfinden dies auch nicht als Belastung. Betrachten sie ihren Beruf nur als Möglichkeit Geld zu verdienen, insbesondere dann, wenn sie einer Arbeit nachgehen, die ihren Talenten nicht entspricht, dann engagieren sie sich sehr in der Freizeit, beispielsweise indem sie Musik machen oder hören, malen, schreiben. Sie reden eher selten über ihre Hobbies, wenn, dann mit Menschen, die dieses Hobby mit ihnen teilen. Schizoide, die wenig Bezug zu ihrem Körper haben, betreiben zum Teil einen besonders anstrengenden Sport, um sich zu spüren.
„Da den Schizoiden die Phantasie fasziniert, mit einem idealen, harmonischen Objekt zu verschmelzen, ohne dass dieses Objekt in ihn einzudringen droht, sucht er oft den Kontakt mit einer schönen, unbewohnten und wenig von Menschen aufgesuchten Landschaft." (König, S. 93) Er bevorzugt Hotels, die wie ein Teil der Landschaft scheinen. Sehr kommt ihm auch das Wohnmobil entgegen. Es ist beweglich und unabhängig, es verändert die Land¬schaft nicht dauerhaft. Auch den Rucksack-Tourismus schätzt er sehr.
„Städte besucht er gern außerhalb der Saison, wenn noch keine Touristen da sind oder keine mehr. Er phantasiert sich dann als Bewohner der Stadt. Da er auch gut darauf verzichten kann, mit Menschen zu sprechen, stört es ihn nicht, wenn er die Landessprache nicht versteht. Ohnehin interessiert er sich mehr dafür, wie die Menschen sich bewegen als dafür, was sie sagen. Das Averbale lässt ihm Raum für Phantasie." (König, S. 94)
Jeder andere Tourist, dem er begegnet, stört seine Phantasie des Dazugehörens, da er daran erinnert wird, dass auch er ein Tourist und somit ein Fremdkörper in einer neuen Umgebung.
Wie schon beim Arbeitsverhalten beschrieben, können sich schizoide Menschen sehr für ihre Arbeit einsetzen, um den Idealen Genüge zu tun, die de an sich selbst stellen oder auf ihre Vorgesetzten projizieren. Dabei erreichen sie oft viel. Hilfreich sind ihnen meist ein gut entwickeltes Abstraktionsvermögen und ein Sinn für große Zusammenhänge. Hat der; schizoide auch zwanghafte Anteile, um die Details nicht völlig zu vernachlässigen, erreicht seine Arbeit häufig ein beachtliches Niveau. Schwierigkeiten im Umgang mit Mitarbeitern können sich allerdings bremsend auf seinen beruflichen Aufstieg auswirken. Erkennt der Schizoide diese Probleme und geht mit ihnen durch Distanzierung um, wird er zwar als Mitarbeiter nicht beliebt sein, aber aufgrund seiner fachlichen Qualität gelitten. Bei Bewerbungen imponieren Schizoide häufig durch ihr Engagement.
Erreicht ein Schizoider sozusagen eine „Chefetage", Führungsposition, so bleiben Probleme im Umgang mit den Mitarbeitern nicht aus. Fühlt er sich von einem Mitarbeiter verstanden, phantasiert er Ähnlichkeit, kann es sein> dass er ihm plötzlich intime Gedanken und Gefühle offenbart, die dem; anderen aber sehr fremd sind, ihn überrollen und eher abstoßen. Weiterhin; kann seine Phantasie, der Mitarbeiter sei ihm ähnlich, dazuführen, dass er ihn völlig überschätzt in dem, was er von ihm fordern kann. Er wird eher eine Neigung haben, die Mitarbeiter sehr unterschiedlich zu behandeln, die einen als Genies, ihm gleich, die anderen als nützliche Trottel oder eben nur als Trottel zu betrachten, was nun wiederum Spannungen auch unter den Mitarbeitern schafft. „Die Mitarbeiter sind sich unsicher darüber, wie man sein muss, um vom Chef akzeptiert zu werden, weil die Kriterien nicht klar sind, nach denen sich der Chef richtet. Einige sind nur in dessen Phantasie erfüllt; Merkmale, die er wahrzunehmen meint, sind anderen nicht erkennbar; andere sind es vielleicht, der Chef nimmt sie aber übersteigert wahr.; Manchmal behält er allerdings mit seiner Einschätzung recht, weil er durch die Oberfläche von Mitarbeitern hindurch geblickt hat." (König, S. 108) Ein schizoider Chef hält an der hohen Einschätzung mancher Mitarbeiter fest, auch wenn es Misserfolge gibt. Dies ist dann positiv für den Mitarbeiter, wenn die Einschätzung im Wesentlichen mit der Realität übereinstimmt, nicht aber dann, wenn das Gegenteil der Fall ist.
Da sich der schizoide Mensch mehr im Bereich der Gedanken und Phantasien, die er sich über Menschen und Institutionen macht, bewegt als in; deren Realität, wird ihm weniger genommen als anderen, wenn er sein reales^ Arbeitsfeld verliert. Ein schizoider Chef, sei er beispielsweise Klinikleiter, wird sich weiterhin dem Arzttum verbunden fühlen oder der Wissenschaft, wobei diese Wissenschaft als abstrakte, für ihn aber als Abstraktum reale; Größen behält. Mitarbeiter, die beispielsweise leitende Stellungen^ übernommen haben, sieht er als Diener der Wissenschaft, unterstützt sie,; wenn sie seine hohen Standards weitervertreten, seinen Nachfolger lässt er meist in Ruhe.
Hat er eine Partnerin gefunden, mit der er sich auf gleicher Wellenlänge versteht, so wird ihn dies stabilisieren. Häufig liebt er weniger seine Frau als die Idee von Frau an sich.
Es ist aber auch möglich, dass er noch mehr vereinsamt und eigenartiger wird. Im Allgemeinen altern schizoide Menschen jedoch leichter als andere, da sie es schon gewohnt sind, mit Unabhängigkeit und Isolierung umzugehen. Den Tod fürchten sie weniger, nehmen ihn unsentimental und stoisch als Faktor hin. Da sie emotional nicht soviel in die Welt und in Menschen investiert haben, haben sie auch weniger zu verlieren und aufzugeben, können leichter loslassen.
Ist das Talent des Schizoiden zur Abstraktion und zum Wahrnehmen großer Zusammenhänge gepaart mit Intellektualität, so kann er große Entwürfe schaffen. Fehlt die Intellektualität, sind die Entwürfe häufig abstrus und nicht weiterführend. Hat ein Schizoider Macht, seine Vorstellungen durchzusetzen, ist nicht auszuschließen, dass er mit seiner Radikalität von Auffassungen auch Schaden anrichten kann, denn durch seinen Kontaktmangel ist er weniger sozial angepasst, wertet danach, was ihm angemessen ist. „Man kann sich vorstellen, wie gefährlich in den Händen eines schwer schizoiden Wissenschaftlers Erkenntnisse und Machtmöglichkeiten werden können, der, menschlich ungebunden, autistisch nur seinen Ideen lebt und sie zu verwirklichen sucht." (Riemann, S. 56)
Kommt ein Schizoider in einer eher untergeordneten Position unter, so behält e] seine Vorstellungen für sich, was sich vermindernd auf sein Interesse an de! Arbeit auswirkt, er gilt als harmloser Träumer, wird belächelt. Umgekehrt belächelt er aber die anderen, empfindet sich als zu einer besseren Welt gehörig.|
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