Vortragsnotizen
Müde - erschöpft - ausgebrannt
Symptome des Burn Out verstehen und gestalten
Veranstaltung mit Dr. Ruthard Ott
Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.
Mittwoch, den 26. Juni 2006
Was geschieht aber, wenn wir dauerhaft und über weite Strecken großen Belastungen und ständigem Leistungsdruck ausgesetzt sind? Was passiert, wenn keine Pausen zur Verfügung stehen und die alltäglichen Erholungszeiten nicht ausreichen, wenn wir keinen Abstand finden oder uns keinen erlauben können?
Die Akkus werden leer, wir laufen Gefahr, auszubrennen. Wir befinden uns auf dem besten Wege in ein Burn Out – wie es die Fachsprache nennt.
Sven Hannawald ist ein prominentes Beispiel dafür in unserer Zeit. Als erfolgreiche und leistungsbereite Persönlichkeit galt er über Jahre als Garant für sportliche Höchstleistungen im Skispringen – bis eine längeranhaltende Ermüdung seiner Karriere ein Ende bereitete.
Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte und Krankenschwestern, Pfarrer, Mütter und Erzieher, pflegende Angehörige, aber auch erfolgreiche Unternehmer und leitende Angestellte, ja Angehörige aller Berufsgruppen können ausbrennen. Bevorzugt werden Berufsgruppen betroffen, deren Haupttätigkeit die Arbeit an, für und mit Menschen ist.
Aber auch ein enger institutioneller Arbeitsrahmen in Institutionen, Ämtern und Behörden kann die Entwicklung des Ausbrennens fördern, genauso wie dauerhaft überfordernder familiärer oder beruflicher Stress.
Durch das ständige „unter Strom stehen“ und durch den Druck, an den vielfältigen Fronten gleichzeitig kämpfen und siegen zu sollen und zu wollen, kommt es zu einem allmählichen Motivations- und Kräfteverlust. Man fühlt sich körperlich und seelisch ausgelaugt, ausgezehrt und verbraucht. Allmählich schleichend oder auch plötzlich und überraschend tritt eine dauerhafte Ermüdung auf den Plan, die zu einem unerklärlichen Leistungsabfall führen kann. Vom Burn Out betroffene Menschen beginnen am Sinn ihres Tuns zu zweifeln. Sie empfinden ihrer bisher geleisteten Tätigkeit gegenüber häufig nur noch eine verminderte Wertschätzung. Gefühlsmäßig und körperlich können Missstimmungen, Erschöpfungszustände, depressive Schwankungen, Kraftlosigkeit, Schlaflosigkeit, innere Unruhe und nervöse Unkonzentriertheit in Erscheinung treten. Die Anfälligkeit von körperlichen Erkrankungen nimmt zu.
Welche Umstände und Zusammenhänge begünstigen den Weg ins Burn Out? Wie können wir heute leben und arbeiten, ohne auszubrennen?
Der Psychologie als „Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen“ beobachtet und beschreibt menschliche Erfahrungen und Entwicklungen. Die Tiefenpsychologie befasst sich auf dem Hintergrund von lebensgeschichtlichen Erfahrungen mit inneren Konflikten und unbewussten Themen, die das Erleben und Verhalten mitsteuern. Beide Ansätze, verbunden mit der Berücksichtigung spiritueller Themen und deren alltagsprägenden Auswirkung empfehlen sich für die Analyse des Ausbrennens.
K. Lewin entwickelte bereits 1936 die Formel, dass jedes Verhalten eine Funktion des „Lebensraumes“ ist (V = f (L) ). Lebensraum bedeutet dabei „die Gesamtheit aller für ein Individuum relevanten Gegebenheiten zu einer bestimmten Zeit.“[1] Zum Lebensraum gehören das Individuum selbst, als Person mit allen Merkmalen, sowie die Umwelt in der Bedeutung, wie sie von diesem Individuum erlebt wird. Deshalb findet man auch die Formel V = f (P/U), wobei V das Verhalten, P die Person und U die Umwelt bzw. Umfeldbedingungen ausdrückt.
Die Entwicklung des Ausbrennens zeigt sich nach Innen und Außen, auf der Erlebens- und auf der Verhaltensebene. Sie wird von Innen und von Außen gespeist. Fragen wir deshalb nach dem „Lebensraum“, in dem es zum Burn out kommen kann,
nach den individuellen und persönlichen Gegebenheiten und
nach den Umfeld- und Rahmenbedingungen, den Rollenerwartungen und Arbeitsbedingungen in unserer Zeit. Und fragen wir
nach Ansätzen und Haltungen, die das Ausbrennen verhindern bzw. mindern können.
1. Lebensgeschichtliche und persönliche Aspekte
„Was der Mensch heute ist, ist er gestern geworden“, besagt ein allgemein bekanntes Wort aus der Entwicklungspsychologie. Bei der Aufarbeitung der lebensgeschichtlichen Aspekte von Burn Out betroffenen Menschen zeigt sich in der psychotherapeutischen Arbeit häufig derselbe Befund. Sie waren bereits in der frühen Kindheit lang anhaltenden, manchmal dauerhaften Überforderungen ausgesetzt. Die zum Teil unbewusste Langzeitwirkung des „familiären Schicksals“ ist augenfällig. Von der Geschwisterposition her scheinen die Ältesten, die Einzelkinder, aber auch die Kleinsten und Jüngsten besonders gefährdet zu sein: die Ältesten, wenn von klein an vornehmlich Vernunft, Besonnenheit und Verantwortlichkeit von ihnen erwartet werden, die Einzelkinder, wenn sie die Gesamtheit aller Zielsetzungen und Erwartungen der Eltern und der Familie verwirklichen sollen, die sich sonst auf mehrere Geschwister verteilen, und die Jüngsten, wenn sie sich bei der Überwindung des kränkenden Anteils der Rolle des Nesthäkchens, nämlich des Minderwertigkeitsgefühls, permanent überfordern. Menschen, die sehr bzw. zu früh lernen, Verantwortung von und für Erwachsene zu übernehmen, scheinen ihr Leben lang betroffen. Ihre Wahrnehmung ist auftragsorientiert, sie hören mit dem „Appellohr“[2]. Besonders die Generation der Erwachsenen, die während des zweiten Weltkriegs oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit geboren wurde, ist von der sogenannten „Parentifizierung“ betroffen. Der Not gehorchend hat sie früh gelernt, die eigene Bedürftigkeit zurückstellen und ihre Kindheit gleichsam zu überspringen. Viele lebensgeschichtliche Verletzungen, traumatische Erfahrungen und Kränkungen vernarben zwar mit der Zeit und werden vergessen. Die tiefenpsychologisch bekannten Bewältigungsmechanismen der Verdrängung, der Identifikation und Introjektion, der Rationalisierung und Idealisierung, sowie der Affektverleugnung helfen dabei. Die früh abverlangten Leistungserfolge können allerdings zusammen mit einem hungrigen Anerkennungsbedürfnis eine kraftvolle Allianz bilden. Der Mensch bleibt bis ins Alter hinein ein „ruheloser, umtriebiger Jäger und Sammler“, ist ständig auf der Suche und auf der Flucht. Unter Missachtung der eigenen Leistungsgrenzen hält er Ausschau nach „optimalen Erträgen und reiche Beute“ – z.B. nach Sicherheit und Anerkennung.
Andererseits kann gerade im Dienst am Menschen, d. h. beim beruflichen Umgang mit der Bedürftigkeit anderer, die eigene ungestillte Sehnsucht wieder wach werden. Mit ein wesentlicher Grund dafür, dass im sozialen Bereich tätige Menschen so oft ausbrennen, ist die Tatsache, dass die unbewussten Versorgungswünsche auf Dauer eben nicht altruistisch abgetreten werden können, sondern in der Begegnung mit der Bedürftigkeit anderer wieder aufbrechen. Beim Zuschauen, wie andere essen, wird man eben nicht satt, wenn man selbst innerlich hungrig ist.
Wenn bereits kleine Veränderungen im Arbeitsauftrag oder eine dienstlich erforderliche Versetzung in eine andere Abteilung als unzumutbare Belastung empfunden werden und unerwartete psychische und somatische Reaktionen mit Krankheitswert hervorrufen, zeigt sich darin eben auch unsere verborgene Primärbedürftigkeit. Reaktive Symptombildungen in Stresssituationen werden erst verstehbar, wenn die aus der frühen Kindheit latent vorhandene, ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit und die Angst vor dem „Vertriebenwerden“ in den Blick kommt. Sie verwandelt sich, wenn die gekränkte Seele sich artikulieren darf und eine neue Beheimatung in sich findet.
Bei vielen Burn Out – Patienten sind von Geburt an lebensnotwendige und entwicklungsgemäße Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Zugehörigkeit, nach Geborgenheit und Zuwendung, nach Anerkennung und Geltung in einer einseitigen, zu starken Weise versagt worden. Manche haben leidvoll erfahren, dass ihr Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit und Distanz nicht gewahrt wurde. Schutzlos ausgeliefert, konnten sie nicht lernen, sich angemessen zu schützen, rechtzeitig nein zu sagen und vertrauensvolle, unterstützende zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen.
Durch die frühen Rollenfixierungen entstehen psychologisch betrachtet bis ins späte Erwachsenenalter hinein einseitige Bewertungen und Gewichtungen, vor allem aber Ängste:
Angst vor Autoritäten: Ein anspruchsvoller Chef wird zum „inneren Antreiber“ bzw. der „verinnerlichte Antreiber“ wird auf den Vorgesetzten projiziert.
Angst vor Spannungen, vor Streit und Konflikten, vor Konfrontation.
Die Haltung, sich selbst durch besondere Anstrengung und Leistung die Erfahrung des Geliebtwerdens und die Daseinsberechtigung erst verdienen zu müssen. Ein mangelndes Selbstwertgefühl verstärkt die verinnerlichte „Liebe – Leistungsschiene.
Eine allgemeine depressive Stimmungslage: Aggressivität wird eher versteckt und indirekt im Beklagen, Nörgeln und Lästern über andere bzw. im Entwerten der eigenen Person geäußert. Burn Out – Gefährdeten mangelt es häufig an „taktvoller Direktheit“. Sie können sich nicht angemessen wehren.
Eine Anfälligkeit für psychosomatische Reaktionen. Die Ungeübtheit, Gefühle wahrzunehmen und eine mangelnde Fähigkeit, sie auszusprechen (Allexithymie) führen bei einem entsprechenden somatischen Entgegenkommen (Disposition) zur Chronifizierung.
Gerade dieser Punkt darf nicht unterschätzt werden. Unsere menschliche Natur wurde in der Schöpfungsordnung mit einer segensreichen Gabe ausgerüstet. Wir sind von Natur aus in der Lage, uns mitzuteilen und uns selbst wahrzunehmen. Ob Hunger, Schmerz, Müdigkeit, Erschrecken, Freude, Interesse, Lust, Aufmerksamkeit u. v. a. m. – ein Kind zeigt seine Bedürftigkeit unmittelbar und spontan, und meist sehr direkt indem es schreit, weint, lächelt, Kontakt aufnimmt, unruhig oder ruhig wird und sich motorisch bewegt. Und hier greift wieder das „familiäre Schicksal“ ein. Es macht eben einen Unterschied, wie die familiäre Umwelt mit den Spontanreaktionen umgeht, ob sie gehört, erhört und verstanden werden, oder unterbunden, unterdrückt und missachtet. Im günstigen Fall führt die Signalsendung zu einer angemessenen Reaktion der Eltern, die Bedürftigkeit wird gestillt. Im ungünstigen Fall bleiben Notsignale dauerhaft ungehört bzw. sie werden uminterpretiert. Burn Out – Patienten gehen mit ihren Körpersignalen bzw. mit ihren Gefühlen nicht selten ähnlich um. Körperliche und emotionale Erschöpfungs- und Ermüdungssignale werden missachtet. Der Kontakt zum „inneren Erfahrungsraum“ bricht ab. Beunruhigende, ja besorgniserregende Impulse werden nach dem Motto: „Wie es da drinnen aussieht, gehört niemandem etwas an!“ kontrolliert und zurückgehalten. Ungeübt in der Beziehungssprache fehlt es ihnen an angemessenen Verbalisierungsmöglichkeiten. Der Körper aber ist ehrlich. Beruflich bzw. familiär gestresste Menschen erkennt man nicht selten daran, dass sie einen verkürzten Brustmuskel haben. Sie wirken belastet, beladen und gebeugt. Aufrichtung, Unbeschwertheit, Durchlässigkeit der Energie und ansteckende, freudige Lebendigkeit gehen selten von ihnen aus. Wieder andere wirken nervös, unruhig und zerfahren, es ist anstrengend in ihrer Nähe.
Wie aber kommen wir in Kontakt mit unserem „inneren Erfahrungsraum“. Zugang zu uns selbst und zum inneren Erleben ist möglich über die Wahrnehmung unserer Körperempfindungen, über die achtsame Wahrnehmung unserer Stimmungen oder Gestimmtheiten, unserer Affekte, Gefühle und Grundbefindlichkeit – also über den gesamten emotionalen Bereich, hinzu kommen unsere Träume, die sich als Tag- oder als Nachtträume einstellen können, die inneren Bilder und Imaginationen, sowie über unsere persönlichen Gedanken. Viele – vor allem auch belesene und studierte Menschen – können besser sagen, was bestimmte Autoren und Fachleute, was irgendwelche Autoritäten oder einfach die Nachbarn denken, als was sie selbst denken. Sie sind zuwenig mit dem in Berührung, was ihnen durch den Kopf geht bzw. was sie gedanklich bewegt, ganz zu schweigen vom emotionalen und körperlich, somatischen Bereich. Sprachlich mangelt es Burn Out Betroffenen an der Fähigkeit, auf den verschiedenen Ebenen der Selbsterfahrung von sich und über sich zusprechen oder anders ausgedrückt: Sie senden zuwenig Ich-Botschaften, in denen sie sich als Subjekt mitteilen und zeigen.
Die Unterbrechungslinien sollen schematisch darstellen, dass der Zugang zur Selbstwahrnehmung und die expressiven Möglichkeiten eingeschränkt bzw. ganz unterbrochen sein können.
Die individuelle Lerngeschichte, das familiäre Schicksal und das Triebschicksal fördern die Ausfaltung bestimmter Lebensbotschaften und Lebensthemen. Die verinnerlichten und überwiegend unbewussten Lebensbotschaften waren und sind für einen gewissen Lebensabschnitt lebensnotwendig und sinnvoll, ja sie sichern das Durchkommen und Überleben. Der die eigene Natur überfordernde, einseitige Anteil muss jedoch erkannt und weiterentwickelt werden. In der modernen Computersprache heißt dies: „Das bisherige (Lebens-)Programm braucht eine Aktualisierung. Ein Update ist notwendig.“ Das ist der tiefere Sinn mancher Krankheit und einer Erschöpfungsreaktion.
Lebensbotschaften, die gefühlsmäßig aufgeschlossen und fortgeschrieben werden müssen, sind zum Beispiel: „Du darfst nur leben, wenn du dich anpasst und fügst. Du darfst nur leben, wenn du Leistung bringst und Erfolg hast. Du darfst nur leben, wenn du deine Gefühle unterdrückst, deine Wut, deine Angst, deinen Hass, dein Misstrauen, deine Schuldgefühle.“[3]
Darüber hinaus können bestimmte Lebensprinzipien, Lebensthemen und Schlüsselworte ermüden und in die Krankheit führen:
Du wirst nur geliebt, wenn Du Dich anpasst und fügst!
Du bist nur akzeptiert, wenn Du Leistung bringst und Dich anstrengst!
Du bist ein guter Mensch, wenn Du Deine Gefühle beherrschst!
Leiste was, dann bist Du was!
Sei erfolgreich und tüchtig!
Arbeit ist das ganze Leben!
Sei nur für andere da!
Liebe Deinen Nächsten über alles, nur nicht Dich selbst!
Schaffe es um jeden Preis!
Halte Dich zurück und passe Dich an!
Gelobt sei was hart macht!
Beiß die Zähne zusammen!
Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott!
Sich regen bringt Segen!
Erst die Arbeit, dann das Spiel!
Ohne Fleiß kein Preis!
Ein Junge darf nicht weinen, ein Indianer kennt keinen Schmerz!
Am Abend wird der Faule fleißig!
Vögel, die am Morgen singen, holt am Abend die Katze!
Wo ein Wille, da ein Weg! [4]
Da diese Botschaften und Einstellungen auf Dauer mut- und kraftlos machen, müssen sie erkannt, erspürt, hinterfragt, verabschiedet oder ergänzt werden:
Fragen wir uns selbst einmal zwischendurch: Wie lautet mein Lebensmotto? Welche Formulierung kommt mir bekannt vor? Inwieweit kann mich mein Lebensmotto vor dem Burn Out schützen? Inwieweit beinhaltet es ein Gefährdungspotential für die Entstehung einer Ermüdung? Wie muss das Lebensmotto ggf. ergänzt werden?
Es geht darum, das unbewusste Lebensprogramm zu entschlüsseln und zu erweitern. Häufig heißt dies nichts anderes, als in einer guten „väterlichen und mütterlichen“ Weise für sich selbst sorgen und in einer gesunden Weise mit sich umgehen zu lernen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensmotto, mit der persönlichen Lebensphilosophie, mit den „inneren Erlaubern und Antreibern“ macht das persönliche Erfahrungswissen für den weiteren Lebensweg fruchtbar.
Hierfür bedarf es – nicht nur bei religiösen Menschen – auch der Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen.
Nicht selten nimmt das Leistungs- und Besitzstreben einen dominanten Platz ein. Es tritt an die Stelle Gottes. Alle verfügbaren Energien, die gesamte Zeit und alle Gedanken sind auf die inneren und äußeren Leistungsansprüche bezogen bzw. dem Geltungs- und dem Besitzstreben untergeordnet. Wenn der Platz Gottes leer bleibt, und alles nur vom Menschen selbst abhängt, dann muss er auch den Lebenskampf ganz in die eigenen Hände nehmen. Der Gegner, den es zu besiegen gilt ist der Markt, der Geschäftskonkurrent, der fallende DAX, schwindendes Sozialprestige, der gefährliche Rivale auf der privaten Ebene u. v. a. m.
Aber auch gläubige Menschen stehen nicht selten unter Druck. Eine primär auf Leistung ausgerichtete Gottesbeziehung wirkt kräfteverzehrend, vor allem, wenn man im tief sitzenden Glauben meint, vor Gott nicht genug getan zu haben. Die Bilder von einem strafenden Richtergott, einem kleinlichen Buchhaltergott oder einem fordernden Leistungsgott weisen oft die strengen Züge biographischer Autoritätspersonen auf. Ihre negativen emotionale Spuren und kognitive Botschaften sind ins persönliche Gottesbild eingegangen und haben ein starkes und forderndes Über-Ich aufgerichtet. Das einseitige Gottesbild fungiert als innerer Antreiber, es treibt den Menschen direkt in die Erschöpfung. Derart geprägte, verinnerlichte spirituelle Haltungen und die entsprechenden, unbewussten Gottesbilder werden heute nicht zuletzt in fundamentale spirituellen Gruppierungen und ihren Praktiken lebendig gehalten.
Die Zunahme von psychischen Beeinträchtigungen und psychosomatischen Erkrankungen ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen unserer Zeit ist. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Infektionskrankheiten gehäuft auftraten, haben seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bestimmte Krankheiten den ersten Platz eingenommen: Krebs, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und psychosomatische Beschwerden Es scheint etwas dran zu sein an dem Wort: „Der Mensch, der sich längerfristig kränkt, wird krank.“
An der Entstehung von Burn Out und den damit häufig verbundenen psychosomatischen Erkrankungen sind – wie bereits erwähnt – psychische, soziale und spirituelle Faktoren beteiligt. Dies wird zwar von vielen Betroffenen – und auch von manchen Ärzten – bis heute nicht so gesehen. In der medizinischen Forschung kennt man jedoch seit circa dreißig Jahren die Nahtstellen von Körper, Seele und Geist. Das Zusammenwirken des endokrinen Systems, des hormonalen Systems und des zentralen Nervensystems ist erforscht, die entsprechenden Abläufe im Körper sind inzwischen bekannt. Die Alltagssprache kennt die Zusammenhänge schon viel länger und bringt sie auf ihrer Weise zum Ausdruck. Wir sagen z.B.:
Angst macht dumm
Angst macht krumm
Es geht mir an die Nieren
Es schlägt sich auf den Magen
Es sitzt mir im Nacken
Ich zerbreche mir den Kopf
Es schnürt mir den Hals zu
Ich habe Angst, zusammenzubrechen
Allein der Gedanke lässt mich erzittern
Da wir die körperlich-psychischen-spirituellen Zusammenhänge lange Zeit nicht verstanden und uns nicht erklären konnten, wurde den Betroffenen vielfach unterstellt, sie würden sich das einbilden bzw. es sei eine persönliche Schwäche, so zu denken, zu fühlen und zu reden. Heute wissen wir jedoch, dass der menschlichen Natur eine weitere sinnvolle Unterstützung mitgegeben wurde. Es handelt sich um den so genannten Flucht – Angriff – Mechanismus. Fühlen wir uns bedroht oder überfordert, dann entsteht in uns eine Anspannung. Psychologisch betrachtet wird die Spannung als Verstimmung, als innere Unruhe, als Ärger oder als Angst erlebt. Physiologisch sprechen wir von einer Stressreaktion. Stress gehört zum Menschsein. Wir sprechen vom gesunden Stress (Eu-Stress), der anspornt und beflügelt, und vom schädlichen Stress (Dy-Stress), der krankmachen kann. In Belastungs- und Bedrohungssituationen wird die Nebenniere über das vegetative Nervensystem (Sympathikus) aktiviert, das Stresshormon Noradrenalin/Adrenalin ausgeschüttet. Der Blutdruck steigt. Der Körper wird auf eine Hochleistung eingestellt. Die Energie konzentriert sich ungeteilt auf die Bewegung, um die Bedrohung bzw. die Herausforderung durch Kampf oder Flucht zu beseitigen. Wir stehen heute vor dem Problem, dass für viele die Wahrnehmung von Bedrohung und Überforderung dauerhaft anhält. Der körperliche Stressmechanismus greift aber nicht mehr, wenn Daueralarm gegeben wird. Gleichzeitig sind infolge der einseitigen Arbeits- und Lebensgewohnheiten die körperlichen Bewegungsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt. Die mobilisierte, auf die Motorik ausgerichtete Energie wird nicht adäquat abgebaut. Stattdessen entlasten wir uns durch Essen, Alkohol und Rauchen, was vorübergehend ein angenehmes, entspannendes Körpergefühl ermöglicht, mittelfristig aber die Gesundheit gefährdet. Viel besser wäre es, einen expressiven Umgang mit der stressbedingt mobilisierten motorischen Energie einzuüben, z.B. in Form eines regelmäßig praktizierten Ausdauersports.
Die Gefahr eines Burn Outs begleitet den gesamten Lebensweg. Dennoch gibt es Wegstrecken, die besonders anfällig sind. So halten gerade die besten Jahre in der Lebensmitte einen fruchtbaren Boden für die Entstehung und für den Ausbruch eines Burn Outs mit den entsprechenden Lebensängsten, körperlichen Beschwerden und spirituellen Krisen bereit.
Die Lebensmitte ist mit einer Fülle von Verlusterfahrungen verknüpft. Verlust und Abschied aber verursachen Trauer und Angst. Es handelt sich dabei um eine ganz natürliche Angst, die bewältigt werden will. Typische Ängste sind beispielsweise:
Es körperlich und geistig nicht mehr zu schaffen, nicht mehr so zu können: Die Arbeit braucht mehr Zeit, das Sitzen am Schreibtisch fällt schwer, Kreuzschmerzen stellen sich ein; man hat den Eindruck in ständiger Hast und Eile zu sein, obwohl und gerade weil man zu allem etwas länger braucht.
Krank zu werden, Leiden und Schmerzen ertragen zu müssen: Jeder Mensch hat seinen eigenen wunden Punkt, das schwächste Organ. „Wenn du mit 45 Jahren morgens aufwachst und dir tut nichts weh, dann bist du tot“, heißt es umgangssprachlich. Wir spüren unsere körperlichen Leistungsgrenzen deutlicher, je älter wir werden.
Nicht mehr attraktiv zu sein, nicht mehr so gebraucht zu werden: Jüngere Kollegen/innen sind ebenso erfolgreich und möglicherweise beliebt(er). Die wachgerufene Konkurrenz kann einerseits anspornen, andererseits aber zu einem übertriebenen und überfordernden Leistungsanspruch an sich selbst führen
Die Angst vor dem Älterwerden, vor der Zeitlichkeit und der Begrenztheit, vor dem eigenen Tod.
Wir weichen aus, reagieren offensiv und „wollen es allen – noch einmal – zeigen.“ Das Geltungsstreben und das Anerkennungsbedürfnis treten auf den Plan. Angespornt und begleitet von der narzisstischen Selbstwertzufuhr des Mithalten – Könnens, lassen die kleinen Leistungserfolge im Alltag alle körperlichen, seelischen und zwischenmenschlichen Warnsignale außer Acht. Ein zwangsläufiger Zusammenbruch ist häufig die einzige Chance, in einer ausbalancierten, moderaten Weise weiterzuleben und die Möglichkeiten und Grenzen des Daseins anzunehmen.
Jeder Mensch, besonders auch derjenige, der für die Nöte und Sorgen anderer da sein soll und will, hat Grundbedürfnisse, leibliche, seelische und geistige Grundbedürfnisse.
Fragen wir uns einmal zwischendurch:
Was tue ich im allgemeinen für mich, damit ich mich wohlfühle „in meiner Haut“?
Was ist meine Lieblingsbeschäftigung, mein Hobby?
Wie spanne ich aus? Wie schalte ich ab?
Wo tanke ich auf? Wo atme ich aus?
Kann ich mit jemandem über meine Sorgen und über meine Freuden sprechen?
Suche ich mir häufig genug Aussprachemöglichkeiten?
Was gönne ich mir im beruflichen Alltag? Was kann ich so richtig genießen?
Sage ich rechtzeitig „Nein“, wenn mir „das Ganze“ zuviel wird?
Verschaffe ich mir Erfolgserlebnisse?
Wie stehe ich selbst zu meiner Arbeit? Schätze und achte ich das, was ich tue?
Wie sorge ich dafür, dass meine Arbeit auch von anderen gewürdigt und anerkannt wird?
Wenn wir unsere eigene Bedürftigkeit sehen und wahrnehmen lernen, wenn wir uns um eine gesunde Selbstliebe bemühen, dann tanken wir Ruhe, Kraft und Lebensenergie auf, dann werden unsere vitalen Kräftespeicher neu gefüllt.
Uns Mensch geht es nicht viel anders als wie einem Baum. Er nimmt seine Nährstoffe mit Hilfe der Wurzeln aus dem Erdreich auf und verwandelt sie im Austausch mit dem Licht und mit Hilfe des Kohlenstoffs in der Luft in Energie, Wachstum und Fruchtbarkeit. Für uns Menschen stellt sich ähnlich wie für einen Baum die Frage: Wie nahrhaft ist das Erdreich, in dem ich verwurzelt bin? Welche Nährstoffe habe und brauche ich, um zu wachsen, lebendig und fruchtbar zu werden? Bin ich in einer natürlichen Weise verwurzelt oder wird mir zu viel aufgepfropft? Kann ich mir das nehmen, was ich brauche oder betreibe ich ein „intellectual , ökonomical oder spiritual bypassing“? Und wie ist meine Aufrichtung, meine Ausrichtung nach oben?
Oder konkreter ausgedrückt: Kann ich mir das vom Leben nehmen, was ich brauche bzw. wonach ich mich zutiefst sehne? Oder überfordere ich mich durch ein überstarkes Entbehrungs- und Leistungstraining? Bin ich so mit dem Daseinskampf beschäftigt, dass erst alle Schulden beseitigt, „große Vorräte gesammelt“, alle Pflichten erfüllt sein müssen, bis ich mir etwas gönnen kann? Brauche ich die Dauerbelastung, um mich zu spüren, eine ständige Qual, um mich als bedeutungsvoll wahrzunehmen? Aus dem Descart’schen „cogito, ergo sum“ ist heute vielfach ein „ich leide, also bin ich, also lebe ich“ geworden. Wie stehe ich in der Welt – gebeugt, bedrückt, belastet oder aufgerichtet, ausgerichtet und offen nach oben? Und welchen Stürmen, welchen Gegenwind und „harten Zeiten“ bin ich ausgesetzt?
Das sind Fragen, die uns über die persönliche Struktur und Disposition hinaus zu den Umfeldbedingungen unseres Berufs- und Privatlebens führen.
2. Umfeldfaktoren, die das Ausbrennen beeinflussen
Wie lautet mein beruflicher Auftrag und wer sind eigentlich unsere Auftraggeber? Welche Ansprüche werden heute an einen fachlich und menschlich kompetenten Arzt gestellt? Welche Erwartungen richten sich an den professionellen und erfolgreichen Psychotherapeuten, an eine gute und tüchtige Krankenschwester? Was alles hat eine liebevolle Ehefrau zu leisten, die gleichzeitig eine vorbildliche Mutter, eine attraktive und lustvolle Geliebte und Partnerin sein soll und im Beruf „ihre Frau zu stellen“ hat?
Was wird alles von einem erfolgreichen, flexiblen, engagierten Mann im Beruf erwartet, der darüber hinaus ein treusorgenden Vater, ein einfühlsamer und zärtlicher Liebhaber, eben ein attraktiver Ehemann sein soll und will?
Ansprüche über Ansprüche, Erwartungen über Erwartungen, Ideal- und Wunschvorstellungen über Ideal- und Wunschvorstellungen, die gesellschaftlich transportiert und zum impliziten oder expliziten Auftrag werden. Vieles vom hier Gesagten trifft besonders auf helfende und leistungsorientierte Berufe zu. Manches aber lässt sich auf alle Berufsgruppen, ja auf alle Menschen und alle Lebensalter (das erfolgreiche Schulkind) übertragen. Und je höher die „Latte“ gelegt wird, umso größer sind nicht nur die Enttäuschungen, sondern auch die Symptombildungen.
Laut Definition umfasst und beschreibt eine Rolle die Summe aller Erwartungen, die an eine Person gerichtet werden, wenn sie eine bestimmte Position innehat.
Da sich mein Erfahrungsfeld zum Thema Burn Out vor allem auf die psychotherapeutische Begleitung und Behandlung von Priestern und Ordensleuten bezieht, möchte ich kurz der Frage nachgehen: Was sind die feld- und aufgabenspezifischen Erwartungen, die zu einer Überlastung führen können?
Sie würden mir sicher zustimmen, dass man das folgende durchaus zurecht von einem Priester bzw. Seelsorger erwarten darf:
Der Priester muss auf jede Situation, egal ob Freud oder Leid, angemessen und entsprechend reagieren
Der Pfarrer soll in die Welt passen
Wir wollen einen schönen Gottesdienst
Wir wollen einen feierlichen Gottesdienst
Wir, die Vereine brauchen Sie
Wir wollen einen modernen Gottesdienst
Wir wollen unseren Sonntagsgottesdienst, so wie es immer war
Wir wollen einen modernen Pfarrer
Wir möchten einen Pfarrer, der immer für uns da ist
Der Pfarrer ist der Chef. Er muss sagen, wo es lang geht
Wir wollen einen aufgeschlossenen Pfarrer
Sie sind für die Spendung der Sakramente, und damit auch für die Vorbereitung und Katechesen zuständig
Wenn die Behörde ruft, muss man spuren
Wir, deine Verwandten, Geschwister, möchten auch noch etwas von dir haben
Herr Pfarrer, wo sind die Kinder, wo ist die Jugend im Gottesdienst?
Sie müssen für alle und für alles Verständnis aufbringen
Der Pfarrer hat es studiert, und er wird dafür bezahlt
In unserer Gemeinde soll etwas los sein
Machen Sie ordentlichen Religionsunterricht, dann gibt es keine Disziplinschwierigkeiten
Bringen Sie Ihre Bücher und Matrikeleintragungen in Ordnung
Besuchen Sie doch öfters die Hauskranken
Die Senioren warten darauf, dass Sie sich um sie kümmern
Eine ansprechende Predigt ist doch das mindeste, was wir erwarten dürfen
Machen Sie endlich einmal Hausbesuche
Predigen Sie nicht so lang
Sie sollten mehr delegieren
Kümmern Sie sich um Ihre Mitarbeiter/innen
Wir Frauen möchten mehr Mitsprache und Beachtung
Seelsorger/innen stehen darüber hinaus wie andere Personen und Berufsgruppen auch unter den allgemeinen Belastungen, die das Menschsein und der Lebensalltag mit sich bringen. Denken wir an die Organisation und Gestaltung des täglichen Lebens, an das Älterwerden, an die vielfältigen existentiellen Fragen.
Wie andere helfende Berufsgruppen müssen sie ferner die Gegebenheiten, die durch die Rahmenbedingungen oder infolge des dauerhaften Umgangs mit leidenden und bedürftigen Personen und Zielgruppen entstehen, kompensieren. Was individuell als Stress erlebt wird, kann ganz unterschiedlich sein, da die individuelle Belastbarkeit zum einen von persönlichen Faktoren, zum anderen von den von außen kommenden situativen Faktoren abhängt.
Eine Hauptursache für die vielfach hörbare Überforderung in der Seelsorge liegt nicht zuletzt in der Wahrnehmung der „wegbrechenden Gemeinde“ [5]. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an. Rollen und Einsatzgebiete werden erweitert, der Aufgabenkatalog wird umfangreicher. Leitung, Kooperation, Organisation, Verwaltung, Konfliktmanagement und Repräsentation zehren am Energie- und Zeitbudget.
Noch vor wenigen Jahrzehnten brauchte man sich nicht ständig zu fragen, was zu machen ist, und man brauchte sich auch nicht unentwegt zu entscheiden. Die psychische Energie, die heute permanent für Entscheidungen aufzubringen ist, konnte ganz in die Arbeit eingehen. Stress beginnt in der Regel dort, wo permanente Selbstgestaltung gefordert ist und differenzierte, anspruchsvolle Leistungen erbracht werden müssen.
Wir kennen die Beobachtung und die Erfahrung, dass wir dann, wenn wir im Aufwind stehen, viel wegstecken können. Ganz anders ist es jedoch bei starkem Gegenwind, bzw. wenn wir uns wie „auf einem absteigenden Ast“ erleben.
Ein beständiger Abbau von Arbeitskräften und die Erweiterung der Arbeitsaufgaben und -feldern kennzeichnet den gewaltigen Umbruch in Kirche, Staat und Gesellschaft heute.
Und die ökonomische Krise verschärft die derzeitige Situation. So führen die ökonomischen und spirituellen Umbrüche bei vielen Seelsorgern zu einem Identitätsverlust, bezogen auf ihre Rolle, und zu einem Plausibilitätsverlust bezogen auf die religiösen Inhalte.
Neben den sich in der Gesellschaft vollziehenden Veränderungen tragen aber auch innerkirchliche Entwicklungen dazu bei, dass das Stresspotential in der Seelsorge zunimmt.
Seelsorge gehört – betriebswirtschaftlich betrachtet – zum Bereich der Dienstleistungen, zum Non-Profit – Bereich. Seelsorgliche Arbeit ist Begegnung mit und Arbeit am Menschen, ist Beziehungsarbeit. Non-Profit – Dienstleistungen weisen in der Regel keinen Output auf, an dem man den Erfolg messen kann, es sei denn am Bestand der Mitgliedschaft beziehungsweise an der Resonanz, Nachfrage und Beteiligung. Nicht wenige Seelsorger/innen fragen sich von daher heute: „Was müssen wir (noch) anbieten, damit die Leute kommen?“
Neben den bewussten Zielen ist vor allem die mehr unbewusste Unternehmensphilosophie im Blick zu behalten. Denn diese kann ermüden und krank machen, wenn sie nicht reflektiert wird. „Die Gnade setzt natürliche Bedingungen voraus und vollendet sie“, heißt es bei Thomas von Aquin. Dort, wo die menschliche Natur auf Dauer in einer belastenden und der Schöpfungsordnung unangemessenen Weise überfordert bzw. vernachlässigt wird, ist der Nährboden zum Ausbrennen und für die Entstehung andere Symptome mit Krankheitswert.
Gute Mitarbeiter/innen bzw. gute Vorgesetzte sind nicht nur in kirchlichen Organisationen?
„immer im Dienst“. Sie bzw. sollen flexibel und jederzeit erreichbar sein (Erreichbarkeit)
sie sollen sich ganz in den Betrieb einbringen („allen alles werden“ – Selbstlosigkeit unter Zurückstellung ihrer Privatinteressen)
sie sollen glaubwürdige Vorbilder und Autoritäten sein (moralischer Anspruch)
sie sollen entsprechend den Unternehmenszielen und -werten (Leitbild) leben (Konformitätsdruck, Kleiderordnung, Verhaltenskodex).
Von den Mitarbeiter/innen wird Identifikation und Loyalität erwartet, sie sind Mitglied einer „Dienstgemeinschaft“. Spannungen und Konflikte haben da keinen Platz. Ein zerstrittenes Seelsorgeteam stört das Bild von einer vertrauenswürdigen heilen und heilenden Institution
die ganze Kraft und Energie soll stattdessen dem Unternehmensauftrag zu gute kommen (hoher Stellenwert der Arbeit, Leistung und Pflichterfüllung)
Was begünstigt die Entstehung eines Burn Outs? Wir stellen fest, dass verschiedene Einflüsse beteiligt sind: Gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen, die Organisationsziele, die bewusste und unbewusste Unternehmensphilosophie; beteiligt sind die einzelnen Personen mit ihrer spezifischen Lebensgeschichte, mit ihren eigenen Zielsetzungen und Beweggründen, mit ihren biologischen, seelischen und spirituellen Grundbedürfnissen. Das Spezifische der Rolle, d.h. die Summe der Erwartungen an eine Person, die eine bestimmte Position innehat, kann dauerhaft überfordern. Bei Rollenkonflikten und Auftragskollisionen bedarf es Entscheidungen durch die Auftraggeber und von Seiten der Rollenträger. Bestimmte Arbeitsfelder (z.B. Schule) und Aufgabenbereiche können zu Dauerbelastungen werden. Das Zusammentreffen mit und die Begleitung von bestimmten Adressaten und Zielgruppen kann Kräfte verzehren und seelisch belasten.
Die individuellen und institutionellen stressfördernden Aspekte beeinflussen und verstärken sich gegenseitig, vor allem wenn sie unbewusst und unbemerkt zusammenspielen. Das unbewusste Zusammenspiel zu erkennen und eine gesunde Lebens- und Arbeitsstrategie zu entwickeln, ist uns aufgegeben – nicht nur in einer Krise und nach einer Krankheit.
3. Was schützt uns vor dem Ausbrennen?
Die persönliche Begegnung mit Menschen und die Arbeit am Menschen erfordern als Ausgleich und Ergänzung für die andauernde personale Präsenz Zeiten partieller Präsenz, wie wir sie z.B. im handwerklichen Bereich erfahren können.
In der Regel ermöglicht ein äußerer räumlicher Abstand eine innere Distanzierung und setzt ein „Entrollen“ (social disengagement) in Gang. Ein gesunder Abstand zur beruflichen Aufgabe, entlastende Freizeiterfahrungen und freie Zeiten überhaupt gehören zum Leben und beugen dem Burn Out vor. Rituale des Übergangs unterbrechen anhaltende Stressreaktionen und bewirken die notwendende körperliche und seelische Regeneration.
Wie können wir uns „Entrollen“ und uns Distanz verschaffen? Wie steht es mit der Ausgleichsfunktion der Familie und dem Privatleben gegenüber dem Berufsleben, wenn wir mit der ganzen Kraft für andere da sein wollen und sollen?
W. SCHMIDBAUER[6] hat in seinem Buch „Helfen als Beruf“ vier Lösungsarten der Spannung zwischen dem Beruf und dem Privatleben beschrieben.
1. Das Opfer des Berufs:
Es ist der Mensch, der total in seinem Beruf aufgeht und über kein Privatleben verfügt. Er ist „rund um die Uhr“ im Dienst. Er beschäftigt sich ausschließlich bzw. überwiegend mit Fachliteratur. Ständig spricht er von seiner Arbeit oder denkt über sie nach. Er hat Schwierigkeiten beim Abschalten und läuft Gefahr, zu ermüden und auszubrennen.[7]
2. Der Spalter:
Spalter trennen scharf nach dem Motto: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“. Sie haben hohe Erwartungen an ihre Angehörigen und Nahestehenden nach Verständnis und Rücksichtnahme. Sie sehen ihr Privatleben als Auffangbecken. Sie sind stolz darauf, gut abschalten zu können, und wie wenig man ihnen anmerkt, Pfarrer oder Lehrer zu sein. Spalter reagieren allergisch, wenn sie in ihrer Freizeit auf ihre berufliche Tätigkeit hin angesprochen werden.[8]
3. Der Perfektionist:
Sie möchten ihren Beruf und ihr Privatleben perfekt gestalten. Berufliche Vollkommenheitsansprüche werden auf die Freizeit und auf das Privatleben übertragen. [9] Häufig leiden sie jedoch darunter, dass sie ihre Ideale, die sie auch an ihr Privatleben richten, nicht erreichen. Auch in der eigenen Familie läuft nicht alles gut. Es herrscht nicht immer ein Klima der Offenheit; es kommt Streit auf und Kränkungen werden nachgetragen.
4. Der Pirat:
Diese Menschen befriedigen ihre Primärbedürftigkeit und ihre persönlichen Interessen im Beruf. Sie pflegen z.B. allzu persönliche Freundschaften mit einzelnen Personen, für die sie in ihrer Tätigkeit Verantwortung haben. Sie verbringen ihre Freizeit ausschließlich mit den Anvertrauten. Sie nutzen ihre beruflichen Möglichkeiten, um ihr Privatleben aufzufüllen. Sie holen sich das zum Leben, was sie anderswo persönlich sonst nicht bekommen könnten und stehen in der Gefahr, die Anempfohlenen auszubeuten und von sich abhängig zu machen. [10]
Jeder beschriebene Typ hat eine starke und schwache Seite. Und in jedem liegt auch ein offensichtliches Gefährdungspotential für das Burn Out. Das zu erkennen und sich selbst richtig zuzuordnen, ist der erste Schritt. Möglicherweise muss der bisherige Lösungsweg der Spannung zwischen Beruf- und Privatleben ergänzt und erweitert werden, damit die Gefahr des Ausbrennens und auch des Ausbeutens verringert wird.
Abstand, Freizeit, Erholung und ein überlegt gestaltetes Privatleben mindern die Wahrscheinlichkeit, auszubrennen.
An grundsätzlichen Empfehlungen und Übungen zu einem ausbalancierten, gesunden Lebensstil, von der richtigen Ernährung bis hin zu einer stressabbauenden moderaten körperlichen Aktivierung im Bereich des Ausdauersports mangelt es nicht. Die Printmedien bringen sie wöchentlich unter der Überschrift: „Wellness und Fitness“ ins Haus. Wenn sich unsere innere Haltung nicht verändert, nützt auch das beste Programmelement nicht viel. Denn alles, was wir für den Erhalt der Gesundheit tun oder lassen, können wir in einer leistungsorientierten, verbissenen Weise tun oder lassen. Auch ein ärztlich empfohlenes Bewegungsprogramm kann in einer ehrgeizigen und sich selbst beweisenden Einstellung benutzt werden, „um dem vermissten Glanz in den Augen der Eltern hinterherzulaufen“. Der aus einem ungestillten Anerkennungsbedürfnis resultierende Leistungsanspruch kann sich als innerer Antreiber mit allem verbünden, was einem an guten Ratschlägen und Rezepten begegnet. Es geht vielmehr um das rechte Maß, um die Temperantia, um die Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge, um die Entwicklung der Genussfähigkeit, um eine Entschleunigung, um die Beachtung der Gesetze der Schöpfung und Natur. Es geht um die Kunst des Lebens in einer sich ändernden, leistungsorientierten Welt. Immer wieder stehen wir vor der Aufgabe, unserem Dasein eine lebensbejahende Ordnung zu geben: „Ora et labora“ empfiehlt der Hl. Benedikt, „den Nächsten lieben wie dich selbst“ die Bibel, „lieben und arbeiten“ Sigmund Freud!
Und nun zum Schluss:
Denken Sie kurz nach, was Ihnen jetzt im Augenblick gut tun könnte. Worauf hätten Sie Lust? Was würde Ihnen Spaß und Freude bereiten? Die nächsten 10 Minuten gehören Ihnen. Tun Sie es jetzt!
Dr. Ruthard Ott
Jahnstraße 9
97447 Gerolzhofen
Ruthard.Ott@t-online.de
Angaben zur Person:
Ruthard Ott, geb. 1953, Dr. theol., Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut im Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach, Supervisor (BDP), Dozent für Pastoralpsychologie im Priesterseminar Würzburg, Diözesanverantwortlicher für Pastoralsupervision, Ehe-, Familien- und Lebensberater, verheiratet, zwei erwachsene Töchter.
Verweisen möchte ich besonders auch auf meinen Artikel „Burn Out – Leben und Arbeiten ohne Auszubrennen“ in der Festschrift zum 60. Geburtstag von Dr. Bernd Deininger, erschienen in:
Thomas Bretting und Gunther Wenz (Hg): Psychotherapie und Seelenheil, München 2006, Herbert Utz Verlag ISBN 3-8316-0568-8
[1] E. Roth, Persönlichkeitspsychologie, Stuttgart 1974, 73
[2] Vgl. F. Schulz von Thun, Hamburg 1982, 58f.
[3] Vgl. K. Frielingsdorf, Vom Überleben zum Leben, Mainz 1989, 115f.
[4] Vgl. K. Frielingsdorf, a. a. O., 111. Ergänzt durch Sprichwörter und frühe Lebensbotschaften, die bei der psychotherapeutischen Arbeit ins Wort kommen.
[5] Es wird hier bewusst nicht zwischen den Konfessionen unterschieden. Beide Kirchen sehen sich einer ähnlichen gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung ausgesetzt.
[6] W. Schmidbauer, Helfen als Beruf, Hamburg 1983
[7] Schmidbauer, a. a. O., 49f
[8] Schmidbauer, a. a. O.,53f
[9] Schmidbauer, a. a. O., 59f
[10] Schmidbauer, a. a. O., 67f