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Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V.
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Frau Dr. Elke Metzner hat uns freundlicherweise die folgenden Notizen ihres Vortrags zur Veröffentlichung auf unserer Web Site zur Verfügung gestellt.
"Der Fremde in uns" - Arno Gruen über das Nein zum Leben
Vorrede
Erlauben
Sie mir vor meinen Ausführungen zum heutigen Thema ein paar Vorbemerkungen.
Ich
freue mich, als Mitglied sowohl des Nürnberger Laienforums für Psychoanalyse
als auch des Forums für jüdische Geschichte und Kultur sprechen zu dürfen.
Es mag nur auf den ersten Blick ein zufälliges Zusammentreffen der beiden
Foren sein. Der Psychoanalytiker Leon Wurmser beschäftigt sich mit der Frage,
inwieweit der Ursprung der Psychoanalyse bei Freud und seinen Schülern durch
das jüdische Schicksal und die zeithistorischen Umstände geprägt sind,
inwiefern die Ideen jüdischer Tradition in der Psychoanalyse weiterwirken.
Wurmser weist darauf hin, daß beiden Traditionen, der jüdischen wie auch der
psychoanalytischen, das Verstehen aus
dem Konflikt gemeinsam ist. Psychoanalyse als Wissenschaft des inneren
Konfliktes begründet sich in einem Denken über die Widersprüchlichkeit
alles menschlichen Erlebens, welches auch das Verständnis der jüdischen
Religion prägt.
Die
beiden Veranstaltungspartner des heutigen Abends sind mit Denktraditionen
beschäftigt, denen Gegensätzliches in Form von Konflikten oder aber
Komplementaritäten, als Entweder- Oder bez. Sowohl als auch zu eigen ist.
Das
Thema des heutigen Abends. "Der Fremde in uns"- Arno Gruen über das
Nein zum Leben- deutet Gegensätzliches, Konflikthaftes an.
Arno
Gruen wurde 1923 in Berlin geboren und musste auf Grund seiner jüdischen
Herkunft 1936 in die USA emigrieren: Dort wurde er zum Psychoanalytiker
ausgebildet und war bis 1979 als Professor und Therapeut in den USA tätig. Ab
1979 lebt und arbeitet er in der Schweiz. Seit seiner Rückkehr nach Europa
veröffentlichte er wichtige Bücher, von denen ich nur einige nennen möchte:
"Der Verrat am Selbst", "Der Wahnsinn der Normalität",
"Der Verlust des Mitgefühls" und sein letztes "Der Kampf um
die Demokratie". Für das Buch, "Der Fremde in uns" erhielt
Arno Gruen 2001 den Geschwister- Scholl- Preis.
"Ziel
diese Buches ist es, die zerstörerischen Anteile in uns, die das eigene zum
Fremden machen, als eigentliche Krankheit zu erkennen. Ignorieren wir dies, muss
unser Geschichtsbewusstsein unvollständig bleiben, und Pogrome, Holocaust,
ethnische Säuberungen und verdeckter oder offener Fremdenhass werden weiter
die Geschichte des Menschen bestimmen." – so lautet der Text auf der
Umschlagseite zum Buch "Der Fremde in uns".
Was
meint Arno Gruen mit "dem Fremden"?
"Der
Fremde in uns, das ist der uns eigene Teil, der uns abhanden kam und den wir
Zeit unseres Lebens, jeder auf seine Weise, wiederzufinden versuchen. Manche
tun dies, indem sie mit sich selbst ringen, andere, indem sie andere Lebewesen
zerstören.", so führt Gruen in seinem Vorwort aus.
Lautet
es im Titel "Der Fremde", so findet sich im Text auch mehrfach die
Formulierung "Das Fremde". Vermutlich will Gruen mit der
Personifizierung des Fremden zu "Dem Fremden" auf ein
innerpsychisches Prozessgeschehen hinweisen. Über die Projektion des eigenen,
von dem man sich entfremdet hat auf einen anderen, einen fremden Menschen,
wird dieses Entfremdete scheinbar als Person erfahren und auch bekämpft.
Gruen
stellt sich mit seinen Arbeiten als fundamentaler Kritiker unserer
Zivilisation dar und steht damit in einer philosophischen Tradition, welche
von Marx, Schopenhauer, Nietzsche, Freud, der Frankfurter Schule mit Theodor
W. Adorno und Max Horckheimer, um einige der wichtigsten zu nennen, vertreten
wurde.
Er
sieht die in unserer vorherrschenden Kultur übliche tiefgreifende Unterdrückung
und Ablehnung des Kindseins. Kinder werden zurückgewiesen, weil sie den
Erwartungen der Erwachsenen nicht entsprechen. Kindsein bedeutet im Konflikt
mit dem Erwachsensein zu sein, es wird nicht als Komplementarität, wie es
Wurmser ausdrücken würde, gesehen, sondern als Gegensatz empfunden und
behandelt. Das Kind darf sich aber nicht als Opfer erleben, denn es gilt doch
gleichzeitig der Mythos, alles geschehe aus Liebe und zum Besten des Kindes.
Das Opfersein, welches das Kind erlebt, wird damit zur Quelle eines unbewussten
Zustandes. Das eigen Erlebte wird als etwas Fremdes ausgestoßen und muß
verleugnet werden. Dieser verdrängte Teil, der dem Menschen im Bewusstsein
verloren geht, muss wiedergesucht und wiedergefunden werden. Diese Suche, wie
Gruen schreibt, wird uns unter Umständen zum Verhängnis, nämlich dann, wenn
sie in der Weitergabe des eigenen Opferseins durch das Tätersein besteht.
Arno
Gruen zeigt in seinem ersten Kapitel Beispiele auf, wie Menschen im Anderen
ihrem eigenen Fremden, Abgespaltenen begegnen.
Da
wird zunächst von dem gemeinsamen Weg des Montenegriers Sekula und eines türkischen
Moslems berichtet. Beide fühlen sich miteinander vor Partisanen sicherer.
Sekula spürte keinerlei Abneigung gegen den Moslem, obwohl er das eigentlich
auf Grund seiner Herkunft tun müsste. Dies erzeugte in ihm ein Angstgefühl.
Abends hantierte er mit seiner Pistole vor seinem muslimischen Wegbegleiter
und setzte diesem zum Spaß die Pistole auf die Stirn, er habe dabei keinerlei
Tötungsabsichten gehabt. Aber dann war es, als ob sein Finger von sich aus
abdrückte, es bracht etwas in ihm aus, womit er scheinbar geboren worden war,
was er nicht zurückhalten konnte. Es war wohl der Moment, indem sich Sekula
dem Türken so nahe fühlte, dass er sich dafür schämte. Er tat es nicht aus
Hass, sondern deshalb, weil er den Fremden nicht hassen konnte, sich dafür
schämte und deshalb schuldig fühlen musste. Seine Freundlichkeit und das
Gute, was er dem Fremden gegenüber gespürt hatte, wandelten sich für ihn in
ein Gefühl der Schwäche, was nicht sein durfte, seinem Männlichkeitsideal
und auch dem Ethos seines Volkes dem anderen Volk gegenüber nicht. Gruen
formuliert es so: Sekula tötete den anderen und damit die Menschlichkeit in
ihm selbst ab.
Ein
weiteres Beispiel wird zitiert: Klaus Barbie bekannt als Gestapo-Schlächter
von Lyon, folterte den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin zu Tode.
Barbie äußerte dazu später "Als ich Jean Moulin vernahm, hatte ich das
Gefühl, dass er ich selber war." Er sah in Moulin den Feind, den er auch
in seinem eigenen Inneren bekämpfen musste, der ihn an Schwäche und Ohnmacht
erinnerte. Diesen Teil wollte er zum Schweigen bringen, sein Selbsthass drückte
sich im Fremdenhass aus, deshalb musste der Fremde vernichtet werden.
Gruen
geht davon aus, dass der geschilderte Prozess allgegenwärtig sei und in
irgendeiner Weise jeden von uns betreffe. Er führt dazu einige Beispiele aus
seiner Praxis an, ich möchte eines davon vorstellen.
Ein
50jähriger Patient berichtet von seinem Vater, der freiwillig in Hitlers
Wehrmacht gekämpft habe. Der Vater war autoritär und züchtigte den
Patienten wegen der kleinsten Abweichungen vom vorgeschriebenen Verhalten, die
Mutter des Patienten wurde ebenfalls herabsetzend und gewalttätig behandelt.
Die Mutter ihrerseits habe ihren Sohn nie in Schutz genommen. Der Patient
entwickelte sich zu einem sehr gehorsamen und stets zur Fügsamkeit bereiten
Menschen. Auch als Erwachsener wurde er noch von Schuldgefühlen geplagt, wenn
er an seinem Vater zweifelte. In die Therapie kam er, weil er sich dennoch das
Gefühl bewahrt hatte, dass etwas mit der Welt, in der er lebte, nicht in
Ordnung war. Er wollte niemals Kinder haben und reagierte jedesmal wütend,
wenn er Kinder schreien hörte. Er hatte Angst, ein Kind in einer solchen
Situation an die Wand zu schmettern. Der Patient wollte nicht weitergeben, was
ihm angetan worden war, und dennoch zeigte sich, daß die Identifikation mit
seinem Vater unbewußt weiter wirkte. Seine Reaktion auf das Schreien von
Kindern war die Reaktion des Vaters auf ihn gewesen, er hatte dessen Haß völlig
verinnerlicht. Das Eigene und auch die vom Vater übernommene Verurteilung
seines Schmerzes wurde ihm zum Fremden, das außerhalb der Grenzen des eigenen
Selbst bestraft werden muß.
Bevor
ich näher auf den Mechanismus eingehe, wie das Eigene zum Fremden wird und
was daraus folgt, will ich kurz das Phänomen des "Fremden" in der
Darstellung anderer Autoren streifen.
Freud
berichtet in seiner Schrift "Das Unheimliche": "ich saß allein
im Abteil des Schlafwagens, als bei einem heftigen Ruck der Fahrtbewegung die
zur anstoßenden Toilette führende Tür aufging und ein älterer Herr im
Schlafrock, die Reisemütze auf dem Kopfe, bei mir eintrat. Ich nahm an, dass
er sich beim Verlassen des zwischen zwei Abteilen befindlichen Kabinetts in
der Richtung geirrt hatte und fälschlich in mein Abteil gekommen war, sprang
auf, um ihn aufzuklären, erkannte aber bald verdutzt, dass der Eindringling
mein eigenes, vom Spiegel in der Verbindungstür entworfenes Bild war. Ich weiß
noch, dass mir die Erscheinung gründlich missfallen hatte. Anstatt also über
den Doppelgänger zu erschrecken, hatte ich ihn einfach nicht agnostiziert. Ob
aber das Missfallen dabei nicht doch ein Rest jener archaischen Reaktion war,
die den Doppelgänger als unheimlich empfindet?"
Der
"Doppelgänger " war in der Literatur des 19.Jahrhinderts ein
beliebtes Motiv: wir finden es bei. E. T. A. Hoffmann in den "Elexieren
des Teufels", E. A. Poes "William Wilson", Oskar Wildes
"Das Bildnis des Dorian Grey" Dostojewski "Der Doppelgänger"
und Stevensons "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", um nur die bekanntesten zu
nennen. Neben Dichtern und Schriftstellern haben sich auch Ärzte und
Philosophen seit der Romantik dem Phänomen der 2.Persönlichkeit zugewandt.
Mittels Suggestion, Hypnose und anderen spirituellen Praktiken wurden
Beobachtungen und Experimente mit den abgespaltenen, verdrängten, dem Bewusstsein
nicht zugänglichen Persönlichkeitsanteilen durchgeführt, welche auf Grund
ihrer Abgespaltenheit als fremd empfunden wurden, nicht zum Ich gehörig,
nicht zu dem, was man dem Charakter der eigenen Persönlichkeit zuschrieb.
C.
G. Jung bezeichnet dieses Phänomen mit dem Begriff des "Schatten".
Dies ist all das, was ein Mensch "nicht sein möchte" (GW 16, §470).
Er stellt die negative Seite der Persönlichkeit dar, die Summe aller
unangenehmen Eigenschaften, die man verbergen möchte, die zweite Persönlichkeit,
die dunkle
Seite. Jung sieht hierin auch die Wirklichkeit des Bösen. Die
Inhalte des Schatten tauchen zunächst in der Projektion auf. Wenn das Bewusstsein
des Betreffenden bedroht oder unsicher ist, dann erscheint der Schatten als
eine starke, irrationale Projektion auf den Nachbarn. Die Beschäftigung mit
dem Schatten wird als moralisches Problem dargestellt, ein wichtiger Schritt
zur Selbsterkenntnis und eine Lebensaufgabe für jeden Menschen. Jung weist
daraufhin, dass uns der Schatten in Träumen begegnet, in
gleichgeschlechtlicher Person, bei Frauen z.B. in Gestalt von Prostituierten,
oder bei Männern in Gestalt von betrunkenen Vagabunden, Einbrechern oder Außenseitern.
Schattenfiguren in archetypischer Form sieht Jung in der Mephistogestalt
Goethes Faust oder im Teufel als Schattengestalt Christi. Wie alles anfängt
Jeder
von uns hat "den Schatten" in sich, aber nicht jeder reagiert auf
solch grausame Weise, wie es die vorherigen Beispiele zeigten. Dieser
"Fremde" oder "Schatten" muss, wenn er sich so zerstörerisch-
grausam zeigt, gewisse Merkmale aufweisen, die wir nicht bei allen Menschen
finden.
Arno
Gruen weist hier auf eine zugrundeliegende "Empathiestörung" hin.
Was ist Empathiestörung und wie entsteht sie? Empathie ist ein Begriff, der ursprünglich in der deutschen psychoanalytischen Literatur mit "Einfühlungsvermögen" bezeichnet wurde, dann nach der Emigration vieler Psychoanalytiker in den anglo-amerikanischen Raum im Englischen mit "empathy" übersetzt wurde und jetzt auch im deutschsprachigen Raum Anwendung findet. Man spricht nicht mehr von "Einfühlung", sondern von "Empathie". Sicher lassen sich aus der Tatsache dieser sprachlichen Veränderung Rückschlüsse auf die Bezogenheit eines Volkes zur Fähigkeit der Einfühlung ziehen, worauf ich hier aber nicht eingehen möchte. Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Griechischen: Pathos: das Leiden, der Schmerz. Affekt, die Gemütsbewegung, die Empfindung. Die Vorsilbe em: ein, hinein. Es ist ein "In das Leiden" oder "die Empfindung des anderen" hineingehen. Dies ist abzugrenzen von Sympathie: Mitleiden, die Vorsilbe sym bedeutet "mit". Bei "mitleiden" ist der Betreffende stärker mit seinem Ich involviert, er identifiziert sich mehr, bringt eigenes Leiden damit aktiv in Verbindung. Einfühlung ist distanzierter.
Empathie
(das Einfühlen) ist eine ursprüngliche Art zwischenmenschlicher Verständigung.
Der Säugling ist in seiner anfangs hilflosen und ohnmächtigen Position ganz
vom einfühlenden Verhalten seiner Mutter abhängig. Wenn der Säugling durch
Gehalten- Getragen und Berührtwerden die Zuwendung seiner Mutter empathisch
erfühlen kann, wird es ihm möglich, seine eigenen Gefühle im Spiegelbild
der Mutter zu erspüren und auch zu gestalten, er kann dadurch allmählich
seine Autonomie entwickeln. Normalerweise lernt eine Mutter sehr schnell die
Reaktionen ihres Kindes zu verstehen und hat das Bedürfnis, das Kind "zu
Stillen", dass heißt, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Das gelingt
einer Mutter, wenn sie ein ungestörtes Einfühlungsvermögen hat. Auf dieser
Grundlage kann das Kind selbst in sich die Fähigkeit zur Einfühlung
entwickeln. Wenn das Kind in seiner Hilflosigkeit jedoch nicht verstanden und nicht geschützt wird, wenn die Mutter nicht Hilfe gebend eingreift, führt das beim Kind zu panischen Gefühlen und Schmerz über das nicht Verstandenwerden. Dann ist es seiner Hilflosigkeit ausgeliefert, die von panischen Gefühlen begleitet ist. Das Kind wird im Laufe der Zeit lernen, damit in irgendeiner Weise alleine zu überleben, aber es ist eine gefühlsmäßige "Notexistenz", die es führen muss. Es muss das Gefühl des Ausgeliefertseins und seiner Hilflosigkeit verdrängen, es aus seinem Bewusstsein abspalten. Alles, was später an die Erfahrung von Hilflosigkeit erinnert, muss ausgeschaltet, vernichtet werden. Somit wird Hilflosigkeit zum Objekt des Hasses und der Ablehnung, und nicht die Situation, die es verursacht hat (z.B. die Mutter, die das Kind nicht schützt). Später rächt man sich dann an allem, was die eigene Hilflosigkeit hervorrufen könnte. Dann wird Hilflosigkeit verachtet, an sich selbst und am anderen. Kompensiert wird das dann mit der Ideologie der Macht und des Herrschens. So treten die Opfer auf die Seite ihrer Unterdrücker, um neue Opfer zu finden. Ein endloser Prozess, durch den, wie Arno Gruen schreibt, der Mensch verunmenschlicht wird. Auf diesen werde ich später genauer eingehen. Zunächst will ich mich noch mit den Voraussetzungen beschäftigen, die im einzelnen zu einer Störung in der Entwicklung des Einfühlungsvermögens beitragen.
Störungen in der Empathieentwicklung führen zu einer Entfremdung. Wenn die Mutter auf Grund zivilisatorischer Schäden nicht mehr auf die instinktmäßig vorgegebenen Impulse reagiert, ihre ursprüngliche "Empathie" ihrem Kind gegenüber nicht leben kann, führt das zu einer Entfremdung zwischen ihr und dem Kind und auch zu einer Entfremdung beider Individuen den eigenen Gefühlen gegenüber. Analysieren wir die Einstellung unserer Gesellschaft Kindern gegenüber, finden wir viele Hinweise für eine solche "kollektive Entfremdung". Hitler formulierte in einer Rede vor einer NS- Frauenschaft "Jedes Kind ist eine Schlacht". Diese Haltung war in der NS- Zeit die dominierende, in mehr oder weniger abgeschwächter Form aber liegt sie in allen westlichen Kulturen vor. Es scheint so etwas wie eine "natürliche Feindschaft" zwischen dem Säugling und seinen Eltern zu bestehen. Über die Eltern muss das Kind "sozialisiert" werden. Alle an der Erziehung beteiligten Parteien sind darum bemüht, das "wilde" Kind zu domestizieren und gesellschaftstauglich zu machen. Dies gelingt nur über den Weg, Kinder rechtzeitig daran zu hindern, ihren eigenen Bedürfnissen nachzugehen, und die Bedürfnisse der Erwachsene erfüllen zu müssen (hier sei z.B. das Thema Zeit erwähnt. Für Kinder ist es widernatürlich, sich nach der Zeit zu richten, sie wollen neugierig ihren eigenen Impulsen nachgehen, verlieren sich da und dort- die Erwachsenen haben dagegen ihren strengen Zeitplan: Babyschwimmen, Krabbelgruppe, frühmusikalische Erziehung, Eltern und Kind befinden sich dadurch im Dauerstress). In dem Buch "Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Sigrid Chamberlain geht die Autorin auf die in der NAZI Zeit und auch noch lange darüber hinaus im demokratischen Deutschland veröffentlichen Erziehungsbüchern der Ärztin Dr. Johanna Haarer ein. Die darin vertretene Ideologie ist in verhüllter und sicher abgeschwächter Form typisch für alle sogenannten großen Zivilisationen, wie Arno Gruen sich ausdrückt.
Was
besagt diese Ideologie? Sie stellt die Beziehung zwischen Eltern und Kindern
als Machtkampf dar, der die Durchsetzung des "unreifen Kindeswillen"
verhindern soll. Hinter dem Argument
der notwendigen "Zivilisation" des Kindes verbirgt sich eine
Festschreibung von Herrschaft.
Mittels
der Sozialisation wird dafür gesorgt, dass
die Motivation zum Gehorsam gegenüber den Mächtigen tief in die Seele
verankert wird. Dies geht aber nur, indem man
die
Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle, die dem Kind eigen sind, zum Schweigen
bringt- so Arno Gruen.
Auch
Freud hielt an der Kampfesvorstellung zwischen Kindern und Eltern fest. Er
hatte vom Kind das Bild eines von universalen Trieben beherrschten Wesens, nur
dazu motiviert, seine Lüste rücksichtslos zu befriedigen. Freud sieht die
Hauptaufgabe der Kultur darin, diesem Treiben Einhalt zu gebieten, um Schaden
an anderen zu vermeiden. Hier sei angemerkt, dass Freud durchaus einen
kulturkritischen Ansatz vertritt. So weist er in seiner späten Schrift
"Das Unbehagen in der Kultur" auf das Opfer des Triebverzicht hin,
das die Menschheit erbringen muss, damit Kultur und Zivilisation überhaupt
ermöglicht werden.
Die Erziehungsbücher Johanna Haarers lieferten den Eltern eine ideologische Grundlage für eine Erziehung, in der das Eigene, nämlich die Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse, zum Fremden gemacht wird. Sie schildert die Babys und Kleinkinder als unersättlich. Sie wollen unablässig verwöhnende Beachtung. "Babys schreien aus Veranlagung, zornig, und lang anhaltend, zum Zeitvertreib oder um etwas zu erzwingen. Sie wollen sich nicht fügen, wollen nicht so, wie die "Großen" wollen, sie erproben diese, widersetzen sich und tyrannisieren. Von Natur aus sind sie unrein, unsauber, schmuddelig, schmieren herum mit allem, was sich bietet." Wir finden hier die Merkmale "Unsauberkeit, Unreinheit, Gier, Unstetsein, Zerstörungswut, stets dem Lustprinzip folgend.- Es sind dies auch die Eigenschaften, die oft den gehassten Fremden gegenüber unterstellt werden (Zigeuners, Katholiken, Juden, Chinesen, Kroaten, Serben, Kommunisten, um nur einige zu nennen).
Ich
möchte jetzt auf die Folgen zu sprechen kommen, wenn das Kind diese Ablehnung
des Eigenen durch die Mutter bzw. seine Eltern erfährt, wenn sein Eigenes zum
Fremden gemacht wird.
Wenn das Kind in
seiner Hilflosigkeit durch die bedürfnisstillende Haltung der Mutter nicht
geschützt wird, dann ist es seiner Hilflosigkeit ausgeliefert, die von
panischen Gefühlen begleitet ist. Das Kind wird im Laufe der Zeit lernen,
damit in irgendeiner Weise selbst fertig zu werden, aber es liegt dann eine
gefühlsmäßige "Notexistenz" vor, die es führen muss. Entweder fühlt
es sich dauerhaft als Versager, in seiner Hilflosigkeit keine Unterstützung
und Schutz erfahren zu haben, oder
aber
es verdrängt das Gefühl des Ausgeliefertseins und seiner Hilflosigkeit,
spaltet es aus seinem Bewusstsein ab. Das Überleben als Kind hängt davon ab,
ob es sich mit seinen Eltern arrangiert- auch dann, wenn die Eltern kalt,
gleichgültig, grausam und unterdrückend sind. Das Eigene muss dann als etwas
Fremdes abgespalten werden. Das Kind kann seine Eltern nur unter der
Voraussetzung liebevoll erleben, wenn es deren Grausamkeit als Reaktion auf
sein eigenes Wesen interpretiert- die Eltern müssen grundsätzlich gut
empfunden werden. Wenn diese Eltern einmal schlecht sind, dann empfindet es
das Kind als eigene Schuld. Es wächst in ihm die Scham, so zu sein, wie es
ist. Damit übernimmt es die Haltung der Eltern sich selbst gegenüber. Was
ihm eigen ist, seine Gefühle, seine Bedürftigkeit, seine Art und Wahrnehmung
werden zur existentiellen Bedrohung, weil sie die Eltern veranlassen könnten,
ihm die lebensnotwendige Fürsorge zu entziehen. Folge davon ist die
Identifikation mit den Eltern. Das Eigene wird zu etwas Fremdem verworfen, die
kinderfeindliche Haltung der Eltern wird übernommen. Die eigene Sicht, die
eigene ursprüngliche Empathie und Empfindungen werden verworfen, weil man ihm
beibringt, dass diese verachtenswert, minderwertig sind.
Es stellt sich die Frage: was bleibt für die Entwicklung eines Kindes übrig, wenn all das, was seine Menschlichkeit ausmacht, seine Empfindung und Wahrnehmung, seine Einfühlung, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche, verworfen und zum Fremden gemacht wird?
Seine
Identität wird dadurch bestimmt.
Identität meint das Gleichsein mit sich selbst über einen bestimmten
Zeitraum hinweg. Der Begriff stammt von dem lateinischen Wort
"Idem": ebenderselbe. Im Identitätsgefühl sind sowohl der Aspekt
der Autonomie wie auch der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beinhaltet. Es kann
als Schnittstelle zwischen innen und außen, zwischen gesellschaftlicher
Erwartung und innerer Wirklichkeit gesehen werden. Identitätsbildung ist nur
über einen anderen möglich, man kann sich selbst nicht unvermittelt
erfahren. Es bedarf der Spiegelung "im Auge der Mutter. ("So dir im
Auge wundersam sah ich mich selbst entstehen" – drückte es Friedrich
Hebbel aus). Das Kind kann sich selbst nur wahrnehmen, wenn es durch die
Mutter gespiegelt wird, und zwar so, wie die Mutter das Kind sieht. "ich
bin das, was meine Mutter in mir sieht". Spiegelung muss mit dem Akt der
Anerkennung verbunden sein.
Wenn das Kind sich in der Spiegelung durch die Mutter als Monstrum, Ungeheuer, Feind erfährt, wird es diesen als schrecklich erlebten Anteil abspalten müssen, da dieser Wesenszug eine existentielle Bedrohung in der Beziehung zur Mutter darstellt. Als Monstrum läuft das Kind Gefahr, von seinen Eltern berechtigt vernichtet zu werden. Unerträgliche Selbstanteile werden über den Mechanismus der "projektiven Identifizierung" ausgeschlossen, wie es in der psychoanalytischen Fachsprache heißt. Identität stellt sich als eine zwischenmenschliche Aushandlung darüber dar, welche Selbstanteile und Erfahrungen als zugehörig betrachtet werden. Über den Mechanismus der "projektiven Identifikation" wird das als monströs gespiegelte (alle Lebendigkeit, Impulsivität, kurz alle Bedürftigkeit des Kleinkindes) nach Außen, in den "Anderen" verlagert und dort in irgendeiner Weise an dem "Fremden" erkannt, welches unbewusst an das eigene Monströse erinnert. Leon Wurmser weist in den von ihm aufgeführten Motiven von Fremdenhass und Antisemitismus daraufhin, dass diese Projektionen gerade den Anderen gegenüber leicht erfolgen können, die ganz anders mit ihren Gefühlen umgehen. "Sowohl Juden wie Schwarze wie viele Mittelmeermenschen sind weit freier, weniger gehemmt im Ausdruck ihrer Affekte, im Weinen wie im Lachen, in der Freude wie im Gram, als dies in den Traditionen im deutschen, skandinavischen und angelsächsischen Bereich der Fall ist". Das, was nach dem Herauswurf aller lebendigen Anteile noch als Restidentität übrig bleibt, ist die Anpassung an äußerer Umstände, welche das Überleben des Kindes sichern. Jetzt ist es erreicht: das Kind tut alles, um den Erwartungen seiner Eltern gerecht zu werden, dies gelingt über die Identifizierung mit ihnen. Seine Identität orientiert sich nicht an den eigenen inneren Prozesse (welche ja von der spiegelnden Mutter als böse erklärt wurden), sondern sie orientiert sich nur noch am Willen der Autorität. Nur eine Identitätsbildung, die sich an den eigenen inneren Prozessen orientiert, lässt einen inneren Zusammenhang oder, wie es in der Fachsprache heißt, eine innere Kohärenz, entstehen, welche auch unter extremen Frustrations- und Deprivationsbedingungen nicht das Vertrauen und den Glauben an sich selbst erschüttert. Dies zu entwickeln, setzt eben eine einfühlsame Mutter voraus, welche den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes nachgeht und diese nach ihren Möglichkeiten befriedigt und erfüllt. Menschen, die ein Identitätsgefühl haben, das auf innerer Kohärenz beruht, können Extremsituationen wie z.B. lange Isolationshaft ohne psychotisch zu werden überstehen. Wenn einem Menschen sein eigenes Inneres jedoch zum Fremden geworden ist, wird er in diesen Situationen in der Regel psychotisch dekompensieren. Gruen weist darauf hin, dass die Identität, die für unsere Kultur überwiegend gültig ist, auf einer Identifikation mit Angst einflößenden Autoritäten beruht. Diese Identität ist, wenn die Autoritätsverhältnisse labil werden, von Auflösung bedroht. Stabilität wird dann durch die Schaffung von Feindbildern hergestellt und es findet schnell eine Orientierung an neuen Werten statt (Wendehälse). In diesen Fällen liegt keine Selbstbestimmung vor, sondern die Folgen einer inneren Entfremdung. Identität ist sicher kein "statischer Zustand", sondern ein lebenslanges Prozessgeschehen, welches in den Kindheitsjahren fast ausschließlich über die Mutter bzw. die Eltern bestimmt wird und später erweitert durch andere Außenerfahrungen. In späteren Lebensjahren liegt i. d. Regel eine gewisse Kohärenz vor, welche durch extreme Umweltbedingungen wieder gelockert werden kann. Das Ausmaß der Lockerung wird davon bestimmt, ob in der frühen Kindheit eine Identitätsbildung mit den Eigenanteilen des Kindes, mit seine Bedürfnissen, Wünschen etc. erfolgen konnte oder nicht. Menschen, die eine positive Identität ausbilden konnten, d.h. die in ihrer Kindheit positiv von ihren Müttern gespiegelt worden sind, konnten z.B. Vernichtungslager besser überleben. Als Soldaten nahmen solche Menschen auch nicht an Gräueltaten im Vietnamkrieg teil. Eine Kultur, die Kinder in ihrem Lebendigsein nicht wahrnehmen kann und darf, stellt eine Quelle der Gewalt und eine Ursache für die Entstehung von Identitätsdefiziten dar, so A. Gruen.
Wenn
das
Eigene zum Fremden gemacht
worden ist, dann entsteht eine
"falsche
Identität". Sie setzt auf Gehorsam, durch Zwang oder Belohnung. Wer
sein Eigenes zugunsten einer Identifikation mit lieblosen Eltern (auch verwöhnende)
verwerfen muss, wird oft sein ganzes Leben lang dazu angetrieben, den Unterdrücker
zu idealisieren und die Liebe für das Eigene in Hass umzuwandeln. Dies
verhindert das Entstehen eines "Authentischen Inneren", einer
"authentischen Identität". Die übernommene falsche Identität veranlasst
diese Menschen weiterhin, repressive Autoritäten zu idealisieren und Rettung
von denen zu erhoffen, die ihre Peiniger sind.
Es wird nicht nur das Innere zum Fremden, das auf andere projiziert wird, sondern auch der erduldete Schmerz, den man sich nicht zugestehen darf, muss nach außen verbannt werden.
Die
eigenen
Verletzungen und der
eigene
Schmerz darüber können
nicht als berechtigte Reaktion darauf erlebt und akzeptiert werden, was einem
angetan wurde. Die erlebte
Angst
und
Hilflosigkeit werden zum
Fremden, wurden sie doch unter dem elterlichen Druck als
beschämende
Unzulänglichkeiten erfahren. Nur
durch die Verleugnung dieser Gefühle kann es zu einer lebensnotwendigen Übereinstimmung
mit den Unterdrücken kommen. Wenn
der
ursprünglich erlebte Schmerz des abhängigen Kindes verleugnet werden muss,
so wird es später nur
über
vermeintliche Schmerzen
schreien,
die ihm angeblich von "Fremden" angetan werden.
Etwas nicht Ursächliches wird zum Anlass
genommen. Gruen sieht hierin eine Ursache für Hitlers Erfolg. Ihm gelang
es, seinen eigenen Verfolgungswahn als tatsächliches Erlebnis auf die gesamte
deutsche Nation zu übertragen. Millionen Menschen machten sich seine
pathologischen Projektionen als reale Verletzungen zu eigen, weil sie das
wahre Opfersein in ihrer individuellen Geschichte nicht wahrhaben konnte,
welches in einer grausam erlebten Kindheit lag. Gruen weist darauf hin, dass
diese Gefahr noch nicht gebannt ist, dieser psychologische Mechanismus noch
heute funktioniert. Manche Politiker verstehen es, die tiefsitzende
Bereitschaft, sich als Opfer zu fühlen, für eigene Machtzwecke auszunutzen.
Menschen bleiben solange für einen Hitler empfänglich, solange sie nicht
sich ihres wahren Schmerzes bewusst werden können.
Aber den erlebten Schmerz wieder zu erwecken würde bedeuten, auch den alten Terror wiederzubeleben. Das eigene Opfersein kann nicht mehr wahrgenommen werden. Der betroffene Mensch ist unfähig, seinen Schmerz als seinen eigenen zu erleben, weil dieser mit Scham- und Hassgefühlen verbunden ist. Er sucht vielmehr den Schmerz, der ihm selbst fremd geworden ist, in einem anderen Menschen. Er wird durch Folter den Schmerz provozieren und durch Bestrafung des Opfers sich selbst von dem beschämenden Schmerz stellvertretend befreien. Es kommt zu einer Verzerrung des Schmerzes: dem Selbstmitleid. Selbstmitleid rechtfertigt den Täter, den "Fremden" für das eigene Verhalten verantwortlich zu machen, er braucht sich dadurch nicht selbst schuldig zu fühlen, weder für sein Tun noch für sein Minderwertigkeitsgefühl. Man bestraft den Fremden für etwas, wofür man selbst bestraft wurde.
Gehorsam
Gewalt
macht Eigenes zu Fremdem und erzwingt Gehorsam.
Stanley Milgram untersuchte 1963, im Jahr der Auschwitzprozesse Gehorsamsverhalten und Gewaltbereitschaft in einem Experiment. Er wollte Erklärungen finden für die Auswüchse des Gehorsams in der Nazizeit. Angeregt wurde er durch Erich Fromms Arbeit über "Autorität und Familie" 1936 und Theodor W. Adornos und Max Horckheimers "Studien zum autoritären Charakter" 1950. In einem fingierten Forschungsprojekt mussten Teilnehmer Menschen aus angeblich pädagogischen Gründen mit (vorgetäuschten) E- Schocks behandeln, obwohl diese unter Schmerzen zusammenbrachen (wurde gespielt). Selbst Schreie und Ohnmachtsanfälle der Gepeinigten konnten die meisten Versuchspersonen nicht davon abbringen, den Anordnungen des Leiters Folge zu leisten. Nur einer von dreien weigerte sich, mit der Quälerei fortzufahren. Das Ergebnis zeigte, dass auch normale amerikanische Mittelklassebürger zu grausamen Taten bereit waren, wenn ihnen eine Respektsperson Gehorsam abverlangte. Dies Experiment wurden in vielen Ländern, auch in Deutschland mit ähnlichem Resultat wiederholt. Gruen fragte bei Milgram nach, was in den Menschen vorging, als sie die anderen quälten. Milgram berichtete, dass die Mehrzahl seiner gehorsamen "Probanden" während des Experiments psychosomatische Störungen entwickelten, es kam zu Schwitzen, Zittern, Stottern, sie bissen sich auf die Lippen und litten unter Krämpfen. Man sieht daran, dass sie die Schmerzen der anderen empathisch miterlebten, jedoch ließen sie sich durch ihre psychosomatischen Reaktionen auf das Leiden ihrer Opfer in keiner Weise in ihrem Tun beeinflussen. Die Not des Anderen drang nicht wirklich in ihr Bewusstsein vor. Das Auftreten der psychosomatischen Reaktionen kann bereits ein Anzeichen einer Entfremdung von eigener Wahrnehmung und eigenen Gefühlen sein. Wie sich erzwungener Gehorsam auswirken kann, stellt A. Gruen anhand der Fallgeschichte einer Patientin dar. Sie war Tochter eines hohen SS- Offiziers, der im Krieg starb und einer Mutter, die ihr Kind im Stil der Erziehungsbücher von Johanna Haarer erzog. In einer Therapiestunde berichtete sie von starken Magenkrämpfe in der vergangenen Nacht, sie habe Todesangst bekommen. Sie träumte von einem Kissen, das auf ihrem Kopf lag und das ihr Gehirn freigab, sobald man es entfernte. Erst, nachdem der Therapeut nachfragte, was am Tag zuvor passiert sei, berichtete sie fast nebenbei von einem Unfall. Sie blieb unversehrt, der Fahrer, der den Unfall verursachte, zeigte aber keinerlei Besorgnis noch Schuldgefühle, obwohl er die Patientin in Lebensgefahr gebracht hatte. Sie habe nach dem Unfall nichts gefühlt. Ihr Therapeut machte sie darauf aufmerksam, dass in der Nacht ihr Schmerz und auch ihre Angst zurückkamen, jedoch ohne Verbindung zu dem Tagesgeschehen. Auf die Frage, was sie mit dem Gehirn im Traum verbinde, antwortete sie: "es war kühl". Nach ein paar Monaten kam sie darauf, dass das "kühle Gehirn" ihre Lebensgeschichte symbolisierte. Sie musste ja immer kühl mit ihrem Schmerz umgehen. Die Mutter habe es von ihr verlangt und wütend reagiert, wenn sie Angst oder Schmerzen gezeigt hätte. Sie wurde gelobt, wenn sie keine Schmerzen zeigte. Der Stiefvater habe ihr Warzen aus der Hand geschnitten, sie nur mit einem Kältespray betäubt. Sie hätte mit keiner Wimper gezuckt. Ihm sei aber schlecht geworden. Die Kälte ging durch und durch, ihm tat es weh. Die Patientin habe es schadenfroh gemacht. Die eigenen Gefühle haben sich umgekehrt. Sadistische Gefühlsregungen entstanden, da die Patientin von ihrem eigenen Schmerz ferngehalten wurde. Die Patientin konnte sich nicht über den unbewegten Fahrer, der sie beinahe getötet hätte, empören. Sie äußerte "Wenn man jemanden an sich heranlässt, ist man schwach. Wenn ich Schmerzen hatte, sagte Mutter immer: Nimm dich nicht so wichtig! Ich habe deshalb als Kind oft kein Abendessen gekriegt, nur Brot und Wasser. Ich dachte aber immer, dass ich trotz Mutters Kontrollen überleben werde. Ich log oft, um meine Angst zu verbergen. Und sie sagte immer: Wer lügt, betrügt, und der kommt an den Galgen." Arno Gruen: "Sie müssen als Kind deswegen enorme Ängste gehabt haben, Todesängste." Die Patientin: "Ja, ich war immer in Panik, wenn Mutter plötzlich ohne Anmeldung im Internat erschien." Die Patientin wehrt sich gegen den Schmerz. Sie darf nicht zufrieden sein, denn dann würde sie ihren Schmerz spüren. Ihr Schutz ist ihre Unzufriedenheit, ihr Opfersein, das sie vor der verletzenden Erkenntnis bewahrt, dass ihre Mutter sie nie geliebt hat. Sie äußerte auch, dass sie sich vor ihren eigenen Wünschen fürchte. Wenn die Patientin ihre Mutter so sehen könnte, wie sie wirklich war, nämlich lieblos und sadistisch, dann würde ihr alter Schmerz wieder aufbrechen, das konnte sie noch nicht zulassen. Sie musste noch "stark" sein, im Sinne der männlichen Ideologie, die ihre Mutter vertrat. "Ich strahle Stärke aus, wo nichts dahinter ist. Mein Körper stemmt sich gegen alles. Meine rechte Hand wird immer härter, steifer, wenn ich im Kopf weicher werden möchte. Da ist diese beginnende Härte in meiner Brust, im Zwerchfell. Es ist ein Unvermögen. Ich will dieses Versteinern nicht mehr."- Sie mochte trotzdem keine Gefühle haben, sie unterwarf sich noch gehorsam den Anordnungen der Mutter. Sie durfte keinen Schmerz spüren, er stand im Zusammenhang mit einem sehr frühen seelischen Sterben. Die Mutter habe immer nur gesagt "wir wollen nur das Beste für dich." Die Pat. hasste ihre Mutter. Der Terror, den diese in ihr auslöste war so groß, dass sie ihren Schmerz nicht zulassen konnte. Sie identifizierte sich mit der mütterlichen Ideologie, wonach Stärke bedeutete, keinen Schmerz zu empfinden. Ihr Eigenes, ihre Wünsche, und Bedürfnisse nach Liebe, Zärtlichkeit und Weichheit wurden zu etwas Fremdem, das nach außen projiziert und mit Verachtung im anderen wahrgenommen wurde. Das sind die Wurzeln des Gehorsams: das Kind kann sich gegen die drohende Kälte elterlicher Autorität nicht zur Wehr setzen. Die Eltern stufen die Gefühle des Kindes als schwach und wehrlos ein, wofür das Kind lernt, sich zu schämen. Die Eltern bringen so das Kind dazu, sich für etwas schuldig zu fühlen, was die Eltern selbst bedroht, nämlich Schwäche- und Wertlosigkeitsgefühle. Das Ergebnis ist ein tief verankerter Selbstwertverlust. Dieses Defizit im Selbstwert wird zum Antrieb für Gehorsam, das Übernehmen des elterlichen Diktates. Trotz somatischer Symptome konnte die Patientin sich nicht in ihrer Angst und ihrem Schmerz erkennen, wie das auch in der Milgramstudie zum Ausdruck kam. Wenn dieser Zusammenhang bewusst würde, dann würde sich die Patientin schwach und verachtenswert erleben. Mit dem Gehorsam werden eigene Gefühle und Wahrnehmungen aufgegeben. Durch die Unterdrückung des Eigenen wird Hass und Aggression ausgelöst, die sich aber nicht gegen den Unterdrücker richten dürfen, sondern an andre Opfer weitergegeben werden. Das eigen Opfersein wird dabei immer verleugnet, denn der eigene Schmerz und das eigene Leid waren ja einmal das, was den Menschen wertlos machte. So kann das Opfersein zur unbewussten Basis für das Tätersein werden, der Gehorsam wird zu einer gesellschaftlichen Institution, mit der diese "Krankheit" weitergegeben wird.
Ein Beispiel für die Schwierigkeit, sich der Wahrheit über die Eltern anzunähern, die Gehorsam durch Demütigung und Bestrafung erzwungen hatten, ist der Lebensbericht von Kurt Meyer, Sohn des Panzergenerals der Waffen-SS. Er erinnert sich, an einen Spaziergang mit seinem Vater, bei dem er auf dem Mäuerchen eines Kriegerdenkmals herumgelaufen sei. Der Vater hätte ihm deshalb eine heruntergehauen, was ihn sehr beschämt habe. Sie hätten lange danach nicht miteinander gesprochen. Dennoch schreit Kurt Meyer "Ich und der Vater sind eins"- Und "Ich habe die Liebe meiner Eltern, der Freunde, der Familie nicht aufs Spiel setzen wollen.." obwohl Kurt Meyer die Gräueltaten seines Vaters kannte, fiel es ihm ungeheuer schwer, sich dem Terror zu stellen, der ihm als Kind das Eigene nahm. Meyer zitiert einen Brief seines Vaters zu Weihnachten 1947:"Ihr Lieben, in der heutigen Stunde fühle ich natürlich besonders die Härte unserer Trennung und vermisse Eure lachenden Stimmen und Liebkosungen schmerzlich, und kann mir kaum vorstellen, dass Ihr mit unserer liebenden Mutter und Oma unter dem Weihnachtsbaum steht und an euren einsamen Vater denkt." Arno Gruen sieht in diesen Zeilen eine zur Schau gestellte Emotionalität, die vermeintlich wahre Gefühle vortäuscht. Er kann nur zwei echte Empfindungen hinter diesen Worten entdecken: Schuldzuweisung und Selbstmitleid. Zur Schuldzuweisung: der Vater kann sich nicht vorstellen, dass seine Familie ohne ihn Weihnachten feiert – wehe ihnen, wenn sie es doch tun und es auch noch genießen. Zum Selbstmitleid: er beklagt seine Einsamkeit. Für diese gab es aber einen guten Grund: er saß im Gefängnis für den Mord an kanadischen Soldaten im Krieg. Andere Zeilen offenbaren, worum es dem Panzergeneral wirklich ging: " die Liebe fordert die bedingungslose Hingabe und duldet weder Feigheit, Ichsucht oder Faulheit... Prüft euch selbst und seht in euren Taten den Spiegel eurer Seele... Lernt, arbeitet, singt und lacht und helft mit euren fleißigen Händen, die Lasten der Familie zu tragen. Keine Arbeit ist zu schwer, kein Weg zu lang und keine Hingabe unnütz... jede ungehorsame Handlung, jede Disziplinlosigkeit muss in Euren Herzen brennen und Euch zwingen, das Vergehen zu bereuen und um Verzeihung zu bitten." Als Kurt Meyer fünf Jahre alt war, gab der Vater der Mutter briefliche Anweisungen, wie sie ihm das Schwimmen beizubringen habe "hast du meinen Wunsch befolgt und K. im Schwimmen unterrichtet? Der Bursche ist groß genug, binde eine Leine um seine Leib und dann hinein ins Wasser. Kümmere dich nicht um sein Geschrei, es stärkt seine Lungen und ist somit fördernde Beigabe... "Deine Kinder sollen wissen dass sie Prügel verdient haben. Sie sollen zu "brauchbaren anständigen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden"... "züchtige sie, belehre sie, gib den Trabanten den Grund, der zur Züchtigung geführt hat, und damit basta..."
Der
Vater kannte nur die Härte. Das, was als elterliche Besorgnis vorgegeben
wurde, ist pure Sentimentalität. Kälte und Ignoranz für die kindlichen Nöte
werden daraus ersichtlich.
Der Gehorsam, der zur Entfremdung des Eigenen führt, bildet die Unmöglichkeit, die Eltern so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind.
Gruen weist darauf hin, dass sich der Verleugnungsprozess nicht nur auf das Elternverhältnis bezieht. Allgemein sieht er in unserer Kultur die Tatsache, dass alltägliche Verleugnung zum normalen Bestandteil unserer Kultur gehört. Es werden solche Menschen als normal eingestuft, die sich der allgemeinen Verleugnung anpassen und so in unserer Kultur erfolgreich operieren. Dass es auch Gegentendenzen gibt, macht der 1998 in Cannes preisgekrönte Film "Das Fest" von Thomas Vinterberg deutlich, in dem gezeigt wurde, dass Aufdecken von Verleugnung sehr wohl möglich ist.
Wie sich Gehorsam weiter auswirkt, stellt Gruen an Studien dar, die 1972 mit Schülern gemacht wurden. Es wurden 2 Gruppen untersucht. Die erste Schülergruppe war äußerst erfolgreich, die zweite Gruppe hatte Leistungen erbracht, die als genügend eingestuft wurden, die aber kein großes Interesse am Erfolg zeigten. Die erste Gruppe mit den sehr guten Leistungen wies ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung auf, die Schüler reagierten mit Angst, wenn sie den Eindruck hatten, von gängigen Verhaltensnormen abzuweichen. Diese Schüler waren auch unfähig, ihre Eltern als eigenständige, differenzierte Menschen wahrzunehmen. Sie hatten die Neigung, ihre Eltern und auch andere Autoritätspersonen wie ihrer Lehrer zu idealisieren. Die Gruppe mit den weniger erfolgreichen Schülern konnte ihre Eltern wesentlich differenzierter, mit guten und schlechten Seiten darstellen, Idealisieren waren ihnen fremd. Des weiteren wurde deutlich, dass die sehr erfolgsorientierten Schüler eine starke Tendenz hatten, ihre Mitschüler zu unterlegenen zu machen, dadurch empfanden sie sich als autonom, selbständig, unabhängig. Die Gruppe, die sich den allgemeinen Normen hinsichtlich ihres Erfolges und allgemeinen Wohlverhaltens am stärksten unterordnete, d.h. im System der elterlich autoritären Erwartungen gefangen war, fühlte Unabhängigkeit, wenn sie andere niedermachen konnte. Dies ist ein Beispiel dafür, wie das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit dann erreicht werden kann, wenn das Fremde im anderen bestraft wird. Über Orientierung an Autorität und Gehorsam wird der Zugang zu eigenem Angst- und Schmerzerleben versperrt. Wie sich solch eine Verdrängung von Angst auswirken kann, zeigt folgendes Beispiel eines Patienten. Er wurde als 4jähriger von seinem Vater, der Lehrer war, zu einem Schulausflug an einen See mitgenommen. Auf dem Wasser befand sich ein Floß, etwa 50 Meter vom Ufer entfernt, an eine Leine gekettet. Die Schüler schoben es zum Ufer, der 4jährige klettere hinauf, und die Schüler stießen das Floß mitten auf den See. Sie spielten mit ihm, schaukelten das Floß hin und her. Plötzlich rutschte der Pat. ins Wasser, fand sich am Grund des Sees, 4 bis 5 Meter tief. Er empfand keine Angst. Der Vater tauchte plötzlich auf und rettete ihn. Später hätte er Schwierigkeiten gehabt, schwimmen zu lernen. Als 50jähriger stellte der Pat. fest, dass der Vater wohl nicht richtig auf ihn aufgepasst habe, er wäre mit ihm öfter in lebensgefährlichen Situationen gewesen. Der Vater galt als religiöser, unerschrockener Mann. Zur Therapie kam der Pat., weil er nicht gemerkt hatte, dass er Schwierigkeiten mit Geschäftspartnern zu spät erkannte. Er verleugnete Gefahren, die von anderen ausgingen, er erkannte nicht, wenn diese es nicht gut mit ihm meinten.
Bei einer anderen Patientin ging es um die Verleugnung von Angst und Trauer. Sie klagte darüber, dass sie in ihren Beziehungen keine Gefühle zulassen könne, weil sie dann nicht gemocht werde. Wenn sie. in ihrer Kindheit Schmerz, Trauer oder Angst zum Ausdruck brachte, reagierte die Mutter hasserfüllt und kalt. Sie tröstete sich dann mit der Phantasie, in einen Sarg zu flüchten. Es sei ein Sterben gegen das Sterben gewesen. Die Pat. war selbst gefühllos und kalt geworden, weil man ihr Gefühle wie Angst und Trauer nicht zugestanden hatte. Durch Gehorsam wird das eigene Selbst verzerrt. Er macht es fast unmöglich, die Wahrheit eines solchen Vorgangs zu erkennen. Gehorsam untermauert Macht. Durch ihn wird es unmöglich, die angestaute Wut gegen jene zu richten, die dafür verantwortlich sind. Da Wut und Hass auf das eigene Opfer dennoch vorhanden sind, muss man dieses Opfer von sich weisen, um sich mit den Mächtigen zu arrangieren.
Die freiwillige Knechtschaft
A.
Gruen weist daraufhin, dass er mit diesen Ausführungen die Grundlage aller
sogenannten Hochkulturen beschrieben habe, Gesellschaften, die von Macht und
Gewalt bestimmt sind. Die Basis unserer Hochkultur ist das Bestreben, die Welt
im Griff zu haben, zu besitzen, zu beherrschen und gleichzeitig für einen
Verschleierung dieser Motivation zu sorgen.
"Gehorsam" wird als Treibstoff dieses Prozesses bezeichnet. Durch das elterliche Diktat "ich bestrafe dich nur, weil es zu deinem Besten ist" wird der dazu notwendigen inneren Entfremdung gleichzeitig Vorschub geleistet.
A. Gruen betreibt mit seinen Ausführungen Gesellschaftskritik, wie sie auch schon von bedeutenden Denkern verstärkt seit dem 19.Jahrhundert betrieben wurde. Die Opfer, welche unsere Zivilisation verlangt, bleiben der Einsicht weitgehend versperrt. Das Leid, was sie erzeugen, muss verleugnet werden. Hilfreich für diesen Verleugnungsprozess ist eine Tatsache, auf die 1932 der ungarische Psychoanalytiker Sandor Ferenczi hingewiesen hat. Er beschrieb das Phänomen des Umkippens von Angst und Terror in Geborgenheit. Das Kind, das auf Zuwendung und Fürsorge der Eltern angewiesen ist, da es sonst nicht überleben kann, muss seine eigenen Gefühle und Wahrnehmungen verwerfen, wenn diese von den Eltern als "Fremdes" abgelehnt werden. Nur so kann es die lebensnotwendige Verbindung mit dem versorgenden Erwachsenen aufrechterhalten. Das Kind unterwirft sich deshalb den Erwartungen der Erwachsenen ganz und gar. Ferenczi schreibt: "Kinder fühlen sich körperlich und moralisch hilflos, ihre Persönlichkeit ist zu wenig konsolidiert, um auch nur in Gedanken protestieren zu können, die überwältigende Kraft und Autorität des Erwachsenen macht sie stumm, ja beraubt sie oft der Sinne. Doch dieselbe Angst, wenn sie einen Höhepunkt erreicht, zwingt sie automatisch, sich dem Willen des Angreifers unterzuordnen, jede seiner Wunschregungen zu erraten und zu befolgen, sich selbst ganz zu vergessen, sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren."
Rainer
Maria Rilke zeigt in seinem Prosagedicht "Die Weise von Liebe und Tod des
Cornets Christoph Rilke", wie Empfinden unausweichlicher Hilflosigkeit
dazu führt, die Welt, die sie hervorruft, zu verneinen und sie sich zugleich
durch Idealisierung einzuverleiben. Der Held in Rilkes Gedicht erlebt, von
seinen Feinden umzingelt, das Niederprasseln ihrer blitzenden Säbel als einen
lachenden Brunnen, dessen Wasser auf ihn niederrieselt. Rilke hält in diesem
Bild einen Moment fest, in dem ein Mensch einen Peiniger und Bedroher in sein
Gegenteil verwandelt. Hier wurde der Tatsache des Verschwindens des eigenen
Opferseins und auch des eigenen Selbst poetisch Ausdruck verliehen
Die Identifizierung führt dazu, dass sich das Opfer mit dem Täter verbündet, und der Täter wird zudem auch noch Idealisiert. Der Täter beginnt in den Augen des Opfers Geborgenheit auszustrahlen. Das Opfer erlebt seinen eigenen Schmerz gleichzeitig als Schwäche, weil der Täter diese Gefühle verbietet. Der Täter tut gut daran, denn wenn er die Gefühle bei seinem Opfer wahrnehmen würde, müsste er sich schuldig fühlen, und das muss er mit Gewalt verhindern. Aber der Schmerz und die daraus resultieren Wut im Opfer sind damit nicht aus der Welt geschaffen, sondern sie existieren weiter. Nur richten sie sich jetzt gegen das Eigene, das aber als das Fremde erlebt wird. Es gehört nun zu unserem normalen, kulturell erwünschten Anpassungsprozeß, dass diese Wut gegen das Fremde sich nach außen auf "den Fremden" richtet, wie Gruen schreibt "Die Allgegenwart dieses Vorganges ist bestimmend für den Verlauf unserer Geschichte." Bereits 1550 schreibt Etienne de La Boetie in seiner Schrift "Freiwillige Knechtschaft" über die Entfremdung des Eigenen und die Idealisierung des Unterdrückers: "Für dieses Mal will ich nur untersuchen, ob es möglich sei und wie es sein könne, dass so viele Menschen, so viele Dörfer, so viele Städte, so viele Nationen sich manches mal einen einzigen Tyrannen gefallen lassen, der weiter keine Gewalt hat, als die, welche man ihm gibt; der nur soviel Macht hat, ihnen zu schaden, wie sie aushalten wollen, der ihnen gar kein Übel antun könnte, wenn sie es nicht lieber dulden als sich ihm widersetzen möchten. Es ist sicher wunderbar und doch wieder so gewöhnlich, dass es einem mehr zum Leid als zum Staunen sein muss, wenn man Millionen über Millionen von Menschen als elende Knechte und mit dem Nacken unterm Joch gewahren muss, als welche dabei aber nicht durch eine größere Stärke bezwungen, sondern lediglich bezaubert und verhext sind, von dem bloßen Namen eines Einen, dessen Welt sie nicht zu fürchten brauchen, da er ja eben allein ist, und dessen Eigenschaften sie nicht zu lieben brauchen, da er ja in ihrem Fall unmenschlich und grausam ist. Das ist die Schwäche bei uns Menschen: wir müssen oft der Stärke gehorsam sein..." Hier werden die politischen Konsequenzen einer Identifikation mit dem Aggressor geschildert. Ferenczi formulierte 400 Jahre später dessen Wurzeln in unserer Kindheit. La Boetie beschreibt auch das Weitergeben des eigenen Opfers, das Bestrafen des Fremden: "Sie leiden, freilich manchmal unter ihm; aber diese Verlorenen, diese von Gott und den Menschen Verlassenen, lassen sich das Unrecht gefallen, und geben es nicht dem zurück, der es ihnen antut, nein, sie geben es an die weiter, die darunter leiden wie sie und sich nicht helfen können."
Die Weitergabe des Opferseins
Die
Innere Entfremdung, die Identifikation mit dem Aggressor fügt dem Menschen
innerseelische Verletzungen zu, die er nicht wahrnehmen kann, weil er damit
gegen das Gebot des Gehorsams verstoßen würde. Die Macht, die aus der
Idealisierung des Aggressors entsteht, sichert wiederum ihre Existenz.
Das ist ein Prozess, der im Unbewussten verläuft. Verneinung, Missachtung und Bestrafung des Schmerzes bedeutet Sterben für ein Kind. Um diesem Tod zu entrinnen, muss das Kind das furchtbare Erlebnis in eine andre Person verlagern. Die Verlagerung ist dadurch bedingt, dass man die Quelle, den wirklichen Aggressor, nicht wahrhaben darf. Das Unbewusste dieses Vorganges bezieht sich sowohl auf ein fehlendes Bewusstsein für den Schmerz als auch für dessen Verlagerung. Dadurch geht das Erleben des eigenen Opferseins in ein Suchen nach anderen Opfern über, um des Schmerzes wieder habhaft zu werden. Der Schmerz geht nicht verloren, nur sein Platz im eigenen Leben. Man muss ihn immer wieder finden entweder, indem man ihn im verhassten Fremden sucht oder indem man sich selbst etwas antut. In unserer Kultur wird im Regelfall nur das letztere als krank angesehen.
Die innere Verneinung von Schmerz setzt früh ein. Winnicott schreibt dem Schmerz bei der Geburt die Verantwortung für Traumatisierungen zu, wenn der Säugling für seinen Schmerz kein Echo findet, weil die Umwelt diesen nicht erkennt. Das Kind entwickelt deshalb schon sehr früh Verteidigungsmechanismen gegen diese Art von Verletzung. Eltern können durch die Idealisierung der Rollen von Mutter und Kind ein Erkennen von Schmerz unmöglich machen. Idealisierung erlaubt keine aggressiven Gefühle bei Mutter und Kind. Und gerade wenn der Schmerz nicht anerkannt wird, dann wirkt das traumatisierend, d.h. verwundend. Diese Verleugnung von Emotionen erzeugt die Wunde (das Trauma). Eine solche Traumatisierung kann man bei Säuglingen auch durch hormonelle Störungen feststellen. Diese führt zu übergroßer Erregbarkeit. Die Aggressionshemmung wird reduziert. Traumatisierte Kinder zeigen niedrigere Serotoninschwellen und neigen dadurch eher zu aggressivem Verhalten. Sie werden aggressiv, um ihre Hilflosigkeit zu vermeiden. Diese Hilflosigkeit wird wiederum durch die Verleugnung ihres Schmerzes hervorgerufen.
Ferenczi
weist darauf hin, dass Kinder auch dadurch traumatisiert werden, wenn ihre Mütter
ihnen widerwillig oder mit Ungeduld begegnen. Ein Kind kann mittels seiner
empathischen Fähigkeiten das Mörderische erleben, auch wenn dies den Eltern
gar nicht bewusst ist und sie sich nicht offen feindselig verhalten haben
Kleinkinder empfinden keine Angst vor dem Tod als solchen, sondern nur vor
einer Katastrophe, die sie vernichtet. Tod als natürliches Ende hat keinen
Schrecken, wohl aber als Folge der Feindseligkeit anderer, als Bestrafung für
Sünden. Ich wiederhole an dieser Stelle nochmals ein paar Sätze vom Beginn
meiner Ausführungen: alles, was später an die Erfahrung von Hilflosigkeit
erinnert, muß ausgeschaltet, vernichtet werden.
Somit
wird Hilflosigkeit zum Objekt des Hasses und der Ablehnung, und
nicht
mehr die Situation, die es verursacht hat (z.B. die Mutter, die das Kind
nicht schützt). Später rächt man sich dann an allem, was die eigene
Hilflosigkeit hervorrufen könnte. Dann wird Hilflosigkeit verachtet, an sich
selbst und am anderen. Kompensiert wird das dann mit der Ideologie der Macht
und des Herrschens. So treten die Opfer auf die Seite ihrer Unterdrücker, um
neue Opfer zu finden.
Vielleicht hat sich während meiner Ausführungen bei Ihnen die Frage aufgeworfen, ob die beschriebene Problematik der kalten, unbarmherzigen Nazimutter, um es extrem auszudrücken, denn noch immer so aktuell ist, ob sich nicht unsere Erziehungseinstellungen und Praktiken liberalisiert haben. Dies ist sicher insgesamt der Fall. Aber die Generation, die in diesem Sinne erzogen ist, lebt noch, und die Auswirkungen dieser Erziehung wirken noch in die 2. und 3.Generation weiter. Die Folgen werden z.B. in einer psychotherapeutischen Praxis täglich erfahrbar. Ferner mag der Prozess der Entfremdung, die Abspaltung von ursprünglichen Gefühlen, dennoch weitergehen. Mehr als früher werden Kinder in ihrem Lebens- und Zeitraum begrenzt, frühzeitig werden sie dem Kollektiv über die Medien unterworfen. Durch diese Mechanismen wird die "Anpassungskapazität" der Kinder in einem übermäßigen Ausmaße beansprucht, zuungunsten von Lebenssituationen, in denen Kinder ungezwungen ihren eignen Impulsen, ihrem Neugierverhalten, ihrem freien Spiel nachgehen können. Nach wie vor steckt das Kind in einer Anpassungsmaschinerie, nicht mehr so dominiert durch "persönliche" Autorität, sondern in Form von Sachzwängen, Bürokratisierung, Automatisierung, Kulturindustrie etc.. Eine letzte Bemerkung zur Rolle der Mutter: in meinen Ausführungen kam der Mutter oder der primären Bezugsperson des Kindes, die ja immer häufiger auch vom Vater übernommen wird, eine zentrale Rolle zu, deshalb erscheint sie hier auch als die "Hauptverantwortliche". Diese primären Bezugspersonen sind aber ja selbst "Opfer" der Zivilisationsmaschinerie. Durch ihre besondere Bedeutung für die Entwicklung des Kindes wirken sich aber gerade ihre Entfremdungen vom eigenen ursprünglichen Gefühlsleben besonders gravierend aus, ja sie werden gerade zu wie ansteckende Krankheiten weitergegeben.
Elke Metzner 25.06.2003
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